Ju­pi­ter be­kommt den Volks­zorn zu spü­ren

Em­ma­nu­el Ma­cron büsst da­für, dass sich in Frank­reich in den letz­ten ein­ein­halb Jah­ren zu we­nig ver­än­dert hat

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - NI­NA BELZ, PA­RIS

Frank­reichs Prä­si­dent woll­te mit dem Kopf durch die Wand, doch nun steht er mit dem Rü­cken da­ge­gen. Mehr als drei Wo­chen hat er die Er­hö­hung der Treib­stoff­s­teu­er ge­gen wach­sen­den Wi­der­stand ver­tei­digt. Nun hat er sie für das Jahr 2019 aus­ge­setzt. Em­ma­nu­el Ma­cron sah sich selbst ger­ne in der Rol­le ei­nes Ju­pi­ter. Jetzt hat er of­fen­bar Zwei­fel oder gar Angst. Er hat den Fun­ken, der den Pro­test der «gi­lets jau­nes» vor drei Wo­chen ent­flam­men liess, ge­löscht. Doch hat der Fun­ke ei­nen Flä­chen­brand ent­zün­det, der längst nicht un­ter Kon­trol­le ist. Frank­reichs Re­gie­rung muss sich vor die­sem Sams­tag fürch­ten, an dem die «gi­lets jau­nes» zu neu­en Pro­tes­ten auf­ge­ru­fen ha­ben. Sie dro­hen so­gar mit dem Sturm auf den Ely­sée-Pa­last. Pa­ris wird ver­bar­ri­ka­diert.

Idea­le am Volk vor­bei

Vor gut zehn Ta­gen hat Ma­cron öf­fent­lich zu er­klä­ren ver­sucht, wes­halb ihm die Steu­er­er­hö­hung nö­tig er­scheint: um Frank­reichs Kli­ma­bi­lanz zu ver­bes­sern. Die Len­kungs­mass­nah­men, zu de­nen auch ei­ne stren­ge­re Fahr­zeug­prü­fung ge­hört, soll­ten die al­ten Die­sel­au­tos nach und nach von Frank­reichs Stras­sen ver­schwin­den las­sen, die Luft ver­bes­sern und da­mit die Le­bens­qua­li­tät. «Ma­ke our pla­net gre­at again», hat­te Ma­cron dem ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten ent­geg­net, als die­ser sich im ver­gan­ge­nen Jahr vom Kli­ma­ver­trag ver­ab­schie­de­te. Der Fran­zo­se woll­te mit gu­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen. Aber Ma­crons Prio­ri­tä­ten in­ter­es­sie­ren die gros­se Mehr­heit sei­ner Lands­leu­te nicht. Un­ter der «Re­vo­lu­ti­on», die Ma­cron im Wahl­kampf ver­sprach, ver­ste­hen sie we­der die Ret­tung des Pla­ne­ten noch ei­ne eu­ro­päi­sche Füh­rungs­rol­le ih­res Lan­des. Sie wol­len die Ver­bes­se­rung ih­rer Le­bens­um­stän­de, und zwar lie­ber heu­te als mor­gen.

Man kann Ma­cron nicht vor­wer­fen, dass er nicht zu ver­ste­hen ver­sucht hat, was sei­ne Lands­leu­te um­treibt. Er hat sich der Un­zu­frie­den­heit in den letz­ten Wo­chen im­mer wie­der per­sön­lich ge­stellt, mehr, als er dies in sei­ner Funk­ti­on müss­te. Doch Zu­hö­ren al­lein hat nicht ge­reicht, sonst hät­te Ma­cron die Spreng­kraft die­ser Steu­er­er­hö­hung nicht der­art un­ter­schätzt. Das kann in der Pa­ri­ser Bla­se frei­lich schnell pas­sie­ren. In der Haupt­stadt be­sit­zen über 60 Pro­zent der Be­woh­ner kein Au­to; sie kön­nen schwer nach­voll­zie­hen, wie man we­gen ein paar Cent Preis­auf­schlag auf den Li­ter den Auf­stand pro­ben kann. Doch sind die da- von be­trof­fe­nen Fran­zo­sen po­ten­zi­ell in der Mehr­zahl. Der fran­zö­si­sche Me­di­an­lohn liegt mo­nat­lich bei rund 1700 Eu­ro net­to, nach Ab­zug von Steu­ern und Kran­ken­ver­si­che­rung. Für ei­nen Haus­halt mit Kin­dern und nur ei­nem Ein­kom­men kön­nen 7 Cent pro Li­ter Die­sel viel sein – un­ter Um­stän­den zu viel. Da hilft es nichts, wenn Ma­cron die Ver­mö­gens­steu­er ab­schafft oder Prä­mi­en für Elek­tro­au­tos ver­spricht. Sei­ne Wor­te, wo­nach er den Zorn der Pro­tes­tie­ren­den ver­ste­he, klin­gen für ei­nen Hand­wer­ker oder Vieh­züch­ter wie Hohn. Die Treib­stoff­s­teu­er war der Trop­fen, der das Fass zum Über­lau­fen brach­te.

An­ders als die Vor­gän­ger

Ma­cron be­geg­ne­te der Wut mit ei­ner Me­tho­de, die funk­tio­niert hat­te, zu­letzt beim Ei­sen­bah­ner­streik im Früh­jahr: war­ten, be­schwich­ti­gen, al­len­falls et­was nach­ge­ben, aber nicht vom Ziel ab­wei­chen. Da­mit hob er sich bis­her von sei­nen Vor­gän­gern ab, die je­weils frü­her oder spä­ter vor den Pro­tes­ten der Stras­se ein­knick­ten. Ma­cron hat­te ver­spro­chen, mit der Ver­gan­gen­heit zu bre­chen.

Doch die Be­we­gung der Gelb­wes­ten er­weist sich nicht bloss als ei­ne wei­te­re Zu­ckung der un­ru­hi­gen See­le der Gau­lois. Die «gi­lets jau­nes» las­sen sich nicht ei­ner Be­rufs­grup­pe zu­ord­nen, die sich ge­gen ei­ne sek­tor­spe­zi­fi­sche Re­form er­hebt. Es sind auch nicht in ers­ter Li­nie die Be­woh­ner der So­zi­al­woh­nun­gen in den Ban­lieues, die an­ge­sichts ih­rer Per­spek­ti­ven­lo­sig­keit Au­tos an­zün­den. Die «gi­lets jau­nes» re­prä­sen­tie­ren ei­ne von Ab­stiegs­ängs­ten ge­plag­te Mit­tel­schicht, die das gel­ten­de Sys­tem in­fra­ge stellt. Zwar hat sich die Kauf­kraft wi­der die Be­haup­tun­gen auf den Bar­ri­ka­den in den letz­ten zwei Jah­ren ver­bes­sert und ist im ers­ten Halb­jahr 2018 zu­min­dest nicht zu­rück­ge­gan­gen. Doch vie­le Leu­te schreckt schon die Aus­sicht dar­auf, En­de Mo­nat we­ni­ger im Porte­mon­naie zu ha­ben.

Sie sind nicht nur zahl­rei­cher, als es sich der an Eli­te­schu­len aus­ge­bil­de­te Ärz­te­sohn Ma­cron aus­ma­len konn­te. Ih­re Wut ist zu­dem hoch­an­ste­ckend. Je­der, der re­gel­mäs­sig Au­to fährt, kann sich über die Steu­er­er­hö­hung auf­re­gen. Und wenn man sich dann noch vor Au­gen führt, dass Ma­cron die­ses Jahr die Ver­mö­gens­steu­er weit­ge­hend ab­schaff­te, ist das Bild des Prä­si­den­ten, der den klei­nen Mann schröpft und die Wohl­ha­ben­den be­vor­zugt, voll­endet. Mit sei­ner Un­nach­gie­big­keit hat Ma­cron der Be­we­gung zu­sätz­li­chen Raum ver­schafft. Die­se konn­te im­mer mehr For­de­run­gen stel­len und an­de­re auf den Zug auf­sprin­gen las­sen. Dank den so­zia­len Netz­wer­ken wuchs sie in Win­des­ei­le. Nun sind auch die Gym­na­si­as­ten im Streik, ab dem Wo­che­n­en­de wol­len es ih­nen die Ca­mi­on-Chauf­feu­re gleich­tun, dann auch die Bau­ern. Ei­ne ge­mein­sa­me Struk­tur brau­chen sie nicht, sie ha­ben ihr ge­mein­sa­mes Hass­ob­jekt: den Prä­si­den­ten und al­les, wo­für er steht. Um dies aus­zu­drü­cken, brau­chen sie kei­ne Ge­werk­schaft und kei­ne Par­tei. Ei­ne ob­li­ga­to­ri­sche gel­be Warn­wes­te hat je­der im Au­to lie­gen.

Ver­flüch­tig­ter Auf­bruchs­geist

Nach ein­ein­halb Jah­ren im Amt ist Ma­cron vom Ma­lai­se ein­ge­holt wor­den, dem er ei­gent­lich sei­ne Wahl ver­dankt. Es ist kein spe­zi­fisch fran­zö­si­sches Phä­no­men, dass die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en und Ge­werk­schaf­ten ei­nen gros­sen Teil der Be­völ­ke­rung nicht mehr ab­ho­len. Ma­cron hat sei­nen Wahl­kampf auf die­sem Phä­no­men auf­ge­baut, doch ein­mal im Ely­sée an­ge­kom­men, hat er sich um den Kon­takt zur Be­völ­ke­rung zu lan­ge nicht wei­ter be­müht. Ein loya­ler Pre­mier­mi­nis­ter und ei­ne kom­for­ta­ble Mehr­heit in der Na­tio­nal­ver­samm­lung ha­ben ihm das er­leich­tert. Er hat in sei­nen ers­ten 18 Mo­na­ten nicht we­ni­ge Din­ge an­ge­packt, aber of­fen­bar die fal­schen Prio­ri­tä­ten ge­setzt.

Man­che schrei­ben das sei­ner Un­er­fah­ren­heit zu, an­de­re sei­ner eli­tä­ren Her­kunft und sei­ner Be­ra­tungs­re­sis­tenz. Doch im Grun­de büsst Ma­cron da­für, dass sich in Frank­reich in den letz­ten ein­ein­halb Jah­ren zu we­nig ver­än­dert hat. Sei­ne Re­for­men lies­sen die Gr­und­fes­ten des fran­zö­si­schen Sys­tems bis­her un­an­ge­tas­tet. So zielt kei­ne ein­zi­ge sei­ner Mass­nah­men ent­schie­den dar­auf ab, die Staats­auf­ga­ben und da­mit die hor­ren­den Schul­den zu re­du­zie­ren oder aber die Macht­struk­tu­ren und da­mit die Ver­ant­wor­tung zu de­zen­tra­li­sie­ren. Statt­des­sen hat er, so scheint es, für ei­ne ab­ge­schaff­te Steu­er ei­ne an­de­re ein­ge­führt und die Ver­tre­ter von Dé­par­te­ments und Ge­mein­den auf Dis­tanz ge­hal­ten. Al­lein des­halb ist es ab­surd, Ma­cron als Neo­li­be­ra­len zu be­zeich­nen, wie sei­ne Geg­ner dies tun. Auch sei­ne Be­we­gung La Ré­pu­bli­que en Mar­che hat in die­ser Zeit kein Pro­fil ge­won­nen. Die mehr­heit­lich loya­len Ab­ge­ord­ne­ten ha­ben sich in die Pa­ri­ser Eli­te-Bla­se ein­ge­fügt. Der Geist des Auf­bruchs ei­ner Be­we­gung aus dem Volk, der en Mar­che einst um­weh­te, hat sich längst ver­flüch­tigt.

Ma­cron ist nicht der Grund für die Wut, wel­che of­fen­bar drei Vier­tel der Fran­zo­sen ver­spü­ren; so vie­le hal­ten es nach jüngs­ten Um­fra­gen ge­recht­fer­tigt, dass die Be­we­gung der «gi­lets jau­nes» wei­ter de­mons­triert. Die­se ist der Aus­druck ei­nes über Jah­re ge­wach­se­nen, tie­fen Miss­trau­ens in ei­nem gros­sen Teil der fran­zö­si­schen Be­völ­ke­rung. Schon bei der Stich­wahl um die Prä­si­dent­schaft 2017 hat rund ein Vier­tel der Wahl­be­rech­tig­ten gar nicht erst teil­ge­nom­men. Von den Ver­nach­läs­sig­ten, nicht von der Op­po­si­ti­on oder den Ge­werk­schaf­ten, wird Ma­cron jetzt her­aus­ge­for­dert. Es ist ein Kampf, auf den er nicht vor­be­rei­tet war. Ei­ner, bei dem der Prä­si­dent der Fran­zö­si­schen Re­pu­blik viel ver­lie­ren kann. Des­sen ist sich Ma­cron of­fen­bar erst in die­ser Wo­che be­wusst ge­wor­den. Er kann zu die­sem Zeit­punkt nur war­ten und hof­fen und sein Rück­zugs­ge­fecht zu füh­ren ver­su­chen. Er wird al­les da­für tun, dass er am En­de nicht da­steht als ei­ner, der sich sei­ne Po­li­tik von der Stras­se dik­tie­ren liess. Die kom­men­den Ta­ge wer­den zei­gen, ob sich der Volks­zorn be­sänf­ti­gen lässt.

BENOIT TESSIER / REUTERS

Auch Schü­ler und Stu­den­ten sind auf den Pro­test­zug auf­ge­sprun­gen, wie hier am Frei­tag in Pa­ris.

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