Vier Ide­en für ein bes­se­res Sys­tem bei den Kran­ken­kas­sen­prä­mi­en

Die Haus­arzt- oder Hmo-mo­del­le, die in der Schweiz viel zu ei­ner kos­ten­güns­ti­gen Me­di­zin bei­tra­gen, sind in Ge­fahr. Mit ein paar ein­fa­chen Mass­nah­men könn­te man sie er­hal­ten, meint Pi­us Gy­ger

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Meinungen - Pi­us Gy­ger

Was glau­ben Sie: Wie vie­le ver­schie­de­ne Prä­mi­en für die Gr­und­ver­si­che­rung gibt es in der Schweiz? Sind es 300? Oder 500? Oder gar 1000? Es sind 244 696. Mit an­de­ren Wor­ten: Im Durch­schnitt zah­len nur 34 Men­schen in der Schweiz die­sel­be Kran­ken­kas­sen­prä­mie. Ei­ne Ur­sa­che für die­se gros­se Zahl sind zum ei­nen die wähl­ba­ren Fran­chi­sen, zum an­de­ren die Viel­falt al­ter­na­ti­ver Ver­si­che­rungs­mo­del­le wie Hmo-mo­del­le, Ärz­tenetz­wer­ke oder Mo­del­le mit Erst­kon­sul­ta­ti­on per Te­le­fon. 70 Pro­zent der Be­völ­ke­rung ha­ben sich sol­chen Mo­del­len an­ge­schlos­sen und er­hal­ten da­für Ra­bat­te von bis zu 20 Pro­zent auf die Prä­mi­en des Stan­dard­mo­dells.

Da­mit die Kran­ken­kas­sen sol­che Prä­mi­en über­haupt an­bie­ten dür­fen, müs­sen sie ge­mäss ge­setz­li­cher Vor­ga­be auch ent­spre­chen­de Ein­spa­run­gen aus­wei­sen. Das hat­te in der Ver­gan­gen­heit ei­nen durch­aus po­si­ti­ven Ef­fekt. Ärz­te ha­ben in Zu­sam­men­ar­beit mit den Ver­si­che­run­gen in den letz­ten 20 Jah­ren Pro­zes­se und Struk­tu­ren an­ge­passt und auf­ge­baut. Das sind zum Bei­spiel ver­bes­ser­te Ver­sor­gungs­sys­te­me, Grup­pen­pra­xen mit di­rek­tem Zu­gang zu den Spe­zia­lis­ten oder Qua­li­täts­si­che­rungs­mass­nah­men. Mit an­de­ren Wor­ten: Der Prä­mi­en­ra­batt ist bis an­hin der zen­tra­le Trei­ber für In­no­va­tio­nen bei der Pa­ti­en­ten­be­treu­ung.

Doch das Sys­tem droht Op­fer sei­nes ei­ge­nen Er­folgs zu wer­den. Da im­mer we­ni­ger Per­so­nen die Stan­dard­ver­si­che­rung ab­schlies­sen, wird es im­mer schwie­ri­ger, den Ra­batt auf der Stan­dard­prä­mie zu be­rech­nen. Denn wenn es kei­ne Ver­si­cher­ten mit Stan­dard­prä­mi­en mehr gibt, kann man auch kei­ne Ein­spa­run­gen und da­mit auch kei­ne Ra­bat­te mehr be­rech­nen. Die al­ter­na­ti­ven Ver­si­che­rungs­mo­del­le sind al­so dar­an, sich sel­ber ab­zu­schaf­fen. Als ein­zi­ge Ra­batt­mög­lich­keit blei­ben die Fran­chi­sen. Aber die­se Ra­bat­te ha­ben nichts mit Ein­spa­run­gen zu tun, son­dern sind schlicht ei­ne Be­loh­nung da­für, dass der Pa­ti­ent ein hö­he­res Ri­si­ko bei sei­nen Ge­sund­heits­kos­ten ein­geht. Der An­reiz für In­ves­ti­tio­nen in gute und güns­ti­ge Pa­ti­en­ten­ver­sor­gung hin­ge­gen er­lahmt. Es braucht ein neu­es Sys­tem für Kran­ken­kas­sen­prä­mi­en.

Das neue Sys­tem muss ge­wis­se Be­din­gun­gen er­fül­len, sonst ist es po­li­tisch chan­cen­los: Na­tür­lich muss es die Fi­nan­zie­rung al­ler Be­hand­lungs­kos­ten der Ver­si­cher­ten ge­währ­leis­ten. Zu­dem muss es re­gio­nal ab­ge­stuft sein. Um ein Min­dest­mass an So­li­da­ri­tät si­cher­zu­stel­len, dür­fen die Prä­mi­en­un­ter­schie­de zwi­schen den Mo­del­len nicht zu gross sein. Und da­mit das Prä­mi­en­sys­tem An­rei­ze für ei­ne gute und kos­ten­güns­ti­ge Ver­sor­gung setzt, müs­sen die Ra­bat­te für al­ter­na­ti­ve Mo­del­le im Ver­gleich zu Fran­chisen­ra­bat­ten at­trak­ti­ver wer­den. Ei­ne Re­form müss­te al­so an fol­gen­den vier Punk­ten an­set­zen:

• Die Ra­bat­te für al­ter­na­ti­ve Ver­si­che­rungs­mo­del­le müs­sen nicht mehr mit Kos­ten­ein­spa­run­gen hin­ter­legt wer­den. Um die So­li­da­ri­tät un­ter den Ver­si­cher­ten zu ge­währ­leis­ten, muss man den Ra­batt aber be­gren­zen, und zwar je nach Fran­chise. Da­bei gilt: Je hö­her die Fran­chise, des­to hö­her auch der kom­bi­nier­te Ra­batt. Zum Bei­spiel ma­xi­mal 20 Pro­zent bei ei­ner Fran­chise von 300 Fran­ken und ma­xi­mal 60 Pro­zent bei ei­ner Fran­chise von 2500 Fran­ken.

• Ei­ni­ge Kas­sen schlies­sen heu­te mit qua­li­täts­und kos­ten­be­wuss­ten Ärz­ten Ver­trä­ge ab. Die Ärz­te ver­pflich­ten sich zu ei­ner kos­ten­güns­ti­gen Leis­tung, da­für wer­den sie von den Kran­ken­kas­sen ent­schä­digt. Ei­ni­ge Bil­lig­kas­sen set­zen aber die­sel­ben Ärz­te auf ih­re Ärz­te­lis­ten, oh­ne ei­nen sol­chen Ver­trag ab­zu­schlies­sen. Sie pro­fi­tie­ren da­mit vom Kos­ten­be­wusst­sein die­ser Ärz­te, zah­len ih­nen da­für aber kei­ne Ent­schä­di­gung. Aus die­sem Grund müs­sen Ärz­te, die von ei­ner Kran­ken­kas­se oh­ne Ver­trag aus­ge­wählt wer­den, das Recht ha­ben, auf die­se Wahl zu ver­zich­ten. Das stärkt je­ne Ärz­te und Kas­sen, die sich um Ein­spa­run­gen be­mü­hen.

• Kran­ken­kas­sen und Kun­den sol­len für Ver­si­che­rungs­mo­del­le frei­wil­lig Ver­trags­dau­ern von bis zu drei Jah­ren ver­ein­ba­ren kön­nen. Da­durch wird die Prä­ven­ti­on ge­för­dert.

• Ho­he Fran­chi­sen för­dern die Prä­ven­ti­on. Doch je hö­her die Prä­mie ist, des­to ge­rin­ger ist die­ser Ef­fekt. Wer ho­he Prä­mi­en be­zahlt wie et­wa in Genf, pro­fi­tiert von ho­hen Fran­chi­sen viel we­ni­ger, al­so je­mand der tie­fe Prä­mi­en ent­rich­tet wie im Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den. Die Fran­chi­sen soll­ten sich da­her nach der Hö­he der Prä­mi­en rich­ten und wä­ren in je­dem Kan­ton un­ter­schied­lich.

Die­se Neu­re­ge­lung hät­te fol­gen­de Vor­tei­le: Sie ist ein­fach, und das Sys­tem bleibt aus­fi­nan­ziert. Die Ver­si­cher­ten ha­ben wei­ter­hin ei­ne gros­se Aus­wahl. Und das Sys­tem setzt An­rei­ze für In­no­va­tio­nen in ef­fi­zi­en­te Ge­sund­heits­ver­sor­gung. Die So­li­da­ri­tät wird si­cher­ge­stellt, und Ri­si­ko­s­e­lek­ti­ons­mo­del­le wer­den un­at­trak­ti­ver. Und die Ge­fahr, dass die Qu­el­le für das Er­folgs­mo­dell Al­ter­na­ti­ves Ver­si­che­rungs­mo­dell – die Prä­mi­en­dif­fe­ren­zie­rung – ver­siegt, ist ge­bannt.

Pi­us Gy­ger, 53, ist ein pro­fun­der Ken­ner des Ge­sund­heits­we­sens. Er war als Lei­ter Ge­sund­heits­öko­no­mie und -po­li­tik in der Di­rek­ti­on bei der Kran­ken­kas­se Hels­a­na tä­tig. Heu­te ist er selb­stän­di­ger Ge­sund­heits­öko­nom und Au­tor ver­schie­de­ner Pu­bli­ka­tio­nen. Er ist Ver­wal­tungs­rat ei­ner Psych­ia­trie- und ei­ner Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­kli­nik.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.