«Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on wird oh­ne Re­for­men nicht über­le­ben»

Die USA und Chi­na de­cken sich mit Straf­zöl­len ein, die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on (WTO) ver­liert an Ein­fluss. Jetzt for­dert Wto-ge­ne­ral­di­rek­tor Ro­ber­to Aze­vêdo grund­le­gen­de Re­for­men.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Wirtschaft - (piw.) Von Pier­re Weill

NZZ am Sonn­tag: Herr Aze­vêdo, vor ei­ni­gen Ta­gen for­der­ten Sie am Pa­ri­ser Frie­dens­fo­rum die Re­gie­rungs­chefs auf, die Kri­se des Mul­ti­la­te­ra­lis­mus da­zu zu nut­zen, das Sys­tem zu ver­bes­sern. Wa­ren Sie er­folg­reich?

Ro­ber­to Aze­vêdo: Ge­wis­se Staa­ten mach­ten deut­lich, dass die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on ei­ne sehr wich­ti­ge Funk­ti­on hat, dass sie aber re­for­miert wer­den muss. Dies ist ei­ne wich­ti­ge Er­kennt­nis. Wenn wir die Punk­te, die zur Es­ka­la­ti­on zwi­schen Mit­glieds­staa­ten ge­führt ha­ben, wirk­lich an­ge­hen, wer­den Re­for­men ein neu­es Zeit­al­ter für die WTO ein­läu­ten.

Wel­che Pro­ble­me mei­nen Sie?

Es geht um Han­dels­ein­schrän­kun­gen wie Zöl­le, Sub­ven­tio­nen und um in­sti­tu­tio­nel­le Fra­gen der WTO.

In der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on wer­den Ent­schei­de ein­stim­mig ge­fällt. Da­durch sind Re­for­men schwie­rig durch­zu­set­zen. Kann die WTO nicht zum Mehr­heits­prin­zip wech­seln?

Die­se Fra­ge ist Teil der ge­plan­ten Re­form. Ein­stim­mig­keit un­ter 164 Mit­glieds­län­dern zu er­zie­len, ist schwie­rig. Die Mit­glie­der ha­ben sehr un­ter­schied- li­che An­sich­ten, ei­nen un­ter­schied­li­chen Ent­wick­lungs­stand, sie pfle­gen ver­schie­de­ne po­li­ti­sche Sys­te­me und wirt­schaft­li­che Stra­te­gi­en. Folg­lich ha­ben sie auch un­ter­schied­li­che Be­dürf­nis­se. Dar­um ist es her­aus­for­dernd, Ein­stim­mig­keit zu er­zie­len, aber es ist nicht un­mög­lich. Wir ha­ben dies vor ein paar Jah­ren ge­schafft, et­wa bei der Über­ein­kunft über Han­dels­er­leich­te­run­gen und bei der Auf­he­bung der Sub­ven­tio­nen in der Land­wirt­schaft. Doch wol­len vie­le Staa­ten mehr Re­sul­ta­te se­hen. Sie for­dern ei­ne dy­na­mi­sche­re Ent­wick­lung et­wa in der di­gi­ta­len Wirt­schaft. Dort be­we­gen wir uns zu lang­sam.

Vie­le Be­ob­ach­ter hal­ten die Kri­tik an Chi­nas Han­dels­po­li­tik und am man­geln­den Schutz von Er­fin­dun­gen für an­ge­mes­sen. Sie zwei­feln aber, ob die USA mit der Ein­füh­rung von ho­hen Im­port­zöl­len Chi­na um­stim­men kön­nen. Wird Chi­na des­we­gen sei­ne Han­delsund Wirt­schafts­po­li­tik än­dern?

Die ers­ten von den USA er­ho­be­nen Zol­ler­hö­hun­gen, vor al­lem auf Stahl und Alu­mi­ni­um, be­tra­fen nicht nur Chi­na. Fer­ner ist Chi­na be­züg­lich sei­ner Han­dels- und Wirt­schafts­po­li­tik na­tür­lich nicht der glei­chen An­sicht wie die USA. Der Blick­win­kel ist ein an­de­rer. Un­ab­hän­gig vom je­wei­li­gen Stand­punkt ist für mich wich­tig, dass wir ei­ne Lö­sung fin­den, die für bei­de Sei­ten und die üb­ri­gen Mit­glieds­staa­ten ak­zep­ta­bel ist. Die­se Span­nun­gen wer­den nicht ein­fach so ver­schwin­den. Ich be­mü­he mich pau­sen­los, Ge­sprä­che zwi­schen den Han­dels­part­nern zu er­leich­tern. Das G-20-tref­fen En­de des Mo­nats in Bu­e­nos Ai­res wird sich die­sem The­ma ganz spe­zi­ell wid­men.

Bei der Grün­dung der WTO im Jahr 1995 schie­nen die Vor­tei­le der Glo­ba­li­sie­rung und des Frei­han­dels klar zu sein: of­fe­ne Märkte, mehr Wett­be­werb, mehr Wachs­tum und we­ni­ger Ar­mut. Seit ei­ni­gen Jah­ren wer­den mul­ti­la­te­ra­le Han­dels­ab­kom­men je­doch ver­mehrt durch re­gio­na­le oder bi­la­te­ra­le Ab­kom­men er­setzt. Was ist der Grund?

Re­gio­na­le und bi­la­te­ra­le Ab­kom­men gab es schon im­mer, schon zur Zeit des ers­ten All­ge­mei­nen Zoll- und Han­dels­ab­kom­mens 1947. Ich se­he dies nicht als Schwä­chung des Welt­han­dels­sys­tems. Die­se Ab­kom­men ste­hen nicht im Wi­der­spruch zu den mul­ti­la­te­ra­len Ab­kom­men, viel­mehr er­gän­zen sie sich. Oft wur­den Be­stim­mun­gen, die zu­erst in re­gio­na­len Han­dels­ab­kom­men ver­ein­bart wur­den, spä­ter in den mul­ti­la­te­ra­len Ver­ein­ba­run­gen über­nom­men, falls sie sich im klei­ne­ren Rah­men be­währt hat­ten.

Ha­ben die re­gio­na­len Han­dels­ab­kom­men in den letz­ten Jah­ren nicht zu­ge­nom­men?

Nein, das Pro­blem ist viel eher, dass frü­her gros­se Blö­cke wie die USA und die EU, wenn sie ge­gen­sei­tig Han­dels­er­leich­te­run­gen aus­han­del­ten, al­le an­de­ren mit ins Boot nah­men. Jetzt gel­ten die Ab­kom­men nur noch bi­la­te­ral. Gros­se Han­dels­blö­cke las­sen die klei­nen Län­der aus­sen vor, wie dies bei der Transpa­zi­fi­schen Part­ner­schaft ge­schieht. Nicht die re­gio­na­len Ab­kom­men sind das Pro­blem, son­dern dass kei­ne weg­wei­sen­den mul­ti­la­te­ra­len Ab­kom­men mehr er­zielt wur­den. Doch 2013 konn­ten wir ei­ne Über­ein­kunft über Han­dels­er­leich­te­run­gen ver­ab­schie­den, die auf ei­nen Ab­bau der Bü­ro­kra­tie zielt. Und 2015 stimm­ten wir der Ab­schaf­fung der land­wirt­schaft­li­chen Ex­port­zu­schüs­se zu und bau­ten die In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie-ver­ein­ba­rung aus. Die Din­ge be­gan­nen sich wie­der zu be­we­gen. Die USA blo­ckie­ren die Er­nen­nung von Rich­tern zum Wto­be­ru­fungs­gre­mi­um we­gen an­geb­li­cher Pro­ble­me mit dem Mecha­nis­mus. Ei­gent­lich be­steht das Ap­pel­la­ti­ons­ge­richt aus sie­ben Teil­zeit­rich­tern. Bis En­de 2019 könn­te das Mi­ni­mum von drei Mit­glie­dern im Gre­mi­um un­ter­schrit­ten wer­den. Sor­gen Sie sich?

Ich bin sehr be­un­ru­higt.

Was wä­ren die Kon­se­quen­zen?

Falls wir das Pro­blem nicht lö­sen und kei­ne Al­ter­na­ti­ve prä­sen­tie­ren kön­nen, wird das Be­ru­fungs­gre­mi­um En­de 2019 nicht mehr ent­schei­dungs­fä­hig sein. Das heisst, wenn bei ei­nem Ent­scheid in ers­ter In­stanz die un­ter­le­ge­ne Par­tei den Fall wei­ter­zieht, ist das Ur­teil hän­gig und da­mit nicht rechts­kräf­tig. Da­mit wä­re das ge­sam­te Sys­tem zur Lö­sung von Han­dels­dis­pu­ten lahm­ge­legt. Die Mit­glieds­län­der ha­ben das Pro­blem er­kannt und er­wä­gen Al­ter­na­ti­ven, um ge­wis­se Mecha­nis­men zur Lö­sung von Han­dels­strei­tig­kei­ten am Lau­fen zu hal­ten.

Zum Bei­spiel?

Ei­ne Mög­lich­keit wä­re, dass zwei Par­tei­en die Pa­ra­me­ter ei­nes Schieds­ver­fah­rens ge­mein­sam fest­le­gen. Dies ist ein Pro­zess, der den Wto-mit­glie­dern zur Ver­fü­gung steht, aber noch nie ge­nutzt wur­de. Doch gibt es auch Be­stre­bun­gen, die von den USA kri­ti­sier­ten Ver­fah­ren zu ver­bes­sern. Die­se sind ja der Grund, wes­halb die USA kei­ne neu­en Mit­glie­der er­nen­nen.

Die USA ste­hen seit ge­rau­mer Zeit der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on kri­tisch ge­gen­über. Be­fürch­ten Sie nun ei­nen Aus­tritt der USA aus der WTO?

Hier gilt es zu be­ach­ten, dass sich die USA sich sehr stark in der WTO en­ga­gie­ren. Wir spra­chen von Wto-re­for­men – die USA spie­len da­bei ei­ne füh­ren­de Rol­le. Sie ha­ben so­eben ei­nen Vor­schlag un­ter­brei­tet zu Trans­pa­renz und No­ti­fi­ka­ti­on. Die USA sind fe­der­füh­rend bei den Ver­hand­lun­gen über die Sub­ven­ti­on in der Fi­sche­rei-in­dus­trie. Sie sind zu­dem in­vol­viert in Ge­sprä­chen über plu­ri­la­te­ra­le Ver­hand­lun­gen zum E-com­mer­ce. Plu­ri­la­te­ral heisst, dass nicht al­le Wto-mit­glie­der dar­an be­tei­ligt sind. Die USA un­ter­brei­te­ten in den letz­ten Mo­na­ten der Wto-schlich­tungs­stel­le wohl am meis­ten Fäl­le. Doch die Ame­ri­ka­ner sa­gen auch: Wir ha­ben ein Pro­blem mit der Art, wie die WTO funk­tio­niert. Es ge­be im Han­dels­be­reich Grau­zo­nen, die ab­ge­deckt wer­den müss­ten. Fer­ner sei das Sys­tem zur Bei­le­gung von Han­dels­strei­tig­kei­ten zu re­for­mie­ren. Wir müs­sen die­se Be­den­ken auf­neh­men. Die USA sind ein sehr wich­ti­ges Mit­glieds­land, das wir nicht ver­lie­ren wol­len.

Das Sys­tem zur Lö­sung von Han­dels­dis­pu­ten könn­te En­de 2019 lahm­ge­legt sein.

Wor­auf le­gen Sie nun den Schwer­punkt lh­rer Tä­tig­keit?

Das drin­gends­te Pro­blem ist die Fra­ge des Schieds­ge­richts. Da be­steht ein kla­rer Ter­min: Wir müs­sen bis En­de 2019 ei­ne Lö­sung ge­fun­den ha­ben. Auch das Fi­sche­rei-ab­kom­men muss bis nächs­tes Jahr un­ter Dach und Fach sein. Bei der Fra­ge der Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit ist die Frist be­reits ab­ge­lau­fen, oh­ne dass es zu ei­ner Ei­ni­gung ge­kom­men ist. Ich bin ab­so­lut über­zeugt, dass oh­ne Re­form das Sys­tem der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on in der heu­ti­gen Form nicht über­le­ben wird. Doch die Welt braucht den Rah­men für in­ter­na­tio­na­len Han­del mehr denn je. In ei­ner Zeit, in der die Glo­ba­li­sie­rung und die in­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit in Fra­ge ge­stellt wer­den, ist das Han­dels­sys­tem be­son­ders wich­tig.

(Genf, 14. No­vem­ber 2018)

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