In der Kri­tik

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Hintergrund Gesellschaft -

die Be­für­wor­ter im­mer noch nicht in die Gän­ge kom­men und den­ken, wird schon, kommt schon.

Im­mer­hin: Seit zwei Wo­chen gibt es ei­ne neue Pro­platt­form «Jetzt A 5 Wes­tast», auf der Be­für­wor­ter ei­ne neu­lan­cier­te Pe­ti­ti­on un­ter­schrei­ben kön­nen. Nur ist sie nicht halb so gut ge­macht wie die von «Wes­tast so nicht!».

Da­bei ist es höchs­te Zeit, sich aus den Le­der­ses­seln zu er­he­ben. Jetzt wird hef­ti­ger ge­strit­ten denn je. Die Geg­ner ha­ben mit «Wes­tast so bes­ser!» ein Al­ter­na­tiv­pro­jekt ent­wi­ckelt, das laut De­mo­scope­um­fra­ge 49 Pro­zent der Bie­ler un­ter­stüt­zen. Ein durch­ge­hen­der Tun­nel, oh­ne of­fe­ne An­schlüs­se und ab­ge­ris­se­ne Häu­ser.

Der Bau­di­rek­tor Chris­toph Neu­haus muss­te die­sen Vor­schlag auf po­li­ti­schen Druck mit dem haus­ei­ge­nen Aus­füh­rungs­pro­jekt ver­glei­chen und ei­nem of­fi­zi­el­len Fak­ten­check un­ter­zie­hen. Re­sul­tat: Die Al­ter­na­ti­ve brin­ge zu we­nig Ent­las­tung auf den Stras­sen. Die Geg­ner wie­der­um kri­ti­sie­ren den Ver­gleich, hal­ten ihn für man­gel­haft und par­tei­isch. Wei­ter ge­strit­ten wird über rich­ti­ge und fal­sche Ver­kehrs­pro­gno­sen und al­ler­lei an­de­re De­tails.

In An­be­tracht des­sen ist er er­staun­lich gut­ge­launt, der Re­gie­rungs­prä­si­dent Neu­haus. Die Stim­mung in sei­nem Bü­ro in der Bau­, Ver­kehrs­ und Ener­gie­di­rek­ti­on des Kan­tons Bern, ist hei­ter, als gin­ge es um ein ab­sur­des Thea­ter und nicht um 2,2 Steu­er­mil­li­ar­den, die Zu­kunft ei­ner Stadt und Schick­sa­le wie das von den Bal­mers. «Ich bin ein Op­ti­mist», sagt Neu­haus, über­zeugt da­von, die Wes­tas­tKur­ve noch zu krie­gen.

An den Wän­den sei­nes Bü­ro hän­gen Bil­der von Oh­ren. «Sie er­in­nern mich dar­an, bes­ser zu­zu­hö­ren», sagt er. Den Bie­lern, die ver­geb­lich auf ei­nen Dia­log war­ten? «Ja, aber nicht mit den­je­ni­gen, die am lau­tes­ten schrei­en», sagt Neu­haus und be­tont, erst 175 Ta­ge im Amt zu sein. Na­tür­lich muss er das Schla­mas­sel ver­ant­wor­ten, das an­de­re an­ge­rich­tet ha­ben. Kon­struk­ti­ves hat aber auch er nicht bei­ge­tra­gen. «Wir ha­ben die Be­völ­ke­rung zu we­nig ein­be­zo­gen und zu viel im stil­len Käm­mer­lein ge­plant», sagt Neu­haus. «Man kann nicht wie ei­ne Dampf­wal­ze wei­ter­ma­chen», fügt er an. Und: «Ge­gen den Wil­len der Bie­ler wird kei­ne Au­to­bahn ge­baut.»

Jetzt will er han­deln. Ei­ne Be­hör­den­de­le­ga­ti­on zu­sam­men­trom­meln, die drin­gends­ten Fra­gen prü­fen: Braucht es die An­schlüs­se wirk­lich? Kann man sie nicht über­da­chen? Müs­sen so vie­le Häu­ser weg? Über die Bü­cher. Ein Jahr lang. Ge­mein­den und Bund müss­ten mit­zah­len. Von den bis zu zwei Mil­lio­nen Fran­ken für die Ex­tra­pla­nung kann Neu­haus 200 000 Fran­ken ein­wer­fen.

As­tra-chef hat die Na­se voll

Reicht das, um die La­ger zu ei­nen, die sich in Biel ge­gen­über­ste­hen? Städ­ter, die ei­ne le­bens­wer­te Um­ge­bung for­dern, Agglo­me­ra­ti­ons­be­woh­ner, die mög­lichst schnell ins Zen­trum fah­ren wol­len. Auch ver­kehrs­po­li­ti­sche Grund­satz­hal­tun­gen pral­len auf­ein­an­der. Die ei­nen fin­den: Je we­ni­ger Park­plät­ze und Durch­fahrts­we­ge es gibt, des­to eher sind Au­to­fah­rer ge­zwun­gen, auf den öv um­zu­stei­gen. Die an­de­ren den­ken in die um­ge­kehr­te Rich­tung: Je grös­ser das An­ge­bot an Stras­sen, des­to bes­ser ver­teilt sich der Ver­kehr. Die Fra­ge ist, ob sich die Bie­ler fin­den und die Stadt ir­gend­wann um­fah­ren wer­den kann.

Am En­de muss das auch Jürg Röth­lis­ber­ger ent­schei­den. An­ruf beim Di­rek­tor des Bun­des­amts für Stras­sen. Er at­met zu­erst ein­mal tief durch. «Mir reicht es», sagt er. Man ste­he ein­mal mehr am sel­ben Punkt, zum drit­ten Mal, um ge­nau zu sein: Ein fix­fer­ti­ges Aus­füh­rungs­pro­jekt liegt vor, Tau­sen­de von Stun­den wur­den in­ves­tiert, der Bun­des­rat zwei­mal für ei­ne Ge­neh­mi­gung be­müht, und die Bie­ler wol­len es plötz­lich nicht mehr. Jahr­zehn­te der Pla­nung und 140 Mil­lio­nen Fran­ken spä­ter «im­mer noch die­ses Je­ka­mi». «In der Re­gi­on Biel kann man kein Spa­ghet­ti mehr zeich­nen, das noch nicht von In­ge­nieu­ren un­ter­sucht wor­den ist», sagt Röth­lis­ber­ger. Für den AstraChef ist klar: Wer­den Kern­ele­men­te wie An­schlüs­se ge­schlos­sen oder Be­ton­de­ckel ge­macht, geht es zu­rück auf Feld 1. Und ob die Bun­des­o­b­rig­kei­ten das ge­neh­mi­gen, weiss er auch nicht. «Ich per­sön­lich wür­de die 2,2 Mil­li­ar­den un­ter die­sen Um­stän­den lie­ber wo­an­ders in­ves­tie­ren», sagt er.

Die gute Nach­richt für die Bal­mers ist: Geht das so wei­ter, fah­ren noch jahr­zehn­te­lang kei­ne Bag­ger auf.

(Nidau, 22. No­vem­ber 2018)

Vor­her: Das durch das Bau­pro­jekt be­droh­te Quar­tier in Bahn­hofs­nä­he.

Nach­her: Der ge­plan­te An­schluss Bi­en­ne-cent­re mit den Neu­bau­ten.

Chris­toph Neu­haus, Svp-re­gie­rungs­rat und Bau­di­rek­tor des Kan­tons Bern.

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