Wie si­cher müs­sen AKW bei Erd­be­ben sein?

Der Bun­des­rat prä­zi­siert, wel­che Grenz­wer­te für die ra­dio­ak­ti­ve Be­las­tung gel­ten – Atom­geg­ner dro­hen mit ei­ner Volks­in­itia­ti­ve

Neue Zurcher Zeitung - - SCHWEIZ - HEL­MUT STALDER

Mit­ten in ei­nem wüs­ten Rechts­streit um die Aus­le­gung der Be­stim­mun­gen zum Strah­len­schutz und die Ab­schalt­kri­te­ri­en für Kern­kraft­wer­ke hat der Bun­des­rat nun Klar­heit ge­schaf­fen. Er setz­te die um­strit­te­ne re­vi­dier­te Kern­ener­gie­ver­ord­nung auf den 1. Ja­nu­ar 2019 in Kraft. Sie prä­zi­siert die Grenz­wer­te, die für die Erd­be­ben­si­cher­heit der An­la­gen gel­ten: Bei ei­nem star­ken Erd­be­ben und an­de­ren na­tur­be­ding­ten Stör­fäl­len mit ei­ner Wahr­schein­lich­keit von ein­mal in 10 000 Jah­ren muss das Kraft­werk so ge­si­chert sein, dass ei­ne Per­son in un­mit­tel­ba­rer Nä­he ma­xi­mal ei­ne Do­sis von 100 Mil­li­sie­vert (mSv) ab­be­kommt.

Ge­lingt die­ser rech­ne­ri­sche Nach­weis auf­grund der Aus­le­gung der An­la­ge nicht, muss das Werk so­fort ab­ge­stellt wer­den. Bei we­ni­ger sel­te­nen Er­eig­nis­sen, die ge­mäss den Wahr­schein­lich­keits­rech­nun­gen al­le 1000 Jah­re auf­tre­ten kön­nen, be­trägt der ma­xi­ma­le Do­sis­wert 1 mSv. Zum Ver­gleich: Die mitt­le­re jähr­li­che Do­sis, wel­che in der Schweiz le­ben­de Men­schen auf­neh­men, be­trägt rund 5 mSv, ei­ne Com­pu­ter­to­mo­gra­fie des Kop­fes be­deu­te­te ei­ne Do­sis von 1,5 mSv, ei­ne des Rump­fes 6,2 mSv.

Ei­ne Än­de­rung zur Un­zeit

Der Bun­des­rat be­tont, die Än­de­rung in der Kern­ener­gie­ver­ord­nung be­deu­te kei­ne Auf­wei­chung der bis­he­ri­gen Grenz­wer­te. Bis­her sei die Re­gel da­für, wel­che Grenz­wer­te für wel­che Er­eig­nis­se gel­ten soll­ten, teil­wei­se un­prä­zi­se for­mu­liert ge­we­sen. Nun sei sie in ih­rem Wort­laut un­miss­ver­ständ­lich in der Ver­ord­nung fest­ge­legt, ent­spre­che dem bei der ur­sprüng­li­chen Rechts­set­zung vom Bun­des­rat be­ab­sich­tig­ten Sinn und eben­so der seit Jah­ren von der Atom­auf­sichts­be­hör­de En­si an­ge­wen­de­ten Pra­xis so­wie den in­ter­na­tio­na­len Vor­ga­ben. «Ma­te­ri­ell gibt es be­züg­lich Stör­fal­l­ana­ly­sen kei­ne Än­de­run­gen zur heu­ti­gen Pra­xis», schreibt der Bun­des­rat.

Dies ist je­doch genau der sprin­gen­de Punkt. Wie die bis­he­ri­gen For­mu­lie­run­gen an­zu­wen­den sind, ist Ge­gen­stand ei­nes Rechts­streits, den Atom­geg­ner und An­woh­ner an­ge­strengt ha­ben. So kommt die Prä­zi­sie­rung zur Un­zeit und er­weckt den An­schein, als wür­de der Bun­des­rat die Spiel­re­geln wäh­rend des Spiels än­dern. Atom­geg­ner und An­woh­ner stel­len sich auf den Stand­punkt, der bis­her vom Eid­ge­nös­si­schen Nu­klear­si­cher­heits­in­spek­to­rat (En­si) an­ge­wand­te Grenz­wert sei viel zu hoch. Auf­grund der bis­her gel­ten­den Ver­ord­nun­gen hät­ten im­mer schon 1 und nicht 100 Mil­li­sie­vert für Er­eig­nis­se mit ei­ner Wahr­schein­lich­keit von ein­mal in 10 000 Jah­ren gel­ten müs­sen. Die An­la­ge Bez­nau, bei wel­cher das En­si ei­nen Do­sis­wert von 78 mSv er­rech­net hat­te, lau­fe folg­lich il­le­gal und müs­se un­ver­züg­lich vom Netz.

Ein Ge­such um «Fest­stel­lung ei­ner Rechts­ver­let­zung», das die Atom­geg­ner 2015 ein­reich­ten, wies das En­si zu­rück, ei­ne Be­schwer­de der Ver­bän­de ge­gen die­sen Ent­scheid liegt beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt.

Geg­ner nen­nen Be­trieb il­le­gal

Die Be­schwer­de­füh­rer, der Ver­ein «Bez­nau Ver­fah­ren», die Schwei­ze­ri­sche Ener­gie­stif­tung (SES), der Tri­na­tio­na­le Atom­schutz­ver­band (Tras) und Gre­en­peace, se­hen die Ver­ord­nungs­än­de­rung als Schach­zug des Bun­des­ra­tes, mit ei­ner ei­gent­li­chen «Lex Bez­nau» die Aus­ser­be­trieb­nah­me ab­zu­wen­den. «An­statt den Wei­ter­be­trieb der über­al­ter­ten Schwei­zer Atom­kraft­wer­ke an die Ein­hal­tung der Si­cher­heits­be­stim­mun­gen zu knüp­fen, wer­den die­se nun ein­fach ab­ge­schwächt», kri­ti­sier­te Gre­en­peace.

Auf den jüngs­ten Ent­scheid re­agier­ten die Ver­bän­de mit ge­har­nisch­tem Pro­test. Mit sei­nem Vor­ge­hen tor­pe­die­re der Bun­des­rat den Strah­len­schutz und miss­ach­te den Rechts­staat, weil er den Ge­richts­ent­scheid nicht ab­ge­war­tet ha­be. Zu­dem igno­rie­re er, dass in der Ver­nehm­las­sung zahl­rei­che Kan­to­ne, Städ­te, Ge­mein­den, Strah­len­schutz-Ver­ant­wort­li­che und Um­welt­or­ga­ni­sa­tio­nen die An­pas­sung als Her­ab­set­zung des Schutz­ni­veaus sä­hen. Zu die­sem Punkt räum­te der Bun­des­rat ein, es sei of­fen­bar nicht ge­nü­gend ge­lun­gen, die kom­ple­xe Ma­te­rie ver­ständ­lich zu ver­mit­teln. Die von ver­schie­de­nen Sei­ten ge­äus­ser­te Ab­leh­nung be­ru­he je­doch auf dem un­zu­tref­fen­den Ver­ständ­nis, dass mit der vor­lie­gen­den Re­vi­si­on die Si­cher­heits­vor­ga­ben ge­senkt wer­den sol­len, was aber nicht der Fall sei.

Die Atom­geg­ner und An­woh­ner wol­len ih­ren Ein­satz ge­gen den ih­rer An­sicht nach «il­le­ga­len Wei­ter­be­trieb des AKW Bez­nau» nicht auf­ge­ben. Sie wür­den «ih­re ju­ris­ti­schen Mit­tel im hän­gi­gen Ver­fah­ren aus­schöp­fen, um das En­si zu ei­ner kor­rek­ten An­wen­dung des Rechts zu ver­pflich­ten», teil­ten die Be­schwer­de­füh­rer mit. Die Grü­nen ih­rer­seits spra­chen von ei­nem Skan­dal. Der Bun­des­rat be­trei­be ei­nen Kahl­schlag bei den Si­cher­heits­vor­schrif­ten und miss­ach­te die Ge­wal­ten­tei­lung. Ne­ben dem hän­gi­gen Rechts­streit um die Aus­le­gung hat­te näm­lich die stän­de­rät­li­che Ener­gie­kom­mis­si­on Mit­te No­vem­ber ein Pos­tu­lat be­schlos­sen, das ei­nen Prüf­be­richt durch un­ab­hän­gi­ge, nicht dem En­si an­ge­hö­ren­de Fach­ex­per­ten zu den Kon­se­quen­zen der Än­de­run­gen ver­langt. Die Grü­nen und die An­ti-AKW-Or­ga­ni­sa­tio­nen prü­fen nun, ob sie ei­ne Initia­ti­ve zur so­for­ti­gen Ab­schal­tung von Bez­nau lan­cie­ren.

Be­trei­ber se­hen sich be­stä­tigt

Die Kraft­werks­be­trei­ber hin­ge­gen be­grüss­ten den Ent­scheid des Bun­des­ra­tes. Die lang­jäh­ri­ge Auf­sichts­pra­xis und der Wil­le des Ge­setz­ge­bers wür­den nun ein­deu­tig und un­miss­ver­ständ­lich ab­ge­bil­det, teil­te der Bran­chen­ver­band Swiss­nu­cle­ar mit. In der Schweiz gäl­ten da­mit wei­ter­hin im Ver­gleich zur gan­zen Welt äus­serst stren­ge Vor­schrif­ten be­züg­lich der er­laub­ten Do­sis­grenz­wer­te bei ei­nem Stör­fall. Die Ax­po hielt fest, der Bun­des­rat ha­be von sei­ner Kom­pe­tenz Ge­brauch ge­macht und die heu­ti­ge Re­ge­lung auf Ver­ord­nungs­stu­fe fest­ge­schrie­ben. Die be­stä­tig­te Li­mi­te ent­spre­che in­ter­na­tio­na­len Vor­ga­ben, der lang­jäh­ri­gen Auf­sichts­pra­xis so­wie dem Wil­len des Ge­setz­ge­bers. «Von ei­ner Ver­min­de­rung des Be­völ­ke­rungs­schut­zes kann kei­ne Re­de sein.»

CHRIS­TI­AN BEUTLER / NZZ

Die Fest­le­gung der Grenz­wer­te hat ei­nen Ein­fluss auf den Wei­ter­be­trieb des Kern­kraft­werks Bez­nau.

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