«Durch­schnitt­lich lügt je­der 25 Mal am Tag»

Die Rechts­psy­cho­lo­gin Re­vi­tal Lu­de­wig sagt, Lü­gen ge­hör­ten zur So­zi­al­kom­pe­tenz

Neue Zurcher Zeitung - - PANORAMA - Sind Lü­gen­ex­per­tin. In­ter­view: Rebekka Haefeli

Frau Lu­de­wig, Sie

Lü­gen wir al­le?

Ja. Häu­fig sa­gen wir die Wahr­heit, aber durch­schnitt­lich lügt je­der 25 Mal am Tag. In be­stimm­ten Si­tua­tio­nen las­sen wir In­for­ma­tio­nen weg oder ge­ben sie nicht kor­rekt wie­der. Es gibt Stu­di­en, die da­von aus­ge­hen, dass je­der Mensch bis zu 200 Mal am Tag lügt. Das scheint mir über­trie­ben. Die Zahl hängt da­von ab, wie oft und in wel­cher Si­tua­ti­on wir kom­mu­ni­zie­ren.

War­um lü­gen wir?

Kin­dern wer­den un­ter­schied­li­che Wer­te ver­mit­telt: Die El­tern sa­gen ih­nen, sie soll­ten ehr­lich sein und nicht lü­gen. Gleich­zei­tig ler­nen Kin­der, dass Lü­gen to­le­riert wer­den, et­wa wenn sie von den Gros­s­el­tern ein Ge­schenk be­kom­men, das ih­nen nicht ge­fällt. Die Kin­der und die El­tern wol­len nicht, dass die Gros­s­el­tern trau­rig wer­den. Das ist ein Kon­flikt zwi­schen Ehr­lich­keit und Höf­lich­keit, und wir ent­schei­den uns oft für Letz­te­res. Im All­tag wird auch ge­lo­gen, um die ei­ge­ne Pri­vat­sphä­re zu schüt­zen. Wer auf die Fra­ge, wie es ihm geht, aus­wei­chend ant­wor­tet, weil es ihm ge­ra­de nicht gut­geht, hat ei­gent­lich schon ge­lo­gen.

Es gibt al­so gu­te und schlech­te Lü­gen? Wenn man nicht die Wahr­heit sagt, um an­de­re zu schüt­zen, ist das ei­ne pro­so­zia­le, ei­ne gut­ge­mein­te Lü­ge. In­so­fern ist die Fä­hig­keit zu lü­gen ei­ne So­zi­al­kom­pe­tenz; sie schützt uns da­vor, an­de­re un­nö­tig zu ver­let­zen. Schlecht­ge­mein­te Lü­gen sind sol­che, mit de­nen man sei­nem Ge­gen­über oder ei­ner Dritt­per­son scha­den will. Das kann ei­ne be­wuss­te Täu­schung sein oder das ab­sicht­li­che Ver­schwei­gen wich­ti­ger In­for­ma­tio­nen. Ob ei­ne Lü­ge gut oder schlecht ist, hängt von der Mo­ti­va­ti­on ab.

Un­ser Zu­sam­men­le­ben wür­de oh­ne Lü­gen al­so nicht funk­tio­nie­ren? Über­le­gen Sie ein­mal, wie vie­le Leu­te Sie je­den Tag ver­let­zen wür­den, wenn Sie stets ehr­lich wä­ren und nur die Wahr­heit sag­ten! Sie wür­den vie­le Per­so­nen be­lei­di­gen, und Ihr All­tag wä­re sehr kon­flikt­reich. Wich­tig ist, dass wir be­wusst ab­wä­gen, wie viel wir preis­ge­ben oder ver­schwei­gen und wel­chen Wer­ten wir treu blei­ben wol­len. Das gilt be­son­ders in Si­tua­tio­nen, in de­nen ei­ne Lü­ge schwer­wie­gen­de Kon­se­quen­zen ha­ben kann.

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