Als Po­len nur noch am Bo­spo­rus exis­tier­te

Neue Zurcher Zeitung - - REISEN - VON MA­RI­AN BREH­MER Po­lo­nez­köy ist von Istan­bul aus am bes­ten mit dem Ta­xi zu er­rei­chen. Ei­ne Ta­xi­fahrt vom Stadt­zen­trum kos­tet um die 90 tür­ki­sche Li­ra (16 Fran­ken) und dau­ert rund 45 Mi­nu­ten. Mehr In­for­ma­tio­nen zu Po­lo­nez­köy: www.po­lo­nez­koy.com/en/.

Nicht weit von Istan­bul be­fin­det sich ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Dorf, das aus­ser Ein­hei­mi­schen kaum je­mand kennt. In Po­lo­nez­köy, ei­ner von Wald um­ge­be­nen Ge­mein­de, ha­ben sich vor 175 Jah­ren Po­len nie­der­ge­las­sen, als ihr Staat auf­ge­teilt wur­de.

So grün kann Istan­bul sein? Un­gläu­big be­ob­ach­tet der Be­su­cher aus dem Au­to­fens­ter die all­mäh­li­che Me­ta­mor­pho­se der Land­schaft. Der all­ge­gen­wär­ti­ge Be­tond­schun­gel der 16-Mil­lio­nen-Me­tro­po­le ist ei­ner dich­ten Wald­land­schaft aus saf­tig grü­nen Bäu­men ge­wi­chen. Die Stras­se führt zu ei­ner ei­gen­tüm­li­chen Ort­schaft. Po­lo­nez­köy – tür­kisch für «pol­ni­sches Dorf» – liegt 15 Ki­lo­me­ter öst­lich des Bo­spo­rus in­mit­ten ei­nes der letz­ten Wald­ge­bie­te in der Pro­vinz Istan­bul. Die Ge­gend ist seit 1994 ei­ne Na­tur­schutz­zo­ne.

Halb ver­deckt von Brom­beer­bü­schen, grüsst ein gel­bes Orts­ein­gangs­schild auf drei Spra­chen: Pol­nisch, Tür­kisch und Eng­lisch. Po­lo­nez­köy wur­de vor 175 Jah­ren von pol­ni­schen Flücht­lin­gen auf Ein­la­dung der Os­ma­nen ge­grün­det. Heu­te kom­men vor al­lem tür­ki­sche Ta­ges­tou­ris­ten aus Istan­bul. Aus­län­di­sche Be­su­cher ver­schlägt es sel­te­ner hier­her.

We­nig Sprach­pra­xis

Gleich zu Be­ginn fällt auf, dass an dem Dorf et­was an­ders ist: Ein quiet­schen­des Ei­sen­tor öff­net sich zu ei­nem ka­tho­li­schen Hü­gel­fried­hof. Im Schat­ten von hoch­ge­wach­se­nen Fich­ten ste­hen hier Rei­hen von weis­sen Mar­mor­kreu­zen. Die meis­ten der Gr­ab­stei­ne tra­gen Na­men auf Pol­nisch, man­che auch auf Tür­kisch. «Schlaf gut, mein Bru­der, in dei­nem dunk­len Gr­ab – mö­ge Po­len im­mer in dei­nen Träu­men sein», lau­tet ei­ne Gra­b­in­schrift, ver­ziert von Plas­tik­blu­men, die längst ver­bli­chen sind.

Noch heu­te, nach mehr als fünf Ge­ne­ra­tio­nen, kon­ver­siert ein gu­ter Teil der Ein­woh­ner von Po­lo­nez­köy auf Pol­nisch. «Nun ja, ei­ne Art von Pol­nisch, um genau zu sein», meint Aleksan­dra Tar­now­s­ka, ei­ne blond­haa­ri­ge Ge­schichts­stu­den­tin aus War­schau, die für Feld­for­schung nach Po­lo­nez­köy ge­reist ist. Tar­now­s­ka schreibt ih­re Di­plom­ar­beit zu den pol­ni­schen Dia­lek­ten der Dorf­dia­spo­ra von Po­lo­nez­köy. «Ob­wohl vie­le Kin­der hier pol­ni­sche Na­men tra­gen, wach­sen sie meist mit we­nig Sprach­pra­xis auf. Ich wer­de öf­ters ge­fragt, ob ich nicht Pol­nisch­un­ter­richt ge­ben könn­te», er­zählt die Stu­den­tin.

Seit kur­zem führt sie Be­su­cher durch das «Er­in­ne­rungs­haus», ein Drei-Zim­mer-Mu­se­um an der ein­zi­gen Haupt­stras­se von Po­lo­nez­köy. Un­ter­ge­bracht ist das Mu­se­um im höl­zer­nen Do­mi­zil von Tan­te Zo­fia. Tan­te Zo­fia ist seit ei­ni­gen Jahr­zehn­ten tot. Doch von der äl­te­ren Ge­ne­ra­ti­on im Dorf kann sich noch je­der an die al­te Da­me er­in­nern. Tan­te Zo­fi­as Wunsch war, dass die Ge­schich­te von Po­lo­nez­köy in ih­rem Haus wei­ter­le­ben soll­te.

Flau­bert und Liszt wa­ren hier

Das Mu­se­um ist an die­sem Tag oh­ne Be­su­cher. Zwi­schen al­ten Mö­beln hän­gen die Schwarz-Weiss-Bil­der der ers­ten Sied­ler. Fern­ab vom mon­dä­nen Istan­bul er­rich­te­ten die­se einst ih­re spar­ta­ni­schen Holz­hüt­ten. Die Auf­nah­men ha­ben ei­nen Hauch vom My­thos der Pio­nie­re im ame­ri­ka­ni­schen Wil­den Wes­ten. Einst, so steht es im «Er­in­ne­rungs­haus», soll auch der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Gus­ta­ve Flau­bert mit ei­nem Ruck­sack auf Wan­de­rung Po­lo­nez­köy ei­nen Be­such ab­ge­stat­tet ha­ben. Auch Franz Liszt liess sich im Jahr 1847 mit ei­ner Rei­se­grup­pe bli­cken.

Die Grün­dung von Po­lo­nez­köy, da­mals noch Adam­pol, geht zu­rück auf die Auf­tei­lung Po­lens zwi­schen den Gross­mäch­ten Ös­ter­reich, Russ­land und Preus­sen im 18. Jahr­hun­dert. Das Os­ma­ni­sche Reich, so heisst es in der Dorf­ge­schich­te, je­doch ha­be die Be­set­zung Po­lens nie ak­zep­tiert. Dar­um ge­währ­te man den pol­ni­schen Wi­der­ständ­lern Un­ter­schlupf auf tür­ki­schem Bo­den. Das neu er­schaf­fe­ne Dorf avan­cier­te zum Re­fu­gi­um für pol­ni­sche Op­po­si­tio­nel­le.

Heu­te je­doch sind die Tür­ken in der Über­zahl. Der Tou­ris­mus hat über­nom­men. Ein paar Schrit­te dorf­ein­wärts ha­ben tür­ki­sche Gross­müt­ter ih­ren ei­ge­nen Wo­chen­end­ba­sar er­rich­tet. Be­waff­net mit säu­ber­lich aus­ge­brei­te­ten Woll­so­cken, Topf­lap­pen, Strick­ja­cken und Kir­sch­mar­me­la­de, war­ten sie auf Tou­ris­ten in Kauf­lau­ne. Ver­lo­cken­der aber er­scheint die Ver­heis­sung ei­nes Ca­fés gleich ne­ben­an, das mit «ori­gi­nal pol­ni­schem Des­sert» wirbt.

Aus der Kü­che der «Go­s­po­da Pen­si­on» dringt ei­ne Un­ter­hal­tung auf Pol­nisch ins Ohr. Zwei Da­men sind eif­rig da­bei, mit Lie­be zum De­tail ei­nen Ku­chen zu gar­nie­ren. Aus ei­nem Tran­sis­tor­ra­dio plärrt tür­ki­scher Pop. Über ei­ner Rü­schen­gar­di­ne hängt ein Er­in­ne­rungs­fo­to von ei­ner Au­di­enz mit dem pol­ni­schen Papst Jo­han­nes Paul dem Zwei­ten.

Un­ter dem wein­ber­ank­ten Dach der Gar­ten­ter­ras­se ih­rer Pen­si­on tischt Agnes Mod­lins­ka seit Jah­ren selbst­ge­ba­cke­nen Ku­chen auf. Mod­lins­ka plau­dert le­ben­dig in flies­sen­dem Tür­kisch und hat da­bei ei­nen leich­ten Ak­zent. Die Re­zep­te, er­zählt sie, stamm­ten aus der Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on, ga­ran­tiert bio­lo­gisch und au­then­tisch pol­nisch. Heu­te hat sie «pier­nik» ge­ba­cken, ei­nen Ge­würz­ku­chen, der tra­di­tio­nell in der Weih­nachts­zeit zu­be­rei­tet wird. «Wenn ich ‹pier­nik› ba­cke, dann ist es, als wä­re ich wie­der bei mei­ner Gross­mut­ter. Er­in­ne­run­gen sind bei mir mit Ge­rü­chen ver­bun­den», er­klärt Mod­lins­ka.

Zum süs­sen «pier­nik» gibt es den om­ni­prä­sen­ten ein­hei­mi­schen «çay», damp­fend in Tul­pen­glä­ser ein­ge­schenkt und mit heis­sem Was­ser aus ei­ner stäh­ler­nen Tee­kan­ne ver­dünnt. Die Gast­ge­be­rin lä­chelt. Der tür­ki­sche Schwarz­tee ver­trägt sich gut mit dem pol­ni­schen Tra­di­ti­ons­ku­chen, den sie auf alt­ba­cken ver­zier­ten Por­zel­lan­tel­lern ser­viert.

Cho­pins Klän­ge

«Wir ha­ben ein gros­ses Glück, dass wir zwi­schen zwei Kul­tu­ren auf­ge­wach­sen sind», sagt Mod­lins­ka, die sich ger­ne mit ih­ren Gäs­ten un­ter­hält. Es sei ihr ein Her­zens­an­lie­gen, den pol­ni­schen Cha­rak­ter von Po­lo­nez­köy am Le­ben zu er­hal­ten. «Hier bei uns wach­sen selbst die Ap­fel­bäu­me zu Cho­pins Klän­gen», lacht sie. «Wenn ich Cho­pins Mu­sik hö­re, füh­le ich mich in ei­ne an­de­re Welt ver­setzt.»

Dann führt sie über den wohl­ge­pfleg­ten Ra­sen in ein Wohn­zim­mer, das schon bes­se­re Zei­ten ge­se­hen ha­ben muss. An der Wand hängt ein Hirsch­ge­weih. Ne­ben dem ros­ti­gen Ofen steht ein ram­po­nier­tes Pia­no. Mod­lins­ka setzt sich auf den Kla­vier­ho­cker und spielt die ers­ten Tö­ne ei­ner Cho­pinschen So­na­te.

Dann un­ter­bricht sie ihr holp­ri­ges Spiel: «Manch­mal füh­le ich mich wie zwi­schen zwei Stüh­len.» Aus­flüg­ler aus Istan­bul frag­ten sie zu­al­ler­erst, ob sie Po­lin sei. Wenn hin­ge­gen Po­len vor­bei­kä­men, sei die ers­te Fra­ge, ob es sich denn in der Tür­kei über­haupt in Si­cher­heit le­ben las­se. Mod­lins­kas Toch­ter je­den­falls hat ih­re Wahl ge­trof­fen: Sie stu­diert nun klas­si­sche Mu­sik am Kon­ser­va­to­ri­um in War­schau.

Die Gast­ge­be­rin zuckt mit den Schul­tern. «Man­ches ver­lie­ren wir, oh­ne dass es je zu­rück­kommt. Das Ein­zi­ge, was sich nicht ver­än­dert, ist die Ve­rän­de­rung an sich.» Und viel­leicht die pol­ni­schen Ku­chen­re­zep­te ih­rer Fa­mi­lie. Da kommt auch schon der zwei­te Ku­chen­tel­ler. Es ist schwie­rig, zu wi­der­ste­hen. Zu­min­dest auf der Gar­ten­ter­ras­se von Agnes Mod­lins­ka wird in Istan­bul der Ge­schmack Po­lens wei­ter­le­ben.

«Schlaf gut, mein Bru­der, in dei­nem dunk­len Gr­ab – mö­ge Po­len im­mer in dei­nen Träu­men sein», lau­tet ei­ne Gra­b­in­schrift.

Bo­spo­rus SCHWAR­ZES Po­lo­nez­köy MEER

ALAMY

Das Os­ma­ni­sche Reich hat die Be­set­zung Po­lens nie ak­zep­tiert. Dar­um ge­währ­te man Wi­der­ständ­lern Un­ter­schlupf. So ent­stand Po­lo­nez­köy.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.