Ar­beit­neh­mer auf Ge­schäfts­rei­sen

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - NZZ Executive - Frank Em­mel, Ad­vo­kat

In Zei­ten mo­der­ner In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en sind Rei­sen in der Geschäftswelt zwar sel­te­ner ge­wor­den. Ganz zu er­set­zen sind sie da­durch je­doch nicht. Das per­sön­li­che Ken­nen­ler­nen der Ge­schäfts­part­ner, der un­mit­tel­ba­re Ein­blick in de­ren Ge­schäfts­und Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen so­wie das Er­le­ben der so­zia­len, po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Ver­hält­nis­se vor Ort kön­nen nach wie vor für ei­ne nach­hal­ti­ge Ge­schäfts­be­zie­hung von we­sent­li­cher Be­deu­tung sein. Mit Ge­schäfts­rei­sen ver­bin­den sich recht­li­che Fra­gen, über de­ren Be­ant­wor­tung die Rechts­mei­nun­gen aus­ein­an­der­ge­hen. Es emp­fiehlt sich da­her, Rech­te und Pflich­ten von Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern be­züg­lich Ge­schäfts­rei­sen stets ver­trag­lich zu re­geln.

Ist die Rei­se nö­tig?

Es kann in ei­nem Ar­beits­ver­hält­nis be­reits die Fra­ge un­klar und strit­tig sein, ob zur Ar­beit, die der An­ge­stell­te kon­kret zu ver­rich­ten hat, auch ei­ne Ge­schäfts­rei­se ge­hört.

Die Pflicht des Ar­beit­neh­mers zu Di­enst­rei­sen kann sich aus der Auf­ga­ben­um­schrei­bung im Ar­beits­ver­trag, aus sei­ner Funk­ti­on oder sei­ner Stel­lung im Be­trieb er­ge­ben. Wer na­ment­lich im Aus­sen­dienst, im Ver­triebs­we­sen oder im Ma­nage­ment ar­bei­tet, über­nimmt im Rah­men sei­ner Auf­ga­ben die Pflicht, die Ar­beits­leis­tung auch auf ei­ner Ge­schäfts­rei­se zu er­fül­len. Je hö­her die Stel­lung des Ar­beit­neh­mers im Be­trieb ist, des­to eher geht da­mit auch die Ver­pflich­tung zu Di­enst­rei­sen ein­her. So­fern und so­weit die Häu­fig­keit, der Zeit­punkt, die Dau­er, die Des­ti­na­ti­on, der In­halt und die Art und Wei­se von Ge­schäfts­rei­sen ver­trag­lich nicht ver­ein­bart sind, be­stimmt der Ar­beit­ge­ber dar­über in Aus­übung sei­nes Wei­sungs­rechts. Er hat da­bei nicht nur sei­ne ei­ge­nen be­rech­tig­ten In­ter­es­sen im Au­ge zu be­hal­ten, son­dern auch je­ne des An­ge­stell­ten an­ge­mes­sen zu be­rück­sich­ti­gen. Die Zu­mut­bar­keit ei­ner Di­enst­rei­se für den Ar­beit­neh­mer misst sich stets an den ge­ge­be­nen kon­kre­ten Um­stän­den.

Fer­ner in­ter­es­siert die Fra­ge, wel­che Zei­ten auf ei­ner Ge­schäfts­rei­se zur Ar­beits­zeit zäh­len. Zu un­ter­schei­den ist da­bei die ar­beits­ver­trags­recht­li­che Ar­beits­zeit von der ar­beits­schutz­recht­li­chen Ar­beits­zeit. Die Ers­te­re wird durch die im Ar­beits­ver­trag fest­ge­leg­te Nor­mal­ar­beits­zeit be­stimmt, die das Äqui­va­lent zum ver­ein­bar­ten Zeit­lohn dar­stellt. Die ar­beits­schutz­recht­li­che Ar­beits­zeit un­ter­liegt den Nor­men des Ar­beits­ge­set­zes und des­sen Ver­ord­nun­gen, die den Ar­beit­neh­mer vor Über­las­tung und Ge­sund­heits­be­ein­träch­ti­gun­gen schüt­zen. Da­zu re­geln sie na­ment­lich die Höchst­ar­beits­zei­ten, die Ru­he­zei­ten und die Nacht­ar­beit.

Streng­ge­nom­men fin­den die ar­beits­ge­setz­li­chen als ho­heit­li­che Nor­men nur in­ner­halb der Schweiz An­wen­dung. Es emp­fiehlt sich, sie den­noch auch bei Ge­schäfts­rei­sen ins Aus­land zu be­ach­ten. Ar­beits­schutz­recht­lich be­trach­tet sind auf ei­ner Ge­schäfts­rei­se je­ne Zei­ten, die der Ar­beit­neh­mer zu­min­dest haupt­säch­lich den In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers wid­met, Ar­beits­zeit. Nicht da­zu ge­hö­ren Zei­ten zur frei­en Ver­fü­gung des Ar­beit­neh­mers, die er für Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten nut­zen kann.

Ist al­les auch Ar­beits­zeit?

Hin­ge­gen ist aus ar­beits­ver­trags­recht­li­cher Sicht die Ge­schäfts­rei­se als Gan­zes ei­gent­lich Ar­beits­zeit, weil sie im In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers ge­tä­tigt wird. Al­ler­dings steht nicht die gan­ze Zeit, die der Ar­beit­neh­mer auf der Ge­schäfts­rei­se ver­bringt, im gleich gros­sen be­triebs­wirt­schaft­li­chen In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers. Ent­spre­chend ist be­züg­lich der um­fang­mäs­si­gen An­rech­nung an die Ar­beits­zeit zu dif­fe­ren­zie­ren, ob und wie­weit der An­ge­stell­te ne­ben der Tä­tig­keit für den Ar­beit­ge­ber teil­wei­se oder voll­um­fäng­lich Zeit zur ei­ge­nen frei­en Ver­fü­gung hat. An sol­chen Zei­ten hat der Ar­beit­ge­ber ein ge­rin­ge­res be­triebs­wirt­schaft­li­ches In­ter­es­se, was sich ver­gü­tungs­mäs­sig nie­der­schla­gen darf. Zu emp­feh­len ist da­her, dass für Ge­schäfts­rei­sen schrift­lich ver­ein­bart wird, wel­che Ar­beits­zei­ten wie ent­lohnt wer­den. Da­bei ist es zu­läs­sig, sol­che ge­rin­ger zu ent­loh­nen­den Ar­beits­zei­ten als im Nor­mal­lohn in­be­grif­fen zu be­zeich­nen, um sie nicht spe­zi­ell ab­gel­ten zu müs­sen. Für die Fra­ge, ob der Ar­beit­neh­mer die im Ar­beits­ver­trag ver­ein­bar­te Nor­mal­ar­beits­zeit er­füllt, sind al­ler­dings auch die­se Ar­beits­zei­ten ih­rer Wer­tig­keit ge­mäss ein­zu­rech­nen.

Der Ar­beit­ge­ber hat dem Ar­beit­neh­mer al­le Aus­la­gen zu er­set­zen, die durch die Aus­füh­rung der Ar­beit not­wen­di­ger­wei­se ent­ste­hen. Bei aus­wär­ti­gen Ar­beits­or­ten sind dies ne­ben den Rei­se­kos­ten auch die für den Un­ter­halt er­for­der­li­chen Auf­wen­dun­gen. Da­zu ge­hö­ren Aus­la­gen na­ment­lich für Ho­tel­le­rie und Ver­kös­ti­gung.

Dies gilt ins­be­son­de­re für Ge­schäfts­rei­sen, oh­ne dass dem Ar­beit­neh­mer Ein­spa­run­gen, die er da­durch zu Hau­se ma­chen kann, ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den dür­fen. Zu ver­ein­ba­ren ist, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Ar­beit­neh­mer wel­ches Ver­kehrs­mit­tel und in wel­cher Rei­se­klas­se zu be­nüt­zen hat, in wel­cher Ho­tel­ka­te­go­rie er über­nach­ten darf und wel­che Ver­pfle­gungs­kos­ten über­nom­men wer­den. Ver­güns­ti­gun­gen und Treueleis­tun­gen der Rei­se­un­ter­neh­men, die dem Ar­beit­neh­mer durch die vom Ar­beit­ge­ber fi­nan­zier­ten Aus­la­gen ge­währt wer­den, na­ment­lich kos­ten­lo­se Flug­mei­len, ste­hen dem Ar­beit­ge­ber zu, wenn im Ar­beits­ver­trag nichts an­de­res ver­ein­bart ist. Fest­zu­le­gen ist fer­ner auch der Um­fang der zu­läs­si­gen Re­prä­sen­ta­ti­ons­spe­sen auf Ge­schäfts­rei­sen.

DA­NI­EL STOL­LE

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