In di­ver­sen Sport­ar­ten ein Er­folgs­mo­dell

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Sport Ski Alpin - Mit­ar­beit: Ben­ja­min Stef­fen, Phil­ipp Bärtsch.

er­in­nert sich noch, wie er und der Ser­vice­mann sich an­schau­ten und sag­ten: «Das wird sen­sa­tio­nell.» Am zwei­ten Tag war die Fah­re­rin leer. Sie kam an den Start und konn­te nicht mehr. Pau­li Gut brach das Camp ab. Er sag­te: «Es lohnt sich nicht, wenn du dich nicht gut fühlst.» Das sei kei­ne leich­te Ent­schei­dung, zu­mal dann, wenn man als Trai­ner nur ei­ne Fah­re­rin ha­be. Aber in sol­chen Mo­men­ten ist in sei­nem In­nern die Stim­me das Va­ters stär­ker, die sagt: «Es geht jetzt ein­fach nicht.»

Ei­leen Shif­frin sieht sich hin­ge­gen oft in der Rol­le der hart­nä­cki­gen Kri­ti­ke­rin. Trai­ner hät­ten Hem­mun­gen, die Din­ge all­zu oft zu wie­der­ho­len, weil sie be­fürch­te­ten, die Ski­fah­re­rin zu lang­wei­len. «Ich aber sa­ge es im­mer ein­mal mehr, auch wenn das ner­vig ist.» Nie­mand sonst könn­te das tun, aber es sei not­wen­dig, schliess­lich wür­de man die Din­ge ja nicht an­spre­chen, wenn Mi­kae­la sie rich­tig ma­chen wür­de. «Wenn sie des­we­gen wü­tend auf mich ist – na und?! Dann ist sie im­mer­hin nicht wü­tend auf die Trai­ner.» Ja, manch­mal fet­zen sich Mut­ter und Toch­ter Shif­frin. Doch dann sit­zen sie wie­der stun­den­lang im Au­to, auf der Fahrt zum nächs­ten Ren­nen, die Mut­ter am Steu­er, die Toch­ter ent­spannt da­ne­ben. Und sie re­den. «Mi­kae­la kann mir Din­ge sa­gen, die sie kei­nem an­de­ren Men­schen auf der Welt er­zäh­len wür­de», sagt Ei­leen Shif­frin.

Wie viel Mut­ter oder Va­ter braucht es? Mar­cel Hir­scher hat im­mer wie­der al­lein Er­fah­run­gen ge­sam­melt. Sein Va­ter lei­det un­ter Flug­angst, bei Trai­nings­la­gern oder Wett­kämp­fen in Über­see fehlt er. Sein Sohn sagt, in jun­gen Jah­ren sei es vor­ge­kom­men, dass er nach ei­nem Camp oh­ne den Va­ter schlech­ter ge­fah­ren sei als vor­her. Heu­te ist Fer­di­nand Hir­scher vor al­lem dann wich­tig, wenn es dar­um geht, das rich­ti­ge Ma­te­ri­al zu fin­den. Der Se­ni­or hat ein fei­nes Ge­spür da­für, was beim Ju­ni­or funk­tio­niert. Ent­schei­dend sei heu­te im Ski­renn­sport, was man an den Füs­sen ha­be, sagt Mar­cel Hir­scher. «Es ist nicht an­ders als in der For­mel 1. Das bes­te Set-up, das bes­te Equip­ment ent­schei­det. Ski fah­ren kann auf dem Top­ni­veau je­der.»

Mi­kae­la Shif­frin steht in ei­nem Ab­lö­sungs­pro­zess. Frü­her kam sie mehr­mals frus­triert und ver­un­si­chert aus Trai­nings­camps nach Hau­se, heu­te schickt sie der Mut­ter Vi­de­os, und die­se gibt ihr sehr de­tail­lier­te Feed­backs. Die Mut­ter sagt, sie ver­su­che sich im­mer wie­der zu fra­gen, wie viel die Toch­ter noch von ihr brau­che, da­mit das Gleich­ge­wicht stim­me. Die to­ta­le Un­ab­hän­gig­keit ha­ben sie im letz­ten Som­mer aus­pro­biert, als Mi­kae­la Shif­frin al­lein in der süd­li­chen He­mi­sphä­re trai­nier­te und für Spon­so­ren­ter­mi­ne nach Eu­ro­pa reis­te. Als sie zu­rück­kam, sag­te sie: «Ich bin noch nicht be­reit da­für.» Gin­ge es nach der Fah­re­rin, wür­de es ewig so wei­ter­ge­hen wie bis­her. Die Mut­ter aber sagt, die lan­gen Win­ter auf Tour wür­den im­mer an­stren­gen­der für sie, und es sei auch nicht ein­fach, sich vor­zu­stel­len, dass ihr Mann abends oft al­lein zu Hau­se sit­ze. «Wir ver­su­chen gera­de her­aus­zu­fin­den, wann und wie wir den Über­gang zu ei­nem nor­ma­len Le­ben voll­zie­hen wol­len.»

Neid gibt es im­mer wie­der

Im Fall von Mar­cel Hir­scher und Mi­kae­la Shif­frin scheint die Ab­lö­sung ein kon­ti­nu­ier­li­cher Pro­zess zu sein. Bei bei­den nimmt ein El­tern­teil ent­schei­den­den Ein­fluss, aber sie ha­ben in­ner­halb der Ver­bands­struk­tu­ren Teams auf­ge­baut. Hir­schers en­ge­res Um­feld be­steht aus sechs Per­so­nen, drei da­von stellt der Ver­band. Shif­frin ver­fügt über zwei vom Ver­band be­zahl­te Trai­ner, die sich stän­dig mit der Mut­ter aus­tau­schen. Da­zu kom­men ein Ser­vice­mann und ei­ne Phy­sio­the­ra­peu­tin so­wie der Ma­na­ger, der auch ih­re Me­di­en­ar­beit ko­or­di­niert. Die Mut­ter reist auf Kos­ten der Toch­ter. Das ist nicht al­len klar, es gibt im­mer wie­der Neid, weil al­le Ath­le­ten mit Spen­den­ak­tio­nen da­zu bei­tra­gen müs­sen, dass sich der Ver­band über Was­ser hält. Man­che glau­ben, es wer­de zu viel in den Er­folg von Shif­frin in­ves­tiert. Sie sagt, sie be­kom­me nicht mehr als die an­de­ren. «Das

Martina Hin­gis

Sie sag­te, sie ha­be sich be­reits auf ei­nen Ten­nis­schlä­ger ab­ge­stützt, als sie noch nicht rich­tig ha­be ge­hen kön­nen. Ih­re ers­ten Bäl­le schlug sie mit zwei Jah­ren, mit vier spiel­te sie ihr ers­tes Tur­nier. Trei­ben­de Kraft war ih­re Mut­ter, Me­la­nie Mo­li­tor, ei­ne ehe­ma­li­ge Ten­nis­spie­le­rin. Die Mut­ter setz­te auf spie­le­ri­sches Trai­ning, liess die Toch­ter ein gros­ses Schlag­re­per­toire üben und schul­te de­ren Au­ge für das Spiel.

Das Er­geb­nis fass­te die Toch­ter spä­ter ein­mal so zu­sam­men: «Mit acht Jah­ren ha­be ich die Zwölf­jäh­ri­gen ge­schla­gen, mit zehn die Vier­zehn­jäh­ri­gen. So ging es eben wei­ter.» Mit 15 Jah­ren ge­wann sie in Wim­ble­don das Dop­pel-tur­nier, we­nig spä­ter si­cher­te sie sich den ers­ten Ein­zel­ti­tel auf der WTATOUR. Sie wur­de ei­ne der er­folg­reichs­ten Ath­le­tin­nen in der Ge­schich­te ih­rer Sport­art.

Die Brü­der In­gebrigt­sen

Der Va­ter hat­te kei­ne Ah­nung von Sport, aber er woll­te sei­ne Kin­der be­schäf­ti­gen. Gjert In­gebrigt­sen liess sie ren­nen, pro­bier­te vie­les aus, und wenn et­was nicht funk­tio­nier­te, liess er es sein. Die Bu­ben rann­ten im­mer schnel­ler, der Va­ter ent­wi­ckel­te ei­nen Ehr­geiz, bald wur­de das ers­te Trai­ning mor­gens vor der Schu­le an­ge­setzt.

Hen­rik In­gebrigt­sen wur­de 2012 Eu­ro­pa­meis­ter über 1500 m, sein jün­ge­rer Bru­der Fi­lip ge­wann die­sen Ti­tel 2016. Der noch jün­ge­re Ja­kob sieg­te an den EM 2018 über 1500 und über 5000 m. Mit 17 Jah­ren lief er Zei­ten, die selbst Afri­ka­ner in die­sem Al­ter nicht er­reich­ten. Ob er es schafft, ih­re Do­mi­nanz an Ti­tel­kämp­fen zu be­en­den?

Jo­han­nes Klaebo

Der Gross­va­ter schenk­te ihm die ers­ten Lang­lauf­ski zu Weih­nach­ten, da war er zwei­jäh­rig. Seit­her ist der heu­te 73-jäh­ri­ge Opa Ka­re für das Trai­ning zu­stän­dig. Als es an der Tour de Ski dar­um ging, ob es sinn­voll sei, wenn Jo­han­nes vor­zei­tig abrei­se, um Kräf­te für die WM zu spa­ren, be­schied der al­te Mann: «Er bleibt.» Und Klaebo ge­wann die Tour.

Auch die Ver­mark­tung ist Fa­mi­li­en­sa­che: Va­ter Haa­kon ist Ma­na­ger, Bru­der Ola Pr-be­ra­ter. Dass die Leu­te wissen, wie man Schlag­zei­len ge­ne­riert, be­wie­sen sie an den Win­ter­spie­len in Pyeong­chang. Klaebo imi­tier­te bei sei­nen Sie­gen die Blitz-ges­te von Usain Bolt. Und for­der­te den Ja­mai­ca­ner zum 100-m-du­ell her­aus: «Du in Lauf­schu­hen, ich auf Ski.» Noch hat die­ses Ren­nen nicht statt­ge­fun­den. Team könn­te es sich nicht leis­ten, mei­ne Mut­ter als Coach an­zu­stel­len. Ich will sie bei mir ha­ben und bin be­reit, da­für zu be­zah­len.»

Bei La­ra Gut-beh­ra­mi ist der Fall an­ders. Sie un­ter­hält ein Pri­vat­team, mit dem sie im Trai­ning meist al­lein un­ter­wegs ist. Das Team wird von der Ath­le­tin fi­nan­ziert, Pau­li Gut wird aber im Win­ter von Swiss Ski auf Man­dats­ba­sis ent­schä­digt. Die Ko­ope­ra­ti­on mit den Grup­pen von Swiss Ski fin­de vor al­lem im Win­ter und in Süd­ame­ri­ka statt, sagt er. Er ver­sucht, an­de­re Leu­te bei­zu­zie­hen, da­mit neue In­puts ins Team kom­men. Die Trai­ner­le­gen­de Karl Frehs­ner war ein­mal ei­nen Mo­nat mit dem Team Gut in Zer­matt, der Speed-fach­mann Patri­ce Mo­ri­sod wur­de eben­so da­zu­ge­holt wie die frü­he­ren Renn­fah­rer Da­ni­el Al­brecht, Di­dier Cu­che oder Mas­si­mi­lia­no Blar­do­ne. Sol­che Spe­zia­lis­ten sol­len die Fah­re­rin in spe­zi­fi­schen Be­rei­chen wei­ter­brin­gen. Aber sie hel­fen auch dem Trai­ner. «Der Aus­tausch mit er­fah­re­nen Leu­ten kann viel brin­gen, weil sie oft in ih­rer Kar­rie­re mit ähn­li­chen Pro­ble­men oder Si­tua­tio­nen ge­kämpft ha­ben. Ih­re Er­fah­run­gen hel­fen uns auf dem Weg an die Spit­ze», sagt Pau­li Gut.

Längst nicht al­le Sport­ler kön­nen oder wol­len der­art eng mit den El­tern zu­sam­men­ar­bei­ten. Dort, wo es funk­tio­niert, le­ben bei­de Tei­le mit Hin­ga­be für den Sport. Mar­cel Hir­scher sagt: «Ich glau­be, In­di­vi­dua­li­tät soll­te in ei­nem Ein­zel­sport je­dem zu­ste­hen.» Er­folg sei ei­ne Fra­ge der Ein­stel­lung. Die­se aber wird dem Kind häu­fig von den El­tern ver­mit­telt, in man­chen Fäl­len wächst dar­aus ei­ne sym­bio­ti­sche Be­zie­hung. El­tern ken­nen ih­re Kin­der nicht nur bes­ser als vom Ver­band ver­pflich­te­te Trai­ner, sie le­ben auch im sport­li­chen All­tag an­ders mit. Wird es nicht manch­mal schwie­rig, zwi­schen der Rol­le als Coach und je­ner als El­tern­teil zu un­ter­schei­den? Pau­li Gut sagt: «Man ist im­mer Va­ter, man ist im­mer Mut­ter.» Ge­nau das kann zum Er­folg füh­ren.

d Va­ter Pau­li Gut. (Söl­den, 25. 10. 2013)Hir­schers Va­ter sag­te dem Ver­band: «Wenn ihr es nicht ak­zep­tiert, ist der Mar­cel weg aus Ös­ter­reich, dann fährt er für Hol­land.»

Sechs Leu­te um­fasst sein per­sön­li­cher Stab, der Pa­pa nimmt ei­ne zen­tra­le Rol­le ein: Mar­cel Hir­scher und Va­ter Fer­di­nand. (25. 10. 2013)

Die Mut­ter hat­te den Mas­ter­plan für ei­ne gros­se Kar­rie­re: Martina Hin­gis mit Me­la­nie Mo­li­tor. (Tr­üb­bach, 1. 5. 1991)

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