Der letz­te Zar, Hit­ler und das Bern­stein­zim­mer

Ba­ron Edu­ard von Falz-fein, Ade­li­ger in Russ­land, Rad­renn­fah­rer in Pa­ris, Jour­na­list an den Olym­pi­schen Spie­len 1936 in Ber­lin, Tou­ris­mu­spio­nier und Play­boy in Va­duz, ist 106-jäh­rig ge­stor­ben.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Hintergrund - Von Da­ni­el Mei­er

Kei­ner der Ja­pa­ner konn­te ah­nen, dass es sich bei dem net­ten Mis­ter Quick, der ih­nen Liech­ten­stein in we­ni­gen Wor­ten er­klär­te, um ei­nen rus­si­schen Ba­ron han­del­te. Täg­lich hiel­ten bis zu vier­zig Rei­se­cars vor dem Sou­ve­nir­la­den in Va­duz. Des­sen Ge­schäfts­füh­rer kam her­aus, be­stieg den Car, er­griff das Mi­kro­fon und frag­te: «Wis­sen Sie, wie Mo­na­co und Liech­ten­stein in Rei­se­füh­rern ge­nannt wer­den? Zwerg­fürs­ten­tü­mer! Mo­na­co hat ei­ne Flä­che von zwei Qua­drat­ki­lo­me­tern, Liech­ten­stein hun­dert­sech­zig – das ist doch ein rie­si­ges Land.» Ge­läch­ter im Bus.

Ge­bo­ren wur­de Edu­ard Alex­an­dro­witsch von Falz-fein 1912 in As­ka­nia No­va, ei­nem Step­pen­ge­biet nörd­lich der Halb­in­sel Krim. Die Fa­mi­lie mit deut­schen Wur­zeln be­sass ein rie­si­ges Gut, sie hielt ei­ne hal­be Mil­li­on Scha­fe und be­trieb ei­nen Zoo mit Ze­bras, Straus­sen, Bi­sons. Ein­mal kam so­gar Zar Ni­ko­laus II., ein Tier­lieb­ha­ber, zu Be­such, wo­durch die Falz-feins in den Adels­stand er­ho­ben wur­den. 1917 reis­te der fünf­jäh­ri­ge Edi mit sei­ner Mut­ter nach Pusch­kin, wo der Gross­va­ter in der Som­mer­re­si­denz des Za­ren ar­bei­te­te. Da­bei er­blick­te er hin­ter ei­ner Tür im Kat­ha­ri­nen­pa­last ei­nen Glanz, den er nie ver­ges­sen soll­te – das Bern­stein­zim­mer.

Als bald dar­auf die Re­vo­lu­ti­on aus­brach, weil­te die Fa­mi­lie gera­de in St. Pe­ters­burg. Die Bol­sche­wi­ken durch­such­ten die Häu­ser. Der Va­ter ver­steck­te sich, die Mut­ter gab an, sie sei an Ma­sern er­krankt – was stimm­te. So ka­men sie da­von. Mit Edi und der äl­te­ren Schwes­ter Ta­ja flüch­te­ten sie über Um­we­ge nach Ber­lin, leb­ten spä­ter in Mün­chen. «Wir Kin­der wa­ren glück­lich. Un­se­re Rei­sen über Gren­zen, Um­zü­ge von ei­nem in das nächs­te Ho­tel schie­nen ein un­end­li­ches Aben­teu­er zu sein», sag­te Falz-fein in sei­ner Bio­gra­fie. En­de 1923, nach Hit­lers Putsch­ver­such in Mün­chen, ver­lies­sen sie Deutsch­land und zo­gen in ihr Mar­mor­pa­lais nach Niz­za. Weil es ihr letz­tes Ver­mö­gen war, muss­ten sie es ver­kau­fen und in ein klei­nes Haus wech­seln.

Vor­erst ar­bei­tet Falz-fein als Gärt­ner, in Pa­ris stu­diert er Agro­no­mie. Man ar­ran­giert, dass er sich in Liech­ten­stein nie­der­las­sen kann. Da Fürst Franz I. einst Bot­schaf­ter Ös­ter­reich-un­garns am Za­ren­hof war, kennt er die Falz-feins und hilft. Doch vor­erst lebt der jun­ge Mann in Frank­reich. Er be­geis­tert sich für Rad­sport, star­tet an ei­nem Ren­nen für Stu­den­ten und ge­winnt. So kommt er mit der Sport­zei­tung «L’au­to» in Kon­takt, er wird Jour­na­list. Der Chef­re­dak­tor schickt ihn so­gleich als Kor­re­spon­dent nach Ber­lin.

Ei­ni­ge Rei­hen hin­ter Hit­ler sitzt Falz-fein an den Olym­pi­schen Som­mer­spie­len 1936 auf der Pres­se­tri­bü­ne. Er ist 23, ein staa­ten­lo­ser Emi­grant, der Deutsch spricht, Be­rich­te auf Fran­zö­sisch schreibt und sich klei­det wie ein eng­li­scher Dan­dy. Er freun­det sich mit der zehn Jah­re äl­te­ren Le­ni Rie­fen­stahl an. Im olym­pi­schen Dorf fällt dem künf­ti­gen Liech­ten­stei­ner auf, dass die Lan­des­fah­ne ge­nau gleich aus­sieht wie je­ne Hai­tis; oben blau, un­ten rot. So­fort in­for­miert er Va­duz. Nach den Spie­len setzt die Re­gie­rung sei­nen Vor­schlag um; seit­her prangt auf der Flag­ge zu­sätz­lich ein gol­de­ner Fürs­ten­hut.

Noch 1936 wird er Bür­ger in Rug­gell. Trotz den Be­zie­hun­gen be­darf es ei­ner Spen­de; sei­ne Mut­ter stif­tet ei­ne Trän­ke für die Kü­he im Dorf. Falz-fein wohnt in Va­duz, kurz nach Kriegs­en­de er­öff­net er den Sou­ve­nir­shop. Da die Tou­ris­ten für das Länd­le nur ei­ne St­un­de Zeit ha­ben, nennt er ihn gross­spu­rig «Quicks Tou­rist Of­fice». Bald ru­fen ihn al­le Mis­ter Quick. Ro­lex, Ko­dak-fil­me, Schwei­zer Sack­mes­ser, Scho­ko­la­de so­wie Tas­sen mit dem Kon­ter­fei des Fürs­ten; da­mit wird er in­nert kur­zer Zeit reich. Ne­ben­bei be­grün­det er den Frem­den­ver­kehr in Liech­ten­stein. Nur sei­ne Mut­ter ist ent­setzt. «Sie dach­te, Kauf­mann sei ei­ne un­wür­di­ge Be­schäf­ti­gung für mich.»

Fort­an ver­kehrt der Ba­ron in der Jet­set­welt in St. Mo­ritz und an­ders­wo. In Va­duz lässt er sich in den sech­zi­ger Jah­ren ei­ne Vil­la bau­en, und zwar am Hang, auf dem auch das Fürs­ten­schloss steht. Sein Haus, voll von Ge­mäl­den und Or­den, be­nennt er nach dem Land­gut, an das er sich kaum er­in­nern kann: «As­ka­nia No­va». Sel­ber be­zeich­net er sich als Play­boy; Frau­en und teu­re Au­tos sind Be­leg da­für. Man sieht ihn an der Sei­te von Za­rah Le­an­der, Jo­an­ne Cra­w­ford und Sora­ya, der frü­he­ren Frau des Schahs von Per­si­en. Zwei­mal ist er ver­hei­ra­tet, er hat ei­ne Toch­ter. Die ers­te Be­zie­hung en­det mit ei­ner Schei­dung, 1980 wird er Wit­wer und be­schliesst, es nie wie­der zu ver­su­chen: «Der Ball ist zu En­de.»

Dem Sport bleibt er treu. Wei­te Stre­cken legt er mit dem Ve­lo zu­rück, et­wa von Mon­te Car­lo nach Lu­ga­no oder, kurz nach dem Krieg, von Ber­lin nach Va­duz. An 16 Olym­pi­schen Spie­len nimmt er teil als Jour­na­list, Trai­ner oder Funk­tio­när, aber nie als Ath­let. Zwar star­tet bei Bob­ren­nen ein Edu­ard Theo­dor von Falz-fein, aber das ist ein gleich­alt­ri­ger Cou­sin, was na­tür­lich zu Ver­wechs­lun­gen führt. Bei al­ler Lie­be für die neue Hei­mat bleibt er durch und durch Rus­se. Er kämpft für die Rück­ga­be von Kul­tur­gü­tern an Russ­land, lässt am Gott­hard ei­ne Sta­tue von Ge­ne­ral Su­wo­row auf­stel­len und setzt ei­ne hal­be Mil­li­on Dol­lar als Be­loh­nung aus, falls je­mand das Bern­stein­zim­mer fin­den soll­te.

Am Sams­tag ver­gan­ge­ner Wo­che kam Edu­ard von Falz-fein bei ei­nem Brand in sei­ner Vil­la ums Le­ben. Der Ba­ron wird in der Fa­mi­li­en­gruft in Niz­za bei­ge­setzt.

Sein Haus nann­te er wie das Land­gut sei­ner Kind­heit: Ba­ron Edu­ard von Falz-fein in der Vil­la «As­ka­nia No­va». (Va­duz, 1996)

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