Knap­per Sieg für neue CDU-Che­fin

Mit An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er er­obert die Fa­vo­ri­tin der Kanz­le­rin den Par­tei­vor­sitz

Neue Zurcher Zeitung - - VORDERSEITE - BENEDICT NEFF, HAM­BURG

flx. Ham­burg · An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ist neue Vor­sit­zen­de der CDU. Die frü­he­re Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der Par­tei und Mi­nis­ter­prä­si­den­tin des Saar­lands setz­te sich am Frei­tag beim Par­tei­tag in Ham­burg in zwei Wahl­gän­gen ge­gen den eins­ti­gen Uni­ons­frak­ti­ons­chef Fried­rich Merz und den am­tie­ren­den Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn durch. In der Stich­wahl ge­gen Merz er­hielt Kramp­Kar­ren­bau­er knapp 52 Pro­zent der Stim­men. Spahn war im ers­ten Wahl­gang mit 16 Pro­zent der Stim­men aus­ge­schie­den.

Trotz dem knap­pen Er­geb­nis be­fürch­tet die neue Par­tei­che­fin nach ei­ge­nen An­ga­ben kein Aus­ein­an­der­drif­ten der CDU. «Ich kann kei­nen Riss er­ken­nen», sag­te die 56-Jäh­ri­ge im ZDF. Sie ha­be aber Re­spekt vor der Auf­ga­be. Es ge­he nun dar­um, «al­len Flü­geln Raum zu ge­ben», und das wer­de nicht ein­fach sein. Nach der Wahl hat­ten ih­re zwei un­ter­le­ge­nen Mit­be­wer­ber al­le Mit­glie­der zum Zu­sam­men­halt auf­ge­ru­fen. Mit Merz ha­be sie schon am Nach­mit­tag ver­ab­re­det, sich in den nächs­ten Ta­gen zu­sam­men­zu­set­zen, um sei­ne künf­ti­ge Rol­le zu klä­ren, sag­te Kramp-Kar­ren­bau­er. Es gilt al­ler­dings als un­wahr­schein­lich, dass der 63-Jäh­ri­ge sei­ner Par­tei in der zwei­ten Rei­he die­nen wird. Er ver­zich­te­te be­reits dar­auf, fürs Prä­si­di­um zu kan­di­die­ren – und ap­pel­lier­te statt­des­sen an die 1001 De­le­gier­ten, Spahn in das Gre­mi­um zu wäh­len. Der Bit­te wur­de ent­spro­chen. Spahn, 38, er­hielt fast 90 Pro­zent Zu­stim­mung. Die De­le­gier­ten der CDU mö­gen ihm den Spit­zen­pos­ten ver­wehrt ha­ben, aber sie wol­len of­fen­kun­dig, dass er im Füh­rungs­zir­kel der Par­tei ver­tre­ten ist. Kramp-Kar­ren­bau­er be­kräf­tig­te un­ter­des­sen, dass sie sich die Kanz­ler­schaft zu­traue. «Ob und wie es dann da­zu kommt, hängt mit der Ge­samt­si­tua­ti­on zu­sam­men», sag­te sie va­ge. Auf dem Par­tei­tag hät­ten die De­le­gier­ten deut­lich ge­macht, dass An­ge­la Mer­kel bis zum En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode im Jahr 2021 Kanz­le­rin blei­ben sol­le. «Sie wird im Mo­ment auch ganz drin­gend ge­braucht, wenn man sich die Si­tua­ti­on in Eu­ro­pa an­schaut.» Mer­kel selbst hielt zum Ab­schied ei­ne emo­tio­na­le Re­de. «Es war mir ei­ne gros­se Freu­de, es war mir ei­ne Eh­re», sag­te sie nach 18 Jah­ren an der CDU-Spit­ze. Die De­le­gier­ten ap­plau­dier­ten lan­ge und laut. «Dan­ke, Che­fin», war auf Schil­dern zu le­sen.

Mer­kels Wunsch für ih­re Nach­fol­ge im Par­tei­vor­sitz ist in Er­fül­lung ge­gan­gen. Das star­ke Ab­schnei­den von Fried­rich Merz und der Ach­tungs­er­folg von Jens Spahn dürf­ten aber ei­ne Mah­nung sein: Die Par­tei scheint vom al­ten Fron­tal­un­ter­richt ge­nug zu ha­ben. Es wird Jour­na­lis­ten ge­ben, die den CDU-Par­tei­tag in Ham­burg als ei­nen Kri­mi be­schrei­ben, weil bis kurz vor Schluss nicht klar war, wie die Ver­an­stal­tung en­den und wer An­ge­la Mer­kel als CDU-Che­fin be­er­ben wür­de. Nach dem ers­ten Wahl­gang schied Jens Spahn mit 157 Stim­men aus. Es kam zum er­war­te­ten Du­ell zwi­schen An­ne­gret Kramp­Kar­ren­bau­er und Fried­rich Merz: Sie er­hielt 450 Stim­men, er 392. Es brauch­te ei­nen zwei­ten Wahl­gang. In der Stich­wahl er­reich­te Kramp-Kar­ren­bau­er dann 517 Stim­men, Merz un­ter­lag mit 482 Stim­men. Ihm fehl­ten al­so ge­ra­de ein­mal 18 Stim­men, um nach lang­jäh­ri­ger Ab­we­sen­heit in der deut­schen Po­li­tik als tri­um­pha­ler Sie­ger zu­rück­zu­keh­ren. Was war aus­schlag­ge­bend, dass Kramp-Kar­ren­bau­er re­üs­sier­te und Merz un­ter­lag? Viel­leicht war es am En­de vor al­lem dies: Merz be­warb sich um die Kanz­ler­schaft, Kramp-Kar­ren­bau­er um den Par­tei­vor­sitz.

Für die ehe­ma­li­ge Par­tei­vor­sit­zen­de An­ge­la Mer­kel wa­ren es Fest­spie­le: Nicht nur, dass ihr an die­sem Tag al­le Red­ner auf der Büh­ne die Hon­neurs mach­ten und sie für die acht­zehn­jäh­ri­ge Ar­beit an der Spit­ze der Par­tei prie­sen. Am En­de schien sie al­les rich­tig ge­macht zu ha­ben: Ih­re Wunsch­kan­di­da­tin setz­te sich durch. Am Mor­gen hielt sie ei­ne Ab­schieds­re­de, an die sich schon in we­ni­gen Ta­gen kaum je­mand mehr er­in­nern wird. Mer­kel be­harr­te ein­zig dar­auf, ih­re Par­tei aus ei­ner de­plo­r­a­blen La­ge zu­rück ans Licht ge­führt zu ha­ben: Mehr­mals kam sie auf den Spen­den­skan­dal zu­rück, den ih­re Par­tei vor acht­zehn Jah­ren in Miss­kre­dit ge­bracht hat­te. Zur Zu­kunft der CDU äus­ser­te sich Mer­kel hin­ge­gen kaum; kei­ne un­be­dach­te Be­mer­kung und Par­tei­nah­me soll­te die Wahl von Mer­kels Fa­vo­ri­tin ge­fähr­den.

Denn die Zei­ten, in de­nen Mer­kels Emp­feh­lung ge­hol­fen hät­te, wa­ren nicht mehr ge­ge­ben. Kramp-Kar­ren­bau­ers Ruf als «Mi­ni-Mer­kel» war schon eher ein Han­di­cap für ih­re Wahl ge­we­sen. Wie sich die Par­tei auch ent­schie­den hat: Sie will Ve­rän­de­rung, mehr Mit­spra­che und Kon­tur. Was von Mer­kel an die­sem Tag bleibt, sind nicht Wor­te. Es ist ih­re un­ge­wohn­te Ge­rührt­heit. Zeit­wei­se sass sie wie auf­ge­löst auf der Büh­ne. Sie schien das En­de ih­rer Ära zu emp­fin­den.

Die drei Kan­di­da­ten war­ben in ih­ren Re­den um die Stim­men der De­le­gier­ten. Kramp-Kar­ren­bau­er mach­te den An­fang. Sie trug ei­nen schwarz-weiss ka­rier­ten Bla­zer – ein Mo­dell, das nur des­halb auf­fiel, weil es so gar nicht an Mer­kels Bla­zerTyp er­in­ner­te. Kramp-Kar­ren­bau­er ging al­so schon op­tisch auf Dis­tanz zu ih­rer Men­to­rin. Sie sei kei­ne Mi­ni-Mer­kel, sag­te sie. «Ich ste­he hier, so wie ich bin und wie mich das Le­ben ge­formt hat.» Bei der Füh­rung ei­ner Par­tei zäh­le nicht Laut­stär­ke, son­dern in­ne­re Stär­ke. Sie ha­be als Mi­nis­ter­prä­si­den­tin im Saar­land be­wie­sen, dass sie Wah­len ge­win­nen kön­ne. Die CDU nann­te sie so et­was wie «das letz­te Ein­horn in Eu­ro­pa», die letz­te al­te gros­se Volks­par­tei – die­se wol­le sie er­hal­ten. Ge­mes­sen an Kramp-Kar­ren­bau­ers rhe­to­ri­schen Mög­lich­kei­ten war es ei­ne ge­ra­de­zu mit­reis­sen­de, kämp­fe­ri­sche Re­de.

Merz mach­te ei­nen Schritt zu­viel

Fried­rich Merz leg­te in sei­ner Re­de dann als Ers­tes die Welt­kar­te aus: Russland, Ame­ri­ka, Chi­na – wie hat­ten sich die­se Län­der nicht ver­än­dert. Fast schien es, als ver­ge­gen­wär­ti­ge er sich selbst, was sich in sei­ner Ab­we­sen­heit in der Po­li­tik al­les be­wegt hat. Das wä­re die be­schei­de­ne Aus­le­gung. Aber es wirk­te auch fast so, als ge­stal­te er aus dem Kanz­ler­amt schon die deut­sche Aus­sen­po­li­tik. Er schien ei­nen Schritt zu viel zu ma­chen. Erst ein­mal muss die CDU 2019 Wah­len in Sach­sen, Thü­rin­gen und Bran­den­burg ge­win­nen.

Die Volks­par­tei­en ver­lö­ren und Po­pu­lis­ten von links und rechts wür­den im­mer stär­ker, fuhr Merz fort. Vor kur­zem hat­te er noch ge­sagt, die CDU ha­be das Auf­kom­men der AfD mit ei­nem «Ach­sel­zu­cken» hin­ge­nom­men. Das kam nicht gut an. Jetzt sag­te er, es ge­be bei der CDU ei­nen gu­ten Wil­len, Wäh­ler der AfD zu­rück­zu­ge­win­nen, aber es ge­lin­ge nicht. «Die­ser Zu­stand ist für mich un­er­träg­lich», ver­kün­de­te Merz und ern­te­tet da­für gros­sen Ap­plaus. Die CDU brau­che ei­nen Stra­te­gie­wech­sel. Sie müs­se wie­der 40 Pro­zent der Wäh­ler er­rei­chen.

Das Lob auf die De­bat­te

Kein Red­ner be­kam so viel Ap­plaus wie Merz, und er brach­te bei der CDU et­was zum Klin­gen, was vie­le ver­misst hat­ten. Aber es reich­te nicht; Merz war wohl zu lan­ge ab­we­send, wäh­rend Kramp-Kar­ren­bau­er erst ge­ra­de ei­ne «Zu­hör-Tour» mach­te und sich die Sor­gen und Nö­te in der Par­tei an­hör­te. Er re­de­te seit Wo­chen über die Not­wen­dig­keit der Pro­fi­lie­rung der CDU, aber er blieb es letzt­lich bis am Frei­tag schul­dig zu sa­gen, wie die­se Pro­fi­lie­rung aus­se­hen soll.

Jens Spahn konn­te sich ei­ne ge­wis­se Luf­tig­keit im Re­den leis­ten, weil er selbst wuss­te, dass er chan­cen­los ist. Am An­fang schien er sei­ne Re­de­zeit ge­ra­de­zu fahr­läs­sig zu ver­trö­deln: Er sei aus Un­ge­duld in der Po­li­tik und weil «es» ihm nicht egal sei. Am En­de war es aber sei­ne Re­de, wel­che die Par­tei am meis­ten be­her­zi­gen soll­te, wenn sie Volks­par­tei blei­ben möch­te. Die Par­tei ha­be in den ver­gan­ge­nen Wo­chen de­bat­tiert und die Fens­ter auf­ge­ris­sen. Ein neu­er Geist sei zu spü­ren in der CDU. Die­ser Geist und die­se Freu­de an der De­bat­te müss­ten be­wahrt wer­den, egal wie die Wahl aus­ge­he.

Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Ar­min Schus­ter twit­ter­te am Nach­mit­tag: «Bin seit vie­len Jah­ren Merz-An­hän­ger, aber ich wer­de AKK wäh­len. Sie hat es sich in­ner­par­tei­lich red­lich ver­dient, sie ist den Men­schen nä­her – und sie wird Wah­len ge­win­nen!» Wer ga­ran­tiert die Macht? Das ist bei der CDU stets die ent­schei­den­de Fra­ge, nicht die Fra­ge nach ei­ner Ideo­lo­gie. Kramp-Kar­ren­bau­er wird dies of­fen­bar ein biss­chen mehr zu­ge­traut als Merz. Des­sen Ach­tungs­er­folg spricht aber da­für, dass es ein «wei­ter so» in der CDU nicht ge­ben kann. Die Par­tei muss sich wan­deln und teil­wei­se auch zu­rück­ver­wan­deln: die kon­ser­va­ti­ve See­le der Par­tei will ge­pflegt wer­den.

Merz be­dank­te sich nach der Wahl von Kramp-Kar­ren­bau­er für ei­ne «span­nen­de Zeit». Er sei ger­ne be­reit, die Par­tei in den nächs­ten Jah­ren,«dort, wo es ge­wünscht ist» zu un­ter­stüt­zen. Spahn sag­te zum Schluss, man sei in den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen «wie ei­ne Rock­band» durchs Land ge­tourt. Auch er wol­le – nie­mand hat­te et­was an­de­res er­war­tet – wei­ter­ma­chen. Am Schluss stan­den die Kan­di­da­ten zu dritt auf der Büh­ne. Ein Kri­mi war die­se Ver­an­stal­tung nicht, und na­tür­lich stand da auch kei­ne Rock­band. Es war der Par­tei­tag der Christ­lich De­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands. Nach ei­nem kur­zen Mo­ment der Span­nung nahm al­les sei­nen ge­schäfts­mäs­si­gen Gang.

F. BENSCH / REUTERS

An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er soll für die CDU wei­te­re Wah­len ge­win­nen.

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