Kom­men­tar: Es dürf­te ei­ne Il­lu­si­on sein, zu glau­ben, dass die Aus­gangs­la­ge bes­ser wer­de.

Neue Zurcher Zeitung - - VORDERSEITE - TO­BI­AS GAFAFER

End­lich liegt ein Er­geb­nis auf dem Tisch. Über vier Jah­re ha­ben die EU und die Schweiz nun über das Rah­men­ab­kom­men ver­han­delt. Am Frei­tag hat der Bun­des­rat das Re­sul­tat zur Kennt­nis ge­nom­men. Auf ei­ne Pa­ra­phie­rung ver­zich­tet er und schickt den Ver­trags­ent­wurf statt­des­sen in ei­ne in­nen­po­li­ti­sche Kon­sul­ta­ti­on. Ei­ne ers­te in­halt­li­che Ein­schät­zung zeigt, dass die­ser weit­ge­hend den In­for­ma­tio­nen ent­spricht, die im Vor­feld durch­ge­si­ckert wa­ren. Bern konn­te in ei­ni­gen Be­rei­chen Er­fol­ge er­zie­len. Der Gel­tungs­be­reich des Ver­trags et­wa soll zu­nächst auf fünf be­ste­hen­de Markt­zu­gangs­ab­kom­men be­schränkt wer­den. Bis­he­ri­ge Aus­nah­men, et­wa beim Stras­sen­ver­kehr, sol­len ab­ge­si­chert wer­den. Zu­dem wür­de der se­lek­ti­ve Zu­gang zum Bin­nen­markt, der im­mer wie­der auf Kri­tik stiess, auf Jah­re hin­aus be­fes­tigt.

Vor al­lem aber sol­len Dif­fe­ren­zen zwi­schen den zwei Par­tei­en in ge­ord­ne­te Bah­nen ge­lenkt wer­den. Im Streit­fall soll ein re­la­tiv un­ab­hän­gi­ges Schieds­ge­richt ent­schei­den, Aus­gleichs­mass­nah­men müss­ten ver­hält­nis­mäs­sig sein. Das ist im In­ter­es­se der Schweiz. Als grös­se­rer Part­ner sitzt die EU am län­ge­ren He­bel und be­trieb zu­letzt un­ver­hoh­len Macht­po­li­tik, in­dem sie Bern bei der Bör­se und an­ders­wo droh­te. Al­ler­dings ist der Ver­hand­lungs­er­folg in die­sem Punkt zu re­la­ti­vie­ren. Beim Schieds­ge­richt han­delt sich eher um ein kom­mu­ni­ka­ti­ves als ein ma­te­ri­el­les Zu­ge­ständ­nis der EU. Die Zahl der Fäl­le, in de­nen die Rich­ter oh­ne Hil­fe des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) ent­schei­den, dürf­te be­schränkt sein. Das Grund­pro­blem bleibt, dass die­ser bei je­dem Mo­dell ei­ne Rol­le spielt, wenn es um die Aus­le­gung von EU-Recht geht. Oh­ne ei­ne Lö­sung der in­sti­tu­tio­nel­len Fra­gen aber wird es kei­ne Si­che­rung und Wei­ter­ent­wick­lung des bi­la­te­ra­len Wegs ge­ben.

Nicht ei­ni­gen konn­ten sich die Ver­hand­lungs­par­tei­en da­ge­gen bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men zur Per­so­nen­frei­zü­gig­keit und der Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie. Letz­te­re soll im Rah­men­ver­trag nicht er­wähnt wer­den, ob­wohl es um heik­le Fra­gen wie Aus­schaf­fun­gen geht. Mit der ge­plan­ten dy­na­mi­schen Rechts­über­nah­me wür­de der Druck der Kom­mis­si­on stei­gen, die um­strit­te­ne Re­ge­lung zu über­neh­men. Beim Lohn­schutz macht die EU der Schweiz da­für ein An­ge­bot, das es zu prü­fen gilt. Heu­te müs­sen sich aus­län­di­sche An­bie­ter acht Ta­ge vor Ar­beits­be­ginn an­mel­den. Brüs­sel will für ge­wis­se Bran­chen, et­wa das Bau­ge­wer­be, ei­ne ri­si­ko­ba­sier­te Frist von vier Ta­gen zu­ge­ste­hen. Dies ent­spricht dem Kern­ge­dan­ken der Flan­kie­ren­den – dem Schutz pre­kä­rer Bran­chen vor Lohn­dum­ping –, be­vor die Ge­werk­schaf­ten be­gan­nen, flä­chen­de­ckend Min­dest­löh­ne zu for­dern. Mit ei­ner cle­ve­ren Um­set­zung wä­re der Un­ter­schied zur gel­ten­den Pra­xis wohl nicht enorm. Die Mel­de­ver­fah­ren könn­ten be­schleu­nigt und un­ter­schied­li­che IT-Sys­te­me an­ge­gli­chen wer­den. Heik­ler dürf­te da­ge­gen das Prin­zip sein, dass die EU künf­tig mit­re­den will, ob die Kon­trol­len ver­hält­nis­mäs­sig sind. Da­mit droht ei­ne Auf­wei­chung des Schwei­zer Lohn­schut­zes.

Der Bun­des­rat steckt in der Zwick­müh­le. Zwar will er im Grund­satz ein Rah­men­ab­kom­men. Nimmt die Re­gie­rung aber das An­ge­bot der EU an, über­schrei­tet sie meh­re­re ro­te Li­ni­en, die sie im Ver­hand­lungs­man­dat fest­ge­legt hat. Bild­lich ge­spro­chen hat­te der Bun­des­rat bei Chef­un­ter­händ­ler Ro­ber­to Bal­za­ret­ti ge­wis­ser­mas­sen ei­ne Elek­tro­li­mou­si­ne be­stellt. Die­se soll­te für Schwei­zer Be­son­der­hei­ten mass­ge­schnei­dert sein, ro­te Le­der­sit­ze ha­ben und ma­xi­mal ei­nen ge­wis­sen Be­trag kos­ten. Weil die Schweiz ein wich­ti­ger Kun­de und Part­ner ist, er­hielt Bal­za­ret­ti vom Her­stel­ler kein Au­to ab Stan­ge an­ge­bo­ten. Al­ler­dings reich­te es le­dig­lich für ei­nen be­son­de­ren Kom­bi mit Hy­brid­an­trieb und schwar­zen Stoff­sit­zen – und das erst noch zu ei­nem hö­he­ren Preis als vor­ge­ge­ben. Der Bun­des­rat steht nun vor der Ent­schei­dung, ob er die Of­fer­te den­noch ak­zep­tie­ren soll, zu­mal der Her­stel­ler be­teu­ert, ein bes­se­res An­ge­bot wer­de es nicht ge­ben.

In die­ser schwie­ri­gen La­ge kann die Re­gie­rung fast nur ver­lie­ren. In der Schweiz ist der Ver­trags­ent­wurf kaum mehr­heits­fä­hig. Die Na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven leh­nen je­de Lö­sung mit der EU ab, wäh­rend die Ge­werk­schaf­ten we­gen der Flan­kie­ren­den Sturm lau­fen. Hin­zu kom­men wei­te­re An­griffs­flä­chen, die eher von un­ter­ge­ord­ne­ter Be­deu­tung er­schei­nen, aber in­nen­po­li­tisch to­xisch sind, weil sie die Mi­gra­ti­on und die So­zi­al­leis­tun­gen be­tref­fen. Er­teilt der Bun­des­rat der EU ei­ne Ab­sa­ge, ris­kiert er da­ge­gen ei­ne Es­ka­la­ti­on und den schlei­chen­den Nie­der­gang des bi­la­te­ra­len Wegs. Die­se Ver­ant­wor­tung will die Re­gie­rung bis an­hin nicht über­neh­men, auch wenn dies wohl ehr­li­cher wä­re. Statt­des­sen setzt sie auf das Prin­zip Hoff­nung – und ver­sucht Zeit zu ge­win­nen. Im bes­ten Fall holt Bern in Brüs­sel noch et­was her­aus.

Ge­wiss, in der Eu­ro­pa­po­li­tik hat der Bun­des­rat sei­ne Füh­rungs­auf­ga­be nicht wahr­ge­nom­men. In den letz­ten Mo­na­ten konn­te er sich nicht auf ei­ne ge­mein­sa­me Po­si­ti­on ver­stän­di­gen. In der Ver­ant­wor­tung ste­hen aber auch die Par­tei­en und Ver­bän­de. Von ein­zel­nen Aus­nah­men ab­ge­se­hen, will bis heu­te kaum je­mand wirk­lich ein Rah­men­ab­kom­men. Nun ist die Zeit ab­ge­lau­fen, sich hin­ter Plat­ti­tü­den zu ver­ste­cken. Der Ver­trags­ent­wurf liegt auf dem Tisch und ist ge­gen die Al­ter­na­ti­ven ab­zu­wä­gen. Auch das Fest­hal­ten am Sta­tus quo hat sei­nen Preis. Die sek­t­o­ri­el­le Teil­nah­me der Schweiz am Bin­nen­markt ist nicht gra­tis zu ha­ben. Es dürf­te ei­ne Il­lu­si­on sein, zu glau­ben, dass die Aus­gangs­la­ge in ei­ni­gen Jah­ren bes­ser wird, zu­mal sich die Par­al­le­len zum Br­ex­it noch ver­deut­li­chen.

Er­teilt der Bun­des­rat der EU ei­ne Ab­sa­ge, ris­kiert er ei­ne Es­ka­la­ti­on und den schlei­chen­den Nie­der­gang des bi­la­te­ra­len Wegs. Die­se Ver­ant­wor­tung will die Re­gie­rung bis an­hin nicht über­neh­men.

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