Was für ein Pa­thos!

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Sport Stadion - Mein liebs­tes Sta­di­on

Die Ka­bi­ne wird ger­ne im Bauch des Sta­di­ons ver­or­tet. Das passt gar nicht schlecht, denn im Bauch sit­zen die Ge­füh­le, und um die­se geht es oft in der Gar­de­ro­be. Sie ist der ein­zi­ge Ort, an dem die Spie­ler un­ter sich sind, ihr Nest, in das kei­ne Ka­me­ra kriecht, wo we­der ih­re Schrit­te ge­zählt, noch ih­re Wor­te ab­ge­wo­gen wer­den. In der Ka­bi­ne sind sie nackt. Hier wer­den Wun­der vor­be­rei­tet.

Sel­ten gibt es Ge­le­gen­heit, in den mys­ti­schen Raum zu bli­cken. 2006 hat der Re­gis­seur Sön­ke Wort­mann für den Do­ku­men­tar­film «Deutsch­land. Ein Som­mer­mär­chen» die deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft durch ih­re Heim-wm be­glei­tet. Dank ihm wis­sen wir, wie der Bun­des­trai­ner Jür­gen Klins­mann sein Team auf die Spie­le vor­be­rei­tet hat. Es sind fas­zi­nie­ren­de Ein­bli­cke und et­was un­heim­li­che. Das fin­det auch Klins­mann. Er sagt heu­te am Te­le­fon: «Als Oli­ver Bier­hoff und Sön­ke Wort­mann ein paar Mo­na­te nach der WM nach Ka­li­for­ni­en ka­men, um mir die Roh­fas­sung des Films zu zei­gen, bin ich er­schro­cken.»

Klins­mann muss ge­se­hen ha­ben, wie er sei­ne Spie­ler qua­si auf ei­nen Feld­zug schick­te. Vor dem Grup­pen­spiel ge­gen Po­len sag­te er: «Die ste­hen mit dem Rü­cken zur Wand, und wir knal­len sie durch die Wand hin­durch.» Ecua­dor, dem nächs­ten Geg­ner, muss­ten «die Män­ner», wie Klins­mann sie an­sprach, «auf die Fres­se ge­ben». «Wenn sie den Ti­ger in un­se­ren Au­gen se­hen», sag­te Klins­mann und mein­te die Ar­gen­ti­ni­er, «dann schla­gen wir zu, aber bru­tal.»

Auch wenn die Re­den Klins­mann heu­te leicht be­frem­den: Er setz­te be­wusst auf gros­se Ge­füh­le. Er sagt: «Wir hat­ten ei­ne jun­ge Mann­schaft, sie war die Hoff­nung des Lan­des, die Sta­di­en ha­ben ge­bebt. Mei­ne Auf­ga­be war es, die Emo­tio­nen in Bah­nen zu len­ken und ihr Selbst­ver­trau­en zu stär­ken.» Er ha­be ih­re «emo­tio­na­le Ge­fühls­welt über­nom­men» und ver­sucht, «das Ener­gie­feld in ei­ne Ba­lan­ce» zu brin­gen. Das tönt kom­pli­ziert, aber Klins­mann hat es ge­schafft, die Spie­ler über ih­re Emo­tio­nen zu füh­ren. In den Re­den ist er der Ge­fühls­domp­teur, ent­fes­selt, aber mit ei­ner kla­ren Bot­schaft.

In den Feuille­tons wur­de Klins­manns Ka­bi­nen­an­spra­che kri­ti­siert. Und es stimmt ja: Wenn man sie aus­s­er­halb der Gar­de­ro­be hört, funk­tio­niert sie nicht. Mit dem Ver­stand lässt sie sich nicht er­fas­sen. Dann wun­dert man sich, wie Klins­manns nied­li­ches Schwäbisch so mar­tia­lisch klin­gen kann; und man staunt, wie er­wach­se­ne Män­ner für Emo­tio­nen und Kli­schees emp­fäng­lich sind, die ei­nen im nor­ma­len Le­ben pein­lich be­rüh­ren. War­um las­sen sie sich in der In­ti­mi­tät ei­nes Um­klei­de­raums auf et­was ein, wo­für sie sich sonst vi­el­leicht schä­men wür­den – auf Re­den über Gott, Fa­mi­lie, Eh­re und Schlach­ten­glück?

Der frü­he­re Schwei­zer Na­tio­nal­spie­ler Ben­ja­min Hug­gel sagt: «Manch­mal ist es pa­the­tisch und mi­li­tä­risch auf­ge­la­den. Man muss das nicht gut fin­den. Aber als Spie­ler ist man so so­zia­li­siert wor­den. Man ver­steht so­fort, wo­rum es geht, und spricht oft wie selbst­ver­ständ­lich dar­auf an. Dar­um geht es im Fussball im­mer, um Eh­re, Ruhm und Stolz.» Es sind Co­des, die ab­ruf­bar sind, wenn man im Sys­tem Fussball auf­ge­wach­sen ist. Of­fen­bar braucht es die­se Über­hö­hung, et­was, wo­für es sich zu kämp­fen und zu lei­den lohnt. Sol­che Über­trei­bun­gen hört man in vie­len Ka­bi­nen. Sie funk­tio­nie­ren, egal wie gut die Mann­schaf­ten Fussball spie­len. Selbst Ama­teu­re und Ju­nio­ren be­die­nen sich der­sel­ben Spra­che und der glei­chen Ri­tua­le. Und dann ge­hen sie raus auf den Ra­sen, spie­len ir­gend­wo in der 3. Li­ga auf ei­nem schlech­ten Platz und ver­su­chen, «die an­de­ren weg­zu­hau­en». So wie es ih­nen der Trai­ner mit auf den Weg ge­ge­ben hat.

Die Spie­ler wer­den mit Ge­füh­len auf­ge­la­den, mit Wut, mit Lei­den­schaft. Es kann auch mit lei­sen Emo­tio­nen klap­pen, mit Rüh­rung zum Bei­spiel. Der Trai­ner des FC Zü­rich, Lu­do­vic Ma­gnin, schnitt für je­den sei­ner Spie­ler in die­sem Früh­ling ein per­sön­li­ches Vi­deo zu­sam­men. Ver­wand­te, El­tern, Kin­der oder Freun­din­nen wand­ten sich in klei­nen Bot­schaf­ten an die Fuss­bal­ler. Vor dem Cup-fi­nal hat er es ih­nen ge­zeigt, «und ih­re Au­gen wur­den feucht». Als jun­ger Nach­wuchs­in­ter­na­tio­na­ler hat Ma­gnin er­lebt, wie der Trai­ner Ber­nard Chal­lan­des an der U-21-EM 2002 im­mer wie­der Men­schen mit be­son­de­ren Ge­schich­ten ein­ge­la­den hat. Ein­mal war es ein Mann, der vor ei­ner hoff­nungs­vol­len Sport­kar­rie­re stand, nach ei­nem Un­fall aber im Roll­stuhl sass. «Wenn wir mü­de wür­den, soll­ten wir an ihn den­ken.» Ma­gnin hin­ter­fragt das nicht. Nach Chal­lan­des An­spra­chen sei­en sie «mit dem Mes­ser zwi­schen den Zäh­nen» auf den Ra­sen ge­rannt. Man müs­se bloss auf­pas­sen, dass man Mo­ti­va­ti­ons­re­den nicht über­trei­be, sonst nütz­ten sie sich ab.

Vi­el­leicht ist es gar nicht so wich­tig, was ge­nau mit­ge­teilt wird. Lia Wäl­ti, Cap­tain des Schwei­zer Frau­en­na­tio­nal­teams, sagt: «Es kommt we­ni­ger dar­auf an, was die Trai­ner sa­gen, son­dern wie sie es sa­gen.» Und in wel­chem Mo­ment: Die auf­peit­schen­den Wor­te, die Schreie, das Ab­klat­schen funk­tio­nier­ten aus­schliess­lich in den dich­ten Emo­tio­nen und der An­span­nung vor ei­nem Spiel. Ein Par­al­lel­uni­ver­sum tut sich auf, in dem ar­chai­sche Mus­ter ge­weckt wer­den. Und of­fen­bar re­agie­ren Frau­en wie Män­ner dar­auf, wenn sie im Sport­sys­tem so­zia­li­siert wur­den. Wäl­ti hat­te in ih­ren Klubs aus­schliess­lich männ­li­che Trai­ner, im Na­tio­nal­team je­doch zwei Trai­ne­rin­nen. Re­den Frau­en an­ders, we­ni­ger krie­ge­risch, hal­ten sie das Pa­thos schlech­ter aus? Wäl­ti sieht kei­nen Un­ter­schied. Ih­re frü­he­re Na­tio­nal­trai­ne­rin be­stä­tigt sie teil­wei­se. Mar­ti­na Voss-teck­len­burg sagt: «Ob die An­spra­che mar­tia­lisch und laut da­her­kommt, hat nicht nur mit Män­nern und Frau­en zu tun, son­dern auch mit dem Trai­ner­typ.» Sie den­ke aber schon, dass Män­ner in ih­rer Spra­che et­was här­ter sei­en, Frau­en eher auf Sach­lich­keit setz­ten. «Plat­te Sprü­che sind we­ni­ger ihr Ding», sagt Voss-teck­len­burg.

Im Ge­dächt­nis ge­blie­ben sind Wäl­ti in­ter­es­san­ter­wei­se nicht die durch­dach­ten Re­den der mo­der­nen Coa­ches. Als sie bei Tur­bi­ne Pots­dam spiel­te, war Bernd Schrö­der ihr Trai­ner, Jahr­gang 1941, 40 Jah­re im Ver­ein, al­te Schu­le. Wenn die Spie­le­rin­nen nach sei­nen An­spra­chen aufs Feld gin­gen, schau­ten sie sich an und frag­ten sich, was der Chef denn nun ge­nau mit­tei­len woll­te. «Es war in­halt­lich nicht re­le­vant fürs Spiel und hat­te nicht viel mit dem Geg­ner zu tun, es war meis­tens et­was un­pas­send», sagt Wäl­ti. Ihr sind Schrö­ders An­spra­chen ge­blie­ben, weil sie so «au­then­tisch» wa­ren, weil sie nie an­ge­lernt klan­gen. Au­then­ti­zi­tät ist ein Schlüs­sel, um die Spie­ler und Spie­le­rin­nen zu be­rüh­ren – viel mehr als klu­ge In­hal­te. Sa­scha Gö­pel ist Schau­spie­ler, er hat in Sön­ke Wort­manns Film «Wun­der von Bern» ge­spielt. Im Fuss­ball­ma­ga­zin «Rund» sag­te er: «Manch­mal gibt es Fi­gu­ren auf der Büh­ne, die ha­ben ei­ne Ma­gie, die brin­gen was mit, die brin­gen Ener­gi­en mit, das knallt dir di­rekt ins Herz. Das macht Bang, das ist da! Da hörst du gar nicht mehr dar­auf, was ge­sagt wird.» Er be­zog sich da­mit auf Jür­gen Klins­mann und die Kri­tik an sei­nen Re­den. Sa­scha Gö­pel sagt über Klins­mann: «Mit sei­nem Duk­tus, mit sei­ner En­er­gie hat er die Jungs mit­ge­ris­sen.»

Lia Wäl­ti ver­mu­tet, dass den Schwei­zern die deut­sche Spra­che schnell ein­mal grob er­scheint. «Deut­sche ha­ben ei­nen ex­trem gros­sen Wort­schatz, brau­chen Aus­drü­cke, die uns nicht ge­läu­fig sind, das kommt schon un­ter­schied­lich an», sagt sie. Ben­ja­min Hug­gel hat es ähn­lich er­lebt. Er er­in­nert sich be­son­ders an ei­ne Ka­bi­nen­re­de des deut­schen Trai­ners Thors­ten Fink, als die­ser beim FC Ba­sel ar­bei­te­te. Hug­gel sagt: «Wir wur­den da­mals zwar Meis­ter, ge­rie­ten aber in mehr als der Hälf­te der Spie­le zu­erst in Rück­stand. Fink sag­te in der Pau­se: ‹Seid ihr ei­gent­lich al­les Ma­so­chis­ten? Muss man euch im­mer zu­erst auf den Arsch hau­en?›» Hug­gel schmun­zel­te und muss­te auf­pas­sen, dass ihn Fink nicht sah. Als der Trai­ner die Ka­bi­ne ver­las­sen hat­te, lach­ten al­le, «nicht we­gen des In­halts, son­dern we­gen der Wor­te, die Fink be­nutzt hat­te». Das Pro­blem ist nur: La­chen schafft Dis­tanz und rui­niert ei­ne Mo­ti­va­ti­ons­re­de. Die Bot­schaft kommt nicht mehr an.

Mar­ti­na Voss-teck­len­burg, Ex-na­tio­nal­trai­ne­rin der Schwei­zer Frau­en.

Pas­cal Zu­ber­büh­ler, Ex-na­tio­nal­tor­hü­ter.

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