Von der Kos­me­tik in die Uh­ren­welt

Sté­pha­ne Bi­an­chi löst den le­gen­dä­ren Je­an-clau­de Bi­ver ab, als Chef der Mar­ken TAG Heu­er, Hu­blot und Ze­nith. Er ist von Lvmh-pa­tron Ar­nault aus­er­ko­ren wor­den und hat ei­ne spe­zi­el­le Auf­ga­be.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Wirtschaft Uhrenindustrie - Von Da­ni­el Hug

Kann je­mand, der zwan­zig Jah­re in Frank­reich in der Kos­me­tik­bran­che ge­ar­bei­tet hat, drei wich­ti­ge Schwei­zer Uh­ren­mar­ken füh­ren? Seit An­fang No­vem­ber ist Sté­pha­ne Bi­an­chi ver­ant­wort­lich für die Schwei­zer Uh­ren­mar­ken TAG Heu­er, Hu­blot und Ze­nith. «Ich bin ein Fan von Mar­ken, egal ob es um Kos­me­ti­ka, Klei­der oder Uh­ren geht. Und seit zwan­zig Jah­ren samm­le ich sel­te­ne Uh­ren», sagt Bi­an­chi im ers­ten Ge­spräch mit der Deutsch­schwei­zer Pres­se. Die drei Uh­ren­fir­men mit ins­ge­samt rund 1,7 Mrd. Fr. Um­satz ge­hö­ren heu­te zum gröss­ten Im­pe­ri­um von Lu­xus­mar­ken, zur fran­zö­si­schen Lvmh-grup­pe. Die­se er­zielt dop­pelt so viel Um­satz (43 Mrd. €), wie die ge­sam­te Schwei­zer Uh­ren­bran­che ex­por­tiert.

Bi­an­chi geht es we­ni­ger dar­um, in ei­ner be­stimm­ten Bran­che zu wir­ken, als um ei­ne span­nen­de Auf­ga­be, am liebs­ten in ei­ner fa­mi­li­en­geführ­ten Fir­ma. So ent­sprach sein jah­re­lan­ger Ein­satz in der Kos­me­tik-welt nicht dem üb­li­chen Ma­na­ger­sche­ma. Denn Pa­tron Yves Ro­cher gab ihm 1998 drei Auf­ga­ben: das schlin­gern­de Un­ter­neh­men wie­der auf ein si­che­res Fun­da­ment zu stel­len, sei­nen da­mals 18-jäh­ri­gen En­kel auf sei­ne Füh­rungs­auf­ga­be vor­zu­be­rei­ten und da­für zu sor­gen, dass die Fa­mi­lie wie­der al­le Ak­ti­en be­sitzt (die Mehr­heit hielt der Phar­ma­kon­zern Sa­no­fi). «Ich brauch­te 15 Jah­re, bis ich al­le Zie­le er­reich­te. 2013 war mein Job er­le­digt», sagt Bi­an­chi.

Zwei Jah­re spä­ter ver­liess er Yves Ro­cher – und er­hielt kurz dar­auf ein An­ge­bot, im Ver­wal­tungs­rat des Schwei­zer Wa­ren­haus­kon­zerns Maus Frè­res mit­zu­wir­ken. Zu die­sem ge­hö­ren nicht nur die Ma­nor-grup­pe, son­dern auch Mo­de­mar­ken wie La­cos­te oder Gant. Das Man­dat bei Maus Frè­res, eben­falls ei­ne Fir­ma in Fa­mi­li­en­be­sitz, führt der 54-jäh­ri­ge Fran­zo­se wei­ter.

«2015 traf ich Mon­sieur Ber­nard Ar­nault, den Pa­tron von LVMH, ich weiss nicht mehr ge­nau, aus wel­chem Grund.» Bi­an­chi war je­den­falls be­ein­druckt von sei­ner Per­sön­lich­keit, spür­te bei Ar­nault «ei­nen enor­men Wil­len, et­was wirk­lich Gros­ses ent­ste­hen zu las­sen, mit ei­ner lang­fris­ti­gen Op­tik». Er blieb in den fol­gen­den Jah­ren in Kon­takt mit Ar­nault, der laut «For­bes» mit ei­nem Ver­mö­gen von 60 Mrd. € als reichs­te Per­son Frank­reichs gilt. Ei­nes Ta­ges ha­be ihn Ar­nault ge­fragt, was er von der Uh­ren­in­dus­trie hal­te. «Mög­li­cher­wei­se ha­be ich ei­ne Po­si­ti­on für Sie», ha­be ihm Ar­nault er­öff­net. Und als sein Vor­gän­ger Je­an-clau­de Bi­ver, ein Aus­nah­me­kön­ner in der Uh­ren­bran­che, aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den kür­zer­tre­ten woll­te, ha­be sich für ihn die Tür ge­öff­net. Der Wech­sel von Bi­ver zu Bi­an­chi ist ei­ne Zä­sur. Wäh­rend der kom­mu­ni­ka­ti­ve Bi­ver stets zu je­der Ta­ges- und Nacht­zeit Aus­kunft über sein Ge­schäft gab, weil er es qua­si ver­in­ner­licht hat­te, pflegt Bi­an­chi die Dis­kre­ti­on und hält Dis­tanz: «Ich mag es nicht, mei­ne Per­son in den Vor­der­grund zu stel­len, im Zen­trum soll die Mar­ke ste­hen.»

Dass bei LVMH die Wei­chen neu ge­stellt wor­den sind, ist auch dar­an zu se­hen, dass kei­ne Per­son aus Bi­vers Team be­för­dert wur­de, son­dern mit Bi­an­chi ein Ex­ter­ner auf den Schild ge­ho­ben wur­de. «Ich bin nicht hier, bloss um das Ge­schäft zu sta­bi­li­sie­ren. Wir ha­ben gros­se Am­bi­tio­nen», stellt Bi­an­chi klar. Die Wachs­tums­zie­le will er in ei­nem Drei­jah­res­plan for­mu­lie­ren, den er Mit­te 2019 der Kon­zern­lei­tung vor­le­gen wird. «Wir wol­len uns wei­ter­ent­wi­ckeln und mit me­cha­ni­schen so­wie in­ter­net­fä­hi­gen Uh­ren wei­ter wach­sen», sagt er.

Kom­pe­ti­ti­ve Nach­barn

Die Kon­kur­renz lau­ert gleich um die Ecke: Nur 16 Ki­lo­me­ter sind es zu Lon­gi­nes in Saint-imier, die im mitt­le­ren Preis­seg­ment mit 1,7 Mrd. Fr. Um­satz klar vor TAG Heu­er mit 0,9 Mrd. Fr. liegt, wie Bran­chen­ex­per­ten schät­zen. «Lon­gi­nes ist sehr er­folg­reich in Chi­na», kon­sta­tiert Bi­an­chi. Ist es sein Ziel, zum Le­a­der in sei­nem Preis­seg­ment zu wer­den? «Ja, das ist er­reich­bar», meint Bi­an­chi. Bei Spe­zia­li­tä­ten wie den Uh­ren mit Tour­bil­lon (wich­ti­ge Tei­le des Uhr­werks dre­hen sich per­ma­nent um die ei­ge­ne Ach­se, um die Fol­gen der Schwer­kraft aus­zu­glei­chen) sei man dank tie­fen Prei­sen (15 000 Fr. statt 50 000 Fr.) nun vo­lu­men­mäs­sig der gröss­te Her­stel­ler.

Bi­an­chi hat erst im No­vem­ber sei­ne Tä­tig­keit auf­ge­nom­men. Aber wenn man mit ihm durch die Uh­re­nate­liers in La Chaux­de-fonds geht, sieht man, dass er schon vie­le Mit­ar­bei­ter mit Na­men be­grüsst, da und dort an­er­ken­nend auf ei­ne Schul­ter klopft und sich mit der Ge­schich­te der 1860 ge­grün­de­ten Fir­ma be­fasst hat. TAG Heu­er ist ei­ner der we­ni­gen Schwei­zer Her­stel­ler, der auch ei­ne Smart­watch an­bie­tet. Wie be­deu­tend ist sie? «Die in­ter­net­fä­hi­ge Uhr wird 2019 we­ni­ger wich­tig sein als in den Vor­jah­ren, weil wir an der drit­ten Ver­si­on ar­bei­ten, die 2020 lan­ciert wird.» Man wer­de des­halb die zwei­te Ver­si­on lang­sam aus­lau­fen las­sen; die Hoff­nun­gen ru­hen in der Zu­kunft. «Die Smart­watch kann deut­lich mehr als 10% des Um­sat­zes er­rei­chen», so Bi­an­chi. Sie wer­de die me­cha­ni­schen Ti­cker nicht kan­ni­ba­li­sie­ren, son­dern er­gän­zen.

Ver­dient man da­mit Geld? «Ja, aber die Ge­winn­mar­gen sind klei­ner als bei me­cha­ni­schen Uh­ren. So rich­tig pro­fi­ta­bel könn­te es nach der drit­ten Ver­si­on wer­den», gibt sich der neue Chef zu­ver­sicht­lich. Man brau­che ho­he Stück­zah­len, um da­mit Geld zu ver­die­nen. «Wir mon­tie­ren Kom­po­nen­ten, die wir ex­tern zu­kau­fen. Es ist un­mög­lich, auf die­sem Ge­biet al­les selbst her­zu­stel­len.» Gu­te Part­ner braucht Bi­an­chi auch bei den klas­si­schen Uh­ren: Den gröss­ten Teil der Uhr­wer­ke kauft TAG Heu­er bei der Swatch­group-toch­ter Eta oder beim al­ter­na­ti­ven Her­stel­ler Sel­li­ta ein. «Ich hof­fe, die Zu­sam­men­ar­beit geht in den kom­men­den Jah­ren so wei­ter», so Bi­an­chi.

Ei­ge­ne Wer­ke oft zu teu­er

Das ist nicht si­cher: Ab 2020 läuft die von der Wett­be­werbs­kom­mis­si­on ver­häng­te Ver­pflich­tung aus, dass die einst do­mi­nie­ren­de Eta al­le Kun­den be­lie­fern muss. TAG Heu­er stellt heu­te schon ei­ge­ne Uhr­wer­ke her, aber sie ver­ur­sa­chen hö­he­re Kos­ten und wer­den nur in den teu­re­ren Uh­ren ein­ge­setzt. «Wir be­ab­sich­ti­gen, mehr ei­ge­ne Uhr­wer­ke ein­zu­set­zen», so Bi­an­chi. «Aber wir brau­chen auch ein An­ge­bot in den tie­fe­ren Preis­la­gen.»

Sy­ner­gi­en zwi­schen sei­nen drei Mar­ken sieht Bi­an­chi vor al­lem in der Ent­wick­lung: «Wir be­trei­ben ein ge­mein­sa­mes For­schungs­in­sti­tut, das zum Bei­spiel an neu­en Werk­stof­fen ba­sie­rend auf Kar­bon-na­no­tech­no­lo­gie ar­bei­tet.» Das In­sti­tut über­rascht im­mer wie­der mit In­no­va­tio­nen wie ei­ner neu­en Spi­ral­fe­der, die nächs­te Wo­che von TAG Heu­er prä­sen­tiert wird. Doch meis­tens wer­den von die­sen Uh­ren nur Kleinst­se­ri­en her­ge­stellt; bei den gros­sen Vo­lu­men setzt man auf her­kömm­li­che Wer­ke.

Droht der Bran­che we­gen der Ab­küh­lung in Chi­na ein Ab­schwung? «Wir wach­sen auf den asia­ti­schen Märk­ten wei­ter», be­ru­higt Bi­an­chi. TAG Heu­er sei aber in Chi­na noch sehr klein. «Wir müs­sen ei­nen Weg fin­den, um un­se­ren Markt­an­teil in Chi­na zu stei­gern – das ge­hört zu mei­nen Prio­ri­tä­ten.» Da­zu will der lei­den­schaft­li­che Squash-spie­ler den Online-ver­kauf aus­bau­en und mehr ei­ge­ne Lä­den er­öff­nen.

Zu Bi­an­chis Prio­ri­tä­ten dürf­te auch ge­hö­ren, sich um das Wohl und Ge­dei­hen ei­nes be­son­de­ren Mit­ar­bei­ters zu küm­mern: Der Chef des Di­gi­tal­ge­schäfts heisst Frédé­ric Ar­nault – und ist der 23-jäh­ri­ge Sohn von Pa­tron Ber­nard Ar­nault. Doch sol­ches Be­treu­ungs­coa­ching kennt Bi­an­chi aus sei­ner Zeit bei Yves Ro­cher – und er hat es mit Bra­vour ge­löst.

«Wir ha­ben gros­se Am­bi­tio­nen. Ich bin nicht hier, bloss um das Ge­schäft zu sta­bi­li­sie­ren.»

Sté­pha­ne Bi­an­chi führt TAG Heu­er per­sön­lich und ist zu­dem ver­ant­wort­lich für Hu­blot und Ze­nith. Die drei Schwei­zer Fir­men be­schäf­ti­gen 1360 An­ge­stell­te – und ge­hö­ren heu­te zum fran­zö­si­schen Kon­zern LVMH. (La Chaux-de-fonds, 10. 1. 2019)

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