Je­re­my Cor­byn, die wich­tigs­te Ge­heim­waf­fe der Br­ex­i­teers

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International Brexit - Sebastian Bor­ger, Lon­don

Ei­ne wich­ti­ge Br­ex­it-re­de wür­de es wer­den, hat­ten die Spin­dok­to­ren an­ge­kün­digt und ho­he Er­war­tun­gen ge­weckt. Je­re­my Cor­byn, der bri­ti­sche Op­po­si­ti­ons­füh­rer, reis­te die­se Wo­che ins nord­eng­li­sche Wake­field. End­lich wür­de er sa­gen, wie die La­bourpar­tei das Dra­ma um das Br­ex­it-ab­kom­men lö­sen will.

Denn im­mer­hin soll das Un­ter­haus am kom­men­den Di­ens­tag über das Ver­hand­lungs­pa­ket ent­schei­den, das Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May aus Brüs­sel mit­ge­bracht hat. Wie gros­se Tei­le der kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rungs­frak­ti­on will auch La­bour den Aus­tritts­ver­trag ab­leh­nen, so viel steht fest. Aber was dann?

Seit der Wahl des mitt­ler­wei­le 69-jäh­ri­gen lin­ken Ve­te­ra­nen Cor­byn zum Par­tei­chef hat die al­te Ar­bei­ter­par­tei ei­nen un­ge- ahn­ten Auf­schwung er­lebt. Rund 540 000 Bri­ten ge­hö­ren da­zu, La­bour darf sich mit dem Ti­tel der gröss­ten Par­tei We­st­eu­ro­pas schmü­cken. Wie die über­wie­gend jun­gen Cor­byn-en­thu­si­as­ten den­ken, hat jüngst Pro­fes­sor Tim Ba­le von der Lon­do­ner Queen-ma­ry-uni­ver­si­tät er­mit­telt: Fast drei Vier­tel möch­ten mit­tels ei­nes zwei­ten Re­fe­ren­dums das Er­geb­nis der Volks­ab­stim­mung vom Ju­ni 2016 (52 : 48 Pro­zent) zu Fall brin­gen. Zu­neh­mend drän­gend for­dert die Ba­sis ei­ne ent­spre­chen­de Kurs­än­de­rung der Füh­rung.

Auf dem Par­tei­tag im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber ge­lang in letz­ter Mi­nu­te ein ge­wun­de­ner Kom­pro­miss. Wenn der «To­ry­brex­it», wie er im La­bour-jar­gon heisst, im Par­la­ment durch­fal­le, müs­se es zu Neu­wah­len kom­men. La­bour wer­de dann ei­ne bes­se­re Lö­sung für den Br­ex­it fin­den. Nur falls das Un­ter­haus sich der Selbst­auf­lö­sung ver­wei­ge­re und Neu­wah­len ver­hin­de­re, wer­de man die Idee ei­nes zwei­ten Re­fe­ren­dums ins Au­ge fas­sen.

Dass es mit Brüs­sel Neu­ver­hand­lun­gen über den Br­ex­it ge­ben könn­te, gilt als ex­trem un­wahr­schein­lich. Selbst in der Um­ge­bung von Keir St­ar­mer, dem Br­ex­it-spre­cher der Par­tei, wird das ein­ge­räumt. Doch in Wahr­heit ha­ben die merk­wür­dig ge­spreiz­ten For­mu­lie­run­gen der La­bour-füh­rung zum Br­ex­it nur ei­ne Ur­sa­che: Je­re­my Cor­byn. Denn der La­bour-vor­sit­zen­de ist selbst ein Be­für­wor­ter des EUAus­tritts.

Der le­bens­lan­ge Ak­ti­vist oh­ne Uni-ab­schluss und Be­rufs­aus­bil­dung nennt sich stolz ei­nen In­ter­na­tio­na­lis­ten. Sein po­li­ti­sches In­ter­es­se speist sich aus der Em­pö­rung über Kon­stan­ten der Us-aus­sen­po­li­tik: das Bünd­nis mit Is­ra­el zu­un­guns­ten der Pa­läs­ti­nen­ser; die jahr­zehn­te­lan­ge Feind­se­lig­keit ge­gen­über Ku­ba; die Un­ter­stüt­zung für die Dik­ta­to­ren Latein­ame­ri­kas wäh­rend des Kal­ten Kriegs. Cor­byn spricht her­vor­ra­gend Spa­nisch, sei­ne zwei­te Frau kommt aus Chi­le, sei­ne drit­te ist Me­xi­ka­ne­rin. Die ge­mein­sa­me Kat­ze hört auf den Na­men El Ga­to (spa­nisch für Kat­ze).

Der Skep­sis, ja Feind­se­lig­keit ge­gen­über dem po­li­ti­schen Pro­jekt Eu­ro­pa ist der Par­tei­lin­ke treu ge­blie­ben.

Als der da­ma­li­ge La­bour-chef und Pre­mier­mi­nis­ter Ha­rold Wil­son 1975 ei­ne Volks­ab­stim­mung über die erst zwei Jah­re zu­vor be­gon­ne­ne Mit­glied­schaft in der da­ma­li­gen EWG aus­rief, ge­hör­te Cor­byn zur Min­der­heit von 33 Pro­zent, die mit Nein stimm­te. Und so blieb es auch nach sei­nem Ein­zug ins Un­ter­haus. Je­den In­te­gra­ti­ons­schritt hin zur heu­ti­gen EU hat der as­ke­ti­sche Ve­ge­ta­ri­er mit dem eis­grau­en Voll­bart ab­ge­lehnt. Ge­drängt von der Eu-freund­li­chen Par­tei­ba­sis und der Un­ter­haus­frak­ti­on, sprach er sich 2016 für den Ver­bleib aus, en­ga­gier­te sich im Re­fe­ren­dums­kampf aber sel­ten und lust­los. Sei­ne Mei­nungs­äus­se­run­gen seit­her klin­gen stets un­in­spi­riert.

Wie die Re­de in Wake­field. 15 Mi­nu­ten lang wie­der­holt Cor­byn die be­kann­ten For­meln, weicht an­schlies­send al­len boh­ren­den Jour­na­lis­ten­fra­gen aus. Die Stra­te­gie ist klar: Die Wäh­ler­schaft soll das Br­ex­it-schla­mas­sel aus­schliess­lich mit den re­gie­ren­den To­rys as­so­zi­ie­ren. «Wir müs­sen die nächs­te Wahl ge­win­nen, und da­für müs­sen wir uns so lang wie mög­lich her­aus­hal­ten», ist laut ei­nem In­si­der der Plan. Ob die­ser auf­geht, ist un­ge­wiss. In Um­fra­gen liegt La­bour im­mer noch hin­ter den zer­strit­te­nen To­rys.

Im­mer schon Eu-skep­ti­ker: La­bour-chef Cor­byn.

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