Ei­ne blaue Wel­le rollt über Ka­li­for­ni­en hin­weg

Den De­mo­kra­ten sind bei den Zwi­schen­wah­len enor­me Zu­ge­win­ne im «Gol­den Sta­te» ge­lun­gen

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - MA­RIE-AS­TRID LAN­GER, SAN FRAN­CIS­CO

Den po­li­ti­schen Kom­men­ta­to­ren ge­hen all­mäh­lich die Su­per­la­ti­ve aus. Wie nennt man die enor­me Mehr­heit, die Ka­li­for­ni­ens De­mo­kra­ten bei den Zwi­schen­wah­len im Par­la­ment des Glied­staats er­run­gen ha­ben – Su­per­mehr­heit? Gi­ga­mehr­heit? Rund drei Vier­tel der Sit­ze hal­ten «die Blau­en» nun in bei­den Kam­mern, so vie­le wie zu­letzt 1883. Zwei Drit­tel rei­chen, um neue Steu­ern zu be­schlies­sen und Ver­fas­sungs­än­de­run­gen auf die Stimm­zet­tel zu set­zen.

Bö­se Über­ra­schun­gen

Der Sie­ges­zug der De­mo­kra­ten im «Gol­den Sta­te» hat bei den jüngs­ten Wah­len ei­nen neu­en Hö­he­punkt er­reicht. Zu­sätz­lich zu den Pos­ten des Gou­ver­neurs und Vi­ze­gou­ver­neurs so­wie den bei­den Se­na­to­ren stel­len die De­mo­kra­ten neu 46 von 53 Ab­ge­ord­ne­ten im Re­prä­sen­tan­ten­haus. Da­mit ha­ben die Re­pu­bli­ka­ner die Hälf­te ih­rer Ab­ge­ord­ne­ten­sit­ze aus Ka­li­for­ni­en ver­lo­ren. Be­son­ders schmerz­lich ist für sie der Ver­lust ih­rer vier Sit­ze in Oran­ge Coun­ty, der Ge­burts­stät­te von Richard Ni­xon. Seit Frei­tag sind die letz­ten Stimm­zet­tel aus­ge­zählt, und mit ei­ner hauch­dün­nen Mehr­heit ha­ben die De­mo­kra­ten über­ra­schend auch ei­nen Platz in der kon­ser­va­ti­ven Hoch­burg Cen­tral Val­ley er­obert – und sich da­mit den 40. neu­en Platz im Re­prä­sen­tan­ten­haus ge­si­chert. Ein wei­te­res Zü­cker­chen ist für Ka­li­for­ni­ens De­mo­kra­ten, dass mit Nan­cy Pe­lo­si ei­ne aus ih­ren Rei­hen wohl die nächs­te Spea­ke­rin des Re­prä­sen­tan­ten­hau­ses in Wa­shing­ton sein wird, die Num­mer drei in der ame­ri­ka­ni­schen Macht­fol­ge.

Das re­pu­bli­ka­ni­sche De­ba­kel bei den Zwi­schen­wah­len war al­ler­dings ei­nes mit An­sa­ge: Im Som­mer ver­dräng­ten die Par­tei­lo­sen erst­mals die Re­pu­bli­ka­ner als zweit­stärks­te Grup­pe der re­gis­trier­ten Wäh­ler. Nur noch 24,5 Pro­zent be­zeich­nen sich heu­te als Re­pu­bli­ka­ner, 44 Pro­zent als De­mo­kra­ten. Der Un­ter­gang der Grand Old Par­ty ist um­so ein­drück­li­cher, wenn man sich die jün­ge­re po­li­ti­sche Ge­schich­te des Glied­staats vor Au­gen führt. Ka­li­for­ni­en brach­te kon­ser­va­ti­ve Füh­rungs­fi­gu­ren wie Earl War­ren, Richard Ni­xon und Ro­nald Rea­gan her­vor. Letz­te­rer si­cher­te sich mit Steu­er­sen­kun­gen, we­ni­ger Re­gu­lie­rung und ei­ner stär­ke­ren Po­li­zei zwei Amts­zei­ten als Gou­ver­neur und den Ein­zug ins Weis­se Haus. Noch Mit­te der neun­zi­ger Jah­re stimm­ten die Ka­li­for­ni­er per Re­fe­ren­dum für ei­nes der strengs­ten Zu­wan­de­rungs­ge­set­ze des Lan­des: Pro­po­si­ti­on 187 un­ter­sag­te Pa­pier­lo­sen den Be­such von Schu­len und den Zu­gang zum Ge­sund­heits­we­sen. Man­che Be­ob­ach­ter se­hen dar­in den An­fang vom En­de der GOP, auch wenn der Su­pre­me Court das Vor­ha­ben letzt­lich als ver­fas­sungs­wid­rig kipp­te. Vie­le Zu­ge­wan­der­te ha­ben den Re­pu­bli­ka­nern die­ses Ge­setz nicht ver­zie­hen. Der de­mo­gra­fi­sche Wan­del hat Ka­li­for­ni­en mas­siv ver­än­dert, La­ti­nos stel­len heu­te knapp 40 Pro­zent der Be­völ­ke­rung; sie wäh­len mehr­heit­lich de­mo­kra­tisch. Seit 1990 ha­ben die De­mo­kra­ten ih­ren An­teil bei den Ab­ge­ord­ne­ten im Re­prä­sen­tan­ten­haus von 58 auf 87 Pro­zent aus­ge­dehnt.

Dem Prä­si­den­ten sei Dank

Die De­mo­kra­ten ver­dan­ken ih­ren jüngs­ten Sie­ges­zug aber auch dem Prä­si­den­ten. Trumps feind­li­che Hal­tung ge­gen­über Um­welt­schutz und Zu­wan­de­rung eckt bei den Ka­li­for­ni­ern ex­trem an; zu­dem hat sei­ne Steu­er­re­form vie­len Wohl­ha­ben­den ge­scha­det, weil nun be­stimm­te Ab­schrei­bun­gen, et­wa im Im­mo­bi­li­en­be­reich, nicht mehr mög­lich sind. Auch man­che Ab­ge­ord­ne­te stol­per­ten über ih­re en­ge Bin­dung zum Prä­si­den­ten, Da­na Rohra­ba­cher aus Oran­ge Coun­ty et­wa, der nach 30 Jah­ren sei­nen Platz räu­men muss­te. Vie­le Wäh­ler hät­ten die Zwi­schen­wah­len als Ab­stim­mung über den Prä­si­den­ten ge­se­hen, sagt Mark Bal­das­sa­re vom Pu­b­lic Po­li­cy In­sti­tu­te of Ca­li­for­nia. So er­klä­re sich auch die ex­trem ho­he Wahl­be­tei­li­gung, nach­dem 2014 so we­ni­ge Bür­ger wie nie bei Zwi­schen­wah­len­ab­ge­stimmt hät­ten.

Doch Bal­das­sa­re sieht in dem jüngs­ten Wahl­de­ba­kel nicht das En­de der Re­pu­bli­ka­ner in Ka­li­for­ni­en. «In den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren lag die Par­tei schon mehr­mals am Bo­den und ist wie­der auf­ge­stan­den.» Nach dem Rück­tritt von Prä­si­dent Ni­xon et­wa hät­te es die Grand Old Par­ty schwer ge­habt – oder auch En­de der neun­zi­ger Jah­re nach dem um­strit­te­nen Zu­wan­de­rungs­ge­setz. Bei­de Ma­le hät­ten cha­ris­ma­ti­sche Füh­rungs­fi­gu­ren wie zu­letzt Ar­nold Schwar­ze­negger ei­ne Charme­of­fen­si­ve in Rich­tung der par­tei­lo­sen Wäh­ler lan­ciert und das Ru­der her­um­ge­ris­sen.

An die­se klei­ne Hoff­nung klam­mert sich of­fen­bar auch die Par­tei­spit­ze. Der stei­gen­de An­teil an Par­tei­lo­sen in Ka­li­for­ni­en zei­ge, dass vie­le Bür­ger den Sta­tus quo leid sei­en und da­mit die de­mo­kra­ti­sche Füh­rung in Sa­cra­men­to, sag­te Matt Fle­ming, ein Spre­cher der Re­pu­bli­ka­ni­schen Par­tei in Ka­li­for­ni­en. Auch die Mas­sen an Gel­dern, die das de­mo­kra­ti­sche Wahl­kampf­ko­mi­tee ge­zielt in Wahl­krei­se ge­pumpt hat, die Hil­la­ry Cl­in­ton 2016 ge­won­nen hat­te, ent­schul­di­gen für vie­le die ei­ge­nen Ver­säum­nis­se. «Pro­fes­sio­nell be­trach­tet, be­wun­de­re ich die De­mo­kra­ten ein we­nig da­für, wie gut sie ih­ren Plan um­ge­setzt ha­ben», ge­stand ein lang­jäh­ri­ger Be­ra­ter der Re­pu­bli­ka­ner ge­gen­über dem «San Fran­cis­co Chro­ni­cle» ein.

Sol­che Wor­te hört man al­ler­dings sel­ten, lie­ber schreibt man die Nie­der­la­ge dem Prä­si­den­ten zu. Doch für vie­le Ka­li­for­ni­er, die fis­kal­kon­ser­va­tiv sei­en und ei­ne star­ke Po­li­zei be­für­wor­te­ten, stün­de die Par­tei ins­ge­samt zu weit rechts, sag­te Bill Wha­len vom kon­ser­va­ti­ven ThinkTank Hoo­ver In­sti­tu­ti­on ge­gen­über der Zei­tung «Mer­cu­ry News».

Kei­ne kla­re Agen­da

Wo­für die De­mo­kra­ten ih­re neue «Su­per­mehr­heit» in Sa­cra­men­to ein­set­zen wer­den, ist noch of­fen. Drän­gen­de Pro­ble­me sind die ma­ro­de In­fra­struk­tur und das enor­me Wohl­stands­ge­fäl­le, kein Glied­staat hat mehr Ob­dach­lo­se als Ka­li­for­ni­en. Die Par­tei ist kei­nes­wegs ge­eint in ih­rer Agen­da, es gibt tie­fe Grä­ben zwi­schen den Ge­mäs­sig­ten und der po­li­ti­schen Lin­ken – vor al­lem punk­to So­zi­al­aus­ga­ben. Die gros­se Fra­ge wird sein, ob der neue Gou­ver­neur Ga­vin New­som sei­ne Par­tei in den Zü­geln hal­ten kann. New­som war bis­her Stell­ver­tre­ter von Jer­ry Brown, der re­gel­mäs­sig Ge­set­zes­vor­ha­ben sei­ne Un­ter­schrift ver­wei­ger­te, weil sie ihm zu ex­trem vor­ka­men.

AP

Ka­li­for­ni­en brach­te kon­ser­va­ti­ve Füh­rungs­fi­gu­ren wie Ro­nald Rea­gan her­vor, hier bei sei­ner Amts­über­nah­me als Gou­ver­neur im Ja­nu­ar 1967. Nun liegt die Grand Old Par­ty erst ein­mal wie­der am Bo­den.

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