Aga­mem­non lebt nicht mehr hier

Wo ent­stand die Sa­ge vom Krieg um Tro­ja? In den Rui­nen von Pa­läs­ten: My­ke­ne war die ers­te Hoch­kul­tur Eu­ro­pas.

Neue Zurcher Zeitung - - FEUILLETON - Die Aus­stel­lung «My­ke­ne. Die sa­gen­haf­te Welt des Aga­mem­non» im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um Karls­ru­he dau­ert bis zum 2. Ju­ni 2019. Zur Aus­stel­lung ist ein Ka­ta­log er­schie­nen (in der Aus­stel­lung Eu­ro 29.90, im Schwei­zer Buch­han­del Fr. 52.90).

Von der Ebe­ne her weht ein rau­er Wind, wahr­schein­lich seit Ur­zei­ten. Die Land­schaft um My­ke­ne ist ge­bir­gig, karg, man weiss auf den ers­ten Blick nicht recht, was Men­schen vor mehr als drei­tau­send Jah­ren da­zu be­wog, ge­ra­de hier ei­ne Stadt zu grün­den. Stra­te­gisch frei­lich ist die La­ge per­fekt. Die Burg liegt auf ei­ner stei­len An­hö­he, die nur aus Nord­wes­ten zu­gäng­lich ist. Aber da schot­ten Mau­ern die Sied­lung ab. Mäch­ti­ge Mau­ern. Wer so baut, der sagt: Nie­mand soll es wa­gen, sich­mit­un­san­zu­le­gen.

Das ist noch im­mer zu spü­ren. Auch wenn die Res­te der Stadt heu­te Teil der Land­schaft sind, wie die Oli­ven­bäu­me und die Mac­chia. Was von My­ke­ne er­hal­ten blieb, zeugt vom Stolz, vom Macht­an­spruch und vom Reich­tum de­rer, die einst hier herrsch­ten. Wer das ge­we­sen war, wuss­te schon bald nie­mand mehr, nach­dem die Pracht ein En­de ge­nom­men hat­te. Und wer es ge­schafft hat­te, so ge­wal­ti­ge St­ein­qua­der so ak­ku­rat auf­zu­tür­men, das konn­te man sich erst recht nicht vor­stel­len. Mau­ern, bis zu sie­ben Me­ter dick, bis vier­zehn Me­ter hoch. Das über­stieg mensch­li­ches Mass.

Ky­klo­pen hät­ten sie ge­baut, sag­te man. My­thi­sche Rie­sen aus Klein­asi­en, schrieb Pau­sa­ni­as mehr als tau­send Jah­re spä­ter. Aber wo­her woll­te er das wis­sen? Als er My­ke­ne be­such­te, im 2. Jahr­hun­dert n. Chr., lag die Blü­te­zeit der Pa­läs­te so lan­ge zu­rück wie für uns die Völ­ker­wan­de­rung. Das Wis­sen dar­über, was da ge­sche­hen war, hat­te sich längst im Dun­kel der Zeit ver­lo­ren.

Ge­blie­ben war das, was man sah: die Rui­nen der Pa­läs­te in My­ke­ne, in Py­los, Mes­se­ne, Ti­ryns und an an­de­ren Or­ten in Grie­chen­land. Und ge­blie­ben war, was man er­zähl­te. Rui­nen schaf­fen My­then: Hin­ter sol­chen Mau­ern muss­ten ge­wal­ti­ge Ker­le ge­lebt ha­ben. Hel­den wie Achil­leus und Hek­tor, Heer­füh­rer wie Aga­mem­non und Nes­tor, Krie­ger wie Ajas oder Odys­seus.

Tro­ja, der fer­ne Spie­gel

Von den Hel­den wuss­te man aus den Epen, der «Ili­as» und der «Odys­see» vor al­lem. Sie krei­sen um den Tro­ja­ni­schen Krieg, und das war für die Grie­chen der klas­si­schen Zeit kein Raum und Zeit ent­rück­tes my­thi­sches Ge­sche­hen, son­dern ein his­to­ri­sches Er­eig­nis. Mehr als das: Tro­ja war der Flucht­punkt, auf den man die ei­ge­ne Ge­schich­te be­zog. Ein fer­ner Spie­gel, der auf ei­ne Tra­di­ti­on ver­wies, aus der man die ei­ge­ne Zeit ord­ne­te und zu be­grei­fen ver­such­te.

Die Zer­stö­rung Tro­jas mar­kier­te das En­de ei­ner Zeit, die von den Ta­ten gros­ser Hel­den ge­prägt war. Als «Ili­as» und «Odys­see» die Form fan­den, in der wir sie ken­nen, lag die­se Epo­chen­wen­de et­wa so lan­ge zu­rück wie für uns die Re­for­ma­ti­on. Die Hel­den ver­stand man als his­to­ri­sche Ge­stal­ten. Nes­tor, das war der Fürst von Py­los, Me­ne­la­os der Herr­scher von Spar­ta, und in My­ke­ne hat­te einst Aga­mem­non das Sa­gen.

Aga­mem­non, My­ke­ne: Sie wa­ren die Schlüs­sel, als die Früh­zeit Grie­chen­lands wie­der ans Licht ge­holt wur­de. Von ei­nem Mann, der sich dem wis­sen­schaft­li­chen Main­stream sei­ner Zeit wi­der­setz­te: Hein­rich Schlie­mann. Seit Kin­der­zei­ten hat­te er Ho­mer ge­le­sen, mit feu­ri­gem Ei­fer und be­seelt vom Wunsch, der Welt zu zei­gen, dass Tro­ja nicht nur ein my­thi­scher Ort war, Odys­seus und Aga­mem­non kei­ne blos­sen Na­men und der gros­se Krieg am Bo­spo­rus mehr als ein Hirn­ge­spinst von Dich­tern.

1870 hat­te Schlie­mann im Nord­wes­ten der Tür­kei die Stadt ent­deckt, in der er Tro­ja er­kann­te. Als nächs­tes hat­te er sich My­ke­ne vor­ge­nom­men. Nach zwei Er­kun­dungs­rei­sen be­gann er im Früh­ling 1874 in My­ke­ne zu gra­ben. Auf ei­ge­ne Kos­ten, aber oh­ne Be­wil­li­gung. Er hat­te ei­ne Er­laub­nis be­an­tragt, doch die liess auf sich war­ten. Ge­duld war nicht Schlie­manns Sa­che, und wenn es um Aga­mem­nons Burg ging, gab er we­nig auf et­was so Läp­pi­sches wie ein Stück Pa­pier aus At­hen. Das wie­der­um liess sich der grie­chi­sche Staat nicht bie­ten. Nach ei­ner knap­pen Wo­che muss­te Schlie­mann das Vor­ha­ben ab­bre­chen.

Doch er war es ge­wohnt, kei­ne Zeit zu ver­lie­ren. Die paar Ta­ge hat­ten ihm ge­reicht, um das Ter­rain zu son­die­ren. An rund dreis­sig Stel­len hat­te er Schäch­te aus­ge­ho­ben und war auf Ton­scher­ben, be­mal­te Ge­fäs­se und klei­ne Sta­tu­et­ten ge­stos­sen. Na­tür­lich war er ver­är­gert, dass sei­ne Be­mü­hun­gen ver­ei­telt wur­den. Dem Po­li­zei­vor­ste­her in Nau­p­lia soll er ei­nen gros­sen Korb mit Ton­scher­ben auf den Schreib­tisch ge­stellt ha­ben, als zy­ni­schen Kom­men­tar zur ge­schei­ter­ten Un­ter­neh­mung.

Zwei Jah­re spä­ter be­gann Schlie­mann mit der or­dent­li­chen Gra­bung in My­ke­ne – und ent­deck­te ei­ne bis da­hin un­be­kann­te Kul­tur. Ei­ne Stadt, die um ei­nen prunk­vol­len Pa­last her­um er­baut wor­den war, wun­der­ba­re Me­tall­ar­bei­ten, be­mal­te Ke­ra­mik­ge­fäs­se, Schmuck aus Gold, Sil­ber, Glas, El­fen­bein und Bern­stein. Was die hand­werk­li­che Qua­li­tät und den Ein­falls­reich­tum der For­men und De­kors be­trifft, wa­ren die Ob­jek­te ver­gleich­bar mit dem, was man aus dem klas­si­schen Grie­chen­land kann­te. Aber sie wa­ren of­fen­sicht­lich we­sent­lich äl­ter.

Ver­glei­che mit an­de­ren Gra­bun­gen zeig­ten, dass die Fun­de ins 2. Jahr­tau­send v. Chr. zu da­tie­ren sind. Schlie­mann be­zeich­ne­te die Kul­tur als «my­ke­nisch» und ver­band sie mit der Zeit, die in den ho­me­ri­schen Epen ge­schil­dert wird. Sei­ne Ent­de­ckung stell­te die Früh­ge­schich­te des Mit­tel­meer­raums in ein neu­es Licht: In Eu­ro­pa wa­ren be­reits in der Bron­ze­zeit Hoch­kul­tu­ren ent­stan­den. Mehr als ein Jahr­tau­send vor der klas­si­schen An­ti­ke hat­te es mo­nu­men­ta­le Ar­chi­tek­tur ge­ge­ben, ele­gan­te Kunst­ge­gen­stän­de – und ei­ne Ge­sell­schaft, die mit den Kul­tu­ren des Vor­de­ren Ori­ents und Ägyp­tens di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen pfleg­te und mit Völ­kern im gan­zen Mit­tel­meer­raum Han­del trieb.

Wa­ren­lis­ten, Lie­fer­schei­ne

Wie reich und wie dicht ver­netzt die my­ke­ni­schen Fürs­ten­tü­mer wa­ren, da­von kann man sich im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um Karls­ru­he ei­ne Vor­stel­lung ma­chen. Un­ter dem Ti­tel «My­ke­ne. Die sa­gen­haf­te Welt des Aga­mem­non» gibt das Haus ei­nen Über­blick über ein Jahr­tau­send grie­chi­sche Kunst und Kul­tur. Mehr als vier­hun­dert Ob­jek­te sind zu se­hen, dar­un­ter Prunk­stü­cke: fein ge­ar­bei­te­ter Gold­schmuck und Sie­gel, voll­endet ge­form­te und be­mal­te Ton­ge­fäs­se, El­fen­bein­ar­bei­ten, aus­drucks­vol­le Sta­tu­et­ten und ei­ne der Gold­mas­ken, mit de­nen ad­li­ge Krie­ger sich be­stat­ten lies­sen.

Schlie­mann war über­zeugt, die Grä­ber von Aga­mem­non und sei­nen Ge­fähr­ten ent­deckt zu ha­ben, die nach der Rück­kehr vom Tro­ja­ni­schen Krieg von Kly­taim­ne­s­tra ge­tö­tet wor­den wa­ren. Seit sei­ner Ent­de­ckung ist das Wis­sen über die my­ke­ni­sche Kul­tur Stück für Stück ge­wach­sen. Vor al­lem seit es ge­lun­gen ist, die Schrift zu ent­zif­fern, mit der Tau­sen­de von Ton­ta­feln be­schrie­ben sind, die in Py­los, Mes­se­ne, Orcho­me­nos und My­ke­ne ge­fun­den wur­den.

Da wur­de klar: Die My­ke­ner wa­ren Grie­chen, ih­re Spra­che lässt sich naht­los an die der ho­me­ri­schen Epen an­schlies­sen, auch wenn die Ton­ta­feln lei­der kei­ne li­te­ra­ri­schen Tex­te ent­hal­ten, son­dern nur Wa­ren­lis­ten und Lie­fer­schei­ne. Über die My­then, die das Welt­bild der Men­schen präg­ten, wis­sen wir des­halb we­nig bis nichts. Dass die Gold­mas­ke aus My­ke­ne Aga­mem­non zeigt, ist un­wahr­schein­lich. In «Ili­as» und «Odys­see» spie­gelt sich kaum die my­ke­ni­sche Blü­te­zeit, son­dern die Zu­stän­de im 12. Jahr­hun­dert v. Chr., nach dem Zu­sam­men­bruch der Pa­last­herr­schaft.

Um 1200 v. Chr. setz­te das En­de ein. War­um, weiss nie­mand. In­ner­halb von dreis­sig, vier­zig Jah­ren wur­den die Pa­läs­te zer­stört, zum Teil ab­ge­brannt, die Fürs­ten wur­den ver­trie­ben. Die Sied­lun­gen wa­ren wei­ter­hin be­wohnt, doch der gan­ze Le­bens­stil war be­schei­de­ner. Die Schrift ver­schwand – und die Sa­gen ka­men auf. In den Rui­nen der my­ke­ni­schen Pa­läs­te ent­stan­den die My­then um Tro­ja, Pria­mos, Odys­seus und Aga­mem­non. Auf­ge­schrie­ben wur­den sie erst vier­hun­dert Jah­re spä­ter. Als die Kul­tur hin­ter den mäch­ti­gen Mau­ern nicht ein­mal mehr ei­ne fer­ne Er­in­ne­rung war.

BILD GAUL / HELLENIC MI­NIS­TRY OF CULTURE AND SPORTS / BADISCHES LAN­DES­MU­SE­UM

Ein my­ke­ni­scher Fürst. El­fen­bein­pla­ket­te aus De­los, 14. Jh. v. Chr.

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