Auf Bor­neo wer­den Orang-utans ge­jagt, man zer­stört ih­re Wäl­der. Aber nun gibt es Hoff­nung

Auf Bor­neo sind die Be­stän­de der Orang-utans dra­ma­tisch zu­rück­ge­gan­gen – sie wer­den ge­jagt, und ihr Le­bens­raum wird ab­ge­holzt. Doch jetzt zeigt sich: Die Men­schen­af­fen sind viel an­pas­sungs­fä­hi­ger, als man dach­te.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Vorderseite - Von Ju­li­et­te Ir­mer

Mut­ter und Jun­ges sit­zen ru­hig in ei­nem Baum und schau­en auf die Men­schen her­ab, die Han­dys, Fern­glä­ser und gi­gan­ti­sche Te­le­ob­jek­ti­ve in die Hö­he hal­ten. Nach ei­ner Wei­le han­gelt sich das Oran­gu­t­an-weib­chen mit ih­rem Jun­gen am Bauch ge­schickt am Wald­rand ent­lang bis zum na­hen Gärt­chen ei­nes An­ge­stell­ten: Dort wächst ein Baum mit Früch­ten, die drei­mal so gross sind wie ei­ne Ana­nas. Ge­schwind beisst sie ei­ne ab, trans­por­tiert sie zwi­schen den Zäh­nen in den nächst ge­le­ge­nen ho­hen Baum und ver­tilgt sie dort ge­nüss­lich.

Das Da­num Val­ley Con­ser­va­ti­on Cen­ter ist ei­ner der we­ni­gen Or­te im Nord­os­ten der In­sel Bor­neo, wo noch Pri­mär­re­gen­wald steht. Ein Wald al­so, der weit­ge­hend von Men­schen un­be­rührt ge­blie­ben ist – 130 Mil­lio­nen Jah­re lang. Er zählt zu den äl­tes­ten und ar­ten­reichs­ten der Er­de und ist auch Hei­mat der Orang-utans. Weil sol­che Wäl­der auf Bor­neo rar ge­wor­den sind, ver­schwin­den auch die Wald­men­schen, wie die ro­ten Men­schen­af­fen auf Ma­lai­isch heis­sen. Seit 1999 sank ih­re Zahl um ge­schätz­te 100 000 Tie­re, das ent­spricht ei­nem Rück­gang von min­des­tens 25 Pro­zent. So lau­tet das Fa­zit ei­ner Stu­die, die letz­tes Jahr ver­öf­fent­licht wur­de und an der For­scher des Max-planck-in­sti­tuts (MPI) für evo­lu­tio­nä­re An­thro­po­lo­gie und des Deut­schen Zen­trums für in­te­gra­ti­ve Bi­o­di­ver­si­täts­for­schung (idiv) in Leip­zig be­tei­ligt wa­ren.

So kri­tisch die Si­tua­ti­on er­scheint, noch lässt sich der Ab­wärts­trend auf­hal­ten. «Wir ha­ben so vie­le Tie­re ver­lo­ren, dass wir die Ar­ten­schutz­stra­te­gi­en der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te nun auf den Prüf­stand stel­len: Was hat funk­tio­niert? Was nicht?», fragt Erik Mei­jaard, Grün­der von Bor­neo Fu­tures, ei­nem Ver­bund von 350 Wis­sen­schaf­tern, die den Na­tur­schutz auf Bor­neo auf so­li­de wis­sen­schaft­li­che Ba­sis stel­len wol­len – mit dem Ziel, In­dus­trie und Re­gie­rung zu be­ra­ten. So ist die Re­gie­rung gera­de da­bei, ei­nen Ak­ti­ons­plan 2018–2027 zum Schutz der Orang-utans zu er­stel­len. Ei­ne der Haupt­ur­sa­chen für den Rück­gang der Men­schen­af­fen ist die Um­wand­lung von Re­gen­wald in landwirtschaftliche Flä­che, et­wa zum An­bau von Öl­pal­men. «Aber Palm­öl al­lein ist es nicht», sagt Mei­jaard. Re­gen­wald wird auch für Gum­mi- und Ka­kao­plan­ta­gen, die Her­stel­lung von Zell­stoff und Pa­pier und zum Bau von Mi­nen ge­schla­gen. In 30 Jah­ren wur­den so 16,8 Mil­lio­nen Hekt­ar ab­ge­holzt, ei­ne Flä­che fast halb so gross wie Deutsch­land.

Re­gie­rung er­kennt Wert des Wal­des

Hin­zu kom­men Brän­de, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gros­se Flä­chen Re­gen­wald ver­nich­tet ha­ben. «Tro­pi­scher Re­gen­wald brennt nor­ma­ler­wei­se nicht», sagt Ma­ria Voigt vom idiv und Haupt­au­to­rin der Stu­die, al­ler­dings macht sich der Kli­ma­wan­del auch auf Bor­neo be­merk­bar: Es reg­net we­ni­ger. Zu­dem wer­den Torf­re­gen­wäl­der zur Flä­chen­ge­win­nung ent­wäs­sert. «Ein­mal tro­cken­ge­legt, sind sie hoch­brenn­bar und das Feu­er ist kaum zu lö­schen, weil es un­ter­ir­disch schwelt», er­klärt Voigt. Die Re­gie­run­gen Bor­ne­os ha­ben in­zwi­schen er­kannt, dass ihr Wald schüt­zens­wert ist, nicht nur als Le­bens­raum ein­zel­ner Tier­ar­ten. So kün­dig­te Ma­lay­si­as Re­gie­rung im Sep­tem­ber 2018 an, dass die ver­blie­be­nen gut 50 Pro­zent der Wald­de­cke des Lan­des er­hal­ten blei­ben sol­len. Ähn­li­ches gilt für den in­do­ne­si­schen Teil von Bor­neo. «Das ist ei­ne po­si­ti­ve Ent­wick­lung. Aber sie löst nicht al­le Pro­ble­me der Orang-utans», stellt Mei­jaard klar.

Denn ne­ben dem Schwin­den der Wäl­der gibt es ei­nen wei­te­ren Grund für ih­ren ra­schen Rück­gang: Orang-utans wer­den von Ein­hei­mi­schen ge­tö­tet. «Das hört nie­mand ger­ne», sagt Voigt, «aber wir ver­lie­ren vie­le Tie­re in in­tak­ten Wäl­dern.» Denn dort wird viel ge­jagt. Ei­ne Um­fra­ge er­gab, dass die Tie­re zwar nicht als De­li­ka­tes­se gel­ten. «Aber wenn Jä­ger kein Schwein oder kei­nen Hirsch er­wi­schen und statt­des­sen ir­gend­wo ein Orang-utan sitzt, wird eben der Af­fe er­legt und ge­ges­sen», so Voigt. Hin­zu kommt, dass durch die gross­flä­chi­ge Er­schlies­sung der Wäl­der Orang-utans zu­neh­mend in Kon­takt mit Men­schen kom­men. «Sie sind we­der in Plan­ta­gen noch Gär­ten ger­ne ge­se­hen, denn sie fres­sen die Früch­te, die Men­schen für ih­ren Le­bens­un­ter­halt an­pflan­zen. Das kann töd­lich für sie en­den», er­klärt die Bio­lo­gin.

Mei­jaard und sei­ne Kol­le­gen schät­zen, dass jähr­lich gut 2000 Orang-utans auf die­se Wei­se en­den. Da­bei ist je­des ein­zel­ne Tier ei­nes zu viel: «Die Tie­re pflan­zen sich sehr lang­sam fort. Ein Weib­chen be­kommt nur al­le sechs bis acht Jah­re ein Jun­ges. Da sinkt die Po­pu­la­ti­on selbst bei ein­zel­nen Tö­tungs­fäl­len schnell un­ter ei­nen kri­ti­schen Schwel­len­wert», er­klärt Marc An­crenaz, Tier­arzt und Mit­grün­der von Bor­neo Fu­tures. «Wir müs­sen die Tö­tungs­ra­te re­du­zie­ren», so Mei­jaard, «sonst sind so ziem­lich al­le Po­pu­la­tio­nen aus­ser­halb der Schutz­ge­bie­te zum To­de ver­ur­teilt.» Al­so 70 Pro­zent der ver­blie­be­nen 70 000 bis 100 000 Tie­re.

Da­zu müs­sen al­le Be­tei­lig­ten an ei­nen Tisch: Po­li­ti­ker, Plan­ta­gen­be­sit­zer, Jä­ger, Wis­sen­schaf­ter und Na­tur­schüt­zer. «Wir müs­sen auf­klä­ren und in Kon­flik­ten un­ter­stüt­zen», sagt Erik Mei­jaard. Doch Öf­fent­lich­keits­ar­beit kos­tet Geld, und Ar­ten­schutz ist nicht nur auf Bor­neo chro­nisch un­ter­fi­nan­ziert. So ist die Re­ha­bi­li­ta­ti­on und Aus­wil­de­rung von Jung­tie­ren, was et­wa fünf bis sechs Jah­re dau­ert, ex­trem kost­spie­lig und in­ef­fek­tiv. Vor al­lem aber soll­ten Ent­schei­dungs­trä­ger wis­sen­schaft­li­che Fak­ten be­rück­sich­ti­gen. Zum Er­stau­nen der Stu­di­en­au­to­ren hat­te die in­do­ne­si­sche Re­gie­rung kürz­lich ge­mel­det, dass sich die La­ge der Men­schen­af­fen ver­bes­sert hät­te. «Die Er­geb­nis­se sind nicht re­prä­sen­ta­tiv. Das Mo­ni­to­ring der Re­gie­rung hat sich auf neun Schutz­ge­bie­te kon­zen­triert, in de­nen zwei Jah­re lang Da­ten er­ho­ben wur­den. Wir ha­ben über 1000 Ge­bie­te in ei­nem Zei­t­raum von 16 Jah­ren ana­ly­siert», er­klärt Ma­ria Voigt.

Dro­hen­de In­zucht

Aus der letzt­jäh­ri­gen Stu­die lässt sich in­des auch Po­si­ti­ves ab­le­sen: «Es gibt tat­säch­lich mehr Orang-utans, als wir bis­her dach­ten, und ei­ni­ge Po­pu­la­tio­nen schei­nen re­la­tiv sta­bil zu sein», sagt der Stu­di­en­lei­ter Hjal­mar Kühl vom MPI. Hoff­nung macht auch die Er­kennt­nis, dass Orang-utans viel an­pas­sungs­fä­hi­ger sind als an­ge­nom­men: «Frü­her dach­ten wir, sie könn­ten aus­schliess­lich in Pri­mär­wald über­le­ben», sagt Voigt, «aber sie über­le­ben auch in de­gra­dier­ten Wäl­dern und ei­ne Wei­le lang so­gar in Palm­öl­plan­ta­gen, denn sie fres­sen zur Not auch de­ren Früch­te.» Zu­dem be­we­gen sich Orang-utans auch öf­ter auf dem Bo­den als an­ge­nom­men.

Die­se Er­kennt­nis­se ha­ben kon­kre­te Fol­gen für den Na­tur­schutz: «Wir wissen nun, dass Plan­ta­gen über­wind­bar sind», er­klärt Marc An­crenaz. Sie könn­ten wo­mög­lich selbst als Kor­ri­do­re zwi­schen ver­ein­zel­ten Wald­stü­cken die­nen und so den Aus­tausch zwi­schen Po­pu­la­tio­nen er­mög­li­chen, was ent­schei­dend für das lang­fris­ti­ge Über­le­ben der Tie­re ist. Pflan­zen sich die Tie­re nur in­ner­halb ih­rer ei­ge­nen Grup­pe fort, droht In­zucht, und der Gen­pool ver­armt. Ent­schei­dend für das lang­fris­ti­ge Über­le­ben der Men­schen­af­fen ist auch die Um­set­zung der Ar­ten­schutz­ge­set­ze. So ist das Tö­ten, Fan­gen und Hal­ten von Orang-utans, die auf der Ro­ten Lis­te der Welt­na­tur­schut­zu­ni­on als «vom Auss­ter­ben be­droht» ein­ge­stuft sind, zwar auf ganz Bor­neo ver­bo­ten. Aber die Ge­set­ze wer­den nicht ein­ge­hal­ten, nicht kon­trol­liert und nicht um­ge­setzt.

Im ma­lai­ischen Teil von Bor­neo wen­den sich die Din­ge seit kur­zem: «Ab und zu wer­den Wil­de­rer be­straft, das ist neu», sagt Marc An­crenaz. Vor­rei­ter ist der ma­lai­ische Bun­des­staat Sa­bah, der mitt­ler­wei­le 30 Pro­zent sei­ner Wäl­der, un­ter Schutz ge­stellt hat. Es ist auch der Teil Bor­ne­os mit der bes­ten tou­ris­ti­schen In­fra­struk­tur, das heisst, es gibt Or­te, wie das Da­num Val­ley oder den Kina­batan­gan-fluss, wo sich Orang-utans gut be­ob­ach­ten las­sen. Das bringt Geld ein, auch für die lo­ka­le Be­völ­ke­rung. «Men­schen­af­fen ha­ben ei­ne Chan­ce, wenn wir sie wert­schät­zen», sagt Hjal­mar Kühl, «als Ar­ten­schüt­zer kann ich des­we­gen nur sa­gen: Fahrt hin, und schaut sie euch an.»

«Men­schen­af­fen ha­ben ei­ne Chan­ce, wenn wir sie wert­schät­zen. Als Ar­ten­schüt­zer kann ich nur sa­gen: Fahrt hin und schaut sie euch an.»

Seit 1999 hat sich ih­re Zahl um vol­le 100 000 Tie­re ver­min­dert: Oran­gu­tans auf Bor­neo.

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