Weg mit Blu­men, her mit Bier!

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Sport Stadion -

Das ist ja gera­de der Reiz an den Sta­di­en. Sie sind nicht pri­mär ei­ne Ar­chi­tek­tur­auf­ga­be. Das High­light ist der Ra­sen und das, was dar­auf pas­siert. Wenn man sagt, ein mo­der­nes Sta­di­on sei ge­sichts­los, dann meint man oft nicht die Ar­chi­tek­tur, son­dern Er­eig­nis­se, die dar­in noch nicht statt­ge­fun­den ha­ben: ein Ab­stieg, ein Auf­stieg, ein Ti­tel. Dass man mal am Zaun ge­lehnt und ge­heult hat – oder in Hoch­stim­mung nach Hau­se ging. Neue Sta­di­en brau­chen Zeit, um Pa­ti­na an­zu­neh­men.

Sie müs­sen sich als Ar­chi­tek­ten im­mer fra­gen, wie das Sta­di­on der Zu­kunft aus­sieht. Wie lau­tet Ih­re Pro­gno­se?

Bi­en­haus: Wir ha­ben uns das vor kur­zem im Auf­trag der Fi­fa über­legt. Das rea­le Er­leb­nis wird sich über­schnei­den mit der neus­ten Tech­no­lo­gie. Es wä­re schön, wenn die Sta­di­en häu­fi­ger ge­nutzt wür­den – nicht nur al­le vier­zehn Ta­ge beim Heim­spiel. Vi­el­leicht kann ich al­so bald dank mei­ner Goog­le-bril­le das Aus­wärts­spiel bei mir auf dem Ra­sen im Heim­sta­di­on se­hen. Dann müss­ten wir noch so weit kom­men, dass man die At­mo­sphä­re aus bei­den Sta­di­en ver­bin­den könn­te. Das Sta­di­on der Zu­kunft muss die rea­le mit der vir­tu­el­len Welt ver­bin­den.

Schö­ner: Da bin ich nicht glei­cher Mei­nung. Ich glau­be, es geht dar­um, dass wir den grü­nen Ra­sen so las­sen, wie er ist. Wir müs­sen die Goog­le-bril­le draus­sen las­sen, sonst ver­mischt sich am En­de al­les. Wenn ich ins Sta­di­on ge­he, will ich ab­schal­ten. Ich will vi­el­leicht im Tro­cke­nen ste­hen, es soll nicht win­den – aber die da un­ten, ganz ehr­lich, die sol­len schwit­zen, die sol­len frie­ren. Es muss pur blei­ben.

Bi­en­haus: Ja, ab­so­lut. Ich sag­te vor­her nicht, was ich ger­ne hät­te – son­dern das, von dem ich glau­be, dass es ir­gend­wann zur Rea­li­tät wer­den könn­te.

Kaum denkt man, dass sich die Er­kennt­nis durch­ge­setzt ha­be, dass auch Frau­en Fussball spie­len und drum halt ir­gend­wie zum Ver­ein ge­hö­ren, kommt der FC Ba­sel da­her. Bei der Fei­er zum 125-Jahr-ju­bi­lä­um vor ein paar Ta­gen ver­kauf­ten die Spie­le­rin­nen der ers­ten Mann­schaft Tom­bola­lo­se, wäh­rend ih­re Kol­le­gen ein Drei­gang­me­nü ge­nos­sen. Und nie­mand im Ver­ein merk­te, wie her­ab­las­send das wirk­te.

In al­ler Selbst­ver­ständ­lich­keit wei­sen Män­ner den Frau­en noch im­mer ih­ren Platz im Fussball zu. Das gilt für die Sport­le­rin­nen. Aber auch für die Frau­en im Sta­di­on.

Män­ner mei­nen nicht nur, den Platz von Frau­en zu ken­nen. Son­dern so­gar ih­re Be­dürf­nis­se. Vor ein paar Jah­ren fand in ei­nem Zürcher Fan­lo­kal ei­ne Po­di­ums­dis­kus­si­on zum da­ma­li­gen Sta­di­on­pro­jekt statt. Ei­ner der Be­für­wor­ter, ein Mann um die 40, ver­stieg sich in sei­nem Plä­doy­er zu ei­ner stei­len The­se. «Nor­mal struk­tu­rier­te Frau­en», sag­te er, «ge­hen we­gen der Toi­let­ten nicht in ein al­tes Sta­di­on. Sie wol­len mo­der­ne hy­gie­ni­sche An­la­gen.» Die Aus­sa­ge liess die Frau­en un­ver­mit­telt in Hei­ter­keit aus­bre­chen – be­son­ders die­je­ni­gen, die eben er­fah­ren hat­ten, dass sie nicht «nor­mal struk­tu­riert» sind, weil sie am al­ten Sta­di­on mit den zu­gi­gen WC hin­gen.

Die Deu­tungs­ho­heit dar­über, was der Fussball ist und wel­che Wer­te auf Feld und Rän­gen zäh­len, liegt so selbst­ver­ständ­lich bei den Män­nern, als wür­de er ih­nen ge­hö­ren. Um Kampf geht es, Här­te, Eh­re, Stolz. Wie wirk­sam die­se Zu­schrei­bun­gen im­mer noch sind, zeig­ten die Ul­tras von La­zio im ver­gan­ge­nen Au­gust: Sie ver­teil­ten ein Flug­blatt, das die Frau­en auf­for­der­te, die ers­ten zehn Rei­hen der Kur­ve den Män­nern zu über­las­sen. Frau­en hät­ten in «Schüt­zen­grä­ben» nichts zu su­chen. Nur: Wo dür­fen sie sein? Und was? Zum Bei­spiel ei­ne Art Frie­dens­tau­be.

2011 woll­te der tür­ki­sche Ver­band den Ver­ein Fe­ner­bah­ce we­gen Aus­schrei­tun­gen im Sta­di­on be­stra­fen. Er ord­ne­te nicht das ge­wohn­te Geis­ter­spiel an, son­dern öff­ne­te das Sta­di­on bei ei­ner Par­tie nur für Frau­en und Kin­der. 41 000 ka­men, die Spie­ler war­fen ih­nen Blu­men zu, wie Zei­tun­gen ge­rührt be­rich­ten. Die Idee ist über­ra­schend. Aber ist sie auch gut? Die Frau­en wur­den aus­drück­lich nicht als Fans ein­ge­la­den, die wild und laut und manch­mal un­an­stän­dig sind. Son­dern als Ge­gen­ent­wurf: ei­ne sanf­te Blu­men­kin­der­bri­ga­de. Den Frau­en blei­ben Rol­len, die nichts mit dem Fan zu tun ha­ben, der sei­nen un­flä­ti­gen Scha­ber­nack treibt. Sie dür­fen An­häng­sel sein, zu doof, um «off­side» zu be­grei­fen, oder Grou­pies, die auf Fuss­bal­ler ste­hen und es mit vol­lem Ein­satz vi­el­leicht zur Spie­ler­frau brin­gen. Und na­tür­lich dür­fen sie toll aus­se­hen, das macht et­was her für die Tv-über­tra­gung.

In den letz­ten Jah­ren ist ei­ne Va­ri­an­te da­zu­ge­kom­men. Mar­ke­ting­ex­per­ten ent­deck­ten sie als Ziel­grup­pe, sie soll­ten end­lich den Weg ins Sta­di­on fin­den. Die Young Boys zum Bei­spiel lan­cier­ten 2005 die so­ge­nann­te «La­dies Night». Frau­en er­hiel­ten ver­bil­lig­ten Ein­tritt und Cü­pli und Ape­rol Spritz zum Spe­zi­al­preis. Und wenn sie dann ge­nug an­ge­schi­ckert wa­ren, durf­ten sie ei­nen Fuss­bal­ler ver­na­schen. Ja, das ist bös­ar­tig. Aber wie ge­nau ist das Pla­kat zu in­ter­pre­tie­ren, mit dem 2011 für die «La­dies Night» ge­wor­ben wur­de? Dort

Bi­en­haus: Ein Sta­di­on wie ein Kunst­werk: 62 343 Zu­schau­er be­ob­ach­ten im Sta­de Vé­lo­dro­me in Mar­seil­le den Match zwi­schen En­g­land und Russ­land an der Eu­ro 2016 (11. Ju­ni 2016)

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