Kei­ner spürt sie bes­ser

Mar­cel Hir­scher, Mi­kae­la Shif­frin, La­ra Gut-beh­ra­mi – sie al­le ha­ben den Ge­samt­welt­cup ge­won­nen und wer­den von ih­ren El­tern trai­niert. Wer die­sen Weg geht, muss Wi­der­stän­de und Neid über­win­den. Doch am En­de wird die Be­zie­hung zwi­schen El­tern und Kind en­ge

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Sport Ski Alpin - Von Re­mo Geis­ser

So­lan­ge sie klein sind, ist al­les ein­fach. Mar­cel Hir­schers El­tern wa­ren Ski­leh­rer, der Bub kurv­te hin­ter ih­nen her, kaum dass er rich­tig ge­hen konn­te. Heu­te sagt er: «Dass ich so Ski fah­ren lern­te, wie ich es heu­te kann, das ist die Hand­schrift des Va­ters.» La­ra Gut-beh­ra­mi trug noch Win­deln, als sie von ei­ner Tan­te ein Paar Plas­tik-ski be­kam und da­mit im Haus und im Gar­ten her­um­tapp­te. Als die El­tern sie erst­mals auf den Schnee stell­ten, fuhr sie ein­fach drauf­los. Ih­re Mut­ter sagt: «La­ra hat­te kei­ne ein­zi­ge St­un­de Ski­schu­le.» Mi­kae­la Shif­frin bö­gel­te hin­ter der Mut­ter über den Hang. Von wei­tem sah sie, wie ihr gros­ser Bru­der mit der Renn­grup­pe durch die To­re bret­ter­te. Da muss­te die Mut­ter für sie ein paar Sla­lom­stan­gen auf­stel­len.

Un­ge­zähl­te Bio­gra­fi­en von Ski­renn­fah­rern be­gin­nen so, doch in den meis­ten folgt früh ein Bruch. Die El­tern tei­len zwar die Pas­si­on, schlei­fen in lan­gen Näch­ten Ski­kan­ten, kar­ren die Kin­der Wo­che­n­en­de für Wo­che­n­en­de an Ren­nen, trös­ten nach ent­täu­schen­den Re­sul­ta­ten, Ein­fäd­lern, Stür­zen. Aber die Ver­ant­wor­tung für die ski­tech­ni­sche Aus­bil­dung ge­ben sie ab. Zu­erst an den Trai­ner im Ski­klub, dann an im­mer neue Ver­ant­wort­li­che auf dem Weg nach oben in der Hier­ar­chie. Ski­fah­ren sei ein Ein­zel­sport, be­to­nen die Ath­le­ten. Doch je­der ein­zel­ne muss sich schon sehr früh in ein Sys­tem ein­fü­gen, wenn er an die Spit­ze kom­men will. Denn die An­mel­dung für in­ter­na­tio­na­le Ren­nen läuft über den Ver­band, und der hat Se­lek­ti­ons­richt­li­ni­en, Punk­te­sys­te­me, Ka­der­quo­ten.

Wer ei­ge­ne We­ge ge­hen will, muss ge­gen Wi­der­stän­de an­kämp­fen. Mar­cel Hir­scher sagt, er ha­be es im Ver­band ver­sucht. Doch beim Auf­stieg be­kam er im­mer wie­der neue Trai­ner vor­ge­setzt. «Und je­des Mal brauchst du min­des­tens ein Jahr und ei­ne Sai­son, um den Coach über­haupt ken­nen­zu­ler­nen.» Da­bei ge­he Zeit ver­lo­ren. Zeit, die man in Fort- schrit­te in­ves­tie­ren könn­te. Die Hir­schers ent­schlos­sen sich, als Va­ter-sohn-duo wei­ter­zu­ma­chen. Der Va­ter be­schied dem Ver­band: «Wenn ihr es nicht ak­zep­tiert, ist der Mar­cel weg aus Ös­ter­reich, dann fährt er für Hol­land.» Hir­schers Mut­ter ist Nie­der­län­de­rin.

Was das heisst, Zeit ha­ben, lässt sich am Bei­spiel von La­ra Gut-beh­ra­mi er­klä­ren. Als sie noch ein Schul­mäd­chen war, zim­mer­te ihr Va­ter Pau­li auf dem Gries­glet­scher in 3200 Me­tern Hö­he ein Holz­hütt­chen, dort haus­ten die bei­den im Som­mer und fuh­ren Ski, so viel sie konn­ten, manch­mal schon mor­gens um 5, wenn die ers­ten Son­nen­strah­len auf den Schnee fie­len. Ein­mal blie­ben sie zehn Ta­ge am Stück auf dem Glet­scher. Kein Trai­ner kann so viel Zeit in ei­nen ein­zel­nen Ath­le­ten in­ves­tie­ren.

Pri­vat­team – der ra­di­ka­le An­satz

Auch die Fa­mi­lie Gut ver­such­te es in­ner­halb des Ver­bands­teams. Als die Toch­ter vor­wie­gend im Eu­ro­pa­cup star­te­te, war sie in ei­ne Grup­pe von Swiss Ski in­te­griert, und der Va­ter reis­te im­mer mit. Nach nur ei­nem Win­ter wur­de je­doch ein Pri­vat­team in­stal­liert, das die Renn­fah­re­rin selbst fi­nan­zie­ren muss­te. Der­art ra­di­ka­le An­sät­ze sind in gros­sen Na­tio­nen sel­ten, und mit den Guts gab es prompt Span­nun­gen. 2010 wur­de die Ath­le­tin we­gen Fehl­ver­hal­tens für zwei Ren­nen ge­sperrt, es wur­de über ei­nen Wech­sel nach Ita­li­en spe­ku­liert, doch La­ra Gut-beh­ra­mi sagt, das sei nie ernst­haft ein The­ma ge­we­sen. Ihr Bru­der Ian kam bei Swiss Ski nicht rich­tig vor­wärts, seit die­sem Win­ter star­tet er für Liech­ten­stein.

Auch wenn die Sys­te­me un­ter­schied­lich sind, ei­nes ha­ben Hir­scher, Shif­frin und Gut­Beh­ra­mi ge­mein­sam: Sie ar­bei­ten sehr eng mit ei­nem El­tern­teil zu­sam­men. Be­rei­tet sich Mar­cel Hir­scher auf den Start vor, ist sein Va­ter Fer­di­nand am Pis­ten­rand un­ter­wegs, er scheint den Schnee zu schnüf­feln, rutscht durch die To­re und gibt dem Sohn de­tail­lier­te In­for­ma­tio­nen fürs Ren­nen. Ei­leen Shif­frin teilt auf Rei­sen mit der Toch­ter das Ho­tel­zim­mer, ge­mein­sam stu­die­ren sie stun­den­lang Vi­de­os. Und Pau­li Gut geht oft ei­ge­ne We­ge, lässt sein Kind al­lein trai­nie­ren, da­mit es ge­nau die In­puts be­kommt, die es braucht.

Die Ba­sis all die­ser Ar­beit ist ei­ne tie­fe Ver­traut­heit. Ei­leen Shif­frin sagt, ih­re Toch­ter wer­de im­mer wie­der ge­fragt, war­um sie stän­dig ih­re Mut­ter um sich ha­ben müs­se. «Die Leu­te be­grei­fen das We­sent­li­che nicht», sagt sie. «Glau­ben Sie, La­ra brau­che ih­ren Va­ter? Pau­li ist da, weil die bei­den ei­ne gross­ar­ti­ge Be­zie­hung ha­ben. Das­sel­be gilt für Mar­cel Hir­scher und sei­nen Va­ter.»

Die­se Be­zie­hun­gen ent­wi­ckeln sich über die Jah­re, das Kind reift zum Er­wach­se­nen – und es re­kla­miert Frei­heit. Mar­cel Hir­scher sagt, er ha­be ei­nen rie­si­gen Sprung ge­macht, als er mit 19 Jah­ren von zu Hau­se aus­ge­zo­gen sei. Sein Se­ni­or sei längst nicht mehr in der Va­ter­rol­le. «Die zwi­schen­mensch­li­che Be­zie­hung ist mitt­ler­wei­le auf ei­nem Ni­veau, wo ich sa­gen muss: echt ein Be­ne­fit, auch im nor­ma­len Le­ben.» Mi­kae­la Shif­frin liess im ver­gan­ge­nen Jahr ein Haus bau­en, La­ra Gut-beh­ra­mi nahm sich vor zwei Jah­ren ei­ne ei­ge­ne Woh­nung, in­zwi­schen ist sie ver­hei­ra­tet. Ihr Va­ter er­klärt aus der Per­spek­ti­ve sei­ner Toch­ter: «Zu Hau­se re­dest du im­mer über Ad­mi­nis­tra­ti­on, Spon­so­ren, Trai­ning. Ir­gend­wann hast du ge­nug da­von. Du brauchst dei­ne Frei­heit, dei­nen Platz.» Die Ath­le­tin selbst sagt, sie ha­be nun bei ih­ren Be­su­chen das Ge­fühl, wie­der als Toch­ter nach Hau­se zu kom­men, nicht als Ski­renn­fah­re­rin.

Was aber im­mer bleibt, ist das be­son­de­re Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Pau­li Gut er­leb­te mit sei­ner Toch­ter im ver­gan­ge­nen Früh­ling ei­ne schwie­ri­ge Pha­se. «En­de Sai­son war La­ra to­tal fer­tig», sagt er, «sehr wahr­schein­lich war sie auch im Kopf nicht ganz da, sie hat­te sich ver­liebt, woll­te hei­ra­ten.» Trotz­dem: Es gab ei­nen Trai­nings­plan. Am ers­ten Tag war die Ath­le­tin mo­ti­viert wie sel­ten, sie fuhr 15 oder 16 Läu­fe, deut­lich mehr als üb­lich. Pau­li Gut

Ge­hen im Trai­ning oft ei­ge­ne We­ge ab­seits vom Ver­band: La­ra Gut-beh­ra­mi un

Als sie klein war, muss­te die Ma­ma ein paar Sla­lom­to­re auf­stel­len, noch heu­te sind sie un­zer­trenn­lich: Mi­kae­la Shif­frin und Mut­ter Ei­leen. (Sem­me­ring, 29. 12. 2018)

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