Ein An­schluss führt zum Kurz­schluss

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL -

Vol­ker Pabst, Istan­bul · Es ist un­be­strit­ten, dass Ru­mä­ni­en ei­ner der gros­sen Ge­win­ner des Ers­ten Welt­kriegs war. Ob­wohl das klei­ne Kö­nig­reich auf dem Schlacht­feld eher glück­los agier­te, wur­de Bu­ka­rest für sei­nen Kriegs­ein­tritt auf­sei­ten der En­tente mit gros­sen Ge­biets­ge­win­nen be­lohnt. Un­ter an­de­rem stiess das vor­mals un­ga­ri­sche Sie­ben­bür­gen zum Land. Die­ses Er­eig­nis am 1. De­zem­ber 1918 gilt als Grün­dungs­tag des mo­der­nen Ru­mä­ni­en und ist heu­te der Na­tio­nal­fei­er­tag.

Kon­tro­vers ist die Fra­ge, wie die­ser Pro­zess der Ge­biets­er­wei­te­rung be­nannt wer­den soll. Ba­sie­rend auf ei­ner Mel­dung der Nach­rich­ten­agen­tur DPA be­rich­te­ten ei­ni­ge deut­sche Me­di­en die­se Wo­che über die Fei­er­lich­kei­ten zum 100. Jah­res­tag des «An­schlus­ses Sie­ben­bür­gens». Nun ist das Wort An­schluss an­ge­sichts der Ein­ver­lei­bung Ös­ter­reichs ins Na­zi­reich si­cher nicht un­be­las­tet im deut­schen Sprach­ge­brauch. Fak­tisch falsch ist die Be­zeich­nung aber nicht. In Ru­mä­ni­en brach den­noch ein Sturm der Em­pö­rung aus, stel­le der Be­griff doch die Frei­wil­lig­keit des Zu­sam­men­schlus­ses in­fra­ge. Das ist ein heik­les The­ma, weil zwar die ru­mä­ni­sche und auch die deut­sche Be­völ­ke­rung Sie­ben­bür­gens 1918 der Zu­ge­hö­rig­keit zu Ru­mä­ni­en zu­stimm­te, nicht aber die un­ga­ri­sche Min­der­heit. Sie hat bis heu­te ein kom­pli­zier­tes Ver­hält­nis zu Bu­ka­rest.

Die Af­fä­re schlug me­di­al so ho­he Wel­len, dass sich der ru­mä­ni­sche Bot­schaf­ter in Ber­lin und die deut­sche Ver­tre­tung in Bu­ka­rest ein­schal­te­ten. Min­des­tens eben­so viel wie über his­to­ri­sche Be­find­lich­kei­ten sagt dies über die auf­ge­heiz­te La­ge der Ge­gen­wart aus. An­ge­sichts der wach­sen­den Kri­tik an den rechts­staat­lich höchst be­denk­li­chen Jus­tiz­re­for­men zeich­net die Re­gie­rung die EU zu­neh­mend als Feind­bild, was auch auf Deutsch­land ab­färbt. Hin­zu kommt ein er­bit­ter­ter Macht­kampf mit dem Staats­prä­si­den­ten Klaus Io­han­nis, der ein er­klär­ter Geg­ner der Re­for­men ist und als An­ge­hö­ri­ger der deut­schen Min­der­heit auf na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ver Sei­te so­wie­so un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht steht. Un­ter die­sen Um­stän­den kann Kri­tik an Deutsch­land auch ein Mit­tel der Macht­po­li­tik sein – und sei es nur Kri­tik an ei­nem deut­schen Wort.

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