«Die pa­tri­ar­cha­le Ge­sell­schaft»

Neue Zurcher Zeitung - - ZÜRICH UND REGION - Aha. er­reicht In­ter­view: Ant­je Stahl, Fa­bi­an Baum­gart­ner

in ei­nem Stu­di­um. Ich wür­de dar­in kei­nen di­rek­ten Zu­sam­men­hang se­hen. Die Ar­chi­tek­tur­leh­re ba­siert zum gros­sen Teil auf der Prä­senz ei­ner Lehr­per­sön­lich­keit, die auf­grund ih­rer Er­fah­rung auch ei­ne Au­to­ri­tät dar­stellt. Aber na­tür­lich be­steht hier die Ge­fahr des Miss­brauchs oder der Selbst­herr­lich­keit. Aus mei­ner Sicht hat Selbst­herr­lich­keit in der Leh­re so­wie­so nichts zu su­chen. Wir müs­sen die Au­to­ri­tät der Leh­ren­den im­mer wie­der kri­tisch hin­ter­fra­gen und die Stu­die­ren­den be­fä­hi­gen, das­sel­be zu tun.

Trotz­dem bleibt die Fra­ge, ob Stu­die­ren­de Leh­ren­de «kri­tisch hin­ter­fra­gen» kön­nen, wenn die Kar­rie­re ab­hän­gig ist vom Good­will ei­nes Pro­fes­sors.

Wir ha­ben in den letz­ten Jah­ren ei­ne star­ke In­ter­na­tio­na­li­sie­rung in un­se­rem De­par­te­ment er­lebt. Wir hö­ren jetzt Rus­sisch, Spa­nisch oder Ja­pa­nisch in den Gän­gen. Die Stu­die­ren­den ver­brin­gen ih­re Zeit in Bü­ros in Brüs­sel oder Lon­don. Die Ge­fahr ei­ner Ab­hän­gig­keit im lo­ka­len Ar­beits­markt ist des­halb sehr stark ge­sun­ken.

Ein Kri­te­ri­um für die Be­ru­fung ei­nes Pro­fes­sors an der ETH ist der dif­fu­se Be­griff Ex­zel­lenz. Was soll das sein, und be­för­dern Sie da­mit nicht ei­nen frag­wür­dig ge­wor­de­nen Ge­nie­kult?

Ich bin nicht für die Be­ru­fun­gen ver­ant­wort­lich. Aber ich ge­be Ih­nen recht da­mit, dass Ex­zel­lenz nicht im­mer leicht mess­bar ist. In der Ar­chi­tek­tur le­gen wir Wert auf die Si­gni­fi­kanz des OEu­vres, die Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren sol­len ei­ne in­ter­na­tio­na­le Aus­strah­lung ha­ben. Das ist ei­ne Grat­wan­de­rung, denn ein Stück weit pflegt man da­mit ei­nen al­ten Ge­nie­kult. Der ist – ähn­lich wie die «star ar­chi­tec­tu­re» – aus mei­ner Sicht in­zwi­schen aber pas­sé. Das mer­ken wir dar­an, wie heu­te Ar­chi­tek­tur­stu­di­os ge­führt wer­den. Es wird ver­stärkt im Kol­lek­tiv ge­ar­bei­tet, das mer­ken wir auch an un­se­ren Stu­die­ren­den.

Kön­nen denn mehr Frau­en die Lö­sung des Pro­blems sein? Sie wol­len ja die Zahl der Pro­fes­so­rin­nen er­hö­hen. Nein, das sind sie nicht. Di­ver­si­tät geht na­tür­lich über Ge­schlech­ter­di­ver­si­tät hin­aus, aber das pri­mä­re Ziel ist ei­ne Ba­lan­ce der Ge­schlech­ter, denn Rol­len­vor­bil­der für männ­li­che und weib­li­che Stu­die­ren­de ha­ben ei­ne zen­tra­le Funk­ti­on auch für den Er­folg un­se­rer Ab­sol­ven­ten und Ab­sol­ven­tin­nen. Ei­ne Quo­te gibt es bei Be­ru­fun­gen an der ETH al­ler­dings nicht.

War­um nicht?

Weil es das Haupt­kri­te­ri­um des wis­sen­schaft­li­chen oder schöp­fe­ri­schen Rangs in­fra­ge stel­len wür­de. In­ner­halb des De­par­te­ments ha­ben wir uns, um die­se Fi­xie­rung zu um­ge­hen, die Re­gel «50% + 50% = 100% for ex­cel­lence» ge­ge­ben. Der Be­griff der Quo­te ist stark ideo­lo­gisch be­setzt, für man­che ist es ein Reiz­wort, das die Dis­kus­si­on er­stickt. Die Re­gel «50% + 50% = 100% for ex­cel­lence» klingt we­ni­ger starr und wird leich­ter ak­zep­tiert. Die Re­gel heisst, dass wir in Be­ru­fungs­kom­mis­sio­nen, Schluss­kri­ti­ken und Vor­trags­rei­hen Pa­ri­tät an­stre­ben.

Wann wol­len ha­ben?

Die Hoch­schu­le ist ei­ne lang­sa­me In­sti­tu­ti­on. Ein Be­ru­fungs­ver­fah­ren dau­ert zwei Jah­re, und vie­le Pro­fes­so­ren blei­ben dann für Jah­re. Die Ve­rän­de­rung fin­det des­halb nur lang­sam statt. Wir ha­ben jetzt ei­ne Be­ru­fungs­wel­le ab­ge­schlos­sen, zwei wei­te­re ste­hen in den kom­men­den zehn Jah­ren an. Bis da­hin wol­len wir das Gleich­ge­wicht er­reicht ha­ben.

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Es braucht al­so ei­nen sol­chen Skan­dal­fall, da­mit et­was pas­siert?

Es braucht kei­nen Fall, es braucht ei­ne ge­sell­schaft­li­che Ve­rän­de­rung. Fe­mi­nis­mus ist nicht ge­ra­de ei­ne Kern­kom­pe­tenz in der Schweiz. Die Schweiz ist ei­ne pa­tri­ar­cha­le Ge­sell­schaft mit au­to­ri­tä­ren Struk­tu­ren. Und die Hoch­schu­len sind Teil da­von.Aber sie ha­ben auch die Auf­ga­be, sich sel­ber und die Ge­sell­schaft kri­tisch zu re­flek­tie­ren und Ver­än­de­run­gen zu be­wir­ken. Für un­ser De­par­te­ment geht es schliess­lich um die Fra­ge, was Ar­chi­tek­tur in der Ge­sell­schaft heu­te und in Zu­kunft sein soll und wie sie das Zu­sam­men­le­ben ver­bes­sern kann. Die jüngs­te Dis­kus­si­on ist auch ei­ne Chan­ce für ei­ne Trans­for­ma­ti­on.

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