Bun­des­rat macht das Ge­gen­teil von Trump

Die Schwei­zer In­dus­trie­z­öl­le soll es künf­tig nicht mehr ge­ben

Neue Zurcher Zeitung - - WIRTSCHAFT - HANSUELI SCHÖCHLI Von Klei­dern bis Sham­poos

Der Bun­des­rat will aus­ser­halb des Agrar­sek­tors al­le Im­port­zöl­le ab­schaf­fen. Für den Bund er­gibt dies kurz­fris­tig Min­der­ein­nah­men von 500 Mil­lio­nen Fran­ken pro Jahr. Die Re­gie­rung er­war­tet ei­ne wirt­schaft­li­che Be­le­bung. Ge­wis­se Men­schen ha­ben ein ein­fa­ches Welt­bild, wenn es um den in­ter­na­tio­na­len Han­del geht: Im­por­te sind schlecht, Ex­por­te sind gut, und ein Han­dels­de­fi­zit ge­gen­über ei­nem wich­ti­gen Part­ner­land ist des Teu­fels. Zu den Men­schen mit die­sem Welt­bild ge­hö­ren zwar nur we­ni­ge Öko­no­men, aber da­für US-Prä­si­dent Do­nald Trump. Des­sen Re­gie­rung neigt des­halb zu ei­ner Er­hö­hung der Im­port­bar­rie­ren und hat mit ih­ren «Straf­zöl­len» auch be­reits ei­nen Han­dels­kon­flikt mit Chi­na an­ge­zet­telt und den Rest der Welt ge­nervt. Die Schwei­zer Re­gie­rung macht nun das Ge­gen­teil. Der Bun­des­rat hat am Frei­tag ei­ne Vor­la­ge in die Ver­nehm­las­sung ge­schickt, wel­che die Ab­schaf­fung der meis­ten Schwei­zer Im­port­zöl­le vor­sieht – und dies ein­sei­tig, das heisst oh­ne die Be­din­gung, dass Part­ner­län­der ih­re Im­port­zöl­le für Schwei­zer Pro­duk­te eben­falls ab­schaf­fen. Of­fi­zi­ell geht es um die Ab­schaf­fung der «In­dus­trie­z­öl­le» vor­aus­sicht­lich auf An­fang 2022. Doch die­ser tech­ni­sche Be­griff um­fasst nicht nur in­dus­tri­el­le Gü­ter, son­dern al­le Wa­ren aus­ser Agrar­pro­duk­ten. Be­trof­fen von der Ab­schaf­fung sind al­so ne­ben Ma­schi­nen, Me­tal­len und Halb­fa­bri­ka­ten auch Kon­sum­gü­ter wie et­wa Klei­der, Fahr­zeu­ge, Spiel­zeu­ge, Uh­ren, Sham­poos und an­de­res mehr. In den letz­ten bei­den Jah­ren hat der Bund mit Im­port­zöl­len je rund 1,2 Mrd. Fr. ein­ge­nom­men, wo­von je et­wa 500 Mio Fr. auf In­dus­trie­z­öl­le ent­fie­len und der Rest auf Agrar­zöl­le.

Die Schwei­zer Im­port­zöl­le sind aus­ser­halb des Agrar­sek­tors re­la­tiv be­schei­den. Laut Bund be­tra­gen sie im Durch­schnitt 1,8% der Im­port­wer­te; bei ei­ni­gen Pro­duk­ten sind die Zöl­le we­sent­lich hö­her, zum Bei­spiel 5,6% für Tex­ti­li­en. Im Jahr 2016 ent­fiel über die Hälf­te der Schwei­zer In­dus­trie­zol­l­er­trä­ge auf Tex­ti­li­en, Klei­der und Schu­he. Da­hin­ter folg­ten Fahr­zeu­ge, Ma­schi­nen/Ap­pa­ra­te und Me­tal­le.

Der Bun­des­rat will nun al­so frei­wil­lig auf jähr­lich ei­ne hal­be Mil­li­ar­de Fran­ken Zoll­ein­nah­men ver­zich­ten und da­mit die Im­por­te er­leich­tern. Im Fi­nanz­plan 2020 bis 2022 des Bun­des ist die­se Min­der­ein­nah­me noch nicht be­rück­sich­tigt. Doch der Bun­des­rat be­zeich­net sei­ne Vor­la­ge als fi­nan­zi­ell «ver­kraft­bar», da der Fi­nanz­plan für 2022 ei­nen struk­tu­rel­len Über­schuss (und da­mit fi­nanz­po­li­ti­schen Spiel­raum) von knapp ei­ner Mil­li­ar­de Fran­ken vor­se­he.

Nach Lehr­buch der Öko­no­men

Doch was soll die­ser Zoll­ab­bau aus­ser Ein­nah­men­ein­bus­sen brin­gen? Der Bun­des­rat sagt, was Öko­no­men ty­pi­scher­wei­se eben­falls sa­gen. So­gar ein ein­sei­ti­ger Zoll­ab­bau kann vor­teil­haft sein, weil da­mit die Prei­se im In­land sin­ken, die Nach­fra­ge zu­nimmt, die Ex­por­te dank güns­ti­ge­rer Vor­leis­tun­gen wach­sen, der Wett­be­werb ge­stärkt wird, die ad­mi­nis­tra­ti­ve Be­las­tung für die Fir­men sinkt und in der Sum­me die zu er­war­ten­de wirt­schaft­li­che Be­le­bung aus na­tio­na­ler Sicht den Weg­fall der Zol­l­er­trä­ge deut­lich über­kom­pen­siert.

Ei­ne vom Bund be­stell­te Stu­die des Be­ra­tungs­bü­ros Eco­plan rech­net mit ei­ner volks­wirt­schaft­li­chen Be­le­bung von 800 bis 900 Mio. Fr. pro Jahr, was et­was über 0,1% der Schwei­zer Wirt­schafts­leis­tung aus­macht. Das wä­re nicht die Welt, aber bes­ser als nichts. Da die In­dus­trie­z­öl­le pro­zen­tu­ell schon jetzt ziem­lich tief sind, ist durch die Ab­schaf­fung auch kein star­ker Schub für die Wirt­schaft zu er­war­ten. Geht aber ein Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung, ist er nicht ab­zu­leh­nen, nur weil es ein klei­ner Schritt ist.

Als Fol­ge den wirt­schaft­li­chen Be­le­bung könn­te der Staat laut den Mo­dell­rech­nun­gen et­wa 30% der Zoll­ein­bus­sen durch er­höh­te Steu­er­ein­nah­men kom­pen­sie­ren. Der Rest des Nut­zens wür­de bei den in­län­di­schen Kon­su­men­ten und Un­ter­neh­men an­fal­len. Die Zah­len sol­cher Mo­dell­rech­nun­gen sind an­ge­sichts der kom­ple­xen Zu­sam­men­hän­ge in ei­ner Volks­wirt­schaft nicht auf die Gold­waa­ge zu le­gen, son­dern nur als mög­li­che Grös­sen­ord­nung zu be­trach­ten. Wich­ti­ger ist die qua­li­ta­ti­ve Aus­sa­ge, wo­nach der Ab­bau von Im­port­zöl­len per sal­do ei­nen Zu­satz­nut­zen brin­gen dürf­te.

Tak­ti­scher Feh­ler?

Doch es gibt ein po­ten­zi­el­les Ge­gen­ar­gu­ment: Wenn die Schweiz ein­sei­tig die Im­port­zöl­le ab­baut, kann sie bei künf­ti­gen in­ter­na­tio­na­len Han­dels­ge­sprä­chen we­ni­ger an­bie­ten, was den Ab­schluss von neu­en Ver­trä­gen er­schwe­ren mag. Die­ses Ar­gu­ment hat et­was für sich, spielt aber laut Bund kei­ne we­sent­li­che Rol­le: «Die jüngs­ten Ver­hand­lun­gen der Schweiz zei­gen, dass In­dus­trie­z­öl­le heu­te kei­ne ent­schei­den­de Ver­hand­lungs­mas­se mehr dar­stel­len.» Wich­ti­ger sei­en an­de­re Fak­to­ren wie Agrar­zöl­le, Di­enst­leis­tun­gen, In­ves­ti­tio­nen oder die Be­hand­lung von geis­ti­gem Ei­gen­tum.

Ei­ne vom Bund be­stell­te Stu­die der Uni­ver­si­tät Bern schätz­te die Ri­si­ken des ge­plan­ten Zoll­ab­baus in Be­zug auf künf­ti­ge Ver­hand­lun­gen als ge­ring ein. Ei­ne wei­te­re ex­ter­ne Un­ter­su­chung ent­hielt Fall­stu­di­en zu Ka­na­da, Neu­see­land und Nor­we­gen, die eben­falls ein­sei­tig In­dus­trie­z­öl­le ab­ge­baut hat­ten; die­se Fall­stu­di­en zeig­ten kei­ne we­sent­li­che Be­nach­tei­li­gung der ge­nann­ten Län­der in spä­te­ren in­ter­na­tio­na­len Han­dels­ge­sprä­chen.

MICHAEL REYNOLDS / EPA

In Chi­na her­ge­stell­te Klei­der wer­den heu­te mit ei­nem Im­port­zoll von 5,6 Pro­zent be­legt.

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