Der Schlaf der Ge­schlech­ter

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Meinungen - Pa­trick Im­has­ly Pa­trick Im­has­ly ist Re­dak­tor im Res­sort Wis­sen der «NZZ am Sonn­tag».

Zu­erst dröhnt der We­cker mei­ner Frau, fünf Mi­nu­ten spä­ter geht der Alarm auf mei­ner Sei­te los. Noch liegt der Schlaf blei­schwer in den Glie­dern, der Kopf ist be­ne­belt. Ich dre­he mich um und tue, als ob ich wei­ter­schlie­fe. Soll doch mei­ne Frau auf­ste­hen, die Kin­der aus dem Bett ho­len und ih­nen das Früh­stück ma­chen! Das Pro­blem ist, dass mei­ne Frau auf die glei­che Stra­te­gie setzt wie ich. Und so neu­tra­li­sie­ren wir uns ge­gen­sei­tig und ver­su­chen, den Kon­flikt aus­zu­lie­gen, bis ei­ner von uns die Ner­ven ver­liert und auf­steht.

Der Schlaf ist ei­ner der letz­ten Be­rei­che, die die Gen­der­for­schung als Kampf­zo­ne für die di­ver­gie­ren­den An­sprü­che der Ge­schlech­ter ent­deckt hat. Ähn­lich wie tags­über so sei auch die Zeit des Schla­fens struk­tu­riert durch so­zi­al kon­stru­ier­te Gen­der­nor­men, hat die ame­ri­ka­ni­sche So­zio­lo­gin Leah Ruppan­ner kürz­lich im On­line-ma­ga­zin «Sla­te» ge­schrie­ben. «Män­ner brin­gen oft zum Aus­druck, sie hät­ten ein grös­se­res Recht auf Schlaf, um sich zu er­ho­len und sich so auf ei­nen har­ten Ar­beits­tag vor­zu­be­rei­ten.» Der Schlaf der Frau wür­de da­ge­gen viel eher durch klei­ne Kin­der un­ter­bro­chen, aus­ser­dem blie­ben Frau­en häu­fi­ger wach, weil sie sich um das Wohl­be­fin­den der Kin­der Sor­gen mach­ten oder war­te­ten, bis die­se end­lich vom Aus­gang nach Hau­se kä­men.

Ich kann die­se Wahr­neh­mung we­der aus männ­li­cher noch per­sön­li­cher Sicht be­stä­ti­gen. Na­tür­lich ist mei­ne Frau häu­fig auf­ge­wacht, als sie schwan­ger war, da ihr der gros­se Bauch beim Schla­fen im Weg war oder der Klei­ne hef­tig stram­pel­te. Weil schwan­ge­re Frau­en ge­gen En­de der Schwan­ger­schaft aber oft schnar­chen, bin ich in sol­chen Si­tua­tio­nen kei­nes­wegs tief schla­fend da­von­ge­kom­men. Spä­ter wäh­rend der Still­zeit in der Nacht bin ich meis­tens so­li­da­risch zu­sam­men mit schrei­en­dem Kind und Frau auf­ge­wacht. Beim Ku­scheln abends im Bett sind die Kin­der min­des­tens so häu­fig an mei­ner Schul­ter ein­ge­schla­fen wie an je­ner mei­ner Frau. Und drin­gen mit­ten in der Nacht Ge­räu­sche aus dem Kin­der­zim­mer, wa­che ich fast im­mer zu­erst auf, weil ich ei­nen leich­te­ren Schlaf ha­be.

Es mag durch­aus sein, dass sich Män­ner zu we­nig Ge­dan­ken über ei­ne fai­re Ver­tei­lung der Res­sour­ce Schlaf ma­chen, wie man­che Frau­en mei­nen. Un­be­darft sind sie bei die­sem heik­len The­ma nicht: Aus Stu­di­en weiss man, dass sich auch die Män­ner schwer­tun, fried­lich durch­zu­schla­fen, wenn sie im Di­ens­te der Fa­mi­lie ste­hen. Män­ner schla­fen schlecht, wenn sie Stress im Job und da­mit in ih­rer Rol­le als Er­näh­rer ha­ben, oder wenn sie be­fürch­ten, die Fi­nan­zen der Fa­mi­lie ge­rie­ten aus dem Lot. Was die Ge­schlech­ter nachts auch im­mer be­schäf­tigt: Das rich­ti­ge Mass an Schlaf zu fin­den, ist für bei­de wich­tig. Ge­mäss den jüngs­ten Er­kennt­nis­sen der Schlaf­for­schung ist zu viel Schlaf ge­nau­so schäd­lich wie zu we­nig Schlaf. Wer we­ni­ger als vier Stun­den oder mehr als sie­ben bis acht Stun­den in der Nacht schläft, ist am Tag da­nach in sei­nen ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten deut­lich ein­ge­schränkt: Man tut

Am bes­ten schläft sich dem­nach in Nor­we­gen, am schlech­tes­ten in der Ukrai­ne.

sich schwer, ei­nen Ge­dan­ken auf den Punkt zu brin­gen, und trifft die schlech­te­ren Ent­schei­dun­gen.

Doch wenn das Rin­gen um den Schlaf tat­säch­lich ei­ne ge­sell­schaft­li­che Di­men­si­on hat, be­steht Aus­sicht auf Bes­se­rung. Ge­mäss ei­ner eu­ro­pa­wei­ten Un­ter­su­chung von Leah Ruppan­ner und Kol­le­gen schla­fen so­wohl Frau­en als auch Män­ner in je­nen Län­dern ru­hi­ger, in de­nen die Chan­cen­gleich­heit zwi­schen den Ge­schlech­tern be­son­ders aus­ge­prägt ist. Am bes­ten schläft sich dem­nach in Nor­we­gen, am schlech­tes­ten in der Ukrai­ne – die Schweiz liegt in die­ser be­mer­kens­wer­ten Rang­lis­te im obe­ren Drit­tel von 23 Län­dern. Weil nun aber un­mög­lich al­le Paa­re mit Schlaf­pro­ble­men nach Nor­we­gen zie­hen kön­nen, gibt es vor­der­hand nur ei­nes: ver­han­deln! Mei­ne Frau und ich ha­ben uns mitt­ler­wei­le dar­auf ge­eig­net, dass sie den Früh­dienst über­nimmt, wenn ich den Tag zu Hau­se ver­brin­ge – und um­ge­kehrt. So kriegt je­der sei­ne Zeit fürs Aus­schla­fen, und wir tun erst noch et­was fürs Ge­müt.

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