Ji­ha­dis­ten fül­len das Va­ku­um in Nord­sy­ri­en

Ame­ri­ka­ni­sches Mi­li­tär be­ginnt mit dem Ab­zug

Neue Zurcher Zeitung - - VORDERSEITE - NI­K­LAUS NUSPLIGER, BU­KA­REST

rol. · Ein Mi­li­tär­kon­voi hat am Frei­tag ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Ba­sis in der Nä­he der ost­sy­ri­schen Stadt Ha­s­a­ka ver­las­sen. Aus dem Pen­ta­gon ver­lau­te­te da­zu, dass nur Aus­rüs­tung und kei­ne Sol­da­ten ab­ge­zo­gen wor­den sei­en. Den­noch scheint klar, dass die Ame­ri­ka­ner mit dem von Prä­si­dent Do­nald Trump vor drei Wo­chen an­ge­kün­dig­ten Ab­zug der 2000 in Sy­ri­en sta­tio­nier­ten Sol­da­ten nun Ernst ma­chen.

Trump be­grün­det den Ab­zug da­mit, dass die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) so gut wie be­siegt und die Prä­senz von US-Trup­pen folg­lich nicht mehr nö­tig sei. In der Tat ver­sucht die von den Ame­ri­ka­nern an­ge­führ­te Mi­li­tär­ko­ali­ti­on der­zeit, die letz­te noch ver­blie­be­ne IS-Hoch­burg bei Deir al-Zur zu er­obern.

Was nach dem Rück­zug der Ame­ri­ka­ner pas­sie­ren könn­te, zeich­net sich im Nord­wes­ten Sy­ri­ens in Id­lib ab. Dort hat Ha­yat Thar­ir al-Sham, ein Zu­sam­men­schluss von sun­ni­ti­schen Ex­tre­mis­ten um den sy­ri­schen Kai­da-Ab­le­ger, fak­tisch die Kon­trol­le über die gan­ze Pro­vinz über­nom­men, nach­dem sich bis­her von der Tür­kei un­ter­stütz­te Re­bel­len er­ge­ben hat­ten – of­fen­bar auf Druck aus An­ka­ra.

In Li­ba­non, wo 1,5 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en le­ben und da­mit pro­zen­tu­al mehr als in je­dem an­de­ren Land, wächst der­weil der Un­mut der Ein­hei­mi­schen. Die Stim­men, wel­che die Rück­füh­rung von Sy­rern ver­lan­gen, wer­den im­mer lau­ter.

Ru­mä­ni­en fühlt sich als EU-Mit­glied zwei­ter Klas­se und setzt grosse Hoff­nun­gen in die erst­ma­li­ge Über­nah­me des EU-Vor­sit­zes. Doch in­ter­ner Streit und Kor­rup­ti­on dro­hen die Prä­si­dent­schaft zu über­schat­ten. Dass al­le sechs Mo­na­te ein an­de­rer Mit­glied­staat den Vor­sitz des EU-Ra­tes über­nimmt, ge­hört zum Cou­rant nor­mal. Doch als am Don­ners­tag und Frei­tag der Be­such der EU-Kom­mis­si­on in Bu­ka­rest den of­fi­zi­el­len Auf­takt zur ru­mä­ni­schen EU-Rats­prä­si­dent­schaft mar­kier­te, war von Nor­ma­li­tät we­nig zu spü­ren. Die ru­mä­ni­schen Be­hör­den be­müh­ten sich zwar, ihr Land für die ers­te Prä­si­dent­schaft seit dem EU-Bei­tritt vor zwölf Jah­ren in ein gu­tes Licht zu rü­cken, und lies­sen für die Er­öff­nungs­fei­er im Kon­zert­haus At­he­nä­um ein Orches­ter auf­spie­len, das aus Mu­si­kern aus al­len EUStaa­ten zu­sam­men­ge­setzt war. Doch die neun­te Sin­fo­nie Beet­ho­vens ver­moch­te die Dis­so­nan­zen auf­grund der um­strit­te­nen Jus­tiz­re­form nicht zu über­tö­nen, die im Zu­ge der Über­nah­me des Rats­vor­sit­zes nun auch ver­stärkt für in­ter­na­tio­na­le Schlag­zei­len sor­gen.

«EU, ret­te uns»

Span­nun­gen wa­ren zum Auf­takt der Prä­si­dent­schaft of­fen­sicht­lich:Wäh­rend EUKom­mis­sa­re, Re­gie­rungs­mit­glie­der und Wür­den­trä­ger am Don­ners­tag­abend im Kon­zert­haus At­he­nä­um den Er­öff­nungs­re­den bei­wohn­ten, pro­tes­tier­ten draus­sen im Schnee­sturm Dut­zen­de von De­mons­tran­ten ge­gen die Jus­tiz­re­for­men der Re­gie­rung aus post­kom­mu­nis­ti­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten (PSD) und der li­be­ra­len Al­de. Auf den Trans­pa­ren­ten und Spruch­bän­dern kri­ti­sier­ten sie die Jus­tiz­re­for­men, die Kor­rup­ti­on und ei­ne von PSD-Chef Li­viu Dragnea im De­zem­ber vor­ge­schla­ge­ne Am­nes­tie, von der Po­li­ti­ker pro­fi­tie­ren wür­den, die mit dem Ge­setz in Kon­flikt ge­ra­ten sind. Mit Pa­ro­len wie «EU, ret­te uns» oder «Wir wol­len EU» ap­pel­lier­ten die De­mons­tran­ten an die EU, vor den Rechts­staat­lich­keits­pro­ble­men nicht die Au­gen zu ver­schlies­sen.

Im Kon­zert­saal ver­such­ten EU-Kom­mis­si­ons-Prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker und EU-Rats-Prä­si­dent Do­nald Tusk der­weil, die Pro­ble­me an­zu­spre­chen, oh­ne die Gast­ge­ber vor den Kopf zu stos­sen. Gut ge­lang dies Tusk, der als Po­le mit ost­eu­ro­päi­schen Sen­si­bi­li­tä­ten ver­traut ist, flies­send ru­mä­nisch sprach und das Pu­bli­kum mit kul­tur- und sport­ge­schicht­li­chen Re­fe­ren­zen um­garn­te. Gleich­zei­tig rief er die Ru­mä­nen zur Ver­tei­di­gung von Frei­heit und Rechts­staat­lich­keit auf und be­ton­te, der Bruch eu­ro­päi­scher Re­geln sei kein Zei­chen von Stär­ke. Der ehe­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent und heu­ti­ge Se­nats­vor­sit­zen­de Ca­lin Popes­cu-Ta­ri­cea­nu hin­ge­gen sprach von Miss­ver­ständ­nis­sen, die Ru­mä­ni­en aus­räu­men müs­se. Pro­ble­me be­rei­te­ten nicht die Re­gie­rung und das Par­la­ment, son­dern die Jus­tiz, die ein Über­bleib­sel der kom­mu­nis­ti­schen Ver­gan­gen­heit dar­stel­le. Mit sol­chen Ar­gu­men­ten be­grün­de­ten auch Un­garn und Po­len ih­re Ver­su­che, die Jus­tiz un­ter po­li­ti­sche Kon­trol­le zu brin­gen.

Als star­ker Mann der ru­mä­ni­schen Po­li­tik gilt der PSD-Chef Dragnea, der ge­gen die EU po­le­mi­siert und pünkt­lich zum Auf­takt der EU-Prä­si­dent­schaft ei­ne Kla­ge ge­gen Brüs­sel ein­ge­reicht hat – als Re­ak­ti­on auf Vor­wür­fe, er ha­be EU-Struk­tur­gel­der ver­un­treut. Dragnea ist we­gen ei­ner rechts­gül­ti­gen Ver­ur­tei­lung sel­ber von den höchs­ten po­li­ti­schen Äm­tern aus­ge­schlos­sen und hat da­her Re­gie­rungs­che­fin Vio­ri­ca Dan­ci­la als Statt­hal­te­rin ein­ge­setzt. Ihr wich­tigs­ter Ge­gen­spie­ler ist Staats­prä­si­dent Klaus Io­han­nis von der bür­ger­li­chen Op­po­si­ti­on, der der Re­gie­rung im­mer ent­schie­de­ner ent­ge­gen­tritt.

«Ein Image­pro­blem»

Da so­wohl die Re­gie­rung als auch der Staats­prä­si­dent eu­ro­pa­po­li­ti­sche Funk­tio­nen ha­ben, aber an ein ge­mein­sa­mes Tref­fen oder gar ei­ne ge­mein­sa­me Pres­se­kon­fe­renz nicht zu den­ken war, muss­te die EU-Kom­mis­si­on am Frei­tag so­wohl im Prä­si­den­ten­pa­last wie auch am Re­gie­rungs­sitz se­pa­ra­te Sit­zun­gen ab­sol­vie­ren. Im Ge­spräch mit aus Brüs­sel an­ge­reis­ten Jour­na­lis­ten wähl­te Io­han­nis deut­li­che Wor­te. «Wir ha­ben ein Image­pro­blem», er­klär­te er. Ru­mä­ni­en kön­ne es sich als EU-Mit­glied nicht leis­ten, ein Jus­tiz­sys­tem zu schaf­fen, das mit den Sys­te­men der an­de­ren EU-Län­der in­kom­pa­ti­bel sei. Da­her hof­fe er nun, dass dies auch die Re­gie­rung ein­ge­se­hen ha­be und das Am­nes­tie-De­kret nicht mehr trak­tan­die­re. Schüt­zen­hil­fe er­hielt Io­han­nis von Juncker, der er­klär­te, die Am­nes­tie wä­re ein kla­rer Rück­schritt.

Juncker zeig­te sich zu­ver­sicht­lich, dass Ru­mä­ni­en auf die Rats­prä­si­dent­schaft vor­be­rei­tet sei. In ei­nem Zei­tungs­in­ter­view kurz vor dem Jah­res­wech­sel hat­te er noch er­klärt, Bu­ka­rest ha­be noch nicht in vol­lem Um­fang be­grif­fen, was die Über­nah­me des Rats­vor­sit­zes be­deu­te. In Bu­ka­rest, aber auch in Brüs­sel sah sich Juncker in der Fol­ge mit Vor­wür­fen kon­fron­tiert, die Kom­mis­si­on mes­se mit zwei­er­lei Mass. Noch im De­zem­ber hat­te Juncker die ös­ter­rei­chi­sche Rats­prä­si­dent­schaft in den höchs­ten Tö­nen ge­lobt, ob­wohl Wi­en mit dem Vor­pre­schen beim Uno-Mi­gra­ti­ons­pakt et­li­che EU-Staa­ten brüs­kiert hat­te. Auch hef­ti­ge Wort­wech­sel zwi­schen Jour­na­lis­ten und ru­mä­ni­schen Mi­nis­tern zeig­ten, wie leicht We­st­eu­ro­pä­ern Kri­tik über die Lip­pen geht.

Zwei­er­lei EU-Mass?

Aus Bu­ka­rests Sicht näh­ren zwei Streit­punk­te den Ein­druck, Ru­mä­ni­en wer­de noch im­mer nicht als voll­wer­ti­ges EUMit­glied an­er­kannt. Zum ei­nen blo­ckie­ren die Nie­der­lan­de und an­de­re Län­der den Bei­tritt von Ru­mä­ni­en und Bul­ga­ri­en zur Schen­gen-Zo­ne, ob­wohl die bei­den Län­der die Kri­te­ri­en ei­gent­lich er­fül­len. Zum an­de­ren ste­hen Bul­ga­ri­en und Ru­mä­ni­en noch im­mer un­ter ei­ner Son­der­auf­sicht. Vor zwölf Jah­ren nahm die EU die Län­der aus geo­po­li­ti­schen Grün­den auf, ob­wohl sie die Bei­tritts­kri­te­ri­en nicht er­füll­ten. Über den Ko­ope­ra­ti­ons­und Kon­troll­me­cha­nis­mus (CVM) eta­blier­te die EU Zie­le zur Be­kämp­fung des or­ga­ni­sier­ten Ver­bre­chens oder zur Re­form der Jus­tiz. Juncker be­kräf­tig­te zwar sein Ziel, Ru­mä­ni­en nach Mög­lich­keit noch 2019 aus die­sem Mecha­nis­mus zu ent­las­sen.Al­ler­dings fiel der jüngs­te CVM-Be­richt für Ru­mä­ni­en ver­hee­rend aus und for­der­te ei­nen so­for­ti­gen Kurs­wech­sel, da­mit die Fort­schrit­te der ver­gan­ge­nen zehn Jah­re nicht über den Hau­fen ge­wor­fen wür­den.

Die Mü­hen der EU mit dem CVMMecha­nis­mus il­lus­trie­ren ih­re ge­ne­rel­len Schwie­rig­kei­ten, kor­rup­ten und au­to­ri­tä­ren Ten­den­zen in den Mit­glied­staa­ten Ein­halt zu ge­bie­ten. Mit Blick auf Ru­mä­ni­en be­gnügt sich Brüs­sel der­zeit mit der Hoff­nung, dass die Re­gie­rung den Um­bau der Jus­tiz nicht wei­ter vor­an­treibt und da­mit den EU-Rats­vor­sitz nicht tor­pe­diert. Mit dem Br­ex­it oder der Mi­gra­ti­ons­po­li­tik har­ren kom­ple­xe Fra­gen ei­ner Lö­sung, und ru­mä­ni­sche Di­plo­ma­ten und Mi­nis­ter be­kräf­tig­ten, sie woll­ten vor der Eu­ro­pa­wahl et­li­che Ge­set­zes­vor­ha­ben ins Ziel brin­gen. In Brüs­sel hofft man da­her, dass aus dem Orches­ter der EU-Staa­ten in den nächs­ten Mo­na­ten we­ni­ger Dis­so­nan­zen er­tö­nen als aus der ru­mä­ni­schen Po­li­tik.

RO­BERT GHEMENT / EPA

Die Flag­gen Ru­mä­ni­ens und der EU wer­den auf den Victoria-Pa­last in Bu­ka­rest, den Re­gie­rungs­sitz, pro­ji­ziert.

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