FBI stösst auf 9000 Fäl­le von Kin­der­por­no­gra­fie aus der Schweiz

Ver­dachts­mel­dun­gen aus den USA ha­ben sich in­nert fünf Jah­ren fast ver­zwan­zig­facht

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Lu­kas Häupt­li

Der Mann ist An­ge­stell­ter des Bun­des und steht im Ver­dacht, über ei­nen ame­ri­ka­ni­schen In­ter­net­an­bie­ter Fotos mit ver­bo­te­ner Kin­der­por­no­gra­fie auf sei­nen Bü­ro­com­pu­ter ge­la­den zu ha­ben. Das Bun­des­amt für Po­li­zei (Fed­pol) mel­de­te den Fall letz­tes Jahr den zu­stän­di­gen kan­to­na­len Straf­ver­fol­gern. Und die­se klä­ren ge­gen­wär­tig ab, wel­che ih­rer Staats­an­walt­schaf­ten im Fall er­mit­teln soll.

Den Hin­weis auf den Bun­des­an­ge­stell­ten hat­te Fed­pol vom ame­ri­ka­ni­schen Fe­deral Bu­reau of In­ves­ti­ga­ti­on (FBI) er­hal­ten. In den USA müs­sen al­le In­ter­net­an­bie­ter Fäl­le von mut­mass­li­cher Kin­der­por­no­gra­fie der Bun­des­po­li­zei mel­den. Die­se sich­tet die Ver­dachts­mel­dun­gen und lei­tet die­je­ni­gen Fäl­le, die aus­län­di­sche Com­pu­ter­be­sit­zer be­tref­fen, an die Straf­ver­fol­ger der je­wei­li­gen Län­der wei­ter.

Auf die­sem Weg er­hielt Fed­pol letz­tes Jahr al­ler­dings nicht nur den Hin­weis auf den Bun­des­an­ge­stell­ten, son­dern ins­ge­samt «rund 9000 Meldungen» zu Com­pu­tern und ih­ren Nut­zern aus der Schweiz. Das sagt Fed­pol-spre­che­rin Lul­za­na Mus­liu. Die Per­so­nen wer­den ver­däch­tigt, über ame­ri­ka­ni­sche In­ter­net­an­bie­ter ver­bo­te­ne Kin­der­por­no­gra­fie auf ih­re Com­pu­ter oder von dort ins Netz ge­la­den zu ha­ben.

«Be­sorg­nis­er­re­gend»

Die 9000 Meldungen sind ein Re­kord­wert. 2014, als die USA zum ers­ten Mal Ver­dachts­fäl­le in die Schweiz ge­mel­det hat­ten, lag die Zahl noch bei rund 480. Ein Jahr spä­ter stieg sie auf 2100, 2016 auf 3000 und 2017 auf rund 5400. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Zahl der Meldungen hat sich in­nert fünf Jah­ren fast ver­zwan­zig­facht.

Das zeigt vor al­lem ei­nes: Der Kon­sum von ver­bo­te­ner Kin­der- por­no­gra­fie steigt und steigt. «Er hat ein be­sorg­nis­er­re­gen­des Aus­mass er­reicht», sagt da­zu Xe­nia Schle­gel, Ge­schäfts­füh­re­rin der Stif­tung Kin­der­schutz Schweiz. «Über die ste­tig stei­gen­den Ver­dachts­mel­dun­gen aus den USA sind wir zu­neh­mend be­sorgt.»

Fed­pol un­ter­zieht die FBIMel­dun­gen ei­ner Vor­prü­fung und lei­tet die­je­ni­gen Fäl­le, bei de­nen der Ver­dacht auf ei­ne Straf­tat be­steht, an die zu­stän­di­gen Straf­ver­fol­ger wei­ter. Da­ne­ben ge­hen die Er­mitt­ler des Bun­des selbst ge­gen Kon­su­men­ten von Kin­der­por­no­gra­fie vor, in ers­ter Li­nie mit ver­deck­ten Er­mitt­lun­gen und so­ge­nann­ten Peer-to-peer-scans. Das sind soft­ware­b­a­sier­te Über­wa­chun­gen von Ver­däch­ti­gen im In­ter­net. Auch die Zahl der so er­mit­tel­ten Fäl­le von ver­bo­te­ner Kin­der­por­no­gra­fie steigt von Jahr zu Jahr, und zwar von rund 400 im Jahr 2014 auf rund 1000 im Jahr 2017. Die Mehr­zahl die­ser Fäl­le be­tra­fen Ver­däch­ti­ge aus dem Aus­land.

Der Markt der Kin­der­por­no­gra­fie kennt kei­ne Lan­des­gren­zen. Ent­spre­chend müs­sen Straf­ver­fol­ger in die­sem Be­reich mit an­de­ren Be­hör­den zu­sam­men­ar­bei­ten – im Aus­land, aber auch im In­land. Ob das in der Schweiz im­mer pas­siert, ist frag­lich. Im Fall des ein­gangs er­wähn­ten Bun­des­an­ge­stell­ten et­wa ist selbst meh­re­re Mo­na­te nach Ein­gang der Ver­dachts­mel­dung aus den USA noch im­mer kein Straf­ver­fah­ren er­öff­net wor­den. Das liegt dar­an, dass sich die für die Er­mitt­lun­gen in Fra­ge kom­men­den Straf­ver­fol­ger lang nicht ei­nig wur­den, wer für den Fall for­mell zu­stän­dig ist. «Dass so viel Zeit ver­streicht, bis Er­mitt­lun­gen ein­ge­lei­tet wer­den, ist sehr, sehr stos­send», sagt Xe­nia Schle­gel von Kin­der­schutz Schweiz.

Da­zu kommt: Nicht al­le 26 kan­to­na­len Staats­an­walt­schaf­ten schei­nen in Fäl­len mut­mass­li­cher Kin­der­por­no­gra­fie mit glei­chem Elan vor­zu­ge­hen. «Rein straf­recht­lich sind das klei­ne­re De­lik­te», sagt bei­spiels­wei­se ein Staats­an­walt. Das un­ter­schied­li­che Vor­ge­hen der Kan­to­ne in die­sem Be­reich war schon vor vier Jah­ren Ge­gen­stand ei­ner In­ter­pel­la­ti­on von Bdp-na­tio­nal­rat Bern­hard Guhl. Der Bun­des­rat hielt da­zu aber le­dig­lich fest, er dür­fe sich «auf­grund der ver­fas­sungs­mäs­si­gen Kom­pe­tenz­ver­tei­lung» nicht in kan­to­na­le Straf­ver­fah­ren ein­mi­schen.

Nur 580 Ver­ur­tei­lun­gen

Tat­sa­che ist, dass trotz Tau­sen­den Ver­dachts­mel­dun­gen in der Schweiz ver­hält­nis­mäs­sig we­ni­ge Per­so­nen we­gen des Kon­sums von Kin­der­por­no­gra­fie und an­de­rer ver­bo­te­ner Por­no­gra­fie ver­ur­teilt wer­den. 2017 wa­ren es 580 – gleich vie­le wie 2014.

Auch aus die­sem Grund for­dert die Stif­tung Kin­der­schutz Schweiz schär­fe­re Mass­nah­men ge­gen Kin­der­por­no­gra­fie, Kin­der­pro­sti­tu­ti­on und Kin­der­han­del. So soll im Fern­mel­de­ge­setz, das ge­gen­wär­tig re­vi­diert wird, ei­ne Mel­de­pflicht für In­ter­net­an­bie­ter vor­ge­schrie­ben wer­den. «Wir ver­lan­gen, dass die Pro­vi­der in der Schweiz Ver­dachts­fäl­le von Kin­der­por­no­gra­fie un­ver­züg­lich der Bun­des­po­li­zei mel­den müs­sen», sagt Ge­schäfts­füh­re­rin Xe­nia Schle­gel. «Wie die USA be­wei­sen, stärkt ei­ne sol­che Mel­de­pflicht den Kampf ge­gen Kin­der­por­no­gra­fie nach­weis­lich.»

Da­ne­ben for­dert die Stif­tung, dass die Be­hör­den das kin­der­por­no­gra­fi­sche Ma­te­ri­al, das sie im In­ter­net fin­den, nicht nur sper­ren, son­dern lö­schen. Und schliess­lich sol­len Fäl­le von Kin­der­por­no­gra­fie künf­tig nicht mehr nur Fed­pol, son­dern auch pri­va­ten Mel­de­stel­len ge­mel­det wer­den kön­nen.

Kin­der­por­no­gra­fie im In­ter­net kennt kei­ne Lan­des­gren­zen. Kom­men die kan­to­na­len Er­mitt­ler da noch mit?

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