Jobs nur ge­gen Schmier­geld

Die Löh­ne rei­chen nicht zum Le­ben, die Re­gie­rung un­ter­drückt ih­re Kri­ti­ker: In Ban­gla­desh sieht die Ju­gend für sich kei­ne Zu­kunft. Wer kann, setzt sich ins Aus­land ab.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International Bangladesh - Von Ul­ri­ke Putz, Dha­ka

Es ist ein Mitt­woch im De­zem­ber, und in der ban­ga­li­sche Haupt­stadt Dha­ka geht wie­der ein­mal nichts mehr: Stoss­stan­ge an Stoss­stan­ge blo­ckie­ren zer­beul­te Au­tos und ur­al­te, schrun­di­ge Bus­se ei­ne Kreu­zung. Mo­tor­rä­der drän­geln sich in je­de Lü­cke, sinn­lo­ses Hu­pen reizt die Ner­ven, die Ab­ga­se von schlech­tem Die­sel hän­gen schwer und gif­tig in der Luft. Mah­fuz starrt ner­vös auf das Cha­os vor der Wind­schutz­schei­be, wäh­rend er er­klärt, war­um er – wie auch an­de­re Ge­sprächs­part­ner – sei­nen ech­ten Na­men nicht in der Zei­tung le­sen will: Vor we­ni­gen Wo­chen wur­de er von der Po­li­zei auf­ge­grif­fen. Die Be­am­ten hiel­ten sei­nen Hips­ter­schnauz für ei­nen Is­la­mis­ten­bart.

«18 St­un­den lang ha­ben sie mich ver­hört und mei­ne Face­book­ und Ins­ta­gram­kon­ten un­ter die Lu­pe ge­nom­men», sagt der 33-Jäh­ri­ge. «Ich sass da mit Hand­schel­len, krumm an ei­nen Tisch ge­fes­selt, und hat­te To­des­angst.» Im­mer wie­der hät­ten die Be­am­ten ihn be­zich­tigt, et­was ge­gen Sheikh Ha­si­na zu pla­nen, er­zählt Mah­fuz, der vor drei Jah­ren ein Stu­di­um als Web­de­si­gner ab­ge­schlos­sen hat. Nur mit äus­sers­ter Mü­he ha­be er die Män­ner da­von über­zeu­gen kön­nen, dass er nichts ge­gen die Pre­mier­mi­nis­te­rin im Schil­de füh­re.

Dass die au­to­ri­tär re­gie­ren­de Sheikh Ha­si­na ih­ren jun­gen Lands­leu­ten miss­traut, hat sei­ne Grün­de. Mah­fuz ge­hört ei­ner Ge­ne­ra­ti­on an, die sich ei­ne bes­se­re Zu­kunft er­hofft hat und nun er­le­ben muss, dass aus ih­ren Träu­men nichts wird. Der Zorn dar­über brach sich im ver­gan­ge­nen Som­mer Bahn, als ein schwe­rer Bu­s­un­fall Zehn­tau­sen­de Ju­gend­li­che auf die Stras­sen Dha­kas brach­te. Aus den Pro­tes­ten ge­gen die man­geln­de Si­cher­heit im Ver­kehr wur­de ei­ne wo­chen­lan­ge Re­vol­te ge­gen die Kor­rup­ti­on im Staat und die Per­spek­tiv­lo­sig­keit des Le­bens in ei­nem der be­völ­ke­rungs­reichs­ten Län­der der Welt. Die Re­gie­rung liess die Pro­tes­te schliess­lich ge­walt­sam nie­der­schla­gen.

Mah­fuz kann von Glück sa­gen, dass die Be­am­ten ihn lau­fen lies­sen. Vie­le sei­ner Lands­leu­te, die die Po­li­zei mit auf den Pos­ten nimmt, tau­chen gar nicht wie­der auf. 2017 gab es in Ban­gla­desh laut Hu­man Rights Watch min­des­tens acht­zig Fäl­le, in de­nen Fest­ge­nom­me­ne spur­los ver­schwan­den. Die­ses Jahr wur­den bei ei­nem Feld­zug ge­gen Dro­gen­händ­ler und Süch­ti­ge et­wa 25 000 Ban­ga­len fest­ge­nom­men und gar 200 Per­so­nen von Si­cher­heits­kräf­ten ge­tö­tet. Die Kam­pa­gne sei ein Vor­wand, um Kri­ti­ker der Re­gie­rung ein­zu­schüch­tern und aus dem Weg zu räu­men, sa­gen Men­schen­recht­ler.

Nur noch glatt­ra­siert

Auch Mah­fuz hat Angst da­vor, noch ein­mal ins Vi­sier der Si­cher­heits­kräf­te zu ge­ra­ten. Er läuft in­zwi­schen glatt­ra­siert her­um. Aus lau­ter Vor­sicht ganz den Mund hal­ten will er aber doch nicht. Wäh­rend das Ta­xi sich zen­ti­me­ter­wei­se dem Re­stau­rant Star Ke­bab und ei­nem Mit­tags­mahl aus Reis und scharf ge­würz­tem Huhn ent­ge­gen­schiebt, macht er sei­nem Zorn Luft: Sheikh Ha­si­na und ih­re Par­tei­gän­ger hät­ten aus Ban­gla­desh ein Land ge­macht, in dem die Ju­gend kei­ne Chan­ce ha­be. «Uns wird die Zu­kunft ge­stoh­len», klagt Mah­fuz.

Ban­gla­desh hat sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten vom Ar­men­haus Asi­ens zu ei­nem in­dus­tria­li­sier­ten Schwel­len­land mit kräf­ti­gem Wirt­schafts­wachs­tum ge­mau­sert. In­zwi­schen wohnt über ein Drit­tel der 165 Mil­lio­nen Ein­woh­ner in wu­chern­den Städ­ten. Al­lein in Dha­ka le­ben 18 Mil­lio­nen Men­schen. Hier hat die Ju­gend zwar Zu­gang zu staat­li­chen Schu­len und Gra­tisU­ni­ver­si­tä­ten. Doch mit dem En­de der Aus­bil­dung en­det auch die Schon­zeit für sie. Auf dem Ar­beits­markt herrscht gna­den­lo­se Kon­kur­renz – ei­ne Fol­ge des­sen, dass sich Ban­gla­deshs Be­völ­ke­rung in den letz­ten 50 Jah­ren ver­drei­facht hat.

«Wir ha­ben ei­ne gu­te Aus­bil­dung, aber trotz­dem kei­ne Chan­ce», sagt Ro­ni. Der 23-Jäh­ri­ge hat Ge­schich­te stu­diert, aber nur Ar­beit als Kell­ner ge­fun­den. Er ser­viert das be­stell­te Huhn. Ro­ni ist da­bei, den Weg zu ge­hen, den im­mer mehr frus­trier­te Ban­ga­len ein­schla­gen: den ins Aus­land. «Ich ha­be mich für ei­ne Re­stau­rant­stel­le in Ma­lay­sia be­wor­ben», sagt der His­to­ri­ker, der sich kei­ne Il­lu­sio­nen macht, wie sein Le­ben aus­se­hen wird, soll­te er die An­stel­lung be­kom­men. «15 bis 20 Jah­re Gas­t­ar­bei­ter, ein Bett im Wohn­heim, Frau und Kin­der sieht man nur al­le zwei Jah­re», so um­reisst Ro­ni das Schick­sal der et­wa 10 Mil­lio­nen Ban­ga­len, die laut Zäh­lung der Welt­bank im Aus­land le­ben und ar­bei­ten.

Vie­le der Ban­ga­len, die für ei­ne Ar­beits­stel­le ins Aus­land ge­hen, sind Aka­de­mi­ker. Doch statt als In­ge­nieu­re, Ar­chi­tek­ten oder Ärz­te zu ar­bei­ten, job­ben sie als Bau­ar­bei­ter oder Kran­ken­pfle­ger. Der Drang zu ge­hen sei grös­ser denn je, sagt auch Sa­di­kur Rah­man, Buch­hal­ter bei ei­ner Ver­mitt­lungs­agen­tur für Gas­t­ar­bei­ter. «2017 ha­ben wir 30 000 Män­ner ins Aus­land ver­mit­telt. Die­ses Jahr wa­ren es et­wa 50 000.» Et­wa 3400 Fran­ken Ge­bühr müss­ten die Ar­bei­ter zah­len, um mit ei­nem Drei­jah­res­ver­trag nach Ma­lay­sia, Du­bai oder Sau­di­ara­bi­en zu ge­hen. «Die meis­ten ar­bei­ten die ers­ten zwei Jah­re, um die Ver­mitt­lungs­ge­bühr ab­zu­zah­len, und ma­chen ab dem drit­ten Jahr Geld», sagt Rah­man.

Wer auf il­le­ga­lem Weg nach Eu­ro­pa will, muss so­gar noch mehr Geld auf den Tisch le­gen. Et­wa 10 000 Fran­ken neh­men Schlep­per, die ban­ga­li­sche Mi­gran­ten zu­erst nach Nord­afri­ka und dann per Boot übers Mit­tel­meer brin­gen. Bei der In­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­ti­on für Mi­gra­ti­on steht Ban­gla­desh auf der Lis­te der Her­kunfts­län­der von in Eu­ro­pa an­lan­den­den Flücht­lin­gen seit neu­es­tem mit ganz oben.

Wer bleibt, auf den war­tet ein har­tes Le­ben. «Nach dem Stu­di­um ha­be ich als Web­de­si­gner 110 Fran­ken im Mo­nat ver­dient. Ich hät­te das Dop­pel­te ge­braucht, um über die Run­den zu kom­men», sagt Mah­fuz. In­zwi­schen ver­dient er als Frei­be­ruf­ler et­was Ban­gla­desh in Süd­asi­en mehr Geld, muss aber trotz­dem mit vier Freun­den ei­ne Drei­zim­mer­woh­nung tei­len. «Wir schla­fen zwei pro Zim­mer und ab­wechs­lungs­wei­se ei­ner im Wohn­zim­mer.» Den Haus­halt der Jung­ge­sel­len führt ei­ne äl­te­re Frau aus der Pro­vinz, die da­für ei­nen Hun­ger­lohn be­kommt. «Im­mer noch mehr, als sie als Feld­ar­bei­te­rin ver­die­nen wür­de», sagt Mah­fuz mit der Gna­den­lo­sig­keit der­je­ni­gen, die nichts zu ver­schen­ken ha­ben.

Bil­der ge­gen Miss­stän­de

Die Kunst­ga­le­rie Drik ist in ei­nem bes­se­ren Quar­tier Dha­kas ge­le­gen. Hier sind die Trot­toirs brei­ter, im Schat­ten der Bäu­me ver­kau­fen Stras­sen­händ­ler kleb­ri­gen Tee und Bil­lig­i­mi­ta­te teu­rer Son­nen­bril­len. In der Ga­le­rie steht Jo­ni und freut sich über sei­nen Er­folg: Ei­ne ko­lo­rier­te Zeich­nung des 15-Jäh­ri­gen ist von der An­tiKor­rup­ti­ons­or­ga­ni­sa­ti­on Trans­pa­ren­cy In­ter­na­tio­nal preis­ge­krönt wor­den und prangt im Schein­wer­fer­licht. «Lasst uns ge­gen Kor­rup­ti­on pro­tes­tie­ren und das Land un­se­rer Träu­me er­schaf­fen» ist der Ti­tel des Werks, in dem Bür­ger sich mu­tig ei­ner Schar von Po­li­ti­kern ent­ge­gen­stel­len, die als Schach­fi­gu­ren dar­ge­stellt sind.

Fast 500 Fo­to­gra­fen und Künst­ler wa­ren dem Auf­ruf ge­folgt, den Filz in ih­rer Hei­mat bild­lich dar­zu­stel­len. Ist es nicht ge­fähr­lich, die Miss­stän­de im Land so of­fen auf­zu­zei­gen? «Es ist ja nun wirk­lich kein Ge­heim­nis, dass die Po­li­zei und die Po­li­tik kor­rupt sind. Je­der Ban­ga­le weiss das», winkt Jo­nis Mut­ter ab. Sei­ne Schwes­ter kann ein Lied da­von sin­gen: Sie ha­be zwar die No­ten ge­habt, um die be­gehr­te hö­he­re Be­am­ten­lauf­bahn ein­schla­gen zu kön­nen, sich das aber fi­nan­zi­ell nicht leis­ten kön­nen, sagt die 23-Jäh­ri­ge. Um­ge­rech­net 23 000 Fran­ken «Gush», Schmier­geld, ha­be der zu­stän­di­ge Be­am­te ver­langt, zahl­bar in Gold oder Dol­lar. «Jetzt stu­die­re ich statt­des­sen Land­wirt­schaft. Und wenn ich da­nach kei­nen Job fin­de, ge­he ich eben ins Aus­land.»

Statt als In­ge­nieu­re oder Ar­chi­tek­ten job­ben sie im Aus­land als Pfle­ger oder Bau­ar­bei­ter

DIE Wut über ei­nen Bu­s­un­fall mit zwei to­ten Stu­den­ten trieb Zehn­tau­sen­de jun­ger Ban­ga­len in Dha­ka auf die Stras­se.(5. Au­gust 2018)

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