Ei­ne Vi­si­on und mehr Le­a­dership

Das La­vie­ren des Bun­des­ra­tes zeigt: Im Rin­gen um ein Rah­men­ab­kom­men mit der EU geht es zu we­nig um den Platz der Schweiz in der Welt von mor­gen und fehlt es an der Über­nah­me po­li­ti­scher Füh­rungs­ver­ant­wor­tung. Von Peter A. Fi­scher

Neue Zurcher Zeitung - - VORDERSEITE -

Der deut­sche Kanz­ler Hel­mut Schmidt war sel­ten um ei­ne bis­si­ge Be­mer­kung ver­le­gen. Von dem be­gna­de­ten Re­al­po­li­ti­ker stammt der Aus­spruch: «Wer Vi­sio­nen hat, soll­te zum Arzt ge­hen.» In die­ser Dik­ti­on muss ge­gen­wär­tig zum Schluss kom­men, dass den Ärz­ten bald die Pa­ti­en­ten aus­ge­hen wer­den, wer die eu­ro­pa­po­li­ti­sche Dis­kus­si­on in der Schweiz ver­folgt. Das aber ist al­les an­de­re als ge­sund.

Ab­leh­nen ge­nügt nicht

Der Bun­des­rat hat am Frei­tag den Ver­trags­text des Rah­men­ab­kom­mens mit der EU ver­öf­fent­licht und ent­schie­den, dass er die­ses nicht pa­ra­phie­ren, son­dern da­zu noch­mals mo­na­te­lang hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren Kon­sul­ta­tio­nen füh­ren will. Die EU ist der Schweiz in vie­len Punk­ten weit­ge­hend ent­ge­gen­ge­kom­men, doch die Aus­ein­an­der­set­zung um das Ab­kom­men wird von dem ge­prägt, was ge­wis­se Krei­se ka­te­go­risch ab­leh­nen. Die Ge­werk­schaf­ten wol­len über den Lohn­schutz der flan­kie­ren­den Mass­nah­men mit der EU nicht re­den. Das mag auch da­mit zu­sam­men­hän­gen, dass ih­nen das Kon­troll­re­gime viel Macht und statt­li­che­re Geld­flüs­se be­schert, als es ihr schwin­den­der Mit­glie­der­be­stand na­he­le­gen wür­de. So droht nun der Dis­put dar­über, ob im di­gi­ta­len Zeit­al­ter die Vor­an­mel­de­frist vier statt acht Ta­ge be­tra­gen darf und wie flä­chen­de­ckend Kon­trol­len sein dür­fen, über die Zu­kunft der bi­la­te­ra­len Ver­trä­ge mit der EU zu ent­schei­den. Da­bei ge­rät völ­lig in den Hin­ter­grund, dass öko­no­mi­sche In­te­gra­ti­on ein per sal­do für al­le vor­teil­haf­tes Ge­ben und Neh­men sein muss, für das man nicht nur dort sein kann, wo man pro­fi­tiert, um an­ders­wo im­mer hö­he­re pro­tek­tio­nis­ti­sche Mau­ern auf­zu­zie­hen.

Völ­lig aus­ge­blen­det wird von den Kri­ti­kern zu­dem, dass bei all dem – auch in der EU in­zwi­schen po­pu­lä­ren – Lohn­schutz die ho­hen Schwei­zer Löh­ne zu­erst durch ei­ne wett­be­werbs­fä­hi­ge Wirt­schaft mit Zu­gang zu den wich­tigs­ten Ex­port­märk­ten er­ar­bei­tet wer­den müs­sen.

Die­je­ni­gen von rechts und neu­er­dings auch von links, die das Rah­men­ab­kom­men mit der EU ka­te­go­risch ab­leh­nen, in­sze­nie­ren sich als un­er­schro­cke­ne Kämp­fer ge­gen jeg­li­chen Ver­lust an for­mel­ler Sou­ve­rä­ni­tät und di­rek­ter De­mo­kra­tie. Sie ver­drän­gen – wenn nicht mut­wil­lig, so doch sehr be­reit­wil­lig –, dass ein ge­mein­sa­mer Bin­nen­markt nur ef­fi­zi­ent funk­tio­niert, wenn sich al­le Be­tei­lig­ten an ge­mein­sa­me Spiel­re­geln hal­ten. Und sie wol­len par­tout nicht ein­se­hen, dass, wer an den Mög­lich­kei­ten und Frei­hei­ten die­ses Bin­nen­markts par­ti­zi­pie­ren, aber dem Klub nicht bei­tre­ten will, Gast bleibt und da­mit die Re­geln nur be­dingt mit­ge­stal­ten kann.

Das Rah­men­ab­kom­men mit dem Klub der EUStaa­ten in­sti­tu­tio­na­li­siert ei­nen Mecha­nis­mus, der re­gelt, wie die bi­la­te­ra­len Ver­trä­ge der fort­schrei­ten­den Ent­wick­lung an­ge­passt wer­den sol­len und was pas­siert, wenn die Schweiz neu­es EU-Recht nicht über­neh­men will – et­wa weil sie sich di­rekt­de­mo­kra­tisch da­ge­gen ent­schei­det. Dann soll nicht mehr das gan­ze Ver­trags­werk in­fra­ge ge­stellt wer­den, son­dern sol­len Ge­gen­mass­nah­men er­grif­fen wer­den kön­nen, über de­ren Ver­hält­nis­mäs­sig­keit ein Schieds­ge­richt be­fin­det. Das dürf­te ge­ra­de ei­nem klei­nen Land wie der Schweiz mehr Rechts­si­cher­heit und fak­ti­sche Sou­ve­rä­ni­tät bie­ten als der ge­gen­wär­ti­ge «frei­wil­li­ge» au­to­no­me Nach­voll­zug.

Man kann die Fort­füh­rung und Ver­tie­fung des bi­la­te­ra­len Wegs, wie sie das nun ver­han­del­te Rah­men­ab­kom­men vor­zeich­net, aus di­ver­sen Grün­den ab­leh­nen. Ei­ner Il­lu­si­on dürf­te al­ler­dings nach­hän­gen, wer er­war­tet, dass die Schweiz ein­fach ab­war­ten und im ge­gen­wär­ti­gen Zu­stand ver­har­ren kann, oh­ne da­für Nach­tei­le in Kauf neh­men zu müs­sen. Denn ers­tens ent­wi­ckelt sich die Wirt­schaft wei­ter und be­deu­tet ein Ver­har­ren im Sta­tus quo au­to­ma­tisch, dass die Hemm­nis­se im grenz­über­schrei­ten­den Aus­tausch von Wa­ren und Di­enst­leis­tun­gen wie­der zu­neh­men. Und zwei­tens ist die EU nicht mehr ge­willt, der Schweiz oh­ne Rah­men­ab­kom­men den glei­chen In­te­gra­ti­ons­grad zu bie­ten. Bei­des ist für ei­ne so stark mit dem na­hen Aus­land ver­floch­te­ne Wirt­schaft und Ge­sell­schaft wie die schwei­ze­ri­sche schmerz­haft und wird auf das ho­he Lohn­ni­veau drü­cken. Die Dis­kus­si­on über das Rah­men­ab­kom­men mit der EU soll­te sich des­halb vor al­lem dar­um dre­hen, was die Schweiz in Zu­kunft sein will und wie sie ih­ren Wohl­stand si­chern will. Da­zu braucht es kei­nen Arzt, aber ei­ne Vi­si­on.

Zu­min­dest für welt­of­fe­ne Li­be­ra­le soll­te da­bei klar sein, dass un­ser Land sein Heil nicht in rück­wärts­ge­wand­ter Ab­schot­tung su­chen soll­te. Die Schweiz wird sich ih­ren Wohl­stand künf­tig in ei­ner Welt si­chern müs­sen, in der es durch die tech­no­lo­gi­schen Um­wäl­zun­gen noch leich­ter wird, räum­li­che Dis­tanz zu über­win­den. Sie soll­te sich des­halb dar­auf kon­zen­trie­ren, für an­de­re an­spruchs­vol­le und da­mit gut­be­zahl­te Gü­ter zu pro­du­zie­ren und Di­enst­leis­tun­gen zu er­brin­gen. Das be­dingt Markt­zu­gang. Die Er­fah­run­gen von Nor­we­gen oder Liech­ten­stein zei­gen, dass sich die­ser mit der für die Schweiz be­son­ders wich­ti­gen EU auch über ei­ne – 1992 von den Schwei­zer Stimm­bür­gern ab­ge­lehn­te – Mit­glied­schaft im EWR si­chern lässt, doch wä­re dies mit mehr Pflich­ten (und Rech­ten) ver­bun­den als im Rah­men der bi­la­te­ra­len Ver­trä­ge. Erst recht wür­de dies für ei­nen EU-Bei­tritt gel­ten.

Ge­stal­ten, be­vor es zu spät ist

Wer sich nicht oder nicht stär­ker in­te­grie­ren will, dem müss­te erst recht dar­an ge­le­gen sein, dass die Schwei­zer Wirt­schaft den Nach­teil des Ab­seits­ste­hens durch über­ra­gen­de Wett­be­werbs­fä­hig­keit kom­pen­siert. Wie Grossbritannien ge­ra­de de­mons­triert, geht das nicht mit ei­nem Ver­har­ren in kon­flikt­ge­la­de­ner po­li­ti­scher Ab­wehr­hal­tung und Ver­teil­kämp­fen. Da­zu brauch­te es erst recht ei­ne Vi­si­on, wie die Schweiz mit ei­nem für die di­gi­ta­le Welt ge­rüs­te­ten Bil­dungs­sys­tem, ei­ner her­vor­ra­gen­den In­fra­struk­tur und ei­ner wirt­schafts­freund­li­chen Ge­setz­ge­bung punk­ten kann. Es gin­ge dar­um, durch ei­ne grös­se­re steu­er­li­che At­trak­ti­vi­tät, ei­nen fle­xi­ble­ren Ar­beits­markt, ei­ne so­li­de Ener­gie­ver­sor­gung und ei­ne so­zi­al sta­bi­le­re, an­pas­sungs­fä­hi­ge­re Ge­sell­schaft an­de­re Stand­or­te aus­zu­ste­chen und den In­te­gra­ti­ons­nach­teil wett­zu­ma­chen. Am bes­ten wä­re bei­des: über­ra­gen­de Wett­be­werbs­fä­hig­keit aus ei­ge­ner Kraft und op­ti­ma­ler Markt­zu­gang dank bi­la­te­ra­len Ver­trä­gen und Rah­men­ab­kom­men.

Doch die sich ge­gen jeg­li­che Li­be­ra­li­sie­rung weh­ren­den Bau­ern, die nach Schutz vor aus­län­di­scher Kon­kur­renz ru­fen­den Ge­werb­ler, die sich ge­gen Wett­be­werb auf dem Ar­beits­markt auf­leh­nen­den Ge­werk­schaf­ten und die ge­gen die Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form wet­tern­den Lin­ken: Al­le wis­sen sie nur, wo­ge­gen sie sind. Das ist die ei­gent­li­che Krank­heit der wohl­stands­ge­sät­tig­ten Schweiz – und der Re­form­still­stand ist ihr Sym­ptom.

Po­li­ti­ker ha­ben die nächs­ten Wah­len als Ho­ri­zont. Das mag er­klä­ren, wie­so ge­gen­wär­tig selbst bür­ger­li­che Par­tei­prä­si­den­ten da­vor zu­rück­scheu­en, die Dis­kus­si­on über das nach fast zehn­jäh­ri­ger Vor­ge­schich­te und fünf­jäh­ri­gen Ver­hand­lun­gen fer­tig­ge­stell­te Rah­men­ab­kom­men mit der EU of­fen­siv zu füh­ren und un­ter Ab­wä­gung al­ler rea­lis­ti­schen Al­ter­na­ti­ven ei­ne Vor­stel­lung vom künf­ti­gen Platz der Schweiz in Eu­ro­pa zu ent­wi­ckeln.

Die Aus­sen­po­li­tik wird vom Bun­des­rat ver­ant­wor­tet. Er soll­te sich da­für end­lich we­ni­ger als Gre­mi­um von Amts- und De­par­te­ments­vor­ste­hern ver­ste­hen, son­dern mehr als po­li­ti­sches Ka­bi­nett mit stra­te­gi­schem Weit­blick. So­lan­ge aber je­de und je­der mit ei­ner an­de­ren par­tei­po­li­tisch ge­färb­ten Mei­nung durchs Land und nach Brüs­sel zieht, kann es nicht über­ra­schen, wenn es am Schluss schwer­fällt, das Re­sul­tat ge­eint zu ver­tre­ten und Par­la­ment und Volk auf­zu­zei­gen, wie­so et­was im bes­ten Lan­des­in­ter­es­se ist. Genau das aber wä­re jetzt drin­gend ge­fragt: mehr Über­zeu­gungs­kraft und Mut zu Le­a­dership. Ein Bun­des­rat, der wie am Frei­tag nur zur Kennt­nis nimmt und la­viert, über­zeugt nicht.

Die Schweiz braucht ei­ne rea­lis­ti­sche Vor­stel­lung von ih­rem künf­ti­gen Platz in Eu­ro­pa und der Welt und wie­der mehr Re­for­me­lan. Ängst­li­ches Be­wah­ren al­lein führt in den schlei­chen­den Nie­der­gang. Nimmt die po­li­ti­sche Schweiz den Ball jetzt nicht auf, den ihr das Rah­men­ab­kom­men mit der EU zu­spielt, droht das glei­che Schick­sal wie beim Bank­ge­heim­nis, wo zu lan­ges Zu­war­ten je­de Gestal­tungs­frei­heit raub­te und Bern schliess­lich zum au­to­no­men Nach­voll­zug ge­zwun­gen wur­de. Hof­fent­lich geht es den Schwei­zern nicht zu gut, um das dies­mal recht­zei­tig zu er­ken­nen.

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