An­ti-Ter­ror-Er­las­se ge­fähr­den die Da­ten­si­cher­heit im In­ter­net

Das aus­tra­li­sche Par­la­ment ver­ab­schie­det in al­ler Ei­le dra­ko­ni­sche Cy­ber-Se­cu­ri­ty-Ge­set­ze – Ex­per­ten war­nen vor un­be­ab­sich­tig­ten Kon­se­quen­zen

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - ES­T­HER BLANK, SYD­NEY

Die Vor­weih­nachts­zeit ist in Aus­tra­li­en die Zeit vor den Som­mer­fe­ri­en, die Zeit al­so, be­vor das Land in ei­nen fast zwei­mo­na­ti­gen Tief­schlaf fällt. Sie wird ger­ne von Po­li­ti­kern ge­nutzt, um un­po­pu­lä­re Ge­set­zes­vor­ha­ben re­la­tiv un­be­merkt durch­zu­brin­gen. Am letz­ten Sit­zungs­tag des aus­tra­li­schen Par­la­ments hat die kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung von Pre­mier­mi­nis­ter Scott Mor­ri­son dra­ko­ni­sche Cy­ber-Se­cu­ri­ty-Ge­set­ze durch­ge­setzt. Vie­le Par­la­men­ta­ri­er hat­ten nur St­un­den Zeit, sich das kom­pli­zier­te Ge­set­zes­werk mit sei­nen zahl­rei­chen Än­de­run­gen und Zu­sät­zen gründ­lich an­zu­se­hen. Die Ge­set­zes­vor­la­ge müs­se noch vor Weih­nach­ten ge­bil­ligt wer­den, so be­grün­de­te dies der Pre­mier­mi­nis­ter, weil in der Weih­nachts­zeit mit ei­ner er­höh­ten Ter­ror­ge­fahr in Aus­tra­li­en zu rech­nen sei.

Der für Si­cher­heit zu­stän­di­ge In­nen­mi­nis­ter Peter Dut­ton, der En­de Au­gust noch sel­ber Pre­mier­mi­nis­ter wer­den woll­te, sag­te, ver­schlüs­sel­te Di­ens­te wie Whats­app, Te­le­gram und Si­gnal wür­den von 90 Pro­zent al­ler Ter­ro­ris­ten ge­nutzt, um An­schlä­ge vor­zu­be­rei­ten. Die aus­tra­li­schen Si­cher­heits­kräf­te be­nö­tig­ten den Zu­gang zu die­sen Nach­rich­ten­diens­ten, um An­schlä­ge und an­de­re Ver­bre­chen, wie den Miss­brauch von Kin­dern und Dro­gen­han­del, zu ver­hin­dern. Die Un­ter­neh­men, die ver­schlüs­sel­te Di­ens­te an­bö­ten, un­ter ih­nen auch die TechGi­gan­ten Goog­le, Face­book, Twit­ter, müss­ten in die Ver­ant­wor­tung ge­nom­men wer­den, sag­te Dut­ton wei­ter.

Stra­fen in Mil­lio­nen­hö­he

Ge­mäss den neu­en Ge­set­zen kön­nen An­bie­ter von Soft­ware, aber auch von Hard­ware, wie die Her­stel­ler von Mo­bil­te­le­fo­nen, ge­zwun­gen wer­den, die Ver­schlüs­se­lung ih­rer Di­ens­te zu kna­cken oder gar Pro­gram­me in ih­re Soft­ware-An­ge­bo­te ein­zu­bau­en, mit de­nen Ge­heim­diens­te und Po­li­zei Ziel­per­so­nen hin­ter­her­spio­nie­ren könn­ten. Un­ter­neh­men, die die­se Hil­fe ver­wei­gern, müss­ten dann mit Stra­fen in Mil­lio­nen­hö­he rech­nen. Aber auch Ein­zel­per­so­nen, zum Bei­spiel ein­zel­ne An­ge­stell­te die­ser Un­ter­neh­men, kön­nen mit ho­hen Geld­stra­fen be­legt wer­den.

Der Prä­si­dent des Aus­tra­li­an Law Coun­cil, ei­ner Ver­ei­ni­gung von An­wäl­ten und Rich­tern, sag­te, auch sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on wol­le ein si­che­res Aus­tra­li­en. Doch er warn­te vor un­be­ab­sich­tig­ten ne­ga­ti­ven Kon­se­quen­zen der Ge­setz­ge­bung, «die das gan­ze aus­tra­li­sche Rechts­sys­tem be­dro­hen könn­te». Er for­der­te ei­ne drin­gen­de Über­ar­bei­tung der sei­ner Mei­nung nach über­eil­ten und nicht fer­tig durch­dach­ten Ge­set­ze zu Be­ginn der nächs­ten Sit­zungs­pe­ri­ode des Par­la­ments im nächs­ten Jahr.

Auch die Prä­si­den­tin und Ter­ro­ris­mus­ex­per­tin des NSW Coun­cil for Ci­vil Li­ber­ties, Pau­li­ne Wright, äus­ser­te star­ke Be­den­ken ge­gen­über dem neu­en Ge­setz. So, wie es jetzt in Kraft sei, er­lau­be es Über­grif­fe der Si­cher­heits­be­hör­den. Be­son­ders be­denk­lich sei es, dass die Be­hör­den kei­ner­lei Un­ter­su­chungs- oder Haft­be­feh­le brauch­ten, um Ent­schlüs­se­lun­gen zu ver­lan­gen. Ein­zel­ne Be­am­te könn­ten sol­che Ent­schei­dun­gen fäl­len. Auch könn­ten Ein­zel­per­so­nen oh­ne Rechts­bei­stand ta­ge­lang fest­ge­hal­ten wer­den. Sie dürf­ten noch nicht ein­mal ih­re Un­ter­neh­men un­ter­rich­ten und hät­ten kei­ne Mög­lich­keit, vor Ge­richt ge­gen Über­grif­fe zu kla­gen.

Die aus­tra­li­sche Re­gie­rung kann die­se dra­ko­ni­schen Ge­set­ze, die nach Mei­nung von Bür­ger­recht­lern und An­wäl­ten ge­gen das Prin­zip der Re­de­frei­heit und das Recht auf Pri­vat­sphä­re ver­stos­sen, durch­set­zen, weil es in Aus­tra­li­en kein Grund­ge­setz und kei­ne Bill of Rights gibt, in de­nen die Grund­rech­te je­des Bür­gers ver­an­kert wä­ren.

Tür und Tor für Ha­cker ge­öff­net

Die neu­en Ge­set­ze schei­nen aber auch tech­nisch und wirt­schaft­lich we­nig sinn­voll. Nach Auf­fas­sung der Cy­ber-Se­cu­ri­ty-Ex­per­tin Va­nes­sa Te­ague von der Uni­ver­si­ty of Mel­bourne könn­ten die «va­gen und ex­trem weit­ge­fass­ten Ge­set­ze» die In­ter­net­si­cher­heit von Mil­lio­nen von Nut­zern ge­fähr­den. Denn soll­ten die Un­ter­neh­men den An­wei­sun­gen der Ge­heim­diens­te oder der Po­li­zei Fol­ge leis­ten und ei­ne Hin­ter­tür in ih­re Soft­ware-Pro­duk­te ein­bau­en, die den Si­cher­heits­be­hör­den er­laub­te, ei­ner Ziel­per­son nach­zu­spio­nie­ren, sei da­mit auch das Tor für an­de­re, et­wa für kri­mi­nel­le Ha­cker, aus­län­di­sche Spio­ne und Cy­ber­ter­ro­ris­ten, ge­öff­net. Zu­dem stel­le sich auch noch die Fra­ge, wie die aus­tra­li­sche Re­gie­rung ih­re Mass­nah­men ge­gen aus­län­di­sche oder mul­ti­na­tio­na­le Un­ter­neh­men durch­set­zen wol­le.

Die Schwei­zer An­bie­ter des von Cern-Wis­sen­schaf­tern ent­wi­ckel­ten ver­schlüs­sel­ten E-Mail-An­bie­ters Pro­ton­mail äus­ser­ten sich be­reits auf Twit­ter. Sie be­ru­hig­ten ih­re aus­tra­li­schen User: Pro­ton­mail sei ein Schwei­zer Un­ter­neh­men, für das Schwei­zer Ge­set­ze mass­geb­lich sei­en. Selbst wenn die Aus­tra­li­er Pro­ton­mail un­ter Druck set­zen soll­ten, könn­ten sie nicht viel er­rei­chen, da Pro­ton­mail kei­ne Kun­den­da­ten auf­be­wahrt und selbst die Ver­schlüs­se­lung ih­rer Kun­den nicht auf­bre­chen kann.

Ge­nau­so wie Pro­ton­mail könn­ten sich Un­ter­neh­men wie Goog­le oder Face­book wei­gern, mit den aus­tra­li­schen Be­hör­den zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. Dann blie­be der aus­tra­li­schen Re­gie­rung nur noch die Mög­lich­keit, die­se Di­ens­te für al­le Aus­tra­li­er zu blo­cken – doch wel­cher Po­li­ti­ker wür­de das ris­kie­ren?

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