En­de der pri­va­ten See­notret­tung im Mit­tel­meer

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL -

ahn. · Die «Aqua­ri­us» hisst die weis­se Flag­ge. Das Ret­tungs­schiff von Mé­de­cins sans fron­tiè­res (MSF) und SOS Mé­di­ter­ra­née, stellt den Di­enst ein. Zu­min­dest vor­läu­fig. Man su­che nach Mög­lich­kei­ten, bald wie­der ab­le­gen zu kön­nen, sa­gen die Be­trei­ber. Sie ma­chen ei­ne «kon­zer­tier­te Kam­pa­gne» ge­gen die pri­va­te See­notret­tung im Mit­tel­meer für das En­de ih­rer Mis­si­on ver­ant­wort­lich. Ei­ni­ge eu­ro­päi­sche Län­der hät­ten das Un­ter­neh­men ak­tiv sa­bo­tiert, sag­te ei­ne Spre­che­rin von MSF. Seit sie im Fe­bru­ar 2016 ih­ren Di­enst auf­ge­nom­men hat­te, ret­te­te die «Aqua­ri­us» knapp 30 000 schiff­brü­chi­ge Mi­gran­ten. En­de Sep­tem­ber ver­lor sie die pa­na­mai­sche Re­gis­tra­ti­on.

Der Ver­such, un­ter Schwei­zer Flag­ge wei­ter zu fah­ren, schei­ter­te An­fang De­zem­ber. Der Bun­des­rat wei­ger­te sich, die not­wen­di­ge Aus­nah­me­be­wil­li­gung für Seeret­tun­gen zu er­tei­len. «Ad-hocLö­sun­gen», so Bern, sei­en in der Flücht­lings­po­li­tik nicht sinn­voll. Ein­zel­ak­tio­nen von pri­va­ten Ret­tungs­schif­fen un­ter­lie­fen die not­wen­di­ge Zu­sam­men­ar­beit der Staa­ten. Es müs­se ei­ne ge­samt­eu­ro­päi­sche Lö­sung ge­fun­den wer­den, wel­che die Re­geln der See­notret­tung be­ach­te, si­che­re Aus­schif­fungs­hä­fen ge­währ­leis­te und ei­nen Mecha­nis­mus zur Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge vor­se­he. Die «Aqua­ri­us»-Be­trei­ber wi­der­spra­chen: Ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung sei zwar not­wen­dig, es ge­be aber kei­nen Grund, Mi­gran­ten er­trin­ken zu las­sen, bis sich die Län­der ge­ei­nigt hät­ten.

Die Zahl der Über­fahr­ten auf der zen­tra­len Mit­tel­meer­rou­te ist stark zu­rück­ge­gan­gen. Da­für ist mass­geb­lich die Zu­sam­men­ar­beit der EU mit Li­by­en ver­ant­wort­lich. Mit Un­ter­stüt­zung aus Brüs­sel fan­gen Si­cher­heits­kräf­te Mi­gran­ten ab und schaf­fen sie in La­ger. Laut der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal, wel­che die Zu­stän­de in den La­gern als grau­en­voll schil­dert, wur­den in die­sem Jahr et­wa 20 000 Mi­gran­ten von den Li­by­ern fest­ge­nom­men. Die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung ver­folgt seit Som­mer ei­ne schar­fe Ab­wehr­po­li­tik. Ret­tungs­schif­fen wird die An­lan­dung ver­wei­gert, und Rom hat sich laut Me­dien­be­rich­ten weit­ge­hend aus der Ko­or­di­nie­rung der staat­li­chen Seeret­tung zu­rück­ge­zo­gen. Mit­te Au­gust hat­te die «Aqua­ri­us» mit 141 Schiff­brü­chi­gen an Bord ver­geb­lich um Lan­de­er­laub­nis in ei­nem ita­lie­ni­schen Ha­fen er­sucht. Nach fünf Ta­gen auf dem of­fe­nen Meer steu­er­te sie schliess­lich Mal­ta an. Der ita­lie­ni­sche In­nen­mi­nis­ter Sal­vi­ni ver­un­glimpft die pri­va­ten Seeret­ter als «Hel­fers­hel­fer der Schlep­per­ban­den».

Das vor­läu­fi­ge En­de der pri­va­ten Seeret­tung im Mit­tel­meer hat wahr­schein­lich ei­nen dop­pel­ten Ef­fekt. Es gibt we­ni­ger Über­fahr­ten, und die­se wer­den ge­fähr­li­cher. Die Wahr­schein­lich­keit, die Rei­se nicht zu über­le­ben, be­trägt heu­te et­wa zehn Pro­zent.

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