Wer wirk­lich ei­nen Preis ver­dient hät­te

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Meinungen - Micha­el Fur­ger Micha­el Fur­ger ist Lei­ter des Res­sorts Hin­ter­grund der «NZZ am Sonn­tag».

All den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die im letz­ten Jahr ei­nen Jour­na­lis­ten­preis er­hal­ten ha­ben, sei er herz­lich ge­gönnt. Sie ha­ben si­cher schön ge­drech­sel­te Tex­te ge­schrie­ben oder ele­gan­te Bei­trä­ge pro­du­ziert. Ha­ben wo­chen­lang in Ak­ten ge­wühlt oder sind in fer­ne Welt­ge­gen­den ge­flo­gen, um zu re­cher­chie­ren und auf­zu­de­cken. Gra­tu­la­ti­on. Ich mei­ne es ernst.

Die Tro­phäe fin­det be­stimmt ei­nen Platz ne­ben den an­de­ren Prei­sen. Denn no­mi­niert und aus­ge­zeich­net wird Jahr für Jahr un­ge­fähr das­sel­be Per­so­nal: ei­ne Art jour­na­lis­ti­sche Bour­geoi­sie, de­ren Mit­glie­der ih­re The­men frei wäh­len und wo­chen­lang an ih­ren Re­por­ta­gen fei­len kön­nen. Da­zwi­schen fin­den sie Zeit, sich für Prei­se zu be­wer­ben und her­nach ih­ren Fan­klub in den so­zia­len Netz­wer­ken über die Eh­rung in Kennt­nis zu set­zen.

Na­tür­lich braucht es auch Künst­ler und Ex­tra­kön­ner. Aber am En­de ma­chen auch sie nur ih­ren Job. Sie da­für zu be­ju­beln, zeich­net ein fal­sches Bild vom Jour­na­lis­mus in die­sem Land. Ein Bild, das nicht zu­letzt dem Nach­wuchs zu ver­ste­hen gibt: Qua­li­tät kommt von ge­nia­len Ein­zel­kämp­fern, die ab und zu ei­nen gros­sen Wurf lan­den. Seit Claas Re­lo­ti­us wissen wir, dass das nicht zwin­gend so ist.

Die Rea­li­tät sieht an­ders aus: Qua­li­tät, das ist vor al­lem die se­riö­se Gr­und­ver­sor­gung. Die Ar­beit, der al­ler­meis­ten Jour­na­lis­ten, die in ih­ren Re­dak­tio­nen täg­lich un­spek­ta­ku­lä­re Ar­beit ver­rich­ten. Wenn 2018 wirk­lich je­mand ei­nen Jour­na­lis­ten­preis ver­dient ge­habt hät­te, dann wä­re es die Re­dak­ti­on der SDA. Weil sie in ih­rer sprö­den Art das ver­kör­pert, was Qua­li­täts­jour­na­lis­mus sein soll­te: die Wirk­lich­keit ab­bil­den. Das jour­na­lis­ti­sche Pro­le­ta­ri­at der SDA tat dies, wäh­rend es von sei­nen Chefs ge­de­mü­tigt und halb­tot ge­spart wur­de. Es ging für sei­nen Jour­na­lis­mus auf die Stras­se. Aber da­für kriegt man na­tür­lich kei­nen Preis. Zu we­nig cool. Zu we­nig se­xy.

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