«Ge­schick­tes Tak­tie­ren kann mehr brin­gen als die ei­ge­ne Kam­pa­gne»

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz Wahlen -

Für Po­li­tik­wis­sen­schaf­ter Da­ni­el Bochs­ler ist die ge­plan­te Ko­ope­ra­ti­on der Mit­te­par­tei­en sinn­voll. Die FDP sieht er in ei­ner schwie­ri­gen La­ge. Die Mit­te­par­tei­en pla­nen für die Wah­len mög­lichst flä­chen­de­ckend Lis­ten­ver­bin­dun­gen. Was bringt das?

Da­ni­el Bochs­ler:

Unser Wahl­sys­tem ist so aus­ge­stal­tet, dass es gros­se Par­tei­en be­vor­teilt und klei­ne be­nach­tei­ligt. Die Par­tei­en­land­schaft hat sich aber in den letz­ten Jah­ren vor al­lem in der Mit­te auf­ge­split­tert. Dass die­se klei­ne­ren Par­tei­en ih­ren Nach­teil nun mit Lis­ten­ver­bin­dun­gen aus­glei­chen wol­len, ist nach­voll­zieh­bar, zu­mal es um viel geht: In den letz­ten Wah­len 2015 wech­sel­ten zwei Dut­zend Sit­ze al­lein we­gen Ver­bin­dun­gen die Par­tei. Ge­schick­tes Tak­tie­ren kann al­so so­gar mehr brin­gen als die ei­ge­ne Wahl­kam­pa­gne oder ein teu­res Pr-bü­ro.

Meist pro­fi­tiert von ei­ner Lis­ten­ver­bin­dung der grös­se­re Part­ner. Wie­so al­so sol­len sich GLP, BDP und EVP auf die­ses Spiel ein­las­sen?

In der Ten­denz stimmt die­se Aus­sa­ge. Nur sind die Par­tei­en ja von Kan­ton zu Kan­ton sehr un­ter­schied­lich auf­ge­stellt. Die BDP ist zwar na­tio­nal ei­ne klei­ne Par­tei, aber zum Bei­spiel im Kan­ton Bern ist sie stär­ker als die CVP. Für die Grün­li­be­ra­len gilt das­sel­be et­wa in Zü­rich. In­so­fern ist ein Zu­sam­men­ge­hen durch­aus für al­le Be­tei­lig­ten sinn­voll.

Die FDP bleibt aussen vor. Wie soll sie dar­auf re­agie­ren?

Für die FDP wä­re es gut, auch ei­nen Part­ner zu ha­ben. Doch die Mit­te­par­tei­en ha­ben wohl nur we­nig In­ter­es­se an ei­nem Zu­sam­men­ge­hen. Und im Bund mit der SVP wür­den die Frei­sin­ni­gen fast über­all den Kür­ze­ren zie­hen. In­so­fern sind sie in ei­ner schwie­ri­gen La­ge. Al­ler­dings ist hin­zu­zu­fü­gen, dass die Al­li­an­zen nur be­dingt aus den na­tio­na­len Par­tei­zen­tra­len ge­steu­ert wer­den. In der Re­gel er­fol­gen die Ab­spra­chen in den Kan­to­nen, so dürf­te da und dort auch die FDP Part­ner fin­den.

Zu­sam­men wür­den SVP und FDP aber wohl ei­ni­ge Sit­ze da­zu­ge­win­nen. Steht sich hier die rech­te Mehr­heit sel­ber im Weg?

Rein rech­ne­risch kann man das so se­hen. Al­ler­dings sind im­mer auch po­li­ti­sche Ri­si­ken zu be­rück­sich­ti­gen. Vie­le Fdp-wäh­ler se­hen sich weit von der SVP ent­fernt. Wenn ih­re Par­tei nun plötz­lich flä­chen­de­ckend mit der SVP zu­sam­men­spannt, könn­te es auch pas­sie­ren, dass sie sich ent­täuscht ab­wen­den.

Stimmt ei­gent­lich der Ein­druck, dass Lis­ten­ver­bin­dun­gen in den letz­ten Jah­ren zahl­rei­cher und da­mit wich­ti­ger ge­wor­den sind?

Zu­erst ein­mal hat die Zahl der Wahl­lis­ten stark zu­ge­nom­men. Zum ei­nen, weil neue Par­tei­en ent­stan­den sind, zum an­dern, weil die Par­tei­en heu­te für Ziel­grup­pen wie Frau­en, Jun­ge oder Se­con­dos se­pa­ra­te Lis­ten ein­rei­chen. Und dann ist die Glei­chung ein­fach: Je mehr Lis­ten es gibt, des­to mehr Rest­man­da­te ent­ste­hen – und des­to be­deut­sa­mer wer­den Lis­ten­ver­bin­dun­gen.

Das In­stru­ment der Lis­ten­ver­bin­dung wird oft kri­ti­siert. Es heisst, es ver­fäl­sche den Wäh­ler­wil­len. Wie se­hen Sie das?

Das In­stru­ment ist zu­ge­ge­be­ner­mas­sen kom­plex, aber es bringt auch kla­re Vor­tei­le. Es gibt mir als Wäh­ler die Ge­währ, dass mei­ne Stim­me nicht ver­lo­ren geht, son­dern – wenn es für mei­ne Par­tei nicht reicht – we­nigs­tens noch für den Lis­ten­part­ner zählt. Wich­tig scheint mir, dass ei­ne Lis­ten­ver­bin­dung po­li­tisch ei­ni­ger­mas­sen ko­hä­rent ist, dass sich al­so na­he­ste­hen­de Par­tei­en ver­bin­den. Und das ist fast im­mer der Fall.

In Bern ging das Ger­an­gel um die Lis­ten­ver­bin­dun­gen bei den letz­ten Wah­len schon so weit, dass die EDU den Schwei­zer De­mo­kra­ten für das Zu­sam­men­ge­hen Geld an­bot. Ist das der Schwei­zer De­mo­kra­tie noch wür­dig?

Das ist na­he am Stim­men­kauf und da­her frag­wür­dig.

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