70 Jah­re nach der Un­ter­zeich­nung herrscht ei­ne tief­grei­fen­de Kri­se

Sieb­zig Jah­re nach der Un­ter­zeich­nung der All­ge­mei­nen Er­klä­rung der Men­schen­rech­te wird die Kluft zwi­schen Ide­al und Um­set­zung im­mer grös­ser. Das schmä­lert die Be­deu­tung des Do­ku­ments nicht – es bleibt weg­wei­send. Von Fa­bi­an Urech

Neue Zurcher Zeitung - - VORDERSEITE -

Als Elea­nor Roo­se­velt am 10. De­zem­ber 1948 zum Red­ner­pult schritt, war es be­reits drei Uhr mor­gens. Bis zu­letzt hat­ten die 58 Mit­glieds­staa­ten der UnoGe­ne­ral­ver­samm­lung über die Aus­ge­stal­tung der dreis­sig Ar­ti­kel der All­ge­mei­nen Er­klä­rung der Men­schen­rech­te ver­han­delt. Zeit­wei­se wa­ren die Ge­sprä­che im Pa­ri­ser Pa­lais de Chail­lot ins Sto­cken ge­ra­ten, bis zum Schluss war un­klar, ob ei­ne Mehr­heit zu­stan­de kom­men wür­de.

Doch es klapp­te. Als Roo­se­velt, die Vor­sit­zen­de der Uno-Men­schen­rechts­kom­mis­si­on, schliess­lich zu den mü­den Di­plo­ma­ten sprach, war die An­span­nung ge­wi­chen. «Wir ste­hen heu­te an der Schwel­le zu ei­nem gros­sen Er­eig­nis», sag­te sie. «Die­se Er­klä­rung kann die in­ter­na­tio­na­le Ma­gna Char­ta al­ler Men­schen wer­den.»

48 Staa­ten hat­ten dem Do­ku­ment zu­ge­stimmt, Ge­gen­stim­men gab es kei­ne. Sie schu­fen et­was, was es zu­vor noch nie ge­ge­ben hat­te: ei­ne von Re­gie­run­gen aus al­len Kon­ti­nen­ten ge­tra­ge­ne Er­klä­rung dar­über, wel­che Rech­te je­dem Men­schen zu­ste­hen, un­ab­hän­gig von Al­ter, Na­tio­na­li­tät, Ge­schlecht oder Her­kunft. «Al­le Men­schen sind frei und gleich an Wür­de und Rech­ten ge­bo­ren», lau­tet der ers­te Ar­ti­kel der Er­klä­rung.

Schö­ne Wor­te oh­ne Wir­kung?

Was aber ha­ben die schö­nen Wor­te und heh­ren Vor­sät­ze be­wirkt in der Rea­li­tät? Was ist heu­te, sieb­zig Jah­re nach den lang­wie­ri­gen Ver­hand­lun­gen, ge­blie­ben von den Grund­sät­zen, auf die sich die Welt in Pa­ris ei­nig­te? Die Glück­wün­sche zum Ju­bi­lä­um blei­ben ver­hal­ten. Statt­des­sen ist al­lent­hal­ben von ei­ner tief­grei­fen­den Kri­se der Men­schen­rech­te die Re­de. Mit Blick auf den Zu­stand der Welt muss man fest­hal­ten: zu Recht.

Die Kluft zwi­schen An­spruch und Wirk­lich­keit ist in den letz­ten Jah­ren grös­ser ge­wor­den. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Hu­man Rights Watch und Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal spra­chen jüngst wie­der­holt von er­heb­li­chen glo­ba­len Rück­schrit­ten. Bei­spie­le, die die­se Dia­gno­se un­ter­mau­ern, gibt es vie­le: an­hal­ten­de Greu­el in Sy­ri­en, hu­ma­ni­tä­re Ka­ta­stro­phen in Je­men, Kon­go-Kinsha­sa und in Bur­ma, da­zu das vie­ler­orts zu be­ob­ach­ten­de Wie­der­auf­le­ben von Kriegs­ver­bre­chen, Fol­ter, Dis­kri­mi­nie­rung und se­xu­el­ler Ge­walt. Schliess­lich die Re­kord­zahl von Flücht­lin­gen, die ein trau­ri­ger Spie­gel der Tat­sa­che sind, dass staat­lich or­ches­trier­te Ge­walt vie­ler­orts zum All­tag ge­hört.

Hin­zu kommt ei­ne Stär­kung au­to­ri­tä­rer Re­gime, die fun­da­men­ta­le Men­schen­rech­te ge­ring­schät­zen – und da­mit mit­un­ter Wah­len ge­win­nen. Laut Free­dom Hou­se be­fin­det sich die De­mo­kra­tie welt­weit in ei­ner ve­ri­ta­blen Ab­wärts­spi­ra­le, nach­dem sie durch den Zer­fall der So­wjet­uni­on und ih­rer Ein­fluss­sphä­re vor dreis­sig Jah­ren noch ei­nen kräf­ti­gen Auf­schwung er­lebt hat­te: In den letz­ten zwölf Jah­ren sind die po­li­ti­schen Rech­te und Frei­hei­ten in über hun­dert Staa­ten ein­ge­schränkt wor­den. Be­trof­fen sind Län­der al­ler Welt­re­gio­nen, auch Eu­ro­pa und die USA. Das 21. Jahr­hun­dert sei cha­rak­te­ri­siert durch ein «Wie­der­auf­le­ben au­to­ri­tä­rer Herr­schaft», hält die ame­ri­ka­ni­sche NGO fest.

Vor die­sem Hin­ter­grund macht in­zwi­schen selbst an Uni­ver­si­tä­ten die Fra­ge die Run­de, ob «das Zeit­al­ter der Men­schen­rech­te» zu En­de sei; man­che Ex­per­ten spre­chen von der «End­zeit der Men­schen­rech­te». «Der Trend in der glo­ba­len Po­li­tik hat sich weg­be­wegt von der Idee ei­ner ge­mein­sa­men Men­sch­lich­keit, hin zu ei­nem en­gen Stam­mes­den­ken», sagt et­wa die His­to­ri­ke­rin Bar­ba­ra Keys. Die ehe­ma­li­ge Uno-Chef­an­klä­ge­rin Car­la Del Pon­te sag­te jüngst gar: «Wir sind an ei­nem Tief­punkt an­ge­langt. Men­schen­rech­te gel­ten nichts mehr.»

1948 er­folg­te der Start­schuss

Es wä­re falsch, die­se Bi­lanz schön­zu­re­den. Die Men­schen­rechts­la­ge ist vie­ler­orts be­sorg­nis­er­re­gend, und die Ten­denz geht in die fal­sche Rich­tung. Ge­nau­so falsch wä­re es in­des, sich vom ver­brei­te­ten Fa­ta­lis­mus an­ste­cken zu las­sen und das Men­schen­rechts­pro­jekt, das vor sieb­zig Jah­ren an­ge­stos­sen wur­de, gänz­lich in­fra­ge zu stel­len.

Tritt man ei­nen Schritt zu­rück, sind be­acht­li­che Er­fol­ge zu er­ken­nen. Was 1948 in Pa­ris be­gann, hat Spu­ren hin­ter­las­sen – in den Ver­trags- und Ge­set­zes­bü­chern, aber auch in der Rea­li­tät.

Auf völ­ker­recht­li­cher Ebe­ne folg­ten auf die un­ver­bind­li­che Men­schen­rechts­er­klä­rung ei­ne gan­ze Rei­he von Kon­ven­tio­nen und Zu­satz­pro­to­kol­len, die heu­te ei­nen wich­ti­gen Kern des bin­den­den Völ­ker­rechts dar­stel­len. Da­zu ge­hö­ren et­wa die An­ti­ras­sis­mus­kon­ven­ti­on oder die An­ti­fol­ter­kon­ven­ti­on. Auf die 1950 ver­ab­schie­de­te Eu­ro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on hat­te die Er­klä­rung we­sent­li­chen Ein­fluss, ge­nau­so wie auf das afri­ka­ni­sche und das ame­ri­ka­ni­sche Men­schen­rechts­über­ein­kom­men.

Noch wich­ti­ger aber ist die Aus­wir­kung der Er­klä­rung auf zahl­rei­che na­tio­na­le Ge­setz­ge­bun­gen: Vie­le Staa­ten ha­ben Tei­le von ihr auf die na­tio­nal­staat­li­che Ebe­ne über­tra­gen, vie­ler­orts dien­te sie als Grund­la­ge für Ge­set­ze, die den Schutz und die För­de­rung der Men­schen­rech­te heu­te zwar nicht im­mer ga­ran­tie­ren, die Ver­stös­se aber er­kenn­bar und ein­klag­bar ma­chen.

Wich­tig war das Do­ku­ment schliess­lich für all je­ne, die ge­gen staat­li­che Un­ter­drü­ckung und Ver­stös­se ge­gen fun­da­men­ta­le Rech­te kämpf­ten – An­wäl­te und Po­li­ti­ker, Jour­na­lis­ten und Ak­ti­vis­ten, aber auch ein­fa­che Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Für Mil­lio­nen von Men­schen war die Er­klä­rung von 1948 ein wich­ti­ger mora­li­scher Kom­pass und ein Re­fe­renz­punkt bei der Beur­tei­lung staat­li­chen Han­delns. Sie zeig­te erst­mals auf, was die meis­ten Men­schen rich­tig oder falsch fin­den, un­ab­hän­gig von Her­kunft, Kul­tur, Re­li­gi­on. An die­sem Stan­dard müs­sen sich Re­gie­run­gen seit­her mes­sen las­sen – über­all auf der Welt. Das führt nicht im­mer zum Er­folg, doch es macht es mög­lich, Miss­er­fol­ge zu iden­ti­fi­zie­ren, zu be­nen­nen, an­zu­pran­gern.

Für vie­le Men­schen wa­ren die Wer­te und Prin­zi­pi­en, die die Er­klä­rung ver­kör­pert, zugleich In­spi­ra­ti­on und An­trieb: Sie wa­ren es für je­ne, die sich in ih­ren Hei­mat­län­dern für die Un­ab­hän­gig­keit von den Ko­lo­ni­al­mäch­ten stark­mach­ten. Für je­ne, die nach dem Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs ei­ne fried­li­che Tran­si­ti­on in Ost­eu­ro­pa vor­an­trie­ben. Und sie ist es heu­te für je­ne, die sich auf­leh­nen ge­gen au­to­ri­tä­re Ten­den­zen und die Aus­höh­lung des Rechts­staats – in den USA, in Po­len und Un­garn, aber auch in Tschad, Bra­si­li­en, Ni­ca­ra­gua oder In­di­en.

Spu­ren hin­ter­las­sen hat die Er­klä­rung nicht zu­letzt in der Wirt­schaft: Un­ter­neh­men wer­den heu­te zu­neh­mend auch dar­an ge­mes­sen, ob sie die Men­schen­rech­te ein­hal­ten. Zwar blei­ben die recht­li­chen Sank­ti­ons­mög­lich­kei­ten ein­ge­schränkt. Weil die Kon­su­men­ten kri­ti­scher und an­spruchs­vol­ler ge­wor­den sind, ge­hen Ver­stös­se den­noch oft mit Kos­ten ein­her. Das al­lein hat die Ar­beits­be­din­gun­gen vie­ler Mil­lio­nen Men­schen ver­bes­sert.

Leh­re aus der Welt­ge­schich­te

Es gibt be­rech­tig­te Kri­tik an der Men­schen­rechts­er­klä­rung: Das Do­ku­ment war ein Kom­pro­miss, es hat zahl­rei­che Un­schär­fen und wi­der­spie­gelt die da­ma­li­ge Wel­t­ord­nung, die mit der heu­ti­gen nur noch we­nig ge­mein hat. Ge­nau­so gibt es be­rech­tig­te Kri­tik an der Um­set­zung und der Wei­ter­ent­wick­lung der da­mals ge­fass­ten Grund­sät­ze: Die Uno ist heu­te weit da­von ent­fernt, die Ach­tung der Men­schen­rech­te si­cher­zu­stel­len. Viel­mehr hat die Wel­t­or­ga­ni­sa­ti­on durch die stän­di­ge Er­wei­te­rung des men­schen­recht­li­chen Ka­ta­logs zu ei­ner Über­stra­pa­zie­rung des Be­griffs bei­ge­tra­gen. Je wei­ter und be­lie­bi­ger die Rech­te in­ter­pre­tiert wer­den kön­nen, des­to schwie­ri­ger wird es, sie auf ih­ren Kern­ge­halt zu­rück­zu­füh­ren. Das birgt die Ge­fahr, dass der Be­griff im Po­li­ti­ker­sprech zur lee­ren Flos­kel ver­kommt.

Als uni­ver­sel­le Ma­gna Char­ta taugt die Er­klä­rung des­halb nur mit Ab­stri­chen. An der Be­deu­tung des Do­ku­ments än­dert dies in­des nichts – ge­nau­so we­nig wie am Wert der dar­in ent­hal­te­nen Grund­sät­ze. «Al­le Men­schen sind frei und gleich an Wür­de und Rech­ten ge­bo­ren»: Das gilt heu­te ge­nau­so wie vor sieb­zig Jah­ren.

Und viel­leicht ist es heu­te, wo die Men­schen­rech­te vie­ler­orts – auch im Wes­ten – of­fen in­fra­ge ge­stellt wer­den und al­lent­hal­ben von ei­ner Rück­kehr des Rechts des Stär­ke­ren die Re­de ist, be­son­ders wich­tig, sich dies be­wusst zu ma­chen. Denn die Men­schen­rech­te sind kein abs­trak­ter Ka­ta­log ide­el­ler Wün­sche, der im El­fen­bein­turm ent­stand. Sie sind die kon­kre­te Leh­re aus ei­ner Epo­che, in der eben­die­se Rech­te gänz­lich miss­ach­tet wur­den: Es wa­ren die Ver­hee­run­gen des Zwei­ten Welt­kriegs, die zur Ein­sicht führ­ten, dass die Wür­de des Men­schen ei­nes be­son­de­ren Schut­zes be­darf und die Ach­tung der Men­schen­rech­te ei­ne Vor­aus­set­zung ist für ei­nen bes­se­ren Zu­stand der Welt. Mehr als je­des an­de­re in­ter­na­tio­na­le Über­ein­kom­men spie­gelt die Men­schen­rechts­er­klä­rung des­halb die Quint­es­senz des­sen, was wir aus un­se­rer Ge­schich­te ler­nen soll­ten.

«Die­se Er­klä­rung kann die in­ter­na­tio­na­le Ma­gna Char­ta al­ler Men­schen wer­den.» Elea­nor Roo­se­velt

Vor­sit­zen­de der Uno-Men­schen­rechts­kom­mis­si­on

UNI­TED ARCHIVES

Elea­nor Roo­se­velt mit ei­ner spa­ni­schen Ver­si­on der Men­schen­rechts­er­klä­rung, ver­mut­lich 1949. Sie sass der Uno-Men­schen­rechts­kom­mis­si­on vor.

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