Die schwächs­te al­ler Br­ex­it-Al­ter­na­ti­ven

Ver­zwei­fel­te Dis­kus­sio­nen auf der In­sel über das Mo­dell «Nor­we­gen Plus»

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - MAR­KUS M. HAEFLIGER, LON­DON

Lehnt das Un­ter­haus The­re­sa Mays Aus­tritts­ver­trag mit der EU ab, könn­te das Par­la­ment am En­de die Mit­glied­schaft im EU-Bin­nen­markt und ei­ne Zoll­uni­on mit Brüs­sel be­schlies­sen – ei­ne Ka­ri­ka­tur des Br­ex­it. Er­schre­ckend we­nig Al­ter­na­ti­ven ste­hen zur Ver­fü­gung, soll­te der Br­ex­it-De­al von Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May nächs­te Wo­che kei­ne Mehr­heit im bri­ti­schen Un­ter­haus fin­den. Bei ei­ner deut­li­chen Nie­der­la­ge – ei­ne Ab­fuhr von mehr als hun­dert Stim­men ist mög­lich – könn­ten ver­mut­lich auch ein paar kos­me­ti­sche Um­for­mu­lie­run­gen, zu de­nen sich Brüs­sel her­bei­lies­se, den Ver­trag nicht ret­ten. Dies um­so mehr, als die ent­ge­gen­ge­setz­ten Po­le der De­bat­te ei­ne hoch­ris­kan­te Stra­te­gie des Al­les-oder-nichts fah­ren. Br­ex­it-Hard­li­ner set­zen auf ei­nen ver­trags­lo­sen Zu­stand En­de März – der vor­ge­ge­be­ne Ablauf bei feh­len­der Ei­ni­gung. An­hän­ger der EU-Mit­glied­schaft drän­gen auf ein zwei­tes Re­fe­ren­dum und glau­ben, dass sie es ge­win­nen wür­den.

Auf der Su­che nach ei­nem mehr­heits­fä­hi­gen Plan B ge­winnt ei­ne wei­te­re Op­ti­on an Be­deu­tung: die vol­le Teil­ha­be des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs am Bin­nen­markt via den Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­raum (EWR), dem ne­ben der EU auch die Efta-Staa­ten Is­land, Liech­ten­stein und Nor­we­gen an­ge­hö­ren. Lon­don wür­de bloss das Pferd wech­seln und von der EU in die Efta zu­rück­keh­ren, aus der die Bri­ten 1973 aus­ge­tre­ten wa­ren, lau­tet die Über­le­gung. Ge­mäss An­hän­gern die­ses Plans wie Nick Bo­les (ein To­ry) und Ste­phen Kin­nock (La­bour) wür­de Grossbritannien die ge­mein­sa­me Agrarund Fi­sche­rei­po­li­tik der EU ver­las­sen und dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) nicht mehr di­rekt un­ter­stellt sein, im­mer­hin drei von ei­ner Viel­zahl von Br­ex­it-Ver­spre­chen. Es ist denk­bar, dass die Idee am En­de als Lö­sung mit dem kleins­ten ge­mein­sa­men Nen­ner oben­aus schwingt.

Na­tio­na­le Er­nied­ri­gung

Ein «Nor­we­gen-Mo­dell» ge­nann­ter Vor­schlag zir­ku­liert auf der In­sel seit zwei­ein­halb Jah­ren als be­son­ders «wei­cher» Br­ex­it. Dies al­lein ver­mag je­doch das Pro­blem der in­ner­i­ri­schen Gren­ze nicht zu lö­sen. Die Efta-Staa­ten (vier­ter im Bun­de ist die Schweiz) be­stim­men ih­re ei­ge­ne Aus­sen­han­dels­po­li­tik; woll­te ih­nen Lon­don fol­gen, müss­ten Un­ter­neh­men, die zwi­schen Ir­land und dem Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich Han­del trei­ben, Zoll­for­ma­li­tä­ten er­le­di­gen, und an der in­ner­i­ri­schen Gren­ze müss­ten auf Ri­si­ko­ab­wä­gung be­ru­hen­de Kon­trol­len mög­lich sein. Des­halb geht die par­tei­über­grei­fen­de Grup­pe um Bo­les und Kin­nock ei­nen Schritt wei­ter und will zu­sätz­lich ei­ne Zoll­uni­on mit der EU be­grün­den – ein su­per­wei­cher Br­ex­it oder, im Br­ex­it-Jar­gon, «Nor­we­gen Plus».

Den Vor­tei­len ste­hen Nach­tei­le und ir­ri­ge An­nah­men ent­ge­gen. Lon­don müss­te ei­ner Un­zahl von Re­geln der EU fol­gen, von wett­be­werbs­re­le­van­ten Bin­nen­markt­ge­set­zen bis zur Aus­sen­han­dels­po­li­tik, oh­ne mit­ent­schei­den zu kön­nen. Die Un­ter­ord­nung un­ter frem­des Recht hiel­te an, nur dass die Rich­ter statt dem EuGH dem Efta-Ge­richts­hof an­ge­hör­ten. Auch die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit wür­de fort­ge­setzt, die ro­tes­te von Mays ro­ten Li­ni­en, von der sich die Pre­mier­mi­nis­te­rin im De­al mit Brüs­sel im­mer­hin die förm­li­che Aus­ser­kraft­set­zung erstrit­ten hat. «Nor­we­gen Plus»-Pro­pa­gan­dis­ten ma­chen gel­tend, der EWR las­se bei ho­her Ein­wan­de­rung Quo­ten zu. Aber Brüs­sel ge­währt die­se «Not­brem­se» de fac­to nur dem klei­nen Liech­ten­stein, wie jüngst auch die Schwei­zer Un­ter­händ­ler fest­stel­len muss­ten.

Der Ver­lust an Sou­ve­rä­ni­täts- und Ent­schei­dungs­rech­ten, der mit der Mit­glied­schaft im EWR ein­her­geht, ist für je­des Land de­mü­ti­gend ge­nug und führ­te 1992 zur Ab­leh­nung ei­ner ent­spre­chen­den Vor­la­ge durch das Schwei­zer Stimm­volk. Der Ein­wand gilt um­so mehr, wenn ei­ne Zoll­uni­on mit der EU ei­ne ei­ge­ne Han­dels­po­li­tik ver­un­mög­licht. Voll­ends ab­surd mu­tet die Vor­stel­lung an, Grossbritannien wür­de sich in die Rol­le fü­gen kön­nen. Der Stolz der ehe­ma­li­gen He­ge­mo­ni­al­macht hat im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert zwar ein paar Krat­zer ab­be­kom­men, aber be­siegt wur­den die Bri­ten nie; sie ha­ben die stärks­ten Streit­kräf­te We­st­eu­ro­pas un­ter den Waf­fen und sind ei­ne Atom­macht.

Ele­fant im Por­zel­lan­la­den

Die li­be­ra­le To­ry-Ab­ge­ord­ne­te Ni­cky Mor­gan, ei­ne ehe­ma­li­ge Mi­nis­te­rin und der­zeit Vor­sit­zen­de der Fi­nanz­kom­mis­si­on des Un­ter­hau­ses, be­für­wor­tet «Nor­we­gen Plus» eben­falls. Sie führt als wei­te­ren Vor­teil an, die Lö­sung ma­che die im Br­ex­it-De­al ver­ein­bar­te Über­gangs­pe­ri­ode hin­fäl­lig. Aber das stimmt nicht. Die Efta wür­de Grossbritannien nur auf­neh­men, wenn Brüs­sel Hand da­zu bö­te. Dort weiss man aber, dass die Efta-Mit­glied­schaft ein­sei­tig künd­bar ist. Ir­land und die EU wer­den des­halb am «back­stop» fest­hal­ten, der Rück­fall­po­si­ti­on für ei­ne rei­bungs­lo­se Gren­ze in­ner­halb der iri­schen In­sel und zwi­schen Ir­land und Grossbritannien. Der Not­na­gel für al­le Fäl­le, in de­nen das Ver­hält­nis zwi­schen Lon­don und der EU blo­ckiert wür­de, ist nur mit dem Br­ex­it-De­al rechts­gül­tig.

Es bleibt die in Grossbritannien be­mer­kens­wer­ter­wei­se kaum dis­ku­tier­te Fra­ge, was die Efta-Staa­ten von der Idee hal­ten. Der Klub mit ins­ge­samt 14 Mil­lio­nen Ein­woh­nern wür­de aufs Mal durch die zweit­gröss­te Volks­wirt­schaft Eu­ro­pas mit 66 Mil­lio­nen Be­woh­nern er­wei­tert. Das hat für die welt­weit et­was un­be­deu­ten­de Efta Vor­tei­le, aber auch Nach­tei­le. Das «Plus» im Mo­dell, die Zoll­uni­on, steht im Wi­der­spruch zum Efta-Frei­han­del. Nor­we­gi­scher Fisch et­wa wird in der Staa­ten­grup­pe frei ge­han­delt, im Ver­kehr mit der EU un­ter­liegt er Quo­ten und Zoll­ta­ri­fen. Da­zu kommt, dass Lon­don den Nach­voll­zug von EU-Re­geln im EWR wohl po­li­ti­sie­ren wür­de, wäh­rend die üb­ri­gen Efta-Staa­ten sie bis­her still­schwei­gend über­nah­men.

Die Schweiz wä­re als Nicht­mit­glied des EWR kaum vom bri­ti­schen Bei­tritt be­trof­fen, was zählt, ist die Mei­nung Nor­we­gens. Die nor­we­gi­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin Er­na Sol­berg mach­te kürz­lich deut­lich, dass sich Os­lo nicht ge­gen ei­nen bri­ti­schen Efta-Bei­tritt stem­men wür­de, wenn er «echt» sei. Tre­te Lon­don hin­ge­gen bei und pla­ne gleich­zei­tig schon den Wie­der­aus­tritt, sei dies «für die an­de­ren von uns ein biss­chen schwie­rig», füg­te Sol­berg bei ei­nem Be­such Mays in der nor­we­gi­schen Haupt­stadt di­plo­ma­tisch an.

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