«Ab­ge­häng­te wol­len mehr als ei­nen Check»

Öko­no­mie­pro­fes­sor Jens Sü­de­kum plä­diert für prä­ven­ti­ve Wei­ter­bil­dung und ein «Up­gra­ding» der Fir­men in Ver­lie­rer-Re­gio­nen

Neue Zurcher Zeitung - - FOKUS DER WIRTSCHAFT - Aber wer Aber Staat ge­gen die­sen Trend noch Di­gi­ta­li­sie­rung auf In­ter­view: Christoph Ei­sen­ring, Ber­lin

Man müs­se die Ver­lie­rer der Glo­ba­li­sie­rung «kom­pen­sie­ren», sa­gen Po­li­ti­ker und Öko­no­men. Aber was heisst das? Jens Sü­de­kum, der schon als Kan­di­dat für die deut­schen «Wirt­schafts­wei­sen» ge­han­delt wur­de, ist der­zeit ein viel ge­frag­ter Ex­per­te. Der 43-Jäh­ri­ge er­forscht, wie sich Di­gi­ta­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung auf Re­gio­nen aus­wir­ken. Zwi­schen ei­nem Ab­ste­cher nach Hel­sin­ki und ei­ner Kon­fe­renz in Ber­lin fin­det der in Düs­sel­dorf leh­ren­de For­scher Zeit für ein Ge­spräch. Wenn man es mit der Kom­pen­sa­ti­on ernst mei­ne, kom­me man um ein stär­ke­res staat­li­ches En­ga­ge­ment in den Ver­lie­rer­re­gio­nen nicht her­um, sagt er. Sei­ne Über­le­gun­gen dürf­ten bei man­chen li­be­ral ge­sinn­ten Volks­wirt­schaf­tern Stirn­run­zeln her­vor­ru­fen. Doch muss sich die Öko­no­men­zunft auch vor­hal­ten las­sen, dass sie ziem­lich rat­los ist, wenn es dar­um geht, wie man ab­ge­häng­te Re­gio­nen för­dern könn­te.

Herr Sü­de­kum, die Schweiz und Deutsch­land sind gros­se Glo­ba­li­sie­rungs­ge­win­ner. Wes­halb müs­sen wir uns über Ver­lie­rer Ge­dan­ken ma­chen? Ei­ne Han­dels­öff­nung er­höht zwar ins­ge­samt die Wohl­fahrt ei­nes Lan­des, aber es gibt auf in­di­vi­du­el­ler Ebe­ne Ge­win­ner und Ver­lie­rer. Die Ge­win­ner könn­ten theo­re­tisch die Ver­lie­rer kom­pen­sie­ren. Bis vor ei­ni­gen Jah­ren sag­ten Öko­no­men aber, ob das ge­macht wer­de oder nicht, sei ei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung und in­ter­es­sie­re sie nicht.

ver­liert denn?

Da die Schweiz und Deutsch­land ka­pi­tal­in­ten­siv, auch mit viel Hu­man­ka­pi­tal, pro­du­zie­ren, lau­tet die Dau­men­re­gel, dass gut Qua­li­fi­zier­te und Ka­pi­tal­eig­ner ge­win­nen und ein­fa­che Ar­beit ver­liert.

Und wie hat man bis­her auf die Glo­ba­li­sie­rung re­agiert?

Die In­dus­trie im Rost­gür­tel der USA hat un­ter der Öff­nung ge­gen­über Chi­na stark ge­lit­ten. Die­se Men­schen wur­den weit­ge­hend sich selbst über­las­sen. Und auch wenn die Öff­nung per sal­do in Deutsch­land Stel­len ge­schaf­fen hat, gibt es auch hier Ver­lie­rer­re­gio­nen. Ein Bei­spiel ist die Pfalz, um Kai­sers­lau­tern und Pir­ma­sens her­um, aus der die Schuh- und Tex­til­in­dus­trie ver­schwun­den ist.

Und die­se Men­schen ha­ben nicht in den Ex­port­sek­to­ren Fuss fas­sen kön­nen? Das pas­siert nicht, wie un­se­re For­schung zeigt. Die Leu­te aus der Tex­til- und Schuh­in­dus­trie wur­den ent­las­sen, wa­ren län­ge­re Zeit ar­beits­los und ha­ben dann ty­pi­scher­wei­se ei­ne Stel­le im Di­enst­leis­tungs­sek­tor ge­fun­den, aber zu viel schlech­te­ren Löh­nen. Pla­ka­tiv ge­sagt sind sie bei Mc­Do­nald’s ge­lan­det.

Nun zeich­net sich ei­ne Markt­wirt­schaft durch per­ma­nen­ten Wan­del aus. Was ist so spe­zi­ell an der Glo­ba­li­sie­rung? Da­hin­ter ste­cken po­li­ti­sche Ent­schei­de. Man hat Chi­na 2001 in die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on auf­ge­nom­men, und man hat den EU-Bin­nen­markt auf Ost­eu­ro­pa aus­ge­wei­tet. Wenn man den Ver­lie­rern ein­fach sagt: «Tut uns leid, Pech ge­habt», dann hat das auch po­li­ti­sche Fol­gen, wie die Wahl von Do­nald Trump zeigt.

Soll das heis­sen, dass man ge­wis­se deut­sche Re­gio­nen mit Sub­ven­tio­nen zu­deckt, nur da­mit de­ren Bür­ger nicht mehr ex­tre­me Par­tei­en wäh­len?

Nein, aber wenn man vor­aus­sieht, dass Re­for­men zu Ver­tei­lungs­ef­fek­ten füh­ren, soll­te man das ab­fe­dern. Reicht da nicht der nor­ma­le So­zi­al­staat? Die Schweiz und Deutsch­land ha­ben es bes­ser ge­macht als die USA oder Grossbritannien. Aber auch bei uns ist nicht al­les in Ord­nung. Stel­len Sie sich vor, ein In­dus­trie­ar­bei­ter im Ruhr­ge­biet wird ar­beits­los. Der will ja nicht so sehr ei­nen Check aus Ber­lin, son­dern neue be­ruf­li­che Per­spek­ti­ven – und zwar vor Ort.

Wie wä­re es, wenn man ihm ein­fach den Um­zug in ei­ne Stadt zahl­te, wo es mehr Ar­beits­plät­ze gibt?

Jun­ge, gut Aus­ge­bil­de­te tun das so­wie­so. Man dach­te frü­her auch, dass die Leu­te, die blei­ben, knapp und da­mit wert­vol­ler wür­den. Aber das ist ei­ne nai­ve Vor­stel­lung. Die Ab­wan­de­rung kann viel­mehr ei­ne lo­ka­le Ab­wärts­spi­ra­le in Gang set­zen.Wir se­hen in den Da­ten, dass es seit den 1980er Jah­ren ei­ne im­mer stär­ke­re Kon­zen­tra­ti­on von Fir­men und Ar­beits­kräf­ten auf we­ni­ge Städ­te wie Mün­chen oder Ber­lin gibt.

Und soll der kämp­fen?

Ge­gen den Sog in die Gross­städ­te wird man nie an­kom­men. Aber man soll­te ihn nicht noch ver­stär­ken. Wenn man ak­zep­tiert, dass vie­le Men­schen und Fir­men in ih­rer Hei­mat blei­ben wol­len, soll­ten wir das dort vor­han­de­ne Po­ten­zi­al pro­duk­ti­ver ma­chen.

Was heisst das in der Pra­xis?

Ich den­ke an die An­sied­lung von Fach­hoch­schu­len. Dort wird zwar nicht Spit­zen­for­schung be­trie­ben. Doch ei­ne gut aus­ge­stat­te­te Fach­hoch­schu­le, die eng mit der lo­ka­len Wirt­schaft ko­ope­riert, trägt zur Dif­fu­si­on von Wis­sen bei. So könn­te man bei den nor­ma­len Fir­men vor Ort ein «Up­gra­ding» hin­be­kom­men.

ist die­ser Ge­dan­ke so neu?

Das klas­si­sche In­stru­ment der Re­gio­nal­po­li­tik sind Sub­ven­tio­nen an Fir­men für Ar­beits­plät­ze. Aber das bringt nichts: Die Fir­men neh­men die­se Sub­ven­tio­nen ger­ne mit, oh­ne mess­ba­ren Ef­fekt.

Was soll­te man sonst noch tun? Man muss auch die In­fra­struk­tur

in der Pe­ri­phe­rie ver­bes­sern. Star­tups könn­ten sich schon über­le­gen, ihr Bü­ro in der ost­deut­schen Lau­sitz oder in Frank­furt an der Oder auf­zu­ma­chen statt im teu­re­ren Ber­lin. Dann braucht es aber zwei Din­ge: ei­ne gu­te Ver­bin­dung, weil die dann wei­ter am Prenz­lau­er Berg in Ber­lin woh­nen blei­ben und zur Ar­beit pen­deln kön­nen. Und es braucht ei­ne di­gi­ta­le In­fra­struk­tur. Wenn nicht ein­mal der Mo­bil­funk­stan­dard 4G flä­chen­de­ckend vor­han­den ist, kann man es ver­ges­sen.

Dis­ku­tiert wird, in der struk­tur­schwa­chen Lau­sitz ei­ne Fa­b­rik zur Pro­duk­ti­on von Bat­te­rie­zel­len für Elek­tro­au­tos zu er­rich­ten. Was hal­ten Sie da­von? Das ist ei­ne gu­te Idee. Ge­wiss ist es rich­tig, auch die dor­ti­ge Fach­hoch­schu­le zu för­dern und klei­ne­re Bun­des­äm­ter in die Re­gi­on zu ver­le­gen. Aber die Lau­sitz hat der­zeit noch 8000 Ar­beits­plät­ze in der Braun­koh­le­indus­trie. Die an­ge­führ­ten Mass­nah­men schaf­fen rund 500 Stel­len.

Wes­halb soll der Staat hier ein­grei­fen, wenn Fir­men das Ri­si­ko scheu­en? Nie­mand will Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Die Au­to­her­stel­ler sa­gen, Bosch soll es tun, aber die wol­len auch nicht. Die Chi­ne­sen sind da we­ni­ger zö­ger­lich. Die chi­ne­si­sche Fir­ma Catl baut in Er­furt ei­ne Pro­duk­ti­on auf, wo­bei die Fir­ma von Pe­kings Sub­ven­tio­nen in die Elek­tro­mo­bi­li­tät pro­fi­tiert hat. Der Zeit­ho­ri­zont von Fir­men mag bei sol­chen Pro­jek­ten zu kurz sein, wes­halb ein in­dus­trie­po­li­ti­scher Schub­ser hel­fen kann.

Aber ei­ne Bat­te­rie­zel­len­fa­brik hin­zu­stel­len, ist schon ein kras­ser ord­nungs­po­li­ti­scher Ein­griff.

Mir wä­re es auch woh­ler, der Staat wür­de nur die For­schung för­dern. Aber er soll ja nicht selbst pro­du­zie­ren und auch nicht Ak­tio­när wer­den, son­dern ein Clus­ter aus Au­to­in­dus­trie und Zu­lie­fe­rern un­ter­stüt­zen. Es wä­re ei­ne Aus­nah­me. Se­hen Sie, es gibt 402 Land­krei­se in Deutsch­land. Der Land­kreis Ober­spree­wald-Lau­sitz ist auf Platz 402, was das re­gio­na­le Wachs­tum an­be­langt, ist al­so das Schluss­licht. Wie be­stimmt man in Echt­zeit, wo Glo­ba­li­sie­rung zu Ver­lie­rern führt? Heu­te geht es we­ni­ger um die Glo­ba­li­sie­rung als um tech­no­lo­gi­sche Um­wäl­zun­gen. Man kann her­aus­fin­den, wo die­je­ni­gen Be­ru­fe be­son­ders stark ver­tre­ten sind, die durch die Di­gi­ta­li­sie­rung weg­fal­len könn­ten. So las­sen sich «Ri­si­ko­re­gio­nen» iden­ti­fi­zie­ren. die

Und was macht man mit die­sem Wis­sen? In den be­trof­fe­nen Re­gio­nen ver­stärkt in vor­beu­gen­de Wei­ter­bil­dung in­ves­tie­ren, und dies in den Ar­beits­all­tag in­te­grie­ren. Da­bei gin­ge es um die För­de­rung von all­ge­mei­nen Fä­hig­kei­ten, al­so zum Bei­spiel dar­um, wie man sich prä­sen­tiert, sich aus­drückt, an­spre­chend schreibt und dass man team­fä­hig ist. Denn so fin­det man im Ernst­fall auch an­ders­wo schnel­ler wie­der ei­nen gu­ten Job. Als An­reiz für ei­ne sol­che Wei­ter­bil­dung lies­se sich vor­stel­len, dass je­mand im Fall ei­nes Job­ver­lus­tes län­ger Ar­beits­lo­sen­geld be­zieht. Das scheint mir je­den­falls viel­ver­spre­chen­der als ein be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men. Die Men­schen dür­fen nicht zu Al­mo­sen­emp­fän­gern wer­den.

Theo­re­tisch sind sich al­le ei­nig, dass die Ver­lie­rer kom­pen­siert wer­den soll­ten, aber wenn es kon­kret wird, kommt nicht mehr viel.

Das ist auch mein Ein­druck. Wer aber A sagt, muss auch B sa­gen: Wenn man al­so die Ver­lie­rer kom­pen­sie­ren will, ist da­mit schwer ver­ein­bar, dass Kon­zer­ne ih­re Er­trä­ge in Steu­er­oa­sen ver­schie­ben. Sie wol­len al­so den in­ter­na­tio­na­len Steu­er­wett­be­werb aus­schal­ten?

Bei ei­nem un­ge­brems­ten Steu­er­wett­be­werb droht ei­ne Un­ter­ver­sor­gung mit öf­fent­li­chen Gü­tern. Des­halb braucht es ei­ne ge­wis­se Ko­or­di­na­ti­on. Wenn sich die Ge­win­ner ent­zie­hen kön­nen, wie soll dann die Ent­schä­di­gung der Ver­lie­rer ge­lin­gen? Es ist ja nicht so, dass die Grenz­steu­er­sät­ze in den letz­ten Jahr­zehn­ten ge­stie­gen wä­ren, viel­mehr lie­gen sie nied­ri­ger als zu Zei­ten Hel­mut Kohls.

Al­so muss man hö­herrauf?

Ich bin ja auch nicht na­iv, man muss na­tür­lich be­den­ken, dass sich die Steu­er­ba­sis ver­flüch­tigt, wenn man ein­fach die Steu­ern er­höht. Des­halb kann ich der Idee, dass wir stär­ker im­mo­bi­le Fak­to­ren, al­so Grund und Bo­den, be­steu­ern, et­was ab­ge­win­nen.

mit

den

Steu­ern

Wie wirkt sich die die Re­gio­nen aus?

Es gibt ei­nen star­ken Ge­gen­satz zwi­schen hoch­pro­duk­ti­ven Fir­men und dem bo­den­stän­di­gen Mit­tel­stand auf dem Land: Wir se­hen im Schnitt ein ge­rin­ges Pro­duk­ti­vi­täts­wachs­tum, aber bei den 5 bis 10% «Su­per­star-Fir­men» ist es hoch. In der Brei­te fin­det die Di­gi­ta­li­sie­rung da­ge­gen sehr schlep­pend statt.

Al­so wird die Kluft zwi­schen Stadt und Land noch grös­ser?

Es gibt ei­ne Ent­wick­lung, die uns über­ra­schen könn­te, näm­lich das «Res­ho­ring», dass al­so Fir­men durch die Di­gi­ta­li­sie­rung und Au­to­ma­ti­sie­rung die Pro­duk­ti­on von den Schwel­len- in die In­dus­trie­län­der zu­rück­ho­len. So be­treibt Adi­das mit Part­nern ei­ne fast voll au­to­ma­ti­sier­te Fa­b­rik mit 3-D-Druck in der bay­ri­schen Pro­vinz. Wenn sich so et­was häuft, gä­be das Im­pul­se für länd­li­che Räu­me. Denn wenn die In­fra­struk­tur stimmt, müs­sen sol­che Fa­b­ri­ken nicht in Mün­chen ste­hen. Das stimmt mich op­ti­mis­tisch und spricht bei uns ge­gen das Sze­na­rio ei­ner durch die Di­gi­ta­li­sie­rung ver­ur­sach­ten Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit.

«Die ar­beits­los ge­wor­de­nen In­dus­trie­ar­bei­ter sind oft bei Mc­Do­nald’s ge­lan­det.»

SEAN GALLUP / GETTY

In der Lau­sitz wer­den of­fe­ne Koh­le­mi­nen in Se­en um­ge­wan­delt. «Star­tups könn­ten sich über­le­gen, hier statt in Ber­lin ein Bü­ro zu er­öff­nen», sagt Jens Sü­de­kum.

Jens Sü­de­kum Pro­fes­sor für Volks­wirt­schaft in Düs­sel­dorf

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