Kraft fürs neue Jahr

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Tipps - Ger­hard Mack

Kunst­mu­se­um Thur­gau, Kar­tau­se It­tin­gen, bis 27. 10. Ei­ne Pu­bli­ka­ti­on er­scheint dem­nächst im Christoph-me­ri­an-ver­lag, Ba­sel.

Hab ich wirk­lich mal so ei­nen Fuss­ball­kopf ge­habt, Haa­re an­lie­gend wie ei­ne Hau­be, die Brau­en so dicht wie zwei Be­sen und der Mund ein Schlitz wie bei den Zürcher Müll­schlu­ckern? Till Vel­ten stellt sich die­se Fra­gen nicht ex­pli­zit, aber er lässt uns deut­lich wissen, dass er mit dem Por­trät nicht ganz glück­lich ist, das Erich Bö­de­ker von ihm aus­ge­führt hat, als er noch ein klei­ner Bub war. Dass sei­ne Schwes­ter da­ne­ben aus­sieht wie nach ei­nem Box­kampf, dürf­te die Sa­che kaum bes­ser ge­macht ha­ben.

Till Vel­ten hat Mut. Der 1961 in Wup­per­tal ge­bo­re­ne Künst­ler setzt sich mit Re­li­gio­si­tät ge­nau­so aus­ein­an­der wie mit De­menz. Sein In­ter­es­se gilt den Men­schen und ih­ren Bin­dun­gen. Ge­mein­schaft, Ver­ein­ze­lung, Be­zie­hun­gen, so­zia­le Net­ze er­kun­det er vor­wie­gend in Ge­sprä­chen und setzt die­se in Fil­me, Au­dio­bei­trä­ge, Skulp­tu­ren und In­stal­la­tio­nen um. Dar­in steckt ein we­nig Oral His­to­ry und das Kon­zept ei­ner so­zia­len Plas­tik von Jo­seph Beuys. Vel­ten ge­hört aber ei­ner jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on an und konn­te sich vom Bal­last al­ter Kämp­fe be­frei­en. Sein gros­ses Ta­lent ist es, Men­schen zum Spre­chen zu brin­gen und ih­nen zu­hö­ren zu kön­nen.

Viel­leicht lan­det man dann von selbst bei der Fra­ge, was uns Men­schen über­haupt aus­macht. Ist es un­se­re Ge­schich­te? Sind es un­se­re Emp­fin­dun­gen und Ge­dan­ken? Wel­che Rol­le spielt unser Äus­se­res für das Bild, das wir ab­ge­ben und an­de­re sich von uns ma­chen? Vel­ten ent­deckt für die Aus­stel­lung in der Kar­tau­se It­tin­gen in der ur­al­ten Gat­tung des Por­träts die Brü­chig­keit un­se­rer heu­ti­gen Selbst­bil­der und fängt gleich mit sich sel­ber an: Den Bild­hau­er Erich Bö­de­ker hat er als Kind ken­nen­ge­lernt. Der be­gann Be­ton­skulp­tu­ren zu gies­sen, als sei­ne Staub­lun­ge den Berg­ar­bei­ter in die Früh­pen­si­on zwang. Sei­ne Fi­gu­ren sind na­iv und sehr weit von Vel­tens kon­zep­tu­el­lem Werk ent­fernt, sie ha­ben aber ei­ne un­glaub­li­che Kraft. Das er­lebt man be­son­ders deut­lich, wenn man sie im Dia­log mit den fünf Por­träts sieht, die Till Vel­ten mit Mit­ar­bei­tern der Kar­tau­se It­tin­gen und zwei Frau­en aus Wien auf­ge­nom­men hat. Die le­ben­den und die stei­ner­nen Men­schen strah­len ei­ne Ru­he und Kon­zen­tra­ti­on auf ih­re Tä­tig­keit aus, die man nur be­wun­dern kann. So darf man hoff­nungs­froh ins neue Jahr schau­en.

Erich Bö­de­ker: «Till und Ta­nia Vel­ten».

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