Wenn die Bie­ne die Bie­ne il­lus­triert

Die Nach­rich­ten­ma­ga­zi­ne von ARD und ZDF un­ter­schät­zen ih­re Zu­schau­er und in­fan­ti­li­sie­ren sie zu­se­hends

Neue Zurcher Zeitung - - MEDIEN - VIO­LA SCHENZ

Ein Bild sagt mehr als tau­send Wor­te, das wis­sen wir. Und um­ge­kehrt? Könn­ten auch ein paar Wor­te ein Bild er­set­zen? Durch­aus – je­den­falls wenn man sich «Heu­te-Jour­nal» und «Ta­ges­the­men» an­sieht. Als Zu­schau­er wünscht man sich dort: we­ni­ger Bil­der im Stu­dio, mehr kla­re Wor­te zu den News.

Die bei­den Nach­rich­ten­ma­ga­zi­ne gel­ten als Flagg­schif­fe des öf­fent­lich­recht­li­chen Fern­se­hens in Deutsch­land. Am spä­ten Abend sol­len sie ei­ne hal­be St­un­de lang noch ein­mal über das Ta­ges­ge­sche­hen in­for­mie­ren, es ein­ord­nen, ana­ly­sie­ren, kom­men­tie­ren. Seit 40 Jah­ren tun sie das in ARD und ZDF, bei­de Ma­ga­zi­ne star­te­ten am 2. Ja­nu­ar 1978, bei­de ste­hen seit An­be­ginn für Qua­li­täts­fern­se­hen. Wer die «Ta­ges­the­men» oder das «Heu­te-Jour­nal» mo­de­riert, hat den TV-Nach­rich­te­n­olymp er­stie­gen.

Der Zu­schau­er al­ler­dings macht sich Sor­gen. Kürz­lich et­wa kün­dig­te der «Ta­ges­the­men»-Mo­de­ra­tor In­go Zam­pe­ro­ni ei­nen po­li­ti­schen Bei­trag an und sprach von ei­nem «en­gen Kor­sett». Ab­ge­se­hen da­von, dass es in der Na­tur von Kor­setts liegt, eng zu sein, sin­nier­te man als in­ter­es­sier­ter So­fa­sit­zer über das Fo­to, das hin­ter Zam­pe­ro­ni er­schien: ein gros­ses Bild ei­nes Kor­setts, so rich­tig klas­sisch aus Fisch­bein und mit Schnürö­sen, wohl aus dem 19. Jahr­hun­dert, präch­tig an­zu­se­hen. Was, so frag­te man sich, will mir die Re­dak­ti­on da­mit sa­gen?

Der Fern­seh­me­cha­nis­mus

Klar, wir sind hier beim Fern­se­hen. Fern­se­hen ist ein vi­su­el­les Me­di­um, es lebt von Bil­dern, es ist auf sie an­ge­wie­sen, sie sind Teil der Bot­schaft. Die­ser Fern­seh­me­cha­nis­mus funk­tio­niert aber nur, wenn die Bil­der tat­säch­lich ei­ne Bot­schaft trans­por­tie­ren. Das Fo­to ei­nes Kor­setts hat an sich – sor­ry, lie­be «Ta­ges­the­men» – kei­ne Bot­schaft und da­mit auch kei­ne Aus­sa­ge, es weist kei­nen Weg durch den Dschun­gel des Ta­ges­ge­sche­hens. Viel­mehr lässt es ei­nen rat­los zu­rück.

Man hat sich ja an ei­ni­ges ge­wöhnt beim öf­fent­lich­recht­li­chen Rund­funk in Deutsch­land. Dar­an, dass Mo­de­ra­to­ren im «jun­gen Pro­gramm» fal­sche Gram­ma­tik mit Ju­gend­spra­che ver­wech­seln. Dass man an man­chen Aben­den zur TV-Prime­time nur die Wahl hat zwi­schen Hei­mat­film­kitsch, Schla­ger­pa­ra­den und Pro­vinz­kri­mis. Dass «Ta­ges­the­men» und «Heu­teJour­nal» oh­ne Not aus­fal­len oder aber ei­ne St­un­de frü­her oder ei­ne Drei­vier­tel­stun­de spä­ter star­ten. Dass Bei­trä­ge im «Heu­te-Jour­nal» als «Nach­rich­ten» ver­kauft wer­den, aber nichts an­de­res sind als dreis­te Ei­gen­wer­bung für spä­ter lau­fen­de Do­kus und Fil­me. Dass die ei­ge­nen Web­sites mit «wei­te­ren In­for­ma­tio­nen» in je­der Sen­dung pe­ne­trant an­ge­prie­sen wer­den. Dass sich Trai­ler gna­den­los wie­der­ho­len, selbst wenn Nach­rich­ten des­we­gen ver­spä­tet be­gin­nen müs­sen.

Kei­ne Fra­ge, beim Durch­wa­ten des rie­si­gen, aber oft seich­ten öf­fent­lich­recht­li­chen Sees gibt es auch tie­fe­re Stel­len: «Kul­tur­zeit» oder «Welt­spie­gel» ge­hö­ren mit Ein­schrän­kung da­zu, her­vor­ra­gend ge­mach­te Dra­men und Do­ku­men­ta­tio­nen eben­so. Und lan­ge ver­söhn­ten ei­nen auch «Heu­te-Jour­nal» und «Ta­ges­the­men» mit dem vie­len Schrott. Doch selbst die­se Nach­rich­ten­klas­si­ker dro­hen zu ver­fla­chen, we­gen vi­su­el­ler In­fan­ti­li­sie­rung. Geht es im nächs­ten Bei­trag um die Ver­spä­tun­gen bei der Deut­schen Bahn, fährt hin­ten ein Zug durchs Bild. Geht es ums Bie­nenster­ben, sitzt hin­ten ei­ne Bie­ne auf ei­ner Blu­me. Beim The­ma Ren­ten­er­hö­hung er­schei­nen zwei Zah­len und ein Pfeil. Es er­in­nert an Po­wer­point-Prä­sen­ta­tio­nen, bei de­nen al­les Ge­sag­te in iden­ti­schen Wor­ten hin­ter dem Red­ner im Gross­for­mat ver­schrift­licht und ver­bild­licht wird – mit dem Ef­fekt, dass man we­der das Ge­spro­che­ne noch das Ge­zeig­te er­in­nert.

Re­gen­wald statt In­ter­view

Das «Heu­te-Jour­nal» wird aus ei­nem su­per­mo­der­nen Stu­dio über­tra­gen, der «grü­nen Höl­le», be­nannt nach ih­rer In­nen­ver­klei­dung. Ei­ne knapp 700 Qua­drat­me­ter gros­se Box mit al­ler­lei Tech­nik-Klim­bim. 30 Mil­lio­nen Eu­ro hat der Main­zer Sen­der 2009 dem Ge­büh­ren­zah­ler da­für ab­ver­langt. Solch ein Kos­ten­mons­ter soll sich recht­fer­ti­gen, al­so wer­den Fo­tos, Trick­bil­der und Film­chen von der ZDF-Gra­fik­ab­tei­lung her­aus­ge­kramt, zu­sam­men­ge­bas­telt und ein­ge­setzt, wo es nur geht. Genau dar­in liegt das Elend. Die «Heu­te-Jour­nal»Mo­de­ra­to­rin Ma­ri­et­ta Slom­ka ist ei­ne be­gna­de­te In­ter­viewe­rin. Statt sie so oft wie mög­lich Din­ge ma­chen zu las­sen, die sie mit Bra­vour be­herrscht, et­wa Po­li­ti­ker in die Zan­ge neh­men, muss sie sich zum Bei­spiel ei­ne hal­be Ewig­keit vor ei­ne vir­tu­el­le Re­gen­wand stel­len und oft Ge­sag­tes zum Re­gen­wald noch­mals sa­gen. Dann über Kli­ma­wan­del.

Viel­leicht un­ter­schät­zen öf­fent­lich­recht­li­che Pro­gramm­chefs in den zwei­stel­li­gen Eta­gen der Sen­de­tür­me ih­re Zu­schau­er. Wäh­rend sie wei­ter em­sig Schla­ger­ge­du­del, Kri­mis nach Strick­mus­ter und ver­ti­kal er­zähl­te Spiel­fil­me ge­neh­mi­gen, rät­seln sie über fal­len­den Quo­ten, über flüch­ten­des Pu­bli­kum und die ko­los­sa­le Po­pu­la­ri­tät von Strea­m­ing­diens­ten wie Net­flix, Ama­zon oder Youtube. Dort lau­fen Se­ri­en mit an­spruchs­vol­len Plots, Par­al­lel­ge­schich­ten und un­ter­schied­li­chen Zeit­ebe­nen.

Er­höht das Fo­to ei­nes Kor­setts (ei­ner Bie­ne, ei­nes Zugs, ei­nes Re­gens) die Ein­schalt­quo­te? Zu­schau­er, die nicht wis­sen, was ein Kor­sett ist, schau­en ver­mut­lich kei­ne «Ta­ges­the­men». Al­le an­de­ren füh­len sich ge­lang­weilt, ver­äp­pelt, ver­är­gert, un­ter­for­dert. Sie wäh­nen sich beim, halt, nicht beim «Kin­der­fern­se­hen», das wä­re ei­ne Be­lei­di­gung. «Die Sen­dung mit der Maus» (ARD/WDR) ist ein geist­rei­cher, krea­ti­ver, vi­su­ell an­spruchs­vol­ler Klas­si­ker. Bit­te, lie­be Öf­fent­lich­recht­li­che, er­hal­tet uns we­nigs­tens den. folgt ein Bei­trag

DPA / KEYSTO­NE

Die Mo­de­ra­to­ren Ma­ri­et­ta Slom­ka und Claus Kle­ber für ein­mal oh­ne Hin­ter­grund­bild im «Heu­te Jour­nal»-Stu­dio.

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