Rom sucht nun doch ei­nen Kom­pro­miss mit Brüs­sel

Ita­li­ens Par­la­ment dis­ku­tiert be­reits ein­zel­ne Spar­mass­nah­men, die Re­gie­rung aber strei­tet noch im­mer über den Rah­men des Bud­gets

Neue Zurcher Zeitung - - WIRTSCHAFT - ANDREA SPALINGER, ROM

Die re­gie­ren­den Po­pu­lis­ten wol­len der EU ei­nen neu­en Haus­halts­ent­wurf vor­le­gen. Ob sie auch zu den nö­ti­gen Ab­stri­chen be­reit sind, ist ei­ne an­de­re Fra­ge. Die in Rom re­gie­ren­den Po­pu­lis­ten ha­ben im Haus­halts­streit mit der EU kal­te Füs­se be­kom­men. Bis vor kur­zem hat­ten die bei­den Par­tei­chefs, Mat­teo Sal­vi­ni und Lu­i­gi Di Maio, noch ge­lobt, kei­nen Mil­li­me­ter von dem von Brüs­sel zu­rück­ge­wie­se­nen Bud­get­plan ab­zu­rü­cken. Nun wol­len sie in letz­ter Mi­nu­te aber of­fen­bar doch ei­nen Kom­pro­miss mit der EU-Kom­mis­si­on su­chen, um das dro­hen­de De­fi­zit­ver­fah­ren ab­zu­wen­den.

Angst vor ei­ner Re­zes­si­on

Zu ih­rem Stim­mungs­wan­del dürf­ten ne­ben dem be­un­ru­hi­gend ho­hen Ri­si­ko­zu­schlag für ita­lie­ni­sche Staats­an­lei­hen auch die ne­ga­ti­ven ma­kro­öko­no­mi­schen Si­gna­le der letz­ten Wo­chen bei­ge­tra­gen ha­ben. Der Kon­sum sta­gniert, die pri­va­ten In­ves­ti­tio­nen sind ein­ge­bro­chen, und im drit­ten Quar­tal war das Wachs­tum des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) so­gar leicht ne­ga­tiv. Wirt­schafts­ex­per­ten war­nen des­halb so­gar be­reits vor ei­ner neu­en Re­zes­si­on.

Mi­nis­ter­prä­si­dent Gi­u­sep­pe Con­te hat­te schon An­fang der Wo­che an­ge­kün­digt, sei­ne Re­gie­rung wer­de in­ner­halb von St­un­den ei­nen re­vi­dier­ten Bud­get­ent­wurf prä­sen­tie­ren. Le­ga und Cin­que Stel­le schei­nen über die neu­en Eck­da­ten al­ler­dings bis heu­te nicht ei­nig. Doch die Zeit drängt all­mäh­lich, muss das Par­la­ment den Haus­halts­ent­wurf doch bis En­de Jahr ver­ab­schie­den.

In der Ab­ge­ord­ne­ten­kam­mer wird der­zeit be­reits hit­zig über den «al­ten» Haus­halts­ent­wurf de­bat­tiert, am Frei­tag­abend hat die Re­gie­rung die Ver­trau­ens­ab­stim­mung mit 330 zu 219 Stim­men ge­won­nen. Die Op­po­si­ti­on kri­ti­sier­te em­pört, dass man über De­tails ei­nes Bud­gets de­bat­tie­re, des­sen gro­ben Rah­men man noch nicht ein­mal ken­ne. Nimmt die Re­gie­rung vor der Prä­sen­ta­ti­on des Ent­wurfs im Se­nat noch ein­schnei­den­de Än­de­run­gen dar­an vor, muss das Bud­get da­nach in der Tat auch noch­mals durch die Kam­mer.

Der ur­sprüng­li­che Haus­halts­ent­wurf sieht für 2019 ein De­fi­zit von 2,4% des BIP vor. Das struk­tu­rel­le De­fi­zit lä­ge bei rund 0,8%. Die EU hat je­doch ge­for­dert, dass Rom Letz­te­res ganz ab­bau­en müs­se, da­mit der ho­he staat­li­che Schul­den­berg nicht wei­ter an­wach­se. Kon­kret könn­te sich Ita­li­en in die­sem Fall frei­lich nur noch ein De­fi­zit von 1,6% er­lau­ben und müss­te die ge­plan­ten Aus­ga­ben um min­des­tens 8 Mrd. € re­du­zie­ren. Noch nicht be­rück­sich­tigt sind da­bei die fri­sier­ten Wachs­tums­zah­len. Die Re­gie­rung geht der­zeit für 2019 von ei­nem Wachs­tum des BIP von 1,5% aus. Das ist laut der EU viel zu op­ti­mis­tisch. Brüs­sel rech­net für das kom­men­de Jahr höchs­tens mit 1,1% Wachs­tum in dem süd­eu­ro­päi­schen Land.

Kos­me­ti­sche Mass­nah­men dürf­ten so­mit nicht aus­rei­chen, um die EU-Kom­mis­si­on zu be­sänf­ti­gen. Ne­ben den lau­fen­den staat­li­chen Aus­ga­ben woll­ten die Po­pu­lis­ten im nächs­ten Jahr ur­sprüng­lich 21,5 Mrd. € aus­ge­ben, um ih­re wich­tigs­ten Wahl­ver­spre­chen um­zu­set­zen. Für die Sen­kung des Ren­ten­al­ters (Ste­cken­pferd der Le­ga) sind rund 7 Mrd. € vor­ge­se­hen, für die Ein­füh­rung ei­ner Form von Grund­ein­kom­men für Ar­beits­lo­se (Haupt­an­lie­gen der Cin­que Stel­le) 9 Mrd. €. Will die Re­gie­rung die Vor­ga­ben Brüs­sels al­so auch nur an­nä­hernd er­fül­len, kommt sie nicht dar­um her­um, Ab­stri­che bei die­sen bei­den Pro­jek­ten zu ma­chen.

Fi­nanz­mi­nis­ter aus­ge­bremst

Fi­nanz­mi­nis­ter Gio­van­ni Tria hat vor­ge­schla­gen, die Ein­füh­rung der bei­den Mass­nah­men noch et­was hin­aus­zu­zö­gern, um das pro­gnos­ti­zier­te De­fi­zit auf 1,9% zu sen­ken. Da­von wol­len die Par­tei­chefs aber nichts wis­sen. Sie wol­len ih­rer Ba­sis un­be­dingt noch vor den Eu­ro­pa­wah­len im Mai et­was Kon­kre­tes bie­ten. Der Tech­no­krat Tria, der von An­fang an für mehr Haus­halts­dis­zi­plin plä­diert hat, ist in­ner­halb der Re­gie­rung iso­liert. Di Maio und Sal­vi­ni be­haup­ten ab­sur­der­wei­se so­gar, er sei für die Pro­ble­me mit der EU-Kom­mis­si­on ver­ant­wort­lich, weil er zu schlecht ge­po­kert ha­be. Um den Fi­nanz­mi­nis­ter zu schwä­chen, ha­ben sie die Ver­ant­wor­tung für die neu­en Ver­hand­lun­gen mit Brüs­sel de­mons­tra­tiv an Con­te über­tra­gen, ob­wohl die­ser die fi­nan­zi­el­len De­tails nicht an­nä­hernd so gut kennt.

An ei­nem Spit­zen­tref­fen zum The­ma am Don­ners­tag­abend war der Fi­nanz­mi­nis­ter nicht ein­mal an­we­send. Sal­vi­ni und Di Maio sol­len da­bei laut ita­lie­ni­schen Me­dien­be­rich­ten an­ge­bo­ten ha­ben, den Be­zü­ger­kreis bei ih­ren Vor­zei­ge­pro­jek­ten ein­zu­gren­zen und da­mit je 2 Mrd. € ein­zu­spa­ren. Un­ter 2,1% wol­len sie beim De­fi­zit aber of­fen­bar nicht ge­hen. Dass die eu­ro­päi­schen Part­ner mit ei­nem sol­chen An­ge­bot von ei­nem De­fi­zit­ver­fah­ren ab­ge­bracht wer­den kön­nen, ist frei­lich zu be­zwei­feln. Um­so mehr, als sich die wirt­schaft­li­chen Aus­sich­ten im­mer mehr ver­düs­tern und das De­fi­zit des­halb am En­de so­wie­so deut­lich hö­her als ge­plant aus­fal­len dürf­te.

Die EU-Kom­mis­si­on gibt sich mo­men­tan zu­rück­hal­tend, was die neue ita­lie­ni­sche Initia­ti­ve an­geht. Be­vor man neue Ge­sprä­che füh­ren kön­ne, müs­se Ita­li­en erst ein­mal ein kon­kre­tes An­ge­bot vor­le­gen, be­ton­te ihr Prä­si­dent, Je­an­Clau­de Juncker. Ein von Op­ti­mis­mus sprü­hen­der Con­te hat­te be­reits an­ge­kün­digt, dass er Juncker am nächs­ten Di­ens­tag tref­fe. Der Ter­min ist von eu­ro­päi­scher Sei­te aber vor­läu­fig nicht be­stä­tigt wor­den.

Gio­van­ni Tria Ita­lie­ni­scher Fi­nanz- und Wirt­schafts­mi­nis­ter

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