Zü­rich ge­winnt

Die Stadt er­hält mit den Ent­wür­fen für das neue Uni­spi­tal und das Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de ein Hoch­schul­quar­tier von Welt­klas­se­for­mat.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Kultur - Von Ger­hard Mack

Es war ein biss­chen so wie nach ei­nem schlim­men Traum: Wenn das Py­ja­ma schweiss­nass am Kör­per klebt, stellt man fest, dass der Schlaf wie­der ein­mal Un­ge­heu­er ge­bo­ren hat und die Rea­li­tät doch weit we­ni­ger un­freund­lich ist. Am Di­ens­tag prä­sen­tier­ten Kan­ton, Uni­ver­si­tät Uni­ver­si­täts­spi­tal und Ar­chi­tek­ten die Ent­wür­fe für die ers­ten Bau­ten des zu­künf­ti­gen Hoch­schul­quar­tiers Zü­rich Zen­trum und sorg­ten fast auf gan­zer Li­nie für Be­geis­te­rung. In den Me­di­en war so­gar zu le­sen, mit dem Uni­spi­tal von Christ & Gan­ten­bein und dem Bil­dungs- und For­schungs­zen­trum der Uni Zü­rich von Herzog & de Meu­ron kön­ne man ge­trost in ei­ne Volks­ab­stim­mung ge­hen.

Die Vor­aus­set­zun­gen wa­ren lan­ge Zeit an­ders. Ein Gestal­tungs­plan er­laub­te so ho­he Vo­lu­men, dass das Quar­tier mit sei­nen his­to­ri­schen Wohn­bau­ten er­drückt wor­den wä­re. Die Gi­gan­to­ma­nie, mit der Karl Mo­ser 1933 das Nie­der­dorf durch Gross­bau­ten er­set­zen woll­te, wie Le Cor­bu­si­er es für Paris vor­ge­schla­gen hat­te, schien fröh­li­che Ur­ständ zu fei­ern. «Ver­dich­tung» schien zum Zau­ber­wort zu wer­den, mit dem sich je­de Fle­ge­lei recht­fer­ti­gen liess.

Das Wun­der der Ar­chi­tek­ten

Da­ge­gen hat die Be­völ­ke­rung mit Er­folg pro­tes­tiert. Das Uni­spi­tal ging über die Bü­cher und re­du­zier­te sei­nen Be­darf. Da­mit trug es dem Be­dürf­nis nach Über­schau­bar­keit eben­so Rech­nung wie me­di­zi­ni­schen Fort­schrit­ten, die kür­ze­re Be­hand­lungs­zei­ten er­mög­li­chen. Und es la­ger­te 600 Ar­beits­plät­ze der Ver­wal­tung nach Düben­dorf aus, was den Platz­be­darf um 30 Pro­zent senk­te.

Das ei­gent­li­che Wun­der voll­brach­ten aber die Ar­chi­tek­ten mit den jetzt ver­öf­fent­lich­ten Ent­wür­fen. Sie ver­zich­ten nicht nur auf mo­nu­men­ta­le Tür­me oder Rie­gel, sie blei­ben auch deut­lich un­ter den er­laub­ten Ma­xi­mal­hö­hen. Und sie su­chen das Ge­spräch mit den vor­han­de­nen Bau­ten. Wer die Com­pu­ter­bil­der an­schaut, kann das Ge­fühl ha­ben, dass hier nicht nur zwei Epo­chen über ei­ne Zeit­span­ne von hun­dert Jah­ren zu­sam­men­fin­den, son­dern dass das, was die Er­bau­er von ETH und Uni­ver­si­tät be­gon­nen ha­ben, erst jetzt sei­ne Voll­en­dung fin­det. Das his­to­ri­sche En­sem­ble an der Rä­mi­stras­se ist nicht län­ger ei­ne Stadt­kro­ne, hin­ter der sich die de­ran­gier­te Fi­gur ei­ner ge­sichts­lo­sen An­samm­lung ver­schie­dens­ter Bau­ten ver­birgt. Es er­hält viel­mehr ein Pen­dant. Das schafft neue Räu­me, die Stadt kann at­men.

Herzog & de Meu­ron er­rei­chen dies durch zwei Mass­nah­men: Sie las­sen das neue Bil­dungs- und For­schungs­zen­trum sech­zig Me­ter von der Stras­se zu­rück­tre­ten. Und sie schaf­fen da­vor ei­nen gros­sen Platz, der das Hang­ge­fäl­le für meh­re­re Ter­ras­sen nutzt. Ver­bun­den sind bei­de durch ei­ne Raum­fol­ge, die in den Platz ein­ge­schnit­ten ist und sich vom Zu­gang an der Rä­mi­stras­se über ei­nen ab­ge­senk­ten Gar­ten­hof bis zu ei­nem fünf­ge­schos­si­gen Atri­um er­streckt. Es ist ein Fo­rum im di­rek­ten Sinn des Wor­tes. Städ­ti­scher und uni­ver­si­tä­rer Raum ge­hen in­ein­an­der über. Das neue Ge­bäu­de er­hebt sich dar­über wie ein schwe­ben­der Kör­per und schafft mit sei­ner Fas­sa­de aus Glas und leicht ge­schwun­ge­nen Son­nen­schut­z­ele­men­ten ein hel­les, trans­pa­ren­tes Ge­gen­über zu den mas­si­ven his­to­ri­schen St­ein­bau­ten.

Auch Christ & Gan­ten­bein ent­wer­fen das neue Uni­spi­tal nicht als Mo­no­lith. An­ders als man es von Spi­tal­bau­ten aus den letz­ten Jahr­zehn­ten kennt, schaf­fen sie ei­ne Struk­tur aus meh­re­ren Vo­lu­men, die sich wie ei­ne Per­len­ket­te an die ge­schütz­ten Ge­bäu­de von Hae­fe­li/mo­ser/stei­ger an­glie­dern. Sie wol­len kei­ne Ma­schi­ne, son­dern ein neu­es Stück Stadt sein. Wie durch­läs­sig das wer­den kann, zei­gen die zwei Bau­ten der ers­ten Etap­pe mit We­gen, Plät­zen und Brü­cken, die al­te und neue Ge­bäu­de ver­bin­den. Im Dia­log mit den his­to­ri­schen Spi­tal­bau­ten ste­hen auch die Ma­te­ria­li­en: Nicht Be­ton und Me­tall­ver­klei­dun­gen, son­dern Na­tur­stein und Holz schaf­fen für die Pa­ti­en­ten ei­ne Wohn­at­mo­sphä­re. Wer hier ein paar Ta­ge ver­brin­gen muss, ist vom All­tag nicht aus­ge­schlos­sen, wer sei­ne kran­ken Liebs­ten be­su­chen will, darf sich will­kom­men füh­len.

Bis­her wur­den die An­lie­gen der Be­völ­ke­rung und die der uni­ver­si­tä­ren In­sti­tu­tio­nen, die der Stadt und die der For­schungs­eli­te im­mer wie­der ge­gen­ein­an­der aus­ge­spielt. Die bei­den Ent­wür­fe zei­gen nun, dass die­ser Ge­gen­satz nicht be­ste­hen muss. Teil der Auf­ga­be sei es näm­lich ge­we­sen, «ne­ben dem vor­ge­schrie­be­nen Raum­pro­gramm die oft­mals zwi­schen den Zei­len ste­hen­den Be­dürf­nis­se und Er­war­tun­gen der Bau­her­ren und der Nut­zer zu in­ter­pre­tie­ren, zu an­ti­zi­pie­ren – und zu er­fül­len», schrei­ben Herzog & de Meu­ron in ei­ner Stel­lung­nah­me.

Ganz en pas­sant über­win­det man end­lich auch die Ani­mo­si­tä­ten ge­gen­über Ba­sel.

Be­rei­che­rung der Stadt

Mit den vor­lie­gen­den Ent­wür­fen wird sicht­bar, wie das ge­lin­gen kann: Sie ge­ben der Stadt ei­nen Treff­punkt, an dem Wis­sen­schaft und Be­völ­ke­rung sich be­geg­nen und als Ak­teu­re der­sel­ben Stadt Zü­rich er­fah­ren kön­nen. Die Uni­ver­si­tät zeigt, dass sie die Be­dürf­nis­se der Be­völ­ke­rung ernst nimmt. Die Be­völ­ke­rung kann zum Aus­druck brin­gen, dass sie die In­sti­tu­tio­nen schätzt, die zum Welt­ruf ih­rer Stadt bei­tra­gen. Die Lon­do­ner mö­gen ih­re Ta­te Mo­dern als coo­len Treff­punkt ha­ben, die Zürcher er­hal­ten ih­re Uni­ver­si­täts­ter­ras­sen. Gu­te Ar­chi­tek­tur kann ei­ne Stadt be­rei­chern und deut­lich vor­an­brin­gen. Das soll­te auch die Geg­ner vom Ver­ein Zu­kunft Hoch­schul­ge­biet ge­wo­gen stim­men. Denn wann ha­ben An­woh­ner von ei­nem so gros­sen Pro­jekt mehr er­hal­ten?

Über das neue Hoch­schul­quar­tier darf man sich auch aus ei­nem an­de­ren Grund freu­en: Zü­rich scheint aus sei­ner Er­star­rung er­wacht. Nach dem Sech­se­läu­ten­platz, nach der Zu­stim­mung zum Sta­di­on will es nun die Chan­ce pa­cken, auch beim neu­en Wis­sens­clus­ter der Hoch­schu­len ar­chi­tek­to­nisch Zei­chen zu set­zen. Mit ei­nem sol­chen Selbst­be­wusst­sein agiert ei­ne glo­bal den­ken­de Stadt. Da ver­wun­dert es kaum noch, dass man en pas­sant end­lich auch die Ani­mo­si­tä­ten ge­gen­über Ba­sel über­win­det. Die bei­den Sie­ger­pro­jek­te ha­ben Ar­chi­tek­ten der Stadt am Rh­ein­knie ent­wor­fen, der Zweit­plat­zier­te für das Uni­fo­rum kommt auch von dort. Zü­rich öff­net sich und ge­winnt.

ETH Uni­ver­si­tät Zü­rich Glo­ria­park Wis­sen­schafts­clus­ter im Zen­trum: Vi­sua­li­sie­rung des künf­ti­gen Hoch­schul­ge­biets in Zü­rich. Neu­bau­ten Uni­spi­tal Neu­es Fo­rum Uni Zü­rich

Brü­cke zwi­schen Spi­tal­bau­ten.

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