Nur noch Do­sen­sup­pe und Erd­nuss­but­ter­bro­te

Wei­te Tei­le der Us-re­gie­rung sind seit drei Wo­chen still­ge­legt. Den be­trof­fe­nen Be­am­ten geht bald das Geld aus

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International - Andre­as Mink, New York

«Heu­te hat­ten wir den ers­ten Lohn­aus­fall», sagt Bill in der öden Lob­by ei­nes Ho­tels bei ei­nem gros­sen Flug­ha­fen in Neu­eng­land. Der 59-Jäh­ri­ge, der ei­gent­lich an­ders heisst, ar­bei­tet dort seit 2002 als Be­am­ter der Flug­si­cher­heits­be­hör­de TSA. «Aber mit un­se­rem nor­ma­len Le­ben war es nach Weih­nach­ten vor­bei. Statt Ham­bur­ger oder Pou­let gibt es Do­sen­sup­pe und Bro­te mit Erd­nuss­but­ter.» Seit den Fest­ta­gen sind in den USA meh­re­re staat­li­che Be­hör­den still­ge­legt. Prä­si­dent Do­nald Trump und die De­mo­kra­ten im Kon­gress fin­den im Streit um die Fi­nan­zie­rung ei­ner Mau­er zur Si­che­rung der Gren­ze zu Me­xi­ko kei­ne Ei­ni­gung. Da­mit fehlt ein Bud­get für ein Vier­tel des Staats­ap­pa­rats mit rund 800 000 An­ge­stell­ten.

Be­reits am Frei­tag hat die­ser «Shut­down» den Re­kord von drei Wo­chen aus der Cl­in­ton-ära 1996 ge­bro­chen. Un­ter Trump ha­ben Re­gie­rungs­an­ge­stell­te ins­ge­samt drei Shut­downs er­lebt. Doch die ge­gen­wär­ti­ge Still­le­gung stür­ze die Na­ti­on in ei­ne Kri­se ganz neu­er Art, sagt Bill. Er kann kein En­de der Blo­cka­de ab­se­hen. Zu stur sei­en bei­de Sei­ten in Washington: «Die er­war­ten von uns Pflicht­er­fül­lung und ver­hal­ten sich selbst ab­so­lut ver­ant­wor­tungs­los. Und wir sind Gei­seln die­ser Po­li­ti­ker», klagt er. Auf Un­ter­stüt­zer bei sei­nem Shut­down kann Trump bei der TSA laut Bill nicht rech­nen. Er be­zeich­net die Aus­sa­gen des Prä­si­den­ten da­zu als schlech­ten Scherz: «Erst sag­te er, wir Bun­des­be­diens­te­ten sei­en so­wie­so al­le De­mo­kra­ten und da­mit un­wich­tig. Und jetzt be­haup­tet er, wir un­ter­stütz­ten ihn al­le.»

Im­mer­hin sind der Be­am­te und sei­ne eben­falls ar­bei­ten­de Frau froh, dass sie kei­ne Kin­der mehr ver­sor­gen müs­sen. Den­noch hat das Paar bes­ten­falls Er­spar­nis­se für drei Mo­na­te, um ih­re Hy­po­thek, Strom, Was­ser oder das Han­dy­abon­ne­ment zu be­zah­len: «Da schnal­len wir lie­ber jetzt schon den Gür­tel en­ger», sagt Bill. Aber bald wer­de es wirk­lich schwie­rig: «Dann muss ich ent­schei­den, ob ich die letz­ten Dol­lars für Es­sen oder Ben­zin ver­wen­de.» Den Treib­stoff braucht er, um an sei­nen Ar­beits­platz zu kom­men. Wie rund die Hälf­te der Be­trof­fe­nen sind die 40 000 TSABe­am­ten als «ent­schei­dend» für die na­tio­na­le Si­cher­heit ein­ge­stuft. Sie ha­ben da­her auch oh­ne Ge­halt ih­re Pflicht zu er­fül­len.

Chao­ti­scher als bis­her

Bill nennt das ab­surd: «Wir müs­sen unser letz­tes Geld aus­ge­ben, um ei­ne Ar­beit zu tun, für die wir dann nicht be­zahlt wer­den.» Hil­fe vom Tsa-ma­nage­ment kön­nen er und sei­ne Kol­le­gen nicht er­war­ten. Die Re­gie­rung hat ein amt­li­ches of­fi­zi­el­les Schrei­ben an Kre­dit­ge­ber oder Ver­mie­ter ver­schickt, das mit Hin­weis auf den Shut­down um St­un­dung fäl­li­ger Zah­lun­gen bit­tet. Doch die­ses ist kei­nes­falls bin­dend.

Ins­ge­samt ver­läuft die jet­zi­ge Still­le­gung chao­ti­scher als frü­he­re Kri­sen. So wur­den Na­tio­nal­parks häu­fig nicht ein­mal or­dent­lich für Be­su­cher ge­schlos­sen, und Be­am­te kla­gen über man­geln­de In­for­ma­ti­on et­wa zu ih­rer Kran­ken­ver­si­che­rung. Wo­mög­lich müs­sen sie Be­hand­lungs­kos­ten vor­erst selbst tra­gen. Die Küs­ten­wa­che rät ih­rem Per­so­nal der­weil zum Ver­kauf von Hab­se­lig­kei­ten.

Wald­hü­ter im Wes­ten or­ga­ni­sie­ren «Food Banks», an de­nen Bür­ger Nah­rungs­mit­tel für Shut­down-be­trof­fe­ne spen­den kön­nen. An ein­zel­nen Flug­hä­fen ha­ben Tsa-mit­ar­bei­ter eben­falls Food Banks or­ga­ni­siert. Bill sagt, Pas­sa­gie­re bö­ten im­mer wie­der Geld für Nah­rungs­mit­tel an, aber sie dürf­ten nichts an­neh­men. An­de­re Flug­gäs­te hät­ten je­doch kei­ne Sym­pa­thie und ver­lang­ten barsch ei­ne flot­te Ab­fer­ti­gung.

Sein Pflicht­be­wusst­sein lässt Bill je­den Mor­gen zur Schicht kom­men. Gut be­zahlt wer­den er und sei­ne Kol­le­gen wie die meis­ten Be­am­ten nicht. Der Ein­stiegs­lohn bei der TSA liegt un­ter den 14 Dol­lar pro St­un­de beim «Mcdo­nald’s» des Flug­ha­fens. Im jet­zi­gen Shut­down wird deut­lich, dass Staats­an­ge­stell­te stark vom Be­wusst­sein mo­ti­viert wer­den, ih­rer Na­ti­on un­ent­behr­li­che Di­ens­te zu leis­ten.

Vie­le Be­trof­fe­ne ste­hen fi­nan­zi­ell be­reits am Ab­grund. Und dies mit schlech­ten Aus­sich­ten. Blei­ben sie Zah­lun­gen schul­dig, schlägt dies so­fort auf ih­re Ein­stu­fung bei Kre­dit­agen­tu­ren durch. Das er­schwert zu­künf­ti­ge An­schaf­fun­gen von Kühl­schrän­ken über Au­tos bis zum Ei­gen­heim. Aber ei­gent­lich sei­en Staats­an­ge­stell­te durch ih­ren Ar­beits­ver­trag ver­pflich­tet, ih­re «Credit Ra­tings» sta­bil zu hal­ten und kei­ne Schul­den zu ma­chen, sagt Bill: «Wir ste­cken in ei­ner wahn­wit­zi­gen und de­pri­mie­ren­den Si­tua­ti­on.» Selbst wenn der Shut­down, et­wa über die Aus­ru­fung ei­nes Not­stan­des durch den Prä­si­den­ten, bei­ge­legt wer­den soll­te, den Be­trof­fe­nen dro­hen ein bü­ro­kra­ti­scher Alb­traum und deut­li­che Ein­bus­sen, et­wa über hö­her be­steu­er­te Nach­zah­lun­gen und Ab­zü­ge von Ren­ten­und Ver­si­che­rungs­bei­trä­gen.

An­griff auf den Staat

Vie­le Be­am­te se­hen wie Bill den Shut­down als An­zei­chen ei­ner tie­fer ge­hen­den Atta­cke auf die Be­hör­den ge­ne­rell. Von Trump un­ter­stützt, ru­fen Kon­ser­va­ti­ve im­mer lau­ter nach der um­fas­sen­den Pri­va­ti­sie­rung staat­li­cher Di­enst­leis­tun­gen so­wie öf­fent­li­cher Län­de­rei­en und Na­tio­nal­parks. Die Re­gie­rung hat schon vor dem Shut­down Ge­häl­ter ein­ge­fro­ren und Bo­ni zum Jah­res­en­de ge­stri­chen.

Bill ver­sucht den­noch, op­ti­mis­tisch zu blei­ben und fins­te­re Ge­dan­ken zu ver­drän­gen. Aber in der tris­ten Ho­tel­lob­by packt ihn doch ei­ne tie­fe Ver­zweif­lung. Es ge­he ja gar nicht um ihn per­sön­lich. Für die na­tio­na­le Si­cher­heit wer­de es je­den Tag ge­fähr­li­cher: «Kol­le­gen su­chen neue Jobs oder mel­den sich krank. Un­se­re Ef­fi­zi­enz ist be­droht.» Der Shut­down könn­te Ter­ro­ris­ten zu An­schlä­gen auf den Flug­ver­kehr er­mu­ti­gen. «Und da­bei hat der Prä­si­dent die Kri­se aus­ge­löst, weil er Ame­ri­ka an­geb­lich vor Ter­ror und Ver­bre­chen schüt­zen will.»

Auch im O’ha­re In­ter­na­tio­nal Air­port in Chicago müs­sen die Si­cher­heits­be­am­ten oh­ne Lohn ar­bei­ten. (8. Ja­nu­ar 2019)

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