Das ist der Mas­ter­plan der Mit­te

Die vier Mit­te­par­tei­en wol­len sich bei den Wah­len lan­des­weit ge­gen­sei­tig un­ter­stüt­zen. Die SVP strebt ei­ne Al­li­anz mit der FDP an, kriegt von die­ser aber ei­ne Ab­fuhr.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz Wahlen - Von Da­ni­el Fried­li und Andrea Kuče­ra

Die Wah­len ge­winnt, wer den bes­ten Wahl­kampf macht. Die­se Aus­sa­ge ist nicht falsch, aber doch nur die hal­be Wahr­heit. Noch ent­schei­den­der kann sein, wer mit wem zu­sam­men­spannt. Denn Dut­zen­de von Sit­zen im Na­tio­nal­rat wer­den als Rest­man­da­te ver­ge­ben, und da­bei kommt es auf die je­wei­li­gen Lis­ten­ver­bin­dun­gen an. Dar­um gilt: Der rich­ti­ge Part­ner kann ei­ner Par­tei un­ter dem Strich mehr Er­folg ein­brin­gen als teu­re Wahl­kam­pa­gnen.

Wie sich nun zeigt, ma­chen CVP, BDP, GLP und EVP bei den Wah­len 2019 ge­mein­sa­me Sa­che: Die vier Mit­te­par­tei­en wol­len sich ge­gen­sei­tig und lan­des­weit un­ter­stüt­zen. «Wir stre­ben Ge­win­ne für die po­li­ti­sche Mit­te an und wol­len des­halb mög­lichst flä­chen­de­ckend ge­mein­sa­me Lis­ten­ver­bin­dun­gen», sagt BDP-PRÄ­si­dent Mar­tin Lan­dolt.

An­ge­stos­sen wur­de die­se Über­ein­kunft von BDP und GLP, be­sie­gelt von den Par­tei­chefs und Ge­ne­ral­se­kre­tä­ren al­ler vier Par­tei­en. An ei­nem Tref­fen wäh­rend der De­zem­ber­ses­si­on ana­ly­sier­ten sie Kan­ton für Kan­ton die Aus­gangs­la­ge und ent­schie­den da­bei, sich so oft wie mög­lich zu viert zu ver­bin­den. So lau­tet denn auch die Emp­feh­lung, wel­che die Par­tei­spit­zen nun an ih­re je­wei­li­gen Kan­to­nal­par­tei­en rich­ten.

Die­sen blei­ben selbst­re­dend auch an­de­re Op­tio­nen of­fen, wo sol­che nütz­lich sind. So wird zum Bei­spiel in Grau­bün­den er­wo­gen, die Frei­sin­ni­gen mit ins Boot zu ho­len. Denn man weiss: Nur so kann es ge­lin­gen, der SVP den zwei­ten Sitz wie­der ab­zu­ja­gen, den vor vier Jah­ren Mag­da­le­na Mar­tul­lo­blo­cher ge­holt hat. Auf je­den Fall aber soll die je­wei­li­ge Kon­stel­la­ti­on im Quar­tett der Mit­te be­spro­chen wer­den.

Hin­ter der Ab­spra­che steht nicht nur die ei­ge­ne Chan­cen­op­ti­mie­rung, son­dern auch ei­ne po­li­ti­sche Über­le­gung: Die vier Par­tei­en se­hen sich, ob­schon sie Kon­kur­ren­ten sind, in der­sel­ben Rol­le – als Kraft der Ver­nunft, die Kom­pro­mis­se aus­han­deln und Lö­sun­gen er­mög­li­chen will. «Die Po­la­ri­sie­rung hat da­zu ge­führt, dass in die­ser Le­gis­la­tur kaum wich­ti­ge Re­for­men ge­lun­gen sind», sagt Gi­an­na Lu­zio, die neue Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der CVP. «Um die­se Blo­cka­de zu lö­sen, braucht es ei­ne Stär­kung der kon­struk­ti­ven Kräf­te.» Und ihr Kol­le­ge von der EVP, Ro­man Rutz, fügt an: «Ge­mein­sam will die Mit­te der Po­la­ri­sie­rung ent­ge­gen­tre­ten.»

Ver­fech­ten wer­den die Be­tei­lig­ten ih­re Po­si­tio­nen im an­ste­hen­den Wahl­kampf al­lei­ne; ge­mein­sa­me Po­si­ti­ons­be­zü­ge, Slo­gans oder Kam­pa­gnen sind nicht ge­plant. Man will aber be­to­nen, dass in wich­ti­gen Dos­siers wie der AHV, der Eu­ro­pa­ oder der Kli­ma­po­li­tik nur mit der Mit­te Fort­schrit­te mög­lich sind.

SP tak­tier­te am bes­ten

Wie wich­tig die an­ge­streb­ten Lis­ten­ver­bin­dun­gen für das Wahl­re­sul­tat sein kön­nen, zeigt der Blick zu­rück. Bei den letz­ten Wah­len 2015 wur­den 24 der 200 Na­tio­nal­rats­sit­ze auf­grund von Lis­ten­ver­bin­dun­gen ver­ge­ben, das sind im­mer­hin 12 Pro­zent. Und von die­sen Rest­man­da­ten pro­fi­tier­ten so be­kann­te Po­li­ti­ker wie Ka­thy Rik­lin (cvp./zh), Kath­rin Bert­s­chy (glp./be) und auch Eli­sa­beth Schnei­der­schnei­ter (cvp./bl).

Gros­se Ge­win­ne­rin des Tak­tie­rens war da­mals die SP, die sich tra­di­ti­ons­ge­mäss mit den Grü­nen ver­bün­de­te und auf die­se Wei­se acht Sit­ze da­zu­ge­wann (sie­he Gra­fik). Die Mit­te­par­tei­en wa­ren zwar oft li­iert, tra­ten aber bei wei­tem nicht flä­chen­de­ckend im Quar­tett an. Am bes­ten schnit­ten da­mals in der Mit­te CVP und GLP ab, die fünf be­zie­hungs­wei­se drei zu­sätz­li­che Sit­ze ge­wan­nen. Da­mit wur­de auch der viel be­schrie­be­ne Rechts­rutsch deut­lich ab­ge­schwächt, wie ei­ne Ana­ly­se von Po­li­to­lo­ge Da­ni­el Bochs­ler zeig­te. Hät­te die Wahl oh­ne Lis­ten­ver­bin­dun­gen statt­ge­fun­den, wür­den FDP und SVP heu­te sie­ben Sit­ze mehr be­set­zen. Sie hät­ten al­so ei­ne Mehr­heit von 108 statt hauch­dün­nen 101 Stim­men.

Die­se Zah­len kennt auch die SVP, wes­halb sie ih­rer­seits um Part­ner wirbt, um die rech­te Flan­ke zu stär­ken. Svp-prä­si­dent Al­bert Rös­ti ist über­zeugt, dass dies am ehes­ten im Ver­bund mit der FDP ge­lingt. «In die­sem Sin­ne gilt auch bei die­sen Wah­len un­ser An­ge­bot an die FDP, flä­chen­de­ckend Lis­ten­ver­bin­dun­gen mit uns ein­zu­ge­hen», sagt Rös­ti.

Doch wie schon 2015 läuft die SVP mit die­sem Wunsch bei den Frei­sin­ni­gen auf. «Flä­chen­de­cken­de Lis­ten­ver­bin­dun­gen sind auch in die­sen Wah­len für uns kein The­ma», sagt FDP-GE­NE­ral­se­kre­tär Sa­mu­el Lanz. Sei­ne Par­tei über­las­se es ih­ren Kan­to­nal­sek­tio­nen, wie sich die­se po­si­tio­nie­ren woll­ten. «Dort, wo es Sinn macht, ge­hen wir Ver­bin­dun­gen ein. Dort, wo es kei­nen Sinn macht, nicht.» Die­se Hal­tung hat 2015 da­zu ge­führt, dass FDP und SVP letzt­lich nur in drei Kan­to­nen zu­sam­men­fan­den.

Die Crux der FDP

Die Ab­sa­ge der Frei­sin­ni­gen dürf­te noch ei­nen an­de­ren Grund ha­ben: Vie­le Fdp-wäh­ler gou­tie­ren laut Um­fra­gen die Nä­he zur SVP nicht. Zu ver­schie­den sind Stil und In­hal­te der bei­den Par­tei­en, zum Bei­spiel in der Eu­ro­pa­ po­li­tik, die im Wahl­jahr ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len dürf­te. Ei­ne lan­des­wei­te Al­li­anz mit der SVP wür­de für die FDP das Ri­si­ko ber­gen, dass sie ei­ge­ne Wäh­ler ent­täuscht oder gar ver­grault.

Der­lei Be­rüh­rungs­ängs­te ken­nen in­des nicht al­le Par­tei­stra­te­gen. Der frü­he­re Glp-prä­si­dent Mar­tin Bä­um­le et­wa ist noch heu­te da­für be­kannt, dass er sich vor den Wah­len 2011 mit al­len ins po­li­ti­sche Lot­ter­bett ge­legt hat, so­fern der Ta­schen­rech­ner ihm dies emp­fahl: von der lin­ken SP bis zur rechts­kon­ser­va­ti­ven EDU. Dass auf die­se Wei­se ein kon­ser­va­ti­ver Christ der EDU ei­nem grün­li­be­ra­len At­he­is­ten zur Wahl ver­hel­fen konn­te – den Part­nern war es ei­ner­lei.

Der Er­folg gab Bä­um­le recht. Sei­ne GLP hol­te 2011 al­lein dank ih­ren Lis­ten­ver­bin­dun­gen sechs zu­sätz­li­che Sit­ze. Und ihr ge­lang das Kunst­stück, mit dem ge­nau gleich ho­hen Wäh­ler­an­teil wie die BDP die­se um drei Sit­ze zu über­trump­fen. Wah­len kön­nen auch am Com­pu­ter ge­won­nen wer­den.

Span­nen zu­sam­men für ei­ne star­ke Mit­te: Die Par­tei­prä­si­den­ten Mar­tin Lan­dolt (bdp.), Ma­ri­an­ne Streiff-fel­ler (evp.), Ger­hard Pfis­ter (cvp.) und Jürg Gros­sen (glp.).

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