Frie­de, Freu­de, AKK?

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - MARC FE­LIX SERRAO

Wer ei­ne Wahl mit knap­per Not ge­winnt und trotz­dem fei­ern will, kon­zen­triert sich auf den Wahl­gang als sol­chen. Nach die­sem Mot­to ha­ben An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er und die De­le­gier­ten des Ham­bur­ger CDU-Par­tei­tags den Aus­gang des Ren­nens um die Par­tei­spit­ze be­ju­belt. Mit 517 von 999 Stim­men ist die frü­he­re Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin und Mi­nis­ter­prä­si­den­tin des Saar­lan­des am Frei­tag ge­wählt wor­den. Im zwei­ten Wahl­gang. Das ist, nüch­tern be­trach­tet, ein schwa­cher Start. Aber nüch­tern woll­te an die­sem Tag in den Mes­se­hal­len der Han­se­stadt nie­mand sein. Al­le Re­den, die nach der Wahl ge­hal­ten wur­den, ent­hiel­ten nur ei­ne Bot­schaft: Frie­de, Freu­de, Kramp-Kar­ren­bau­er. Ei­nen solch tol­len und fai­ren Um­gang mit­ein­an­der be­herr­sche nur die CDU, flö­te­te der ei­ne. Die Par­tei dür­fe stolz sein, er­gänz­te der Nächs­te. Die Sie­ge­rin selbst sag­te, die an­de­ren Par­tei­en könn­ten nei­disch sein. Fast war man ge­neigt, ihr zu­zu­stim­men.Wie die zier­li­che Sie­ge­rin da am En­de auf der Büh­ne stand, mit feuch­ten Au­gen und ein­ge­rahmt von ih­ren un­ter­le­ge­nen Kon­tra­hen­ten: Das war schon ei­ne schö­ne Show.

Der Rea­li­täts­test wird 2019 fol­gen. En­de Mai steht die Eu­ro­pa­wahl an, und im Herbst fol­gen die Land­tags­wah­len in Bran­den­burg, Sach­sen und Thü­rin­gen. Wenn die CDU nicht zu­legt, dann wird die Har­mo­nie rasch ver­ges­sen sein. Die Christ­lich­de­mo­kra­ten mö­gen im Mo­ment noch so et­was wie die letz­te deut­sche Volks­par­tei sein. Doch der Sta­tus hat Ris­se be­kom­men. Die Grü­nen sind stark wie nie, und auch die AfD macht vor­erst kei­ne An­stal­ten, den Weg der an­de­ren deut­schen Rechts­par­tei­en zu ge­hen. Zwi­schen den re­gu­lie­rungs­wü­ti­gen Um­welt­schüt­zern und den im­mer ra­di­ka­ler auf­tre­ten­den Rech­ten wird der Raum für die so­ge­nann­te Mit­te klei­ner. Ar­gu­men­te für ei­nen Miss­er­folg fin­den sich rasch. Die neue Che­fin ist kei­ne gu­te Red­ne­rin; sie war in Ham­burg ein biss­chen lau­ter als sonst, und sie sag­te sehr oft «Mut», aber sonst war es, wie im­mer, ein zä­her Auf­tritt. Wie Kramp-Kar­ren­bau­er der AfD auf ost­deut­schen Markt­plät­zen Wäh­ler ab­spens­tig ma­chen will, kann man sich noch nicht recht vor­stel­len.

Dann die po­li­ti­sche Vi­ta. Kramp-Kar­ren­bau­er mag über viel Re­gie­rungs­er­fah­rung ver­fü­gen – aber im Saar­land. Da le­ben we­ni­ger als ei­ne Mil­li­on Men­schen. Der Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­pos­ten, den die 56-Jäh­ri­ge bis vor kur­zem in­ne­hat­te, gleicht am ehes­ten dem ei­nes Ober­bür­ger­meis­ters ei­ner grös­se­ren Stadt. Die deut­sche Bun­des­po­li­tik ist ein an­de­res, rück­sichts­lo­ses Me­tier. Wie schnell man hier un­ter­ge­hen kann, hat der tem­po­rä­re SPD-Chef Martin Schulz vor­ge­macht. Die neue CDU-Che­fin hat bis­her da­von pro­fi­tiert, dass wenn, dann Mer­kel at­ta­ckiert wur­de. Die­se Schon­zeit ist nun vor­bei.

Kramp-Kar­ren­bau­er wird sich von Mer­kel lö­sen müs­sen. An­sät­ze gibt es. Kramp-Kar­ren­bau­ers Ton un­ter­schei­det sich vor al­lem in Fra­gen der in­ne­ren Si­cher­heit. Der Staat müs­se stark sein ge­gen kri­mi­nel­le Clans und ge­gen «au­to­no­me Chao­ten». Doch den Wor­ten wer­den Vor­schlä­ge fol­gen müs­sen.Auch Mer­kel hat vor ih­rer Wahl zur Kanz­le­rin für ei­ne deut­sche «Leit­kul­tur» ge­trom­melt. Spä­ter hat sie ver­ges­sen, was das ei­gent­lich ist.

Ein zwei­ter Un­ter­schied könn­te Kramp-Kar­ren­bau­ers Um­gang mit der Par­tei sein. Mer­kel wur­de in Ham­burg zwar rühr­se­lig ver­ab­schie­det. Aber der Kanz­le­rin war im­mer egal, was die Ba­sis dach­te. Wich­tig war, was die De­mo­sko­pen sag­ten. Da­nach rich­te­te sie die Po­li­tik aus, und meis­tens ging es nach links. Kramp-Kar­ren­bau­er will es an­ders ma­chen. Sie be­zeich­ne­te die CDU als «Denk­fa­brik». Ein ers­ter Denk­an­stoss könn­te ihr Wah­l­er­geb­nis sein. Fried­rich Merz wird wohl wie­der von der po­li­ti­schen Büh­ne ver­schwin­den.Aber die Tat­sa­che, dass fast je­der zwei­te De­le­gier­te ge­träumt hat, dass die­ser kan­ti­ge Wirt­schafts­li­be­ra­le an die Spit­ze rückt – und das trotz sei­nem holp­ri­gen Wahl­kampf –, zeugt von ei­ner ernst­zu­neh­men­den Sehn­sucht. Ein gros­ser Teil der Par­tei wünscht sich ei­ne Füh­rung, die in Wirt­schafts­fra­gen li­be­ral und in Si­cher­heits­fra­gen wehr­haft ist. Ei­ner, der die­se Sehn­sucht er­fül­len könn­te, ist Jens Spahn. Der Ge­sund­heits­mi­nis­ter mag in Ham­burg chan­cen­los ge­we­sen sein. Aber sei­ne Re­de war die bes­te. Und sei­ne Zeit könn­te frü­her kom­men, als Kramp-Kar­ren­bau­er lieb ist.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.