«Je grös­ser das Ego, des­to ver­wund­ba­rer ist man»

Neue Zurcher Zeitung - - BUDDHISMUS - Wie ha­ben Sie ihn IN­TER­VIEW: AN­JA JARDINE je­mals Be­ga­bun­gen

Mat­t­hieu Ri­card hat­te ei­ne viel­ver­spre­chen­de Kar­rie­re in der Mo­le­ku­lar­bio­lo­gie vor sich, als er be­schloss, bud­dhis­ti­scher Mönch zu wer­den. Heu­te ist er als Mitt­ler zwi­schen Ost und West und als Über­set­zer des Da­lai La­ma welt­weit un­ter­wegs. Auch wenn er sei­nem Ich nicht län­ger an­haf­tet, die Egos der West­ler las­sen ihm kei­ne Ruh.

Herr Ri­card, ob­wohl Sie 1946 ge­bo­ren wur­den, sa­gen Sie, Ihr wah­res Le­ben ha­be erst am 2. Ju­ni 1967 be­gon­nen. Was ge­schah an dem Tag?

Ich be­geg­ne­te mei­nem ers­ten Meis­ter, dem Wei­sen Kan­gyour Rin­po­che. Es war Zu­fall. Ich woll­te den Hi­ma­la­ja be­rei­sen, war ge­ra­de in Dar­jee­ling an­ge­kom­men und hielt mich in der Mis­si­on ei­nes Je­sui­ten­pa­ters auf, als dort der Sohn von Kan­gyour Rin­po­che auf­tauch­te, um ei­ne klei­ne mo­nat­li­che Un­ter­stüt­zung ab­zu­ho­len, die ein fran­zö­si­scher Arzt dem Meis­ter zu­kom­men liess. Ich ging mit ihm. Kan­gyour wohn­te in ei­ner win­zi­gen Holz­hüt­te, sei­ne Frau war da, zwei Töch­ter, ei­ner sei­ner Söh­ne und ein Kal­li­graf, der Tex­te ko­pier­te. Kan­gyour Rin­po­che war da­mals sieb­zig. Er lehn­te mit dem Rü­cken an ei­nem Fens­ter und strahl­te vor Gü­te. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, was auf mich zu­kommt, aber ich bin drei Wo­chen ge­blie­ben, ha­be auf dem Bo­den ge­schla­fen. So­bald wir auf­wach­ten, war es ein Sit­zen in sei­ner Prä­senz.

als Meis­ter er­kannt? Von ihm gin­gen ei­ne Kraft, ei­ne Ru­he und ei­ne Lie­be aus, die nur schwer zu be­schrei­ben sind. Ob­wohl ich die Spra­che nicht ver­stan­den ha­be, konn­te ich die Voll­kom­men­heit die­ses Men­schen spü­ren. Da war je­mand mit ei­ner im­men­sen Weis­heit, ei­ner voll­kom­me­nen Men­schen­lie­be – kei­ne wei­che, ober­fläch­li­che Freund­lich­keit, son­dern et­was Ge­ne­rö­ses, Mit­füh­len­des. Das kann man spü­ren, ei­ne Aus­strah­lung, wie sie auch der Da­lai La­ma hat; es ist ein ganz an­de­res Ka­li­ber, als man es nor­ma­ler­wei­se trifft. Die­se ti­be­ti­schen Meis­ter sind das Eben­bild des­sen, was sie pre­di­gen. Auch nach vie­len Jah­ren, in de­nen ich ihn und an­de­re nä­her ken­nen­lern­te, hielt der Ein­druck stand. Wor­te und Ta­ten sind stim­mig.

Als jun­ger Mann kann­ten Sie be­reits vie­le be­ein­dru­cken­de Per­sön­lich­kei­ten. Ihr Va­ter war der Phi­lo­soph Je­an-François Re­vel, Ih­re Mut­ter ist die Künst­le­rin Yah­ne Le To­u­me­lin – das in­tel­lek­tu­el­le Paris ging in Ih­rem El­tern­haus ein und aus.

Ja, zu uns ka­men Phi­lo­so­phen, Ma­the­ma­ti­ker, Mu­si­ker, Ma­ler, Wis­sen­schaf­ter, Schau­spie­ler, Den­ker, lau­ter be­rühm­te Köp­fe. Mei­ne Mut­ter hat für al­le ge­kocht, sie war ei­ne sehr gu­te Kö­chin. Si­cher war die­ses Um­feld in vie­ler­lei Hin­sicht be­rei­chernd, aber bei mir hat es nie klick ge­macht: Ich ha­be nie den Wunsch ver­spürt, Ma­the­ma­tik zu be­herr­schen wie X oder Kla­vier zu spie­len wie Y. Im Ge­gen­teil: Ich woll­te nicht so wer­den wie sie. Wenn du hun­dert Gärt­ner, hun­dert Phi­lo­so­phen, hun­dert Mu­si­ker nimmst, be­kommst du im­mer den­sel­ben Mix an wun­der­vol­len, lang­wei­li­gen, schwie­ri­gen, un­aus­steh­li­chen Men­schen; das fand ich rät­sel­haft. Für mich war kein Vor­bild dar­un­ter. Das Ta­lent oder das Ge­nie, das sie in ih­ren Fach­be­rei­chen zeig­ten, ging nicht mit ein­fa­chen mensch­li­chen Tu­gen­den wie Un­ei­gen­nüt­zig­keit, Gü­te oder Auf­rich­tig­keit ein­her. Ich woll­te je­man­den nicht nur auf­grund sei­ner Fä­hig­kei­ten be­wun­dern, son­dern als Men­schen. Je­mand, mit dem man wirk­lich gern zu­sam­men ist, aber das kam nicht oft vor.

Wie ka­men Sie zum Bud­dhis­mus?

In mei­ner Ju­gend ent­wi­ckel­te ich ein ge­wis­ses In­ter­es­se an Spi­ri­tua­li­tät. Mei­ne Mut­ter und mein On­kel, der See­fah­rer und Aben­teu­rer Jac­ques-Yves Le To­u­me­lin, hat­ten viel dar­über ge­schrie­ben – Bü­cher, nichts Le­ben­di­ges, kei­ne Übun­gen. Als ein be­freun­de­ter Fil­me­ma­cher ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über das Le­ben ti­be­ti­scher Meis­ter schnitt, zeig­te er mir das Ma­te­ri­al, und ich wuss­te so­fort: «Wow! Da sind sie. Die ha­be ich ge­sucht.» 1967 bin ich dann auf nach Dar­jee­ling, mit ei­nem klei­nen Rei­se­wör­ter­buch, denn ich sprach kein Eng­lisch, in der Schu­le hat­te ich Latein und Grie­chisch ge­lernt. Und gleich der Ers­te, den ich traf, wur­de mein wich­tigs­ter Leh­rer: Kan­gyour Rin­po­che.

Wer war die­ser Mann?

Im Bud­dhis­mus spielt die münd­li­che Über­lie­fe­rung ei­ne gros­se Rol­le, auch heu­te noch. Kan­gyour Rin­po­che war be­kannt als Ti­pi­ta­ka-Meis­ter: Er hat die Samm­lung der Lehr­re­den des Bud­dha – ins­ge­samt 103 Bän­de – dreis­sig Mal voll­stän­dig re­zi­tiert. Das ist aus­ser­ge­wöhn­lich. Er war kein Mönch wie der Da­lai La­ma, son­dern hat­te Fa­mi­lie. Zwei sei­ner Söh­ne sind heu­te mei­ne Leh­rer, ei­ner ist so alt wie ich, ei­ner ist fünf­zehn Jah­re jün­ger.

Sie ha­ben da­mals Mo­le­ku­lar­bio­lo­gie stu­diert und sich am In­sti­tut Pa­s­teur in Paris ha­bi­li­tiert. Sie forsch­ten un­ter der Lei­tung des No­bel­preis­trä­gers François Ja­cob.Vor Ih­nen lag ei­ne viel­ver­spre­chen­de Kar­rie­re als Wis­sen­schaf­ter. Fiel es Ih­nen leicht, all das hin­ter sich zu las­sen?

Es gab ei­ne Zeit der Selbst­prü­fung. Ich bin zir­ka sie­ben Jah­re zwi­schen Paris und Dar­jee­ling hin und her ge­reist. Es wä­re un­reif ge­we­sen, so­fort da­zu­blei­ben und al­les ab­zu­bre­chen. Es hät­te ver­mut­lich nicht funk­tio­niert, und mein Va­ter wä­re noch mehr ver­är­gert ge­we­sen. Mei­ne For­schung in der zel­lu­lä­ren Ge­ne­tik war durch­aus in­ter­es­sant, und ich woll­te auch mei­nen Bei­trag leis­ten, et­was zu­rück­ge­ben. Aber es wur­de je­den Tag kla­rer: Wenn ich bei mei­nem Meis­ter in Dar­jee­ling war, war ich ru­hig und zu­frie­den, am In­sti­tut in Paris hin­ge­gen drif­te­ten mei­ne Ge­dan­ken stän­dig ab in den Hi­ma­la­ja.

Es wa­ren die spä­ten 1960er Jah­re, Flo­wer-Po­wer, Auf­bruch­stim­mung. Spiel­te das ei­ne Rol­le?

Die Beat­les ha­be ich erst vor zehn Jah­ren ent­deckt, ich war nicht der Par­ty­typ. Ich spiel­te klas­si­sche Gi­tar­re, aber nur Bach. Ich hat­te vie­le Freun­de, spiel­te Fussball, be­ob­ach­te­te Vö­gel, ging mit den Vo­gel­kund­lern cam­pen. Mich in­ter­es­sier­ten die Na­tur, As­tro­no­mie, Fo­to­gra­fie, Wis­sen­schaf­ten. Ich war auch nicht an den­sel­ben Din­gen in­ter­es­siert wie mei­ne El­tern. Wir hat­ten we­nig ge­mein­sam, nur Mu­sik und Sport. Ich war be­freun­det mit ei­nem Mann, der in Frank­reich im Wald leb­te und mich viel ge­lehrt hat. Ur­sprüng­lich woll­te ich Arzt wer­den. Aber mein Va­ter hat ge­sagt, die Bio­lo­gie sei ein Feld mit Zu­kunft. Es war das ein­zi­ge Mal, dass ich auf An­ra­ten mei­nes Va­ters ei­nen Plan ge­än­dert ha­be.

Wie hat Ihr Um­feld auf Ih­ren ra­di­ka­len Ent­schluss re­agiert?

Mein Dok­tor­va­ter war nicht über­rascht. Er woll­te mich ei­gent­lich nach Ame­ri­ka schi­cken, da­mit ich dort als Post­doc wei­ter­forsch­te. Ich hät­te das La­bor al­so oh­ne­hin ver­las­sen, nur tat ich es in die an­de­re Rich­tung. Für mei­nen Va­ter war es ein Schock. Zum Glück hat er kein Dra­ma dar­aus ge­macht; ich mag kei­ne Dra­men. Ein Freund vom ihm er­zähl­te mir spä­ter, er ha­be ge­weint. Und mei­ne Mut­ter ist sel­ber bud­dhis­ti­sche Non­ne ge­wor­den. Mei­ne El­tern ha­ben sich schei­den las­sen, als ich ein Te­enager war. Mei­ne Mut­ter war schon im­mer an Spi­ri­tua­li­tät in­ter­es­siert ge­we­sen, ich ging 1967 zum ers­ten Mal nach In­di­en, sie ging 1968 und leg­te so­fort das Gelüb­de ab. Ich wur­de erst zehn Jah­re spä­ter Mönch.

Gab es im Lau­fe Ih­res Le­bens Zwei­fel an der Ent­schei­dung?

Ich ha­be es kei­ne Se­kun­de be­reut. Ich fühl­te mich wie ein Vo­gel, der aus dem Kä­fig be­freit wor­den war. Frei­heit! Ich konn­te fünf­zig Jah­re mit mei­nen Leh­rern ver­brin­gen.

«In der Me­di­ta­ti­on lernt man, Leid ver­ur­sa­chen­de Ge­füh­le wie Är­ger, Stolz oder Eifersucht zu er­ken­nen, Ab­stand zu ih­nen zu ge­win­nen und sie letzt­lich auf­zu­lö­sen.»

Die über­wäl­ti­gen­de Prä­senz des Meis­ters, die Sie schil­dern, ist na­tur­ge­mäss ein sub­jek­ti­ver Ein­druck, nicht wahr? Das kann ich na­tür­lich nicht be­ur­tei­len. Aber wenn ich mit an­de­ren Schü­lern spre­che, füh­len wir das­sel­be: Re­spekt, Hin­ga­be, den Wunsch, nicht von ihm ge­trennt zu wer­den. Es ist kei­ne merk­wür­di­ge Si­tua­ti­on wie in ei­ner Sek­te, wo Men­schen kon­trol­liert wer­den – nichts der­glei­chen. Dem Meis­ter ist es voll­kom­men egal, ob er ei­nen Schü­ler mehr oder we­ni­ger hat. Er er­war­tet nichts Ma­te­ri­el­les. Es hat nichts von all dem, was wir bei den Sci­en­to­lo­gen oder an­de­ren Sek­ten se­hen, die Men­schen sys­te­ma­tisch re­kru­tie­ren oder in Ab­hän­gig­keit brin­gen. Der Meis­ter hat nichts zu ge­win­nen, nichts zu ver­lie­ren, nur et­was an­zu­bie­ten und zu tei­len.

Be­ur­teilt er sei­ne Schü­ler? Er kennt dich bes­ser als du dich selbst . . . Es gibt ei­nen grund­sätz­li­chen Rah­men von Übun­gen und Leh­ren, aber der Leh­rer weiss, was du am meis­ten brauchst. Man­che ha­ben Schwie­rig­kei­ten mit Wut, Be­geh­ren, Dumm­heit oder Faul­heit; wir al­le ha­ben ir­gend­wel­che Hin­der­nis­se. Wenn du ein ner­vö­ses oder ängst­li­ches Na­tu­rell hast, geht es dar­um, das rich­ti­ge Ge­gen­mit­tel zu fin­den. Der Meis­ter kann die Auf­ga­ben durch un­ter­schied­li­che Übun­gen an­pas­sen, aber es gibt kein Ab­fra­gen im klas­si­schen Sin­ne.

Gibt es un­ter­schied­li­che für die­sen Weg?

Es braucht Hin­ga­be, Ein­sichts­fä­hig­keit, Dis­zi­plin, Ur­teils­ver­mö­gen. Wenn du Freu­de und Zuf­rie­den­heit an der fal­schen Stel­le suchst, wenn du glaubst, ein Fer­ra­ri be­deu­te Glück, dann brauchst du lan­ge. Das Ver­ste­hen geht tie­fer: Es geht um Mit­ge­fühl und Un­ei­gen­nüt­zig­keit, das We­sen der in sich ver­floch­te­nen Welt. Sich auf den Weg ma­chen kann je­der.

Wie sah Ihr neu­es Le­ben aus? Kan­gyour Rin­po­che gab mir ver­schie­de­ne Übun­gen: Me­di­ta­tio­nen, Vi­sua­li­sie­run­gen, Den­kübun­gen über Ewig­keit, Tod, den Wert des Le­bens. Er riet mir, Ti­be­tisch zu ler­nen. Zu­nächst fo­kus­sier­te ich mich auf die Übun­gen, dann auf die Spra­che. Ich blieb bis zu sei­nem Tod bei ihm. Mein zwei­ter Leh­rer, Dil­go Khy­ent­se Rin­po­che, lehr­te non­stop: manch­mal 5 Leu­te, manch­mal 10 000 Leu­te, ich war im­mer bei ihm, war dem al­so per­ma­nent aus­ge­setzt. Es wa­ren Leh­ren aus Tex­ten und Leh­ren aus sei­nem Her­zen. Er hat­te dreis­sig Jah­re in der Zu­rück­ge­zo­gen­heit ge­lebt, be­vor er an­de­ren das Ge­schenk der Leh­re mach­te.

Bud­dhis­mus ist ei­ne Schu­lung des Geis­tes. Kön­nen Sie das er­läu­tern?

«Ich füh­le mich wie ein Vo­gel, der aus dem Kä­fig be­freit wor­den ist» – Mat­t­hieu Ri­card

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