Sin­gen und nie mehr auf­hö­ren

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Sport Stadion -

«Als Kind ging ich mit mei­nem Va­ter zu Duis­burg in die MSVA­re­na. Und als Trai­ne­rin ge­wann ich 2009 mit den Frau­en in die­sem Sta­di­on den Ue­fa-cup vor 28 000 Zu­schau­ern – ei­nes mei­ner schöns­ten sport­li­chen Er­leb­nis­se und dar­um mein Lieb­lings­sta­di­on.»

Jür­gen Klins­mann fin­det heu­te, bei der Wort­wahl an der WM sei es manch­mal «des Gu­ten zu viel ge­we­sen». Er hät­te es an­ders ma­chen müs­sen, dach­te er, als er den Film sah. Sei­ne jun­ge deut­sche Mann­schaft schei­ter­te erst im Halb­fi­nal an Ita­li­en.

Und dann ste­hen al­le auf und fan­gen an zu sin­gen. Drei Wör­ter hat die ers­te Stro­phe, und prak­ti­scher­wei­se sind die­se drei Wör­ter al­le gleich. Aber wenn dann aus 60 000 Keh­len im vol­len Olim­pi­co die­se ers­ten drei Wör­ter ins wei­te Rund schal­len, öff­net sich der Him­mel, und der lie­be Gott zeigt sei­ne See­le: «Ro­ma, Ro­ma, Ro­ma.» Man muss ei­ne klei­ne Pau­se ma­chen, weil es so schön ist und er­grei­fend und kit­schig. Auch wer nicht Rö­mer ist oder Ka­tho­lik.

An­to­nel­lo Ven­dit­ti heisst der Bar­de, des­sen Schnul­ze vor den Heim­spie­len der AS Ro­ma durch das Sta­di­on schmet­tert. Es gibt vie­le Klub-hym­nen, die meis­ten Ver­ei­ne ha­ben ei­ne. «You’ll Ne­ver Walk Alo­ne» ist die be­rühm­tes­te al­ler Hym­nen, ein Mu­si­cal-song aus dem Jahr 1945 und durch die Ver­si­on von Ger­ry & The Pa­ce­makers 1963 wie­der po­pu­lär ge­wor­den. Als an der An­field Road die Laut­spre­cher-an­la­ge ein­mal aus­fiel, wäh­rend das Lied ge­spielt wur­de, sol­len die Li­ver­pool-fans ein­fach wei­ter­ge­sun­gen – und nie mehr auf­ge­hört ha­ben. So geht die Le­gen­de.

Aus den Schwei­zer Sta­di­en ist der­glei­chen we­ni­ger zu be­rich­ten. Ma­ni Mat­ter hat es im­mer­hin in die YB- und die Fcz-kur­ve ge­schafft. Aber statt Lie­der zu sin­gen, ist eher die ge­brüll­te Schmä­hung des Geg­ners All­tag, ge­ge­be­nen­falls des Un­par­tei­ischen. Auch das mit Lei­bes­kraft ge­schrie­ne Hoch­le­ben-las­sen der ei­ge­nen Mann­schaft un­ter An­wen­dung von ein­fa­chen Rhyth­men ist ei­ne gän­gi­ge Aus­drucks­wei­se.

Sin­gen aber ist an­ders. Ro­ma, oh Ro­ma. das Sta­di­on be­reits voll war. Ein ers­ter Un­ter­su­chungs­be­richt, der Tay­lor-re­port, be­fasst sich in­ten­siv mit Hoo­li­ga­nis­mus und Al­ko­hol­kon­sum in Sta­di­en. Er emp­fiehlt, aus Si­cher­heits­grün­den Steh­plät­ze dras­tisch ein­zu­schrän­ken.

Fuss­ball­fans wer­den nun häu­fig als un­kon­trol­lier­ba­re Men­schen­mas­se wahr­ge­nom­men. Nicht nur, aber auch we­gen Hills­bo­rough. Oft be­trun­ken, manch­mal ge­walt­be­reit, stets sich und an­de­re ge­fähr­dend. In der Fol­ge ent­ste­hen in Gross­bri­tan­ni­en rei­ne Sitz­platzare­nen. Fi­fa und Ue­fa be­schlies­sen in in­ter­na­tio­na­len Spie­len Steh­platz­ver­bo­te.

Der Kampf der An­ge­hö­ri­gen um ei­ne ehr­li­che Au­f­ar­bei­tung des Un­glücks bleibt lan­ge ver­geb­lich. Aber sie las­sen nicht lo­cker. Schliess­lich gibt der ehe­ma­li­ge Po­li­zei­auf­se­her Du­cken­field zu, die fa­ta­le Tor­öff­nung selbst ver­an­lasst zu ha­ben. Er sagt, er wer­de die Lü­ge, Fans hät­ten den Ent­scheid er­zwun­gen, bis an sein Le­bens­en­de be­reu­en. 15 Jah­re nach dem Un­glück ent­schul­digt sich auch «The Sun». Die Be­richt­er­stat­tung über Hills­bo­rough sei «der schreck­lichs­te Feh­ler in der Ge­schich­te der Zei­tung» ge­we­sen. Noch spä­ter be­legt ein wei­te­rer Un­ter­su­chungs­be­richt schwe­re Po­li­zei­feh­ler am Tag der Tra­gö­die und spricht von «rechts­wid­ri­gen Tö­tun­gen».

Nur sehr lang­sam fin­det bei Sta­di­on­ver­ant­wort­li­chen wie­der ein Um­den­ken statt. Seit 2016 hat der Cel­tic Park, die Heim­stät­te von Cel­tic Glas­gow, wie­der ei­nen Steh­platz­sek­tor.

Du­cken­field steht jetzt vor Ge­richt. Trotz sei­ner Aus­sa­ge, in ei­nem zen­tra­len Punkt ge­lo­gen zu ha­ben, plä­diert der heu­te 74-Jäh­ri­ge in dem Pro­zess auf un­schul­dig. Frü­hes­tens am 14. Ja­nu­ar 2019 wird das Ur­teil er­war­tet.

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