Fra­gen über Fra­gen zum Pan­nen­zug-De­ba­kel

Die Ver­kehrs­kom­mis­si­on des Na­tio­nal­rats will die Män­gel bei Be­schaf­fung und In­be­trieb­nah­me der neu­en Dop­pel­stö­cker nicht ein­fach hin­neh­men

Neue Zurcher Zeitung - - SCHWEIZ - HELMUT STALDER

Lie­fer­ver­spä­tun­gen und stän­di­ge Pan­nen be­glei­te­ten die Ein­füh­rung der neu­en Dop­pel­stock­zü­ge «FV-Dos­to» der SBB. In Bern ist des­we­gen nun Feu­er im Dach. Edith Graf-Lit­scher (sp., Thur­gau), Prä­si­den­tin der Ver­kehrs­kom­mis­si­on des Na­tio­nal­rats, wird das lei­di­ge The­ma an der Sit­zung vom kom­men­den Mon­tag und Di­ens­tag auf­neh­men. «Für mich ist wich­tig zu wis­sen, ob es sich um Kin­der­krank­hei­ten han­delt, die auf­grund der Kom­ple­xi­tät der Tech­nik da­zu­ge­hö­ren und in­nert nütz­li­cher Frist be­ho­ben wer­den kön­nen, oder ob das Pro­dukt ge­ne­rell nicht den An­for­de­run­gen ent­spricht», sagt sie. Klar­heit will die Kom­mis­si­on, ob die Be­schaf­fung der 62 Zü­ge von Bom­bar­dier die 1,9 Mil­li­ar­den Fran­ken wert sind – und was die fi­nan­zi­el­len Fol­gen der Pro­ble­me sind. Dies sei po­li­tisch re­le­vant, denn es ge­he um Steu­er­gel­der, sagt Graf-Lit­scher.

Die teu­ers­te Roll­ma­te­ri­al­be­schaf­fung der SBB seit de­ren Be­ste­hen wur­de be­reits 2010 in Auf­trag ge­ge­ben. Ur­sprüng­lich hät­ten die Zü­ge ab En­de 2013 aus­ge­lie­fert wer­den sol­len, doch un­ter an­de­rem we­gen Pro­ble­men bei der Kon­struk­ti­on des Wa­gen­kas­tens kam es zu Ver­spä­tun­gen. Als Kom­pen­sa­ti­on er­hal­ten die SBB zu den 59 be­stell­ten Zü­gen drei Zü­ge zu­sätz­lich.

Tü­ren schlies­sen nicht

Seit fast ei­nem Jahr sind 12 Zü­ge im Ein­satz, aber die Tech­nik funk­tio­niert noch im­mer nicht, wie sie soll­te. Ei­gent­lich hät­ten die SBB ih­re neu­en Pres­ti­ge­zü­ge mit bis zu 1300 Plät­zen ab dem Fahr­plan­wech­sel am 9. De­zem­ber 2018 als In­ter­ci­ty auf der Pa­ra­de­stre­cke St. Gal­len– Genf Flug­ha­fen ein­set­zen wol­len. Doch das ging nicht. Die «ge­for­der­te Be­triebs­sta­bi­li­tät» sei nicht er­reicht wor­den, hiess es. Kon­kret: Im­mer wie­der schlies­sen Tü­ren nicht, so dass Zü­ge ste­hen­blei­ben und die Soft­ware neu ge­star­tet wer­den muss. Hei­zun­gen funk­tio­nie­ren nicht rich­tig. In lang­sa­mer Fahrt lau­fen die Wag­gons un­ru­hig und wan­ken beim Que­ren meh­re­rer Wei­chen. Sie wer­den des­halb le­dig­lich als In­ter­re­gio zwi­schen Chur, St. Gal­len, Zü­rich und Ba­sel ein­ge­setzt, weil im St. Gal­ler Rhein­tal nicht auf die «spurtstar­ken Zü­ge» ver­zich­tet wer­den kön­ne.

Nach ei­nem Mo­nat fahr­plan­mäs­si­gen Be­triebs wird nichts mehr schön­ge­re­det. «Die SBB sind un­zu­frie­den mit der Zu­ver­läs­sig­keit der FV-Dos­to von Bom­bar­dier», ti­tel­ten sie ei­ne Mit­tei­lung. Bom­bar­dier müs­se die Män­gel, be­son­ders die Stö­run­gen der Tü­ren, der Leit­tech­nik und der Trak­ti­on «um­ge­hend» be­he­ben; die­se mach­ten zwei Drit­tel al­ler Stö­run­gen aus. Laut den SBB wer­den in­zwi­schen al­le Zü­ge durch Bom­bar­dier-Tech­ni­ker und SBB-Per­so­nal be­glei­tet, al­le Tü­ren wer­den ge­war­tet, und ei­ne neue Soft­ware ist in­stal­liert. Erst wenn die 12 Fahr­zeu­ge über meh­re­re Wo­chen ver­läss­lich lie­fen, wer­de das Ein­satz­ge­biet er­wei­tert.

Ne­ben die­sen Pro­ble­men ist auch je­nes der Be­hin­der­ten­taug­lich­keit der Dop­pel­stö­cker wie­der auf­ge­bro­chen. En­de No­vem­ber hat­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ei­ne Be­schwer­de von In­clu­si­on Han­di­cap in ei­nem Punkt gut­ge­heis­sen, in an­de­ren ab­ge­wie­sen. Die neu­en Zü­ge müs­sen je­weils über min­des­tens ei­ne Ein­stiegs­ram­pe ver­fü­gen, de­ren Nei­gung nicht mehr als 15 Pro­zent be­trägt. Der Dach­ver­band zieht das Ur­teil je­doch ans Bun­des­ge­richt wei­ter, weil die Nut­zung des Dos­to für vie­le Pas­sa­gie­re mit Be­hin­de­run­gen nicht ge­währ­leis­tet sei.

Wer trägt die Kos­ten

In der Ver­kehrs­kom­mis­si­on kom­men nun wei­te­re kri­ti­sche Fra­gen auf den Tisch. Tho­mas Am­mann (cvp., St. Gal­len) will wis­sen, wie weit­rei­chend die tech­ni­schen Pro­ble­me sind und wer die Kos­ten für die man­gel­haf­te In­be­trieb­nah­me, Ver­spä­tun­gen und Er­satz­zü­ge trägt. Er ver­langt ei­ne um­fas­sen­de Ab­klä­rung, vol­le Trans­pa­renz hin­sicht­lich der Ver­wen­dung der 1,9 Mil­li­ar­den Fran­ken und ei­ne Vor­la­dung der SBB in die Kom­mis­si­on. Wei­te­re heik­le Fra­gen stellt Ul­rich Gie­zen­dan­ner (svp., Aar­gau), in­ti­mer Ken­ner der Zugs­be­schaf­fung. Bei den Dos­to-Zü­gen wirk­ten of­fen­bar an­de­re Flieh­kräf­te, wes­halb Wei­chen und Ge­lei­se ver­stärkt oder die Nei­gung der Ge­lei­se in Kur­ven an­ge­passt wer­den müss­ten. «Wer be­zahlt die­se An­pas­sun­gen?» Zu­dem ver­langt Gie­zen­dan­ner Aus­kunft dar­über, wann der letz­te Zug aus­ge­lie­fert wer­de und wel­che Zah­lun­gen ge­leis­tet wur­den. Vor al­lem aber will er in Er­fah­rung brin­gen, war­um die SBB bei Bom­bar­dier die in den Ver­trä­gen vor­ge­se­he­nen Straf­zah­lun­gen noch nicht ein­ge­for­dert ha­ben. In wel­cher Form die Ver­kehrs­kom­mis­si­on wei­ter auf das De­ba­kel re­agiert, ob mit ei­ner Vor­la­dung der SBB-Ver­ant­wort­li­chen oder mit der Auf­for­de­rung zur schrift­li­chen Stel­lung­nah­me, ist laut Graf-Lit­scher noch of­fen.

Die SBB tei­len auf An­fra­ge mit, es hand­le sich um Kin­der­krank­hei­ten, der Zug ste­he nicht grund­sätz­lich in­fra­ge und sei sei­nen Preis wert. Dass die Wank­kom­po­si­ti­ons­tech­no­lo­gie An­pas­sun­gen an der In­fra­struk­tur er­for­de­re, sei be­kannt und in der Aus­bau­pla­nung ent­hal­ten. Zu den Hö­hen der Kon­ven­tio­nal­stra­fen und den Aus­gleichs­zah­lun­gen we­gen der mit Män­geln be­haf­te­ten In­be­trieb­nah­me ma­chen die SBB we­gen ei­ner Still­schwei­ge­ver­ein­ba­rung mit Bom­bar­dier kei­ne An­ga­ben.

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