Um­strit­te­ne E-zi­gi kom­men an den Ki­osk

Der Schweiz-chef der Her­stel­ler­fir­ma Ju­ul ver­spricht ei­nen strik­ten Ju­gend­schutz

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Wirtschaft - Mar­kus Stä­de­li

Die kon­tro­ver­se E-zi­ga­ret­te Ju­ul wird im De­zem­ber in der Schweiz lan­ciert. Um­strit­ten ist die gleich­na­mi­ge Her­stel­ler­fir­ma, weil sie ei­ne Ni­ko­ti­ne­pi­de­mie un­ter Te­enagern ver­ur­sacht ha­ben soll. Die Kom­bi­na­ti­on aus ed­lem De­sign, fruch­ti­gen Aro­men und ei­ner ge­ball­ten Ni­kotin­do­sis, die ei­nen Flash aus­lö­sen kann, hat im Heim­markt USA of­fen­bar auf vie­le Ju­gend­li­che ei­ne un­wi­der­steh­li­che Wir­kung.

Die Schweiz ist nach Gross­bri­tan­ni­en der zwei­te eu­ro­päi­sche Markt, den das Star­t­up Ju­ul Labs aus San Fran­cis­co er­obern will. Die pri­va­te Fir­ma wird mit rund 15 Mrd. $ be­wer­tet und hält in den USA ei­nen er­drü­cken­den Markt­an­teil von ge­gen 70% – ob­wohl auch die eta­blier­ten Ta­bak­kon­zer­ne E-zi­ga­ret­ten an­bie­ten.

«Un­ser ers­ter Dis­tri­bu­ti­ons­part­ner ist die Va­lo­ra-grup­pe», sagt Jo­na­than Gre­en, der Schwei­zer Län­der­chef. Ju­ul wird al­so an je­dem Ki­osk, in Avec-shops und P&b-books-lä­den ver­füg­bar sein. Da­zu kom­men 25 un­ab­hän­gi­ge Va­pe-bou­ti­quen.

Ko­dex un­ter­zeich­net

«Wir ar­bei­ten mit Va­lo­ra zu­sam­men, weil die­se den Ko­dex des Bran­chen­ver­bands Swiss Va­pe Tra­de As­so­cia­ti­on un­ter­schrie­ben hat», sagt Gre­en. «Mit die­sem ver­pflich­tet man sich, kei­ne Pro­duk­te an Min­der­jäh­ri­ge zu ver­kau­fen und die­se auch nicht in der Wer­bung an­zu­spre­chen.» Am 14. No­vem­ber sei auch Ju­ul sel­ber die­ser frei­wil­li­gen Ver­ein­ba­rung bei­ge­tre­ten.

Die Fir­ma will ab De­zem­ber aus­ser­dem über den ei­ge­nen On­line-store ver­kau­fen. Auch im In­ter­net wer­de es ei­ne Al­ters­über­prü­fung ge­ben, die man nicht um­ge­hen kön­ne. «Al­so nicht nur ei­ne Al­ters-selbst­de­kla­ra­ti­on», so Gre­en.

Ju­ul wer­de zu­dem ein Mys­te­ry-shop­ping-pro­gramm auf­set­zen. «Mit sol­chen Test­käu­fen wer­den wir von Ex­ter­nen über­prü­fen las­sen, dass un­se­re Pro­duk­te nicht von Min­der­jäh­ri­gen ge­kauft wer­den kön­nen.» Das ist ein wich­ti­ges Si­gnal, denn pa­ra­do­xer­wei­se gibt es in der Schweiz kei­ne ge­setz­li­che Al­ters­gren­ze beim Ver­kauf von E-zi­ga­ret­ten. Die­se dür­fen seit April in der Schweiz ver­trie­ben wer­den – und der Ge­setz­ge­ber hinkt der ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung wie­der ein­mal hin­ter­her. Im Ge­gen­satz zu her­kömm­li­chen Ta­bak­wa­ren fal­len auf E-zi­ga­ret­ten auch kei­ne Steu­ern an.

«In den USA ha­ben wir ei­nen un­glaub­li­chen Er­folg. Dass Ju­ul dort auch von vie­len Te­enagern ver­wen­det wird, ist von uns völ­lig un­er­wünscht», sagt Gre­en. «In ei­ner en­gen Zu­sam­men­ar­beit mit der Ge­sund­heits­be­hör­de FDA ha­ben wir Ge­gen­steu­er ge­ge­ben. Die USA wa­ren un­ser ers­ter Markt, und wir ha­ben aus un­se­ren an­fäng­li­chen Feh­lern ge­lernt», be­teu­ert der Ma­na­ger, der zu­vor für die No­var­tis-toch­ter Al­con tä­tig ge­we­sen ist.

Vie­le frag­ten ihn, wie­so er von ei­ner Ge­sund­heits­fir­ma zu Ju­ul ge­wech­selt ha­be, sagt der Schwei­zer­deutsch spre­chen­de En­g­län­der. «Mei­ne Mo­ti­va­ti­on ist klar: Ich möch­te ei­ne we­ni­ger schäd­li­che Al­ter­na­ti­ve fürs Rau­chen pro­pa­gie­ren. Mein Va­ter ist re­la­tiv jung an ei­ner ta­bak­be­ding­ten Lun­gen­krank­heit ge­stor­ben.»

In den USA, wo Ju­ul ih­re Ezi­ga­ret­ten seit 2015 ver­kauft, ste­hen die Be­hör­den al­ler­dings vor ei­nem Di­lem­ma. Dass Rau­cher auf Damp­fen um­stel­len, was nach heu­ti­gen Er­kennt­nis­sen viel we­ni­ger Scha­den an­rich­tet, ist zwar er­wünscht.

Doch die Din­ge sind of­fen­bar völ­lig aus dem Ru­der ge­lau­fen. Der Chef der Ge­sund­heits­be­hör­de FDA sag­te im Sep­tem­ber, man wer­de nicht to­le­rie­ren, «dass ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on jun­ger Men­schen ni­ko­tin­ab­hän­gig wird, da- mit im Ge­gen­zug Er­wach­se­ne un­ge­hin­der­ten Zu­gang zu die­sen Pro­duk­ten ha­ben». Kurz dar­auf stat­te­te die Be­hör­de Ju­ul ei­nen un­an­ge­mel­de­ten Be­such ab und be­schlag­nahm­te Tau­sen­de von Do­ku­men­ten be­tref­fend die Mar­ke­ting­me­tho­den von Ju­ul. Die FDA geht laut der «New York Times» da­von aus, dass 3 Mio. Ober­stu­fen­schü­ler E-zi­ga­ret­ten rau­chen.

Wie im­mer in den USA geht es nicht lan­ge, bis Sam­mel­kla­gen lan­ciert wer­den: Die An­walts- kanz­lei Migli­ac­cio & Ra­thod, die El­tern von Ju­gend­li­chen ge­gen Ju­ul ver­tritt, ar­gu­men­tiert zum Bei­spiel wie folgt: Die E-zi­ga­ret­ten des Star­tups wür­den weit­aus mehr Ni­ko­tin in die Blut­bahn ab­ge­ben als ei­ne Zi­ga­ret­te. Und dies auch noch viel schnel­ler.

Das ber­ge ein ex­trem ho­hes Ri­si­ko der Ni­ko­tin­ab­hän­gig­keit, ins­be­son­de­re bei Ju­gend­li­chen. Die Kanz­lei be­haup­tet auch, dass Ju­ul Wer­be­kam­pa­gnen durch­ge­führt ha­be, die ex­pli­zit Te­enager und Nicht­rau­cher an­lo­cke. Da­für füh­ren die An­wäl­te et­wa den Um­stand an, dass Ju­ul ih­re Pro­duk­te stark auf So­ci­al-me­di­aPlatt­for­men be­warb, «die von der Mehr­heit der Ju­gend­li­chen in die­sem Land ge­nutzt wer­den».

«Wir ha­ben un­se­re So­ci­alMe­dia-platt­for­men in den USA ab­ge­schal­tet, und wir wer­den auch in der Schweiz kei­ne sol­che Wer­bung ma­chen», ver­si­chert Gre­en. Die Fir­ma will in der Schweiz fünf Ge­schmacks­rich­tun­gen an­bie­ten, ähn­lich wie in den USA. Die­se sei­en für Er­wach­se­ne ent­wi­ckelt, nicht für Min­der­jäh­ri­ge. «Un­se­re Ziel­grup­pe in der Schweiz sind die 1,8 Mio. er­wach­se­nen Rau­cher. Punkt.»

Um Rau­cher zu ei­nem Wech­sel zum Va­ping zu be­we­gen, brau­che es zwei Ele­men­te: An­spre­chen­de Ge­schmacks­rich­tun­gen und ge­nü­gend Ni­ko­tin. Der Ni­ko­tin­ge­halt darf in der EU ma­xi­mal 20 mg Ni­ko­tin pro ml Flüs­sig­keit be­tra­gen – ein Wert, der so­mit auch für die Schweiz gilt. In den USA ent­hal­ten die Ju­ul-pods je­doch 50 mg Ni­ko­tin pro ml. Die Ge­schwin­dig­keit der Ab­sorp­ti­on blei­be aber gleich, sagt Gre­en.

Kon­tro­ver­se ist ab­seh­bar

Über den Ver­kaufs­preis in der Schweiz möch­te Gre­en noch nicht spre­chen. Doch die­ser wer­de so ge­setzt, dass es auch ei­nen fi­nan­zi­el­len An­reiz ge­be, vom Rau­chen aufs Damp­fen zu wech­seln.

Der Markt­ein­tritt von Ju­ul wird die Dis­kus­si­on über E-zi­ga­ret­ten be­stimmt an­hei­zen. Die Ar­beits­ge­mein­schaft Ta­bak­prä­ven­ti­on Schweiz for­dert et­wa, bei E-zi­ga­ret­ten ein um­fas­sen­des Ver­bot der Wer­bung, Pro­mo­ti­on und des Spon­so­rings ein­zu­füh­ren. Eben­so sei die ni­ko­tin­hal­ti­ge Flüs­sig­keit, die in E-zi­ga­ret­ten ver­wen­det wird, zu be­steu­ern. So kön­ne der Kon­sum auch über den Preis ge­steu­ert wer­den.

E-zi­ga­ret­ten von Ju­ul sind bei Te­enagern be­liebt. Ver­dampft wird ei­ne aro­ma­ti­sche, stark ni­ko­tin­hal­ti­ge Flüs­sig­keit.

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