Das täg­li­che Brot in Ku­bas So­zia­lis­mus

Die Män­gel der Pl­an­wirt­schaft ge­fähr­den in­zwi­schen so­gar Ku­bas Brot­ver­sor­gung. Dass auch Ve­ne­zue­la als Un­ter­stüt­zer aus­ge­fal­len ist, macht die La­ge auf der In­sel nicht bes­ser, schreibt Re­né Zey­er

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Meinungen - Re­né Zey­er

Seit es die Ra­tio­nie­rungs­kar­te gibt, al­so seit über 55 Jah­ren, hat je­der Ku­ba­ner das An­recht auf ein Bröt­chen pro Tag. Für 15 Cen­ta­vos, rund ei­nen hal­ben Rap­pen, gibt es et­was, das, nun ja, von aussen Ähn­lich­kei­ten mit Brot hat, wo­bei man nicht zu sehr grü­beln soll­te, wor­aus sich der In­halt zu­sam­men­setzt.

Die­ses pan dia­rio, das täg­li­che Brot, ist zum Sym­bol da­für ge­wor­den, dass we­nigs­tens et­was funk­tio­niert im re­al exis­tie­ren­den Sur­rea­lis­mus. Aber auch Brot ist nun in ei­ne Kri­se ge­ra­ten, oder wie es im of­fi­zi­el­len Sprach­ge­brauch je­weils heisst: Die La­ge ist an­ge­spannt. Dank Pl­an­wirt­schaft, so liess das zu­stän­di­ge Mi­nis­te­ri­um ver­lau­ten, wuss­te man schon An­fang des ver­gan­ge­nen Jah­res, dass 30 000 Ton­nen Mehl im­por­tiert wer­den muss­ten. Ge­gen En­de Jahr stell­te sich aber her­aus, dass wei­te­re 40 000 Ton­nen fehl­ten, ins­ge­samt die Hälf­te des Be­darfs von 143 000 Ton­nen.

Zu­dem ga­ben die bei­den gröss­ten Ge­trei­de­müh­len Ku­bas gleich­zei­tig den Geist auf. Was mit jahr­zehn­te­lan­ger Schlam­pe­rei und man­geln­dem Un­ter­halt zu tun hat. Und dann woll­te es das un­gnä­di­ge Schick­sal auch noch, dass sich die Lie­fe­rung der nö­ti­gen Er­satz­tei­le «ver­zö­ger­te». So weit die of­fi­zi­el­le Er­klä­rung. Die­se Ver­zö­ge­rung dürf­te al­ler­dings ih­ren Grund dar­in ha­ben, dass kaum je­mand mehr be­reit ist, Ku­ba oh­ne Vor­aus­kas­se ir­gend­et­was zu lie­fern. Das gilt ins­be­son­de­re für die USA, die trotz der von Ku­ba für al­le Pro­ble­me ver­ant­wort­lich ge­mach­ten Han­dels­blo­cka­de gleich­zei­tig der gröss­te Lie­fe­rant von Nah­rungs­mit­teln, in­klu­si­ve Mehl, sind.

Ne­ben dem er­wähn­ten Bröt­chen gibt es im so­ge­nann­ten frei­en Markt noch ein Brot, das so ähn­lich wie ein auf­ge­bla­se­nes Ba­guette aus­sieht. Wenn es staat­lich her­ge­stellt wird, kos­tet es 2 Pe­sos, rund 8 Rap­pen. Bei un­sach­ge­mäs­ser Be­hand­lung schrumpft es al­ler­dings er­staun­lich zu­sam­men, und nach ei­nem Tag ist es eher mit ei­nem Hammer als mit ei­nem Mes­ser teil­bar. Dann gibt es noch die Lu­xus­ver­si­on von ei­ni­ger­mas­sen schmack­haf­ten Bröt­chen, die kos­ten aber pro sechs Stück für Ku­ba­ner kaum er­schwing­li­che 25 Pe­sos, bei ei­nem durch­schnitt­li­chen Mo­nats­lohn von 600 Pe­sos.

Im Sü­den der In­sel ist das Brot völ­lig aus dem An­ge­bot ver­schwun­den, von Ha­van­na bis San­ta Cla­ra bil­den sich lan­ge Schlan­gen flu­chen­der Ku­ba­ner vor den staat­li­chen Bä­cke­rei­en. Die zu­stän­di­ge Mi­nis­te­rin

Iris Qui­ño­nes er­schien im Staats­fern­se­hen, um «Span­nun­gen» in der Brot­ver­sor­gung ein­zu­räu­men. Aber al­le zu­stän­di­gen staat­li­chen Stel­len, so sag­te sie, «ar­bei­ten in­ten­siv dar­an, die Si­tua­ti­on zu nor­ma­li­sie­ren». Dar­aus schliesst der Ku­ba­ner rich­tig, dass es noch ei­ne gan­ze Wei­le dau­ern wird, bis sich die Bro­ther­stel­lung wie­der er­holt ha­ben wird.

Zur La­ge auf dem Brot­markt ge­sel­len sich auf den frei­en Bau­ern­märk­ten nach oben schnel­len­de Prei­se für Eier (von 3 Fran­ken pro 24 Stück auf über 10 Fran­ken, was 240 Pe­sos ent­spricht) und für Pul­ver­milch, die man­gels kaum vor­han­de­ner fri­scher Milch für Kin­der und für Al­ters­diä­ten ge­braucht wird. Und um das Mass voll­zu­ma­chen, muss­te vor Kur­zem der Trans­port­mi­nis­ter im Fern­se­hen er­klä­ren, wie­so der öf­fent­li­che Trans­port, der schon im­mer ein Sor­gen­kind war, wie­der ein­mal be­son­ders schlecht funk­tio­nie­re.

Das ku­ba­ni­sche Re­gime hat selbst in den schlimms­ten Zei­ten des pe­río­do es­pe­cial, der Son­der­pe­ri­ode nach dem Zu­sam­men­bruch des so­zia­lis­ti­schen La­gers, si­cher­ge­stellt, dass zu­min­dest ei­ne mi­ni­ma­le Ver­sor­gung mit Le­bens­mit­teln, Me­di­ka­men­ten, Strom, Was­ser und funk­tio­nie­ren­den Schu­len auf­recht­er­hal­ten wur­de. Seit dann zur Jahr­tau­send­wen­de Ve­ne­zue­la die Rol­le des gros­sen und hilf­rei­chen so­zia­lis­ti­schen Bru­der­lands von der verb­li­che­nen UDSSR über­nahm, schlin­ger­te Ku­ba im­mer­hin ei­ni­ger­mas­sen aus­rei­chend ver­sorgt durch die Ka­ri­bik. Vor al­lem mit Erd­öl in rau­en Men­gen, das Ku­ba wie frü­her teil­wei­se auf dem in­ter­na­tio­na­len Markt ge­gen De­vi­sen ein­tausch­te.

Aber seit­dem Ve­ne­zue­la am Ran­de des Staats­bank­rotts tau­melt und ei­ge­ne fi­nan­zi­el­le Ver­pflich­tun­gen kaum mehr wahr­neh­men kann, fällt es als Geld­pum­pe für Ku­ba aus. Vom gross an­ge­kün­dig­ten Auf­schwung in Ku­ba durch den mit bra­si­lia­ni­scher Hil­fe ge­bau­ten neu­en Tief­see­ha­fen und ei­ner Frei­han­dels­zo­ne bei Ma­ri­el ist schon lan­ge kei­ne Re­de mehr. Der Tou­ris­mus ver­schafft zwar ein paar hun­dert­tau­send Ku­ba­nern ein Aus­kom­men, ent­we­der als An­ge­stell­te in Tou­ris­ten­ho­tels oder als Be­trei­ber von Pri­vat­un­ter­künf­ten und Re­stau­rants. Aber auch da hat das Re­gime an­ge­kün­digt, die Schrau­be wie­der an­zu­zie­hen, da die­se Ak­ti­vi­tä­ten na­tür­lich die Staats­ho­tels kon­kur­rie­ren.

Und so war es ein 1. Ja­nu­ar mit Fei­ern zum Sieg der Re­vo­lu­ti­on vor 60 Jah­ren, an dem sich die Ku­ba­ner frag­ten: «¿Has­ta don­de?», bis wo­hin noch, mit «so­cia­lis­mo o mu­er­te»? Und wo liegt ei­gent­lich der Un­ter­schied zwi­schen So­zia­lis­mus und Tod?

Re­né Zey­er, 63, ist Pu­bli­zist und ar­bei­tet als selb­stän­di­ger stra­te­gi­scher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­ter in Zü­rich. Zey­er ist Autor des Best­sel­lers «Bank, Ban­ker, Bank­rott» (Orell Füss­li, 2009). Er war ei­ni­ge Jah­re ak­kre­di­tier­ter Nzz­kor­re­spon­dent mit Wohn­sitz in Ha­van­na und be­sucht Ku­ba bis heu­te re­gel­mäs­sig.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.