Im Streit um die Hö­he der So­zi­al­hil­fe braucht es ei­ne sach­li­che Dis­kus­si­on

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Wirtschaft - Katja Gen­ti­net­ta Katja Gen­ti­net­ta, po­li­ti­sche Phi­lo­so­phin, ist tä­tig als Pu­bli­zis­tin, Re­fe­ren­tin, Lehr­be­auf­trag­te.

Ei­gent­lich ist die Aus­ein­an­der­set­zung über Sinn und Um­fang des So­zi­al­staats ei­ne Dau­er­de­bat­te. Den­noch flammt sie im­mer dann auf, wenn die Zah­len in ei­ne be­un­ru­hi­gen­de Rich­tung zei­gen, wie dies ge­gen­wär­tig bei der So­zi­al­hil­fe der Fall ist. So­zia­le Un­ter­stüt­zung und Si­che­rung hat ih­ren Preis. Wie um die­sen ge­strit­ten wird, ist ein ver­läss­li­cher Spie­gel nicht nur des ge­gen­wär­ti­gen, son­dern auch des grund­sätz­li­chen Rin­gens um das We­sen und die Vor­aus­set­zun­gen der ge­sell­schaft­li­chen So­li­da­ri­tät.

Die ge­gen­wär­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen über die So­zi­al­hil­fe fol­gen ei­nem fast schon vor­her­seh­ba­ren Mus­ter: Der «so­zia­len Hän­ge­mat­te» wird das «Tram­po­lin» ent­ge­gen­ge­hal­ten, der täg­li­che Kampf ums Über­le­ben. Wird auf Schwel­len­ef­fek­te hin­ge­wie­sen, wo­nach be­stimm­te Leis­tungs­ni­veaus den An­reiz, ei­ne Ar­beit zu su­chen und auf­zu­neh­men, sen­ken, führt die Ge­gen­sei­te die be­reits knap­pe Be­mes­sung der Leis­tun­gen ins Feld.

Er­wäh­nen Kri­ti­ker Fäl­le von Miss­brauch, ant­wor­tet die Ge­gen­sei­te mit der Un­ter­stel­lung des Ge­ne­ral­ver­dachts. Auf die For­de­rung nach Trans­pa­renz, et­wa nach ei­nem stär­ke­ren Da­ten­aus­tausch zwi­schen den Äm­tern, folgt die ent­wür­di­gen­de Vor­stel­lung, Be­zü­ger müss­ten «die Ho­sen run­ter­las­sen». Wer vor­schlägt, Leis­tun­gen, et­wa nach Al­ter oder Be­zü­ger­sta­tus ab­zu­stu­fen, muss sich vor­wer­fen las­sen, Men­schen, de­nen es elend geht, ge­gen­ein­an­der aus­zu­spie­len. Auch mit den Zah­len wird ent­spre­chend ope­riert: Hier die we­ni­gen fürs Es­sen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Fran­ken pro Tag und Per­son, dort die aus Grund­be­darf und «si­tua­ti­ons­be­ding­ten Leis­tun­gen» be­ste­hen­den be­acht­li­chen und steu­er­be­frei­ten Ge­samt­leis­tun­gen. Wer­den par­la­men­ta­ri­sche Vor­stös­se ein­ge­reicht, Stu­di­en ge­gen­ein­an­der aus­ge­spielt und mit der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit ge­droht, ist die kon­kre­te po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung dar­über, wer wie viel, war­um und wo­für er­hal­ten soll, nicht mehr weit.

Letzt­lich bil­det das Hin und Her der im­mer­glei­chen Ar­gu­men­te zu­ver­läs­sig die ver­schie­de­nen Wel­t­an­schau­un­gen und Men­schen­bil­der ab. Wer den Markt für «un­mensch­lich» hält, be­greift die Un­ter­stüt­zung der Schwä­che­ren nicht nur als mo­ra­li­sche Pflicht, son­dern ver­langt dar­über hin­aus ei­ne der dar­aus re­sul­tie­ren­den Un­gleich­heit an­ge­mes­se­ne Kom­pen­sa­ti­on. Wer hin­ge­gen da­von aus­geht, dass je­der Mensch zu­min­dest im An­satz ein Po­ten­zi­al hat, für sich selbst zu sor­gen und al­les in sei­ner Macht Ste­hen­de da­für tun soll­te, wird auf An­rei­ze set­zen, den Un­ter­stüt­zungs­leis­tun­gen zu ent­kom­men oder die­se zu mi­ni­mie­ren.

Die­se Ge­gen­sät­ze sind kaum zu über­brü­cken. Den­noch kann kei­ne so­zia­le Hil­fe auf Dau­er be­ste­hen, wenn sie von den­je­ni­gen, die sie ali­men­tie­ren, nicht mit­ge­tra­gen wird. In­fra­ge stellt die So­zi­al­hil­fe nie­mand, ge­wis­se Eck­wer­te hin­ge­gen schon. In­so­fern neh­men die Ge­mein­den, die die Gel­der aus­zah­len, ih­re Ver­ant­wor­tung sehr wohl wahr, wenn sie auf pro­ble­ma­ti­sche Trends oder gar Miss­stän­de auf­merk­sam ma­chen. Und da sind Fra­gen wie je­ne, ob der Min­dest­be­darf für ei­ne aus dem Ar­beits­markt ent­las­se­ne Per­son Mit­te fünf­zig nach den­sel­ben Mass­stä­ben zu be­mes­sen ist wie für ei­nen jun­gen Men­schen, der in der Schweiz we­der ge­lebt noch ge­ar­bei­tet hat, ei­nen deut­lich tie­fe­ren Le­bens­stan­dard kennt und we­nig Chan­cen hat, im Ar­beits­markt an­zu­kom­men – oder sich «nicht ko­ope­ra­tiv» ver­hält, wie es in der Amts­spra­che heisst –, durch­aus be­rech­tigt. Eben­so die For­de­rung nach Trans­pa­renz, die im Üb­ri­gen in der Steu­er­er­klä­rung neu auch mit dem au­to­ma­ti­schen In­for­ma­ti­ons­aus­tausch gän­gi­ge Pra­xis ist. Schliess­lich dürf­te es sich – hier sei an die ge­häs­si­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um «Schein­in­va­li­de» er­in­nert – beim über­wie­gen­den Teil der So­zi­al­be­zü­ge um «Ge­brauch», nicht um «Miss­brauch» des Sys­tems han­deln. Und dar­über darf ei­ne po­li­ti­sche De­bat­te ge­führt wer­den.

Das An­recht auf ein men­schen­wür­di­ges Le­ben wird da­mit noch nicht un­ter­lau­fen. Sor­ge zu tra­gen gilt es aber auch der So­li­dar­be­reit­schaft ei­ner Ge­sell­schaft, die auf dem Grund­satz be­ruht, wo­nach So­li­da­ri­tät stets ei­ne wech­sel­sei­ti­ge Ver­pflich­tung ist. Sie be­deu­tet das Ein­ste­hen des Ein­zel­nen für die Ge­samt­heit – und gilt so­mit zwi­schen Men­schen, die sich zu den Grund­wer­ten ih­rer Ge­sell­schaft, zu de­nen in die­sem Kon­text auch Leis­tungs­be­reit­schaft und Ei­gen­ver­ant­wor­tung zäh­len, be­ken­nen und die sich, selbst wenn sie schlech­te­re Vor­aus­set­zun­gen mit­brin­gen, auch dar­um be­mü­hen. Wo­mit ich – um all­fäl­li­ge Ge­gen­re­ak­tio­nen vor­weg­zu­neh­men – kei­ne Pau­scha­li­sie­rung vor­ge­nom­men ha­be, son­dern ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung. Erst wenn der Wil­le zur Dif­fe­ren­zie­rung auf bei­den Sei­ten vor­han­den ist, kann die sach­li­che Dis­kus­si­on be­gin­nen.

Kei­ne so­zia­le Hil­fe kann auf Dau­er be­ste­hen, wenn sie von den­je­ni­gen, die sie ali­men­tie­ren, nicht mit­ge­tra­gen wird.

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