Noch liegt ein Schat­ten über Ju­li­us Bär

Die Bank be­stä­tigt den Ver­kauf des heik­len Ve­ne­zue­la-Ge­schäfts an die spa­ni­sche Bank Santan­der

Neue Zurcher Zeitung - - WIRTSCHAFT - ZOÉ BACHES

Wes­halb es zu gra­vie­ren­den Com­p­li­an­ce-Feh­lern in Ve­ne­zue­la und im Ge­schäft mit der Fi­fa kam, bleibt un­klar. Ein frü­he­rer Bär-Ka­der­mann sagt, es hand­le sich um Ein­zel­fäl­le. Die Bank Ju­li­us Bär hat ih­rem Ve­ne­zue­la-Ge­schäft den Ste­cker ge­zo­gen. Auf An­fra­ge be­stä­tigt die Bank, ih­re noch ver­blie­be­nen ve­ne­zo­la­ni­schen Kun­den­de­pots an die spa­ni­sche Ban­ken­grup­pe Santan­der zu ver­kau­fen. Da­bei dürf­te es sich pri­mär um Gross­kun­den mit ei­nem Ver­mö­gen von über 20 Mio. $ auf BärKon­ti han­deln. Die ent­spre­chen­de Ver­ein­ba­rung mit Santan­der um­fasst laut Bär zu­dem ei­ne ver­tief­te Prü­fung die­ser Kun­den. Mit die­sem Ent­scheid fällt der drit­te und letz­te Vor­hang im Ve­ne­zue­laGe­schäft von Bär. Der ers­te wur­de von der da­mals neu for­mier­ten Bank­füh­rung im De­zem­ber 2017 ge­schlos­sen; ab April 2018 trenn­te sich die Bank von al­len Ve­ne­zo­la­nern mit ei­nem Ver­mö­gen von un­ter 1,5 Mio. $.

Mil­li­ar­den­ab­flüs­se

Nach­dem sich im Au­gust 2018 der frü­he­re Bär-Ban­ker Mat­thi­as Krull vor ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Ge­richt der Geld­wä­sche­rei im Fall der staat­li­chen Erd­öl­ge­sell­schaft von Ve­ne­zue­la, der PDVSA, schul­dig be­kannt hat­te, lei­te­te Bär den zwei­ten Schritt ein. Bis En­de No­vem­ber er­hiel­ten al­le Ve­ne­zue­la-Kun­den ein Kün­di­gungs­schrei­ben, die we­ni­ger als 20 Mio. $ auf Bär-Kon­ten hiel­ten und ih­re Gel­der un­ter den Re­gie­run­gen von Hu­go Chá­vez und Ni­colás Ma­du­ro er­wor­ben ha­ben.

Dem Ver­neh­men nach soll es sich um meh­re­re hun­dert Kun­den­be­zie­hun­gen han­deln, grob ge­schätzt, dürf­ten der Bank über 2 Mrd. $ an Kun­den­gel­dern ab­flies­sen. Bär will sich künf­tig in Latein­ame­ri­ka

«Ein häss­li­ches Schaf reicht nicht für ein En­force­men­tVer­fah­ren», be­tont ein Ex­per­te.

auf Me­xi­ko, Bra­si­li­en, Ar­gen­ti­ni­en, Chi­le und Ko­lum­bi­en kon­zen­trie­ren. Ge­schlos­sen wur­den die Bü­ros in Pa­na­ma und Pe­ru.

Zur Er­in­ne­rung: Ab 2015 wur­den die Un­ter­su­chun­gen der US-Be­hör­den zu den Kor­rup­ti­ons­af­fä­ren bei der PDVSA und zum Welt­fuss­ball­ver­band Fi­fa pu­blik. Im Fall Fi­fa be­kann­te sich im Ju­ni 2017 der frü­he­re Bär-Be­ra­ter Jor­ge Ar­zu­a­ga vor ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Ge­richt der Geld­wä­sche­rei schul­dig. Da­nach lei­te­te die Schwei­zer Fi­nanz­markt­auf­sicht (Fin­ma) ein En­force­ment-Ver­fah­ren ge­gen die Bank in den zwei Fäl­len PDVSA und Fi­fa ein.

Ve­ne­zue­la war lan­ge Zeit ein Wachs­tums­markt für Bär. Wie an­de­re Schwei­zer Ban­ken in­ves­tier­te das In­sti­tut dort in Kun­den­be­treu­er wie Krull, die lo­kal gut ver­netzt wa­ren. Ab den 2000er Jah­ren, im Wind­schat­ten des Cha­vis­mus, ei­ner lin­ken po­li­ti­schen Ideo­lo­gie, die auf den Ide­en des ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Chá­vez ba­siert, kam es zum Auf­stieg ei­ner Klas­se neu­rei­cher Pro­fi­teu­re, der so­ge­nann­ten Bo­li­bur­gue­sía. Die­se such­ten Ban­ken für ih­re Ver­mö­gen – und fan­den sie auch in der Schweiz. Wie zwei von der Fin­ma in Auf­trag ge­ge­be­ne Stu­di­en zei­gen, hiel­ten die in­ter­nen Kon­troll­me­cha­nis­men bei Bär aber nicht mit dem star­ken Wachs­tum der Kun­den­gel­der Schritt. So­wohl im Fall Fi­fa als auch im Fall PDVSA wur­den dem­nach Ri­si­ko­kun­den un­ge­nü­gend über­prüft, eben­so die wirt­schaft­lich Be­rech­tig­ten. Zu­dem sind ge­mäss den Stu­di­en War­nun­gen zu heik­len Trans­ak­tio­nen teil­wei­se zu we­nig be­ach­tet wor­den.

Noch ein Ri­si­ko­kun­de?

Ein frü­he­res Bär-Ka­der­mit­glied wi­der­spricht. Es ha­be sich nicht et­wa um ein ge­ne­rel­les Pro­blem bei den bank­in­ter­nen Kon­troll­me­cha­nis­men (Com­p­li­an­ce) ge­han­delt, son­dern «nur» um kri­mi­nel­le Ak­ti­vi­tä­ten zwei­er Ein­zel­per­so­nen. Tat­säch­lich sag­te Ar­zu­a­ga in den USA aus, al­lein und oh­ne das Wis­sen wei­te­rer BärBan­ker ge­han­delt zu ha­ben. Der Ban­ker hat­te aus Zü­rich her­aus ver­mö­gen­de Pri­vat­per­so­nen aus dem Fi­fa-Um­feld be­treut. Um Fi­fa-Be­ste­chungs­zah­lun­gen in Mil­lio­nen­hö­he zu ver­schlei­ern, bau­te er ein aus­ge­klü­gel­tes Be­trugs­sys­tem auf. Auch im Fall PDVSA stand bis­her mit Mat­thi­as Krull ein ein­zel­ner Ban­ker im Fo­kus.

Al­ler­dings wür­de die Schwei­zer Fi­nanz­markt­auf­sicht wohl kaum ein En­force­ment-Ver­fah­ren ein­lei­ten, gin­ge sie le­dig­lich von Ein­zel­fäl­len aus. Stel­lung nimmt die Be­hör­de zwar nicht, doch lei­tet sie je­weils nur ei­ne be­grenz­te Zahl sol­cher Ver­fah­ren ein; im letz­ten Jahr wa­ren es 38. Ein Ex­per­te be­tont, dass die Fäl­le kom­ple­xer wür­den, wes­halb es im­mer we­ni­ger Ver­fah­ren ge­be, die ausserdem län­ger dau­er­ten als in der Ver­gan­gen­heit. Rund 14 Mo­na­te wa­ren es im Jahr 2017 durch­schnitt­lich. Funk­tio­nie­re ei­ne Bank «ge­ne­rell» gut, sagt der Ex­per­te, wer­de si­cher kein En­force­men­tVer­fah­ren ein­ge­lei­tet, wenn es ein­mal zu ei­nem Vor­fall kom­me, bei­spiels­wei­se we­gen ei­nes kri­mi­nel­len Mit­ar­bei­ters. «Ein häss­li­ches Schaf reicht nicht für ein En­force­ment-Ver­fah­ren», be­tont der Be­frag­te; da­für müs­se schon «vie­les im Ar­gen» lie­gen.

Bei Bär rutsch­ten wohl auch Ri­si­ko­kun­den durch die in­ter­nen Kon­trol­len. So war et­wa der ve­ne­zo­la­ni­sche Me­di­en­mo­gul Raúl Gor­rín ein ge­wich­ti­ger BärKun­de. Über meh­re­re Kon­ti soll er jah­re­lang Trans­ak­tio­nen im Wert von Hun­der­ten von Mil­lio­nen Fran­ken ab­ge­wi­ckelt ha­ben. Dem Ver­neh­men nach wa­ren die­se de­kla­riert als «Im­mo­bi­li­en­käu­fe», «Schmuck­käu­fe» oder «Un­ter­halts­kos­ten für Pri­vat­flug­zeu­ge und Jach­ten». Im Mai 2018 lös­te sich Bär von Gor­rín. We­ni­ge Mo­na­te spä­ter, am 20. No­vem­ber, wur­de er von den US-Be­hör­den we­gen Ver­schwö­rung zur Geld­wä­sche­rei im Fall PDVSA an­ge­klagt.

REUTERS

Meh­re­re Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den un­ter­su­chen, wie die ve­ne­zo­la­ni­sche Erd­öl­ge­sell­schaft PDVSA aus­ge­plün­dert wur­de.

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