In Eu­ro­pa wirds kom­pli­zier­ter

Neue Zurcher Zeitung - - MEINUNG & DEBATTE -

al­ler Län­der ge­gen das Esta­blish­ment der «Da­vos class» an­füh­ren. Mo­dri­ka­men schrieb an Trump und bat um Un­ter­stüt­zung. Ei­ne Ant­wort er­hielt er nie. Doch 2018 mel­de­te sich statt­des­sen der mitt­ler­wei­le ab­ge­half­ter­te Ban­non und zeig­te In­ter­es­se – falls er das Kom­man­do über die «Be­we­gung» über­neh­men kön­ne. Mo­dri­ka­men be­sorgt jetzt die Ge­schäfts­füh­rung.

Die Stif­tung ist in ei­ner statt­li­chen Vil­la in ei­nem Brüs­se­ler Vo­r­ort un­ter­ge­bracht. Be­su­cher er­zäh­len von ei­nem gros­sen Chur­chill-Por­trät, das in der Ein­gangs­hal­le hän­ge. Sonst gibt es dort nicht viel zu se­hen, wie ein Jour­na­list des «Guar­di­an» be­rich­tet. Vom em­si­gen Trei­ben ei­nes «war room», als den Ban­non sein Brüs­se­ler HQ be­zeich­net, kann kei­ne Re­de sein. «Die Be­we­gung» ist in mehr­fa­cher Hin­sicht ei­ne ir­re­füh­ren­de Be­zeich­nung für die Stif­tung. Ihr Ziel ist nicht die Mo­bi­li­sie­rung ei­ner Ba­sis von rech­ten An­ti­glo­ba­lis­ten, son­dern die Un­ter­stüt­zung und Ver­net­zung von rechts­po­pu­lis­ti­schen und rechts­ex­tre­men Par­tei­en im Kampf um das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment. Die Par­tei­en sol­len mit Um­fra­ge­da­ten, Me­di­en­ana­ly­sen und Stra­te­gi­en ver­sorgt wer­den, um den «Kampf um Eu­ro­pa» zu gewinnen.

Ban­non sieht den «jü­disch-christ­li­chen Wes­ten» von zwei Sei­ten be­droht: Im In­nern un­ter­spült der At­he­is­mus das Fun­da­ment her­ge­brach­ter Wer­te, und gleich­zei­tig wan­dern die Hor­den des «is­la­mi­schen Fa­schis­mus» in die schutz­lo­sen Län­der ein. Nach Ban­nons Wel­t­an­schau­ung war es der He­do­nis­mus der 1968er Ge­ne­ra­ti­on, der die tra­di­tio­nel­le Fa­mi­lie ge­schwächt, Ho­mo­se­xua­li­tät und «Gen­de­ri­deo­lo­gie» sa­lon­fä­hig ge­macht hat­te – und schliess­lich die Gier des Fi­nanz­ka­pi­tals her­vor­trieb. Denn aus den Hip­pies wur­den Yup­pies. Als 2008 die Ban­ken zu­sam­men­krach­ten, wur­den die Ver­lus­te so­zia­li­siert, «Die Be­we­gung» ist ge­schei­tert, noch be­vor sie zu ge­hen ge­lernt hat. Ban­non bot kreuz und quer durch Eu­ro­pa sei­ne Di­ens­te an. Ma­ri­ne Le Pen lehn­te fast schroff die Hil­fe des Ame­ri­ka­ners ab. Die deut­sche AfD zeigt sich des­in­ter­es­siert, eben­so die ös­ter­rei­chi­sche FPÖ oder die Dä­ni­sche Volks­par­tei. Gu­te Kontakte be­ste­hen le­dig­lich zur ita­lie­ni­schen Le­ga und zur nie­der­län­di­schen Anti-Is­lam-Par­tei von Geert Wil­ders. Die Po­pu­lis­ten fürch­ten, dass die aus­län­di­sche Hil­fe bei ih­ren Wäh­lern schlecht an­kommt – zu­mal sie in den meis­ten Län­dern ver­bo­ten ist und An­ti­ame­ri­ka­nis­mus in die­sen Krei­sen weit ver­brei­tet. Vie­le halten «Die Be­we­gung» schlicht für ir­re­le­vant.

Den­noch könn­ten die Eu­ro­pa­wah­len ei­ne Zä­sur für die EU wer­den. Im Mai fin­det ei­ne Rich­tungs­wahl statt, bei der vie­les da­von ab­hängt, wie gross das Stör­po­ten­zi­al der Rechts-aus­sen-Par­tei­en im Par­la­ment sein wird. Bis jetzt do­mi­nier­te ei­ne Art grosse Ko­ali­ti­on aus Mit­te-links- und Mit­te-rechts­Par­tei­en. Wenn – wie in vie­len na­tio­na­len Par­la­men­ten – die Par­tei­en­land­schaft sich wei­ter aus­dif­fe­ren­ziert, ist das noch kein Un­glück. Aber die Aus­hand­lungs­und Tausch­pro­zes­se wer­den kom­pli­zier­ter. Soll­te es den Rechts­po­pu­lis­ten aber ge­lin­gen, ei­nen Drit­tel der Ab­ge­ord­ne­ten zu stel­len, wür­de sich die Läh­mung der EU ver­stär­ken – und da­mit das Ar­gu­ment, ei­ne um­fas­sen­de Re­na­tio­na­li­sie­rung der Po­li­tik in Eu­ro­pa sei not­wen­dig.

Al­ler­dings spricht auch vie­les ge­gen ei­ne rech­te Ein­heits­front in Eu­ro­pa. Zwar ist für al­le po­ten­zi­el­len Teil­neh­mer die Ab­schot­tung ge­gen Im­mi­gra­ti­on sa­kro­sankt, wo sie aber den­noch ge­schieht, näm­lich in den Süd­län­dern, ver­lan­gen die­se ei­ne Ver­tei­lung der An­ge­kom­me­nen. Und da­ge­gen weh­ren sich ve­he­ment ih­re Ge­sin­nungs­ge­nos­sen im Os­ten. Un­ter die­sen wie­der­um (vor al­lem zwi­schen Un­garn und Po­len) be­steht ein tie­fer Dis­sens dar­über, wie man mit Russ­land um­ge­hen soll. Und auf der Ach­se Ber­lin–Rom ver­düs­tert sich die At­mo­sphä­re zwi­schen AfD und Le­ga schnell, wenn es um Bud­get­fra­gen geht. Die Angst der Deut­schen, die Ze­che für ita­lie­ni­sche Es­ka­pa­den zahlen zu müs­sen, sitzt tief. Wo die De­vi­se heisst: «Mein Land zu­erst!», sind in­ter­na­tio­na­le Al­li­an­zen schwer zu schmie­den.

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